Blogbeitrag

Christliches Menschenbild?

17. Februar 2022

Sonntagsbotschaft zum 20. Februar 2022, dem 7. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Ein Blick bei Google nach dem Suchwort „Bergpredigt“ zeigt: Diese im Matthäus-Evangelium zusammengestellte Rede von Jesus ist in ihrer Bekanntheit durchaus als Kulturgut einzustufen. Seligpreisungen, Goldene Regel, Vaterunser … – das gehört zur Allgemeinbildung.

Welcher Kategorie von „Rede“ sie zuzuordnen sei, darüber gehen dann die Meinungen auseinander: Predigt, Lehr-Rede, neue Gesetzgebung, … Da bieten sich viele Rahmen an für den Versuch, die Bergpredigt in der ursprünglichen Absicht ihrer Aussage zu verstehen.

In einen eigenen Rahmen hat der Autor des Lukas-Evangeliums Teile der in der Bergpredigt überlieferten Inhalte knapper ausgewählt und anders zusammengestellt – in der sogenannten „Feldrede“ (Lk 6,17-49).

Begleitet von den frisch ausgewählten zwölf Aposteln und von einer großen Schar seiner Jünger, trifft Jesus da auf eine Menschenmenge. Aus der weiteren Umgebung waren sie gekommen, um ihn zu hören. Sie suchen seine Nähe, um geheilt zu werden.

Zunächst wendet sich Jesus an seine Jünger (Vers 20-26): Mit dem vierfachen Ruf „Selig seid ihr …“ macht er ihnen Mut angesichts der Schwierigkeiten, die sie dadurch bekommen, dass sie sich als seine Anhänger outen und mit ihm gehen.

„Doch euch …“ schließt Jesus unvermittelt einen vierfachen Wehe-Ruf an. Offensichtlich sind andere, auch anwesende Personen gemeint, anscheinend gerade solche, die seinen Jüngern die davor genannten Schwierigkeiten machen und die deshalb – wie es heißt – „von allen Menschen gelobt werden“.

Den Konflikt zwischen den einen, denen seine Seligpreisungen gelten, und den anderen, denen seine Wehe-Rufe gelten, vergleicht Jesus ausdrücklich mit dem Konflikt auf Leben und Tod, den es in der Vergangenheit immer wieder gegeben hatte zwischen den echten, wirklich von Gott berufenen Propheten und den im Interesse der Mächtigen, amtlich bestellten „falschen“ Propheten.

Der Anfang der sogenannten „Feldrede“ bis hierhin war der Evangeliums-Abschnitt in den katholischen Gottesdiensten des vergangenen Sonntags.

Die Fortsetzung ab hier will das „Evangelium“ dieses Sonntags sein. Um wirklich zu verstehen, worauf es Jesus hier ankommt in der Darstellung des Lukas, scheint mir wichtig, den Zusammenhang mit dem Vorangegangenen im Blick zu behalten:

Nachdem am Anfang seine Jünger samt den zwölf Aposteln die ersten waren, die Jesus angesprochen hatte, hatte er sich ja danach den Kontrahenten zugewandt – waren die eigentlich zum Protestieren gekommen? – Sie standen seinen Jüngern ebenso feindselig gegenüber wie seinerzeit die „falschen Propheten“ den wirklich von Gott gesandten Propheten.

Und dann setzt Jesus noch einmal neu an und richtet sich an die, von denen es hieß, sie waren gekommen, um ihn zu hören und geheilt zu werden: „Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: …“

Damit beginnt der Evangeliums-Abschnitt, der an diesem Sonntag im Gottesdienst verkündet wird.

Euch aber, die ihr zuhört, sage ich:
Liebt eure Feinde;
tut denen Gutes, die euch hassen!
Segnet die, die euch verfluchen;
betet für die, die euch beschimpfen!
Dem, der dich auf die eine Wange schlägt,
halt auch die andere hin,
und dem, der dir den Mantel wegnimmt,
lass auch das Hemd!

Wen spricht er da an? Woraufhin spricht er sie an?

„Euch, die ihr zuhört“ – Menschen, bei denen er Chancen sieht, dass sie sich von ihm etwas sagen lassen; die mit dieser Offenheit und Neugierde gekommen sind, vielleicht sogar mit brennendem Herzen. In den voraufgegangenen Seligpreisungen hatte er solidarisch und einfühlsam ihre Schwierigkeiten benannt, die sie bekommen, wenn sie sich als seine Anhänger outen: arm gemacht und hungrig und weinend, gehasst, ausgestoßen, geschmäht, in Verruf gebracht – „um des Menschensohnes willen“, eben seinetwegen.

Ihre Kontrahenten, mit denen sie in solche Schwierigkeiten kommen, benennt er als die, „die euch hassen“, „die euch verfluchen“, „die euch beschimpfen“, „eure Feinde“. Es geht um Menschen, die ihnen Gewalt antun und sich an ihrem Eigentum vergreifen.

Und was sagt Jesus ihnen aus seinem Zutrauen auf ihr offenes Ohr für ihn? Liebt sie! Tut ihnen Gutes! Segnet sie! Betet für sie!

So verhält man sich aber normalerweise nicht gegenüber Gegnern, sondern gegenüber Menschen, denen man gut ist.

Worauf will Jesus hinaus, wenn er zu ihnen sagt „Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!“?

Sich schlagen lassen und den Mantel wegnehmen lassen – das heißt: Ich erkenne an, dass du mich beherrschst, und ich unterwerfe mich dir.

Wer aber auch noch die andere Wange hinhält und zusätzlich zum Mantel aus eigener Entscheidung auch noch das Hemd hergibt, zeigt damit: Ich sehe, wie wichtig es dir ist – warum auch immer – , mich zu schlagen und meinen Mantel zu ergreifen. Aber ich behalte in dem, was mich betrifft, die Entscheidung bei mir. So verhält sich nur, wer auch unter Druck sich nicht unterwirft, sondern seiner Würde die Kraft zutraut, über sich selbst zu bestimmen.

Wie wird sich ein solches Verhalten auf den Gegner auswirken?

Mir selber, da ich mir – so wie ich mich kenne – eine solche Souveränität nicht zutraue, mir macht es Angst, der Gegner könnte das als unterwürfige Schwäche ausnutzen und sich geradezu eingeladen sehen, mir noch Schlimmeres anzutun. Also schaue ich lieber, welche stärkeren Möglichkeiten ich aufbieten kann, um mich zu wehren und ihn zu stoppen. Die Folge – ich weiß: Der Kampf setzt sich fort, ja schaukelt sich immer höher, bis dann doch eine Seite sich schließlich – gedemütigt, zähneknirschend und unterwürfig – geschlagen geben muss.

Wenn aber Menschen ihrer Würde die Kraft zu solcher Souveränität zutrauen, wie Jesus sie in seinen Worten voraussetzt, und wenn sie sich dann auf sein Wort hin entsprechend ungewöhnlich verhalten, wie wirkt sich das dann tatsächlich auf die Gegner aus?

Für eine Antwort muss ich mich in solche Gegner hineinfühlen. Und ich kann dann nur Vermutungen anstellen.

Wird mein Gegner stutzen und innehalten? Wird mein Verhalten ihn verunsichern? Wird er sein eigenes Verhalten ändern, weil er merkt, dass ich ihm gut bin und sein Interesse im Blick habe? Wird das dann den weiteren Verlauf des Konflikts so verändern, dass eine Lösung entsteht?

Welche Vorstellungen von Jesus verbergen sich hinter seinen Worten? Was meint er, warum Menschen sich so verhalten sollten?

Geht es da um die „Diplomatie“ als die wertvollere Methode, den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu lösen? Geht es um die Anerkennung von Einheit in der Vielfalt bei all den Themen, um die aktuell im „Synodalen Weg“ der katholischen Kirche gelitten und gestritten wird? Geht es um das Aushalten und Klären der Unklarheiten im Umgang mit der Corona-Pandemie? Um die Spannungen zwischen Eheleuten, die sich fremd geworden sind?

Was Jesus sagt, ist eine Zumutung für jeden Menschen, dem es mit all seinen Bemühungen im Leben gelungen ist, Erfahrungen zu sammeln und damit gut über alle Runden zu kommen.

Es ist die Zumutung eines veränderten Blicks auf alle Spannungen, die sich – zu allen Zeiten – zwischen Menschen wie zwischen Völkern oder zwischen Menschengruppen aller Art ergeben.

Es ist die Zumutung eines neuen Blicks auf alle Zusammenhänge zwischen Würde und Recht, Interessen und Bedürfnissen, Sehnsüchten und Zielen …

Er geht mit seinem Impuls über die brisanten Konflikte hinaus ins allgemeine und alltägliche Miteinander der Menschen. Zu denen, die ihm zuhören, sagt er ja weiter:

Gib jedem, der dich bittet;
und wenn dir jemand das Deine wegnimmt,
verlang es nicht zurück!
Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen,
das tut auch ihr ihnen!

Natürlich möchte Jesus, dass die, die ihm zuhören, sich das zu eigen machen, was er sagt. Damit sie besser verstehen, was er meint, weist er als Begründung für seine Impulse auf die Vision von einer besseren Welt hin, die Gott herbeiführt mit denen, die auf ihn hören.

Und für diese Veränderung – so mutet er ihnen zu – ist das Prinzip der Gegenseitigkeit in der Goldenen Regel nur eine Ausgangsbasis: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen!“ Die eigentliche, ersehnte und verheißene Veränderung auf eine menschliche und barmherzige Welt hin wird auf der Grundlage dieser anerkannten Gegenseitigkeit dann weiterbauen. In dieser Perspektive fährt Jesus fort:

Wenn ihr die liebt, die euch lieben,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Denn auch die Sünder lieben die,
von denen sie geliebt werden.
Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Das tun auch die Sünder.
Und wenn ihr denen Geld leiht,
von denen ihr es zurückzubekommen hofft,
welchen Dank erwartet ihr dafür?
Auch die Sünder leihen Sündern,
um das Gleiche zurückzubekommen.

Über alles das hinaus plädiert Jesus für die Bereitschaft zum ersten Schritt, zu einem einseitigen Vorschuss an Entgegenkommen, an Vertrauen, an Barmherzigkeit. Immer wieder neu. So bekommt die Vision Chancen zu ihrem Gelingen. Gewähr dafür bietet die erneuerte Haltung, die sich aus der Liebe speist, die Gott zu den Menschen hat und an der Anteil zu nehmen Jesus wirbt:

Doch ihr sollt eure Feinde lieben
und Gutes tun
und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt.
Dann wird euer Lohn groß sein
und ihr werdet Söhne des Höchsten sein;
denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist!

Ist das blauäugig oder naiv oder einfach übertrieben? Jesus wirbt dafür, Menschen für eine neue Haltung zu gewinnen. Menschen, die etwas zu verlieren fürchten, sollen überzeugt werden, dass sie so viel mehr gewinnen können.

Als konkretes Beispiel erinnert die 1. Lesung dieses Sonntags aus dem 1. Buch Samuel an die respektvolle Haltung Davids gegenüber Saul, der ihm nach dem Leben trachtet. Und ich erinnere mich an die Erzählung von der Versöhnung der Brüder Jakob und Esau in Genesis 35. Beachtliche Beispiele aus der Bibel, wie Menschen, die auf Gott hören, daraus eine ganz andere Haltung gegenüber Mitmenschen entwickeln.

Die 2. Lesung des Sonntags aus dem 1. Korintherbrief (15,45-49) fasst solche Unterschiede zusammen zwischen dem Bild des Menschen, der sich in seinem Leben nach den Gesetzen der Erde orientiert, und dem „christlichen Menschenbild“, das Christus und sein Wort zum Vor-Bild nimmt.

Jesus glaubt anscheinend, dass Menschen, die sich von ihm zu einer solchen veränderten Haltung bewegen lassen, auch diejenigen beeinflussen können, die nicht auf ihn hören! Ihn erfüllt die Vision, auf diesem Weg eine neue Welt herbeizuführen. Wenn die, die auf ihn hören, dafür sorgen, ist dafür gesorgt – und allen kommt es zugute, natürlich auch ihnen selbst – samt der Freude, dass es sich gelohnt hat, sich dafür einzusetzen.

Richtet nicht,
dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden!
Verurteilt nicht,
dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden!
Erlasst einander die Schuld,
dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!
Gebt,
dann wird auch euch gegeben werden!
Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß
wird man euch in den Schoß legen;
denn nach dem Maß, mit dem ihr messt,
wird auch euch zugemessen werden.
(Lukas 6,27-38)

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