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Wunderbare Zeichen – wofür?

22. Juli 2021

Sonntagsbotschaft zum 25. Juli 2021 
(17. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Unterbrechung ist angesagt. Unterbrechung? Urlaub? Ja, ganz sicher, aber das meine ich hier nicht. Sonntag? Ja, die Arbeitswoche zu unterbrechen, ist natürlich wichtig. Aber hier geht es mir um eine andere Art der Unterbrechung, die mit diesem Sonntag beginnt:

Die ganze Zeit ist sonntags immer ein Abschnitt aus dem Markus-Evangelium zu hören. Naja, nicht jeden Sonntag, aber fast. Mit Kapitel 1 begann es im Advent, und nach diversen Unterbrechungen durch Festzeiten wurde die Lesung aus Markus als Sonntags-Evangelium fortgesetzt. Eigentlich geht das so weiter bis zum Ende des Kirchenjahres. Im Lesejahr B ist Markus dran.

Mit diesem Sonntag beginnt aber wieder eine Unterbrechung durch das Johannes-Evangelium. Sein 6. Kapitel, aufgeteilt auf 5 Abschnitte in Fortsetzung, prägt die kommenden Sonntagsbotschaften. Warum?

Am letzten Sonntag war das Markus-Evangelium angekommen bei der Erzählung von den vielen Menschen – „wie Schafe ohne Hirten“ – , die einfach nicht genug bekommen konnten von Jesus. Die Frage, was denn da den Leuten an ihm so wichtig war, dass sie nicht einmal am Abend nach Hause gehen wollten, um auch mal was zu essen, diese Frage beantwortet Markus nicht. Es erzählt ja eh immer knapp und ist das kürzeste der vier Evangelien. Da bietet sich aus dem Johannes-Evangelium das ausführliche 6. Kapitel als Antwort an. Da ihm ja kein eigenes der drei Lesejahre gewidmet ist, wird dieses Kapitel mit dem Stichwort „Brot“ hier also eingefügt.

In jener Zeit ging Jesus
an das andere Ufer des Sees von Galiläa,
der auch See von Tiberias heißt.
Eine große Menschenmenge folgte ihm,
weil sie die Zeichen sahen,
die er an den Kranken tat.

Was hatte Jesus an kranken Menschen getan? Und wofür hat er damit „Zeichen“ gegeben?

An einem Teich in der Stadt Jerusalem, der als wunderbares Heilbad galt, „Betesda“ genannt – so erzählt Johannes davor im 5. Kapitel – da fällt der Blick von Jesus auf einen alleingelassenen Schwerbehinderten, der schon seit vielen Jahren gelähmt ist und umsonst auf Heilung hofft. Was tut Jesus? In einer Sprache wie der eines Herrschers über Gesundheit und Krankheit verfügt er: „Steh auf, nimm deine Liege und geh!“ Keine Diskussion über Sünde und Schuld und Gottes Strafe dafür, die allgemein als Ursache eines solchen Leidens gelehrt wurden. Lapidar sagt das Evangelium: „Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging.“ Die Autoritäten – weit davon entfernt, sich etwa mit diesem Mann zu freuen oder Gott dafür zu danken – sie wüten nur gegen Jesus und wollen ihn töten, weil er damit Gott in die Quere komme, zumal Sabbat war und er mit seinem Handeln als Heiler Gottes Arbeitsverbot am Sabbat gebrochen habe!

Wie eine Wiederholung, die genau diesen Konflikt bestätigt, wirkt dann die Erzählung im 9. Kapitel von seiner Begegnung mit dem seit Geburt blinden Mann am Teich Schiloach: Dem streicht er eine Salbe aus seinem Speichel auf die Augen und verfügt: „Geh und wasch dich im Teich Schiloach!“ Der Mann geht und wäscht sich. Fazit? „Als er zurückkam, konnte er sehen.“ Wieder war es an einem Sabbat. Und die Autoritäten wüten wieder gegen Jesus. Die unbeholfene Frage der Jünger, wessen Sünde Gott denn mit der Blindheit dieses schon blind Geborenen habe bestrafen wollen, bezeugt der Evangelist als Anlass für die bedeutsame Antwort, die Jesus gibt: Hier gehe es gar nicht um Sünde, weder etwa von seinen Eltern noch von ihm selber, so zitiert er Jesus, „sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“ Und er fügt an, was ihn zum Handeln bewegt: „Wir müssen … die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat …“ Und zwar: „solange es Tag ist“ – nämlich solange er noch in dieser Welt ist und Licht ins Dunkel bringen kann.

Was sind das also für Zeichen, die Jesus an den Kranken tat und die die hier am Ufer des Sees um ihn versammelte Menschenmenge gesehen hatte? Was „zeigt“ er ihnen damit? Und was zeigt er ihnen hier?

Jesus stieg auf den Berg
und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
Als Jesus aufblickte
und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen,
fragte er Philippus:
Wo sollen wir Brot kaufen,
damit diese Leute zu essen haben?
Das sagte er aber nur,
um ihn auf die Probe zu stellen;
denn er selbst wusste, was er tun wollte.
Philippus antwortete ihm:
Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus,
wenn jeder von ihnen
auch nur ein kleines Stück bekommen soll.

Ein Problem entsteht. Der Evangelist betont: Ausdrücklich und bewusst macht Jesus aufmerksam, dass „diese Leute zu essen“ brauchen und dass er und die, die auch sonst mit ihm gehen, dabei eine Verantwortung haben: „Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ So veranlasst er Philippus und Andreas, das Problem anzugehen, das sie gemeinsam herausfordert. Allerdings – mit all ihrer bisherigen Lebenserfahrung und bei der Menschenmenge – der Text betont: Allein an Männern sind es 5000! – eine Lösung können sie da nicht erkennen. – Was geschieht jetzt?

Einer seiner Jünger,
Andreas, der Bruder des Simon Petrus,
sagte zu ihm:
Hier ist ein kleiner Junge,
der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische;
doch was ist das für so viele?
Jesus sagte:
Lasst die Leute sich setzen!
Es gab dort nämlich viel Gras.
Da setzten sie sich;
es waren etwa fünftausend Männer.
Dann nahm Jesus die Brote,
sprach das Dankgebet
und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten;
ebenso machte er es mit den Fischen.

Obwohl Unruhe oder Hektik oder auch Resignation nahe liegen würde, leitet er zu Vertrauen und Ruhe an. „Lasst die Leute sich setzen!“ Und dann: Vor den Augen der Menschen beginnt er mit fünf Broten und zwei Fischen, die er von einem in der Menge anwesenden Jungen übernommen hat. Mit Dank an Gott, der für die Menschen sorgt, fängt er lediglich an auszuteilen. Klar: Das ist für alle gemeint.  Und alle sollen bekommen, so viel sie wollen! Mehr tut Jesus nicht. So erzählt es das Evangelium. Auch von Einzelheiten des Ablaufs, was da unter den Leuten vor sich geht, schweigt der Text.

Anscheinend verteilt Jesus mit dem Brot und den Fischen zugleich sein dankbares Gottvertrauen, das jetzt eine ganze Bewegung in Gang setzt: Da zeigt sich: Nicht nur der kleine Junge hat etwas dabei. Da sind auch andere, und die finden anscheinend ihre Freude daran, das von Gott Gegebene aus ihren Taschen auch mit anderen zu teilen.

Und dann? Was ist aus dem Problem geworden? Überraschend übergangslos geht die Erzählung weiter:

Als die Menge satt geworden war,
sagte er zu seinen Jüngern:
Sammelt die übrig gebliebenen Brocken,
damit nichts verdirbt!
Sie sammelten
und füllten zwölf Körbe mit den Brocken,
die von den fünf Gerstenbroten
nach dem Essen übrig waren.

Am Ende macht Jesus also die Menschen noch einmal aufmerksam, nämlich auf das Ergebnis: Auch heute sollen sie alle, wenn sie satt geworden sind – entsprechend der jüdischen Tischsitte – alle essbaren Reste einsammeln und zusammenbringen. Das Ergebnis können sie sehen. Sehr verwunderlich: Die Zahl der gefüllten zwölf Körbe mit Übriggebliebenem steht für die Gesamtheit der zwölf Stämme Israels. Für das ganze Volk also – das soll deutlich werden – reichen sogar die Reste von allem Vorhandenen, wovon es am Anfang aussah, als müssten sie alle verhungern! Und dazu heißt es dann im Text: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, …“ Eigentlich hatten sie selber fast alles getan. Wesentlich ist: Sie haben sich von Jesus dazu in Bewegung setzen lassen. Sie haben auf ihn gehört und haben sich von ihm zeigen lassen, wie Gott wirkt und wie wir mitwirken können! So kann Gott wirken. Es ist von allem für alle genug da. Menschen müssen sich nur so organisieren, dass sie – im Bewusstsein, es Gott zu verdanken, der es ja für alle gegeben hat – das, was sie haben, untereinander entsprechend verteilen.

Als die Menschen das Zeichen sahen,
das er getan hatte,
sagten sie:
Das ist wirklich der Prophet,
der in die Welt kommen soll.
Da erkannte Jesus,
dass sie kommen würden,
um ihn in ihre Gewalt zu bringen
und zum König zu machen.
Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück,
er allein.
(Johannes 6,1-15)

Was hatten diese Menschen gesehen, was hier „Zeichen“ genannt wird? Und wofür ist das ein Zeichen?

Typisch für das Evangelium des Johannes ist: Er will bezeugen, was er gesehen hat: Die Zeichen beurkundet er, die Jesus getan hat. Er zählt sie auf: Seine Erzählung von der Hochzeitsgesellschaft in Kana, der der Wein ausgegangen war und der Jesus unauffällig aus der Patsche verhalf, schließt er mit dem Fazit: „So tat Jesus sein erstes Zeichen … und offenbarte seine Herrlichkeit …“

Traditionell ist diese bekannte Erzählung immer wieder „die Wunder-bare Brotvermehrung“ genannt worden. Menschen haben da also nicht ein „Zeichen“ gesehen, sondern ein „Wunder“. Was ist der Unterschied? – Und den Unterschied zu betonen, ist das nicht Haarspalterei? – Immerhin sagt Jesus in der Fortsetzung des Gehörten (6,21): „Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“

Oder: Woran wir uns beim Stichwort „Hochzeit zu Kana“ erinnern, das ist das „Wunder“ – wie auch wir sagen – , dass Jesus Wasser in Wein verwandelt hat.

Obwohl dort im Evangelium nur gesagt ist, dass die Service-Crew sich getraut hat, auf sein Wort hin Wasser in die leeren Weinkrüge zu füllen und der Evangelist die Erzählung zusammenfasst wird mit dem Wort „So tat Jesus sein erstes Zeichen … und offenbarte seine Herrlichkeit …“

Und wenn Sie sagen sollten, worin denn bei der Auferweckung des Lazarus das „Wunder“ bestand, würden sie Ihre Bibelkenntnis sofort unter Beweis stellen und sagen: „Na, dass Jesus den toten Lazarus wieder ins Leben zurückgeholt hat.“ – Obwohl Jesus, der dabei mit Blick zum Himmel in Freude ausbricht: „Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast!“, obwohl er diese Worte schon vorher ausruft, nämlich als er merkt, sie folgen tatsächlich seiner Aufforderung: „Da nahmen sie den Stein weg.“ Dass da Menschen auf ihn hören und das anscheinend Verrückte tun, das ist für Jesus zum Wundern. Das Evangelium selbst bezeichnet die Erzählung als ein „Zeichen“ (12,18). 

Und „noch viele andere Zeichen“ habe Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, heißt es am Ende des Johannes-Evangeliums. (20,30) Und seine Gegner beklagen sich: „Dieser Mensch tut viele Zeichen. Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben.“ (11,47f) Und dann verändert sich die Welt? Um Gottes willen!

Er darf den Leuten nicht „zeigen“, wohin es führt, wenn sie auf ihn hören und sich von ihm führen lassen, wenn sie in ihrem persönlichen wie im politischen Handeln an ihm Maß nehmen. Nein nein, die Leute sollen vielmehr weiterhin anerkennen, dass das Maß von ihnen, den Mächtigen, vorgegeben wird.

In der Tat, auch die Leute haben von der Art, wie Jesus in Gottes Namen auf ihre Lebenssituation einwirken will, dieselbe Vorstellung, die die Mächtigen um ihre Macht fürchten lässt: Auch sie sehen in ihm eine Art Supermann und – das erkennt Jesus mit Schrecken – wollen ihn mit Gewalt zum König machen. In ihrem Missverständnis von dem, was mit Jesus anfängt, sind sich Volk und Autoritäten einig.

Der zentrale Konflikt zwischen Jesus samt dem, wofür er steht, und den Autoritäten samt ihren frustrierten, manipulierten Untertanen – dieser Konflikt nähert sich seinem Gipfel. „Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.“ In diesen Zusammenhang hatte ja der Evangelist zu Beginn seiner Erzählung dieses Geschehen der sogenannten „wunderbaren Brotvermehrung“ eingeordnet. Ihr Missbrauch mit dem Pascha-Fest, dessen Befreiungs-Charakter sie in seine Kreuzigung abstürzen lassen, zeichnet sich in diesem Ereignis bereits ab.

Noch lange nicht verstehen sie, was er – im Einvernehmen mit dem, von dem er sich gesendet weiß – ihnen zeigen will, was das Wesentliche an Gottes Willen ist und was Jesus selber in die Worte fasst: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

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Rainer Petrak