Blogbeitrag

Halt und Haltung

24. Februar 2022

Sonntagsbotschaft zum 27. Februar 2022, dem 8. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Wie unterschiedlich reagieren Menschen auf Anregungen zur Weltverbesserung! Obwohl sich doch eigentlich alle nach einer besseren Welt sehnen!

Auch Jesus regt zu einer „großen Transformation“ an. Und auch ihm gegenüber gibt es Reaktionen aller Art – von Links-liegen-lassen über wütende Ablehnung bis hin zur Begeisterung.

In der im Lukas-Evangelium überlieferten sogenannten „Feldrede“, dem Pendant zur „Bergpredigt“ im Matthäus-Evangelium, geht Jesus auf die verschiedenen Reaktionen der Menschen ein.

Kurz fasst er sich gegenüber denen, die sich schon zu ihm rechnen, wie auch gegenüber seinen blindwütenden Gegnern.

Ausführlich redet er zu denen, die gekommen sind, „um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden“, wie Lukas sie benennt. „Euch, die ihr zuhört“, spricht Jesus sie an und bezieht sich auf die Anfeindungen derer, die sie am liebsten gemeinsam mit ihm zur Hölle fahren sehen wollen: Liebt sie, segnet sie, betet für sie!, sagt er. Bleibt frei und souverän und entscheidet selber über euch, statt euch nur zu unterwerfen! Lasst die Angriffe und Forderungen der Gegner ins Leere laufen, indem ihr darüber hinaus geht!

Aus der modernen Konfliktforschung wissen wir: Ein solches Verhalten, zu dem Jesus sie anregen möchte, bewirkt eine Deeskalation von Konflikten. Die in der Theorie überall anerkannte Goldene Regel ist ihm Ausgangspunkt: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen!“

Aber für eine Lösung des Konflikts über einen Status quo hinaus bringt das noch keinen „Dank“, sagt er, keine anerkennende Entspannung. Eine effektive Deeskalation erreicht ihr nur in der Souveränität des Bewusstseins von eurer eigenen Würde als Gotteskinder, im Bewahren der Freiheit, in eigener Entscheidung über die Angriffe und Forderungen eurer Gegner hinauszugehen und sie so ins Leere laufen zu lassen, so dass sie scheinbar nur „offene Türen einrennen“. Eine solche Haltung werde dann auch aus schärfsten Konflikten heraus ein Miteinander auf einer höheren Ebene von Gegenseitigkeit bringen, die wir heute gerne „auf Augenhöhe“ nennen – eine neue Konfliktkultur, in der – wie Jesus sagt – die Menschen „in überfließendem Maß“ das erleben, wonach sie sich sehnen.

Die so zusammengefasste Botschaft vom vergangenen Sonntag (Lukas 6,27-38) spricht die Haltung an, für die Jesus in der Fortsetzung der sogenannten „Feldrede“ wirbt und aus der er ja selber bis zum Ende seinen Weg gegangen ist: Noch bis zum Fallen auf seinem Kreuzweg, ja bis zu seiner Hinrichtung am Kreuz ist Jesus „aufrecht“ „stehen geblieben“ und am Ende am Boden liegend „neu aufgestanden“. Seine „Haltung“ konnte man ihm durchgängig ansehen. So hat er überzeugt.

Menschen, die kommen, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden, möchte er mit dieser „Haltung“ eines konsequenten Vertrauens anstecken – mit dieser sein ganzes Verhalten und Selbstbewusstsein prägenden „inneren Einstellung“, mit diesem geradezu göttlichen Menschsein.

So sagt er weiter – was als Evangelium dieses Sonntags (Lukas 6, 39-45) in den Gottesdiensten zu hören ist:

Er sprach aber auch in Gleichnissen zu ihnen:
Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen?
Werden nicht beide in eine Grube fallen?

Wovon spricht Jesus da? Und worauf will er hinaus?

Einer führt einen anderen. Offensichtlich auf einem Weg. Jesus geht es um den Weg zu Veränderungen. Wer „blind“ ist, wird sich in Richtung und Weg irren, wird Hindernisse und Gefahren nicht erkennen. Ein solcher „Blinder“, der trotzdem andere „Blinde“ führen will, überschätzt sich selber.

Und ein „Blinder“, der sich von einem anderen „Blinden“ führen lässt, bringt ein gefährliches Übermaß an Vertrauen auf.

Gemeinsam werden sie sich verirren und „in eine Grube fallen“. Wir würden heute sagen: Statt voranzukommen, werden sie in ihrer doppelt unverantwortlichen und leichtfertigen Art an Mauern, Zäune und Menschen stoßen, über Hindernisse stolpern und fallen. Ihrem Ziel kommen sie nicht näher.

Die, „die ihm zuhören“, weist Jesus auf die Gefahr hin, sie könnten sich – im Konflikt – den „Falschen“ anvertrauen und sich, wo sie selber vor einer „Weggabelung“ stehen, dem Einfluss von Menschen überlassen, die ebenso orientierungslos sind.

Entscheidungen welcher Art hat er da im Blick? Allgemeine Lebensweisheit? Das wäre nicht die Art von Jesus. Er bezieht seine Worte immer auf aktuelle Situationen, die Menschen in ihrem Leben beeinträchtigen.

Im Zusammenhang der „Feldrede“ geht es Jesus um die Entscheidung, ob Menschen sich und das Volk dem bisherigen unmenschlichen Kräftespiel weiterhin überlassen wollen oder ob sie alle virulenten Konflikte einer Menschlichkeit zuführen wollen, wie Gott sie in Jesus neu zeigt. Jedenfalls macht er sie aufmerksam: Wenn sie Anleitung, Anregung, Wegweisung, Führung brauchen, weil sie selber im Nebel stehen, dann dürfen sie ihr Vertrauen nur schenken, wem sie den Durchblick auch wirklich zutrauen.

Als nächstes schließt der Evangelist das Wort von Jesus an:

Ein Jünger steht nicht über dem Meister;
jeder aber, der alles gelernt hat,
wird wie sein Meister sein.

Was will Jesus mit diesem Wort sagen?

Die ganze Rede wendet sich ja an „Euch …, die ihr zuhört“. Das Vorlese-Buch für den Gottesdienst, das Lektionar, führt diesen Text-Abschnitt ein mit „In jener Zeit sprach Jesus in Gleichnissen zu seinen Jüngern.“

Die sich als seine „Jünger“ sehen, als seine Anhänger, Männer wie Frauen, mögen ihn ja gerne als „Meister“ anerkannt und benannt haben. Aber dieser Unterschied zwischen anfänglich Lernenden und dem schon Fortgeschrittenen mit seinem Vorsprung an Kompetenz kann ja auch etwas Kränkendes haben für die, die sich „unter ihm stehend“ erleben.

Ich erinnere mich daran, wie ich als Schüler Spaß daran hatte, wenn es mir gelungen war, den Mathematiklehrer auf einen Fehler hinzuweisen.

Solche „Jünger“ macht Jesus aufmerksam, dass dieses Gefälle zu jedem Lernprozess gehört, wenn einer etwas von einem anderen lernen will.

Zugleich „tröstet“ er sie sozusagen mit ihrer eigenen Erfahrung, dass auch ihnen bevorsteht, wenn sie den Weg des Lernens mit ihm gegangen sind, dass auch sie dann „sein werden wie er“, der „Meister“.

Ein weiteres Beispiel nennt Jesus dann für alle, die sich für die von ihm vertretene Seite entscheiden. Es geht ja um die Konflikte zwischen den Unmenschlichkeiten in Kultur und Brauchtum, in Wirtschaft und Gesellschaft auf der einen Seite und seiner neuen Humanität in Gottes Reich:

Die Brüder, ja, noch öfter als die Schwestern eben die Brüder, die immer wieder besonders gerne in Konkurrenz oder Rivalität zueinander alles besser zu wissen oder zu können meinen, sie alle – also auch mich und uns – spricht er an:

Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders,
aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?
Wie kannst du zu deinem Bruder sagen:
Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!,
während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst?
Du Heuchler!
Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge;
dann kannst du zusehen,
den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Wenn wir das nicht als Beleidigung für uns selber nehmen, sondern als hilfreiche und realistische Warnung an uns alle, dann wird so mancher Veränderungsprozess zügiger zu einem guten Ergebnis kommen, um den wir uns als seine Jünger, also als glaubende Christen bemühen.

Diese Beispiele, die der Evangelist als „Gleichnisse“ auflistet, – was ist denen eigentlich gemeinsam, woran man erkennen kann, worauf Jesus mit diesen Worten seine Christen anspricht?

Er setzt jeweils neu bei einer anderen allgemeinen Erfahrung an, die man doch bitte schön auch in den hier genannten Konfliktbeispielen einfach berücksichtigen sollte.

So macht er klar: Hiermit bringt er keine neue Wahrheit, keine Offenbarung, sondern er möchte bei uns etwas anrühren, was doch eh zu unserem Wesen gehört: Wir sollten uns inne werden, in welcher Haltung wir uns all den Herausforderungen stellen, die sich ergeben, wenn wir Veränderungen anstreben.

Zur Bekräftigung weist er auf ein letztes Beispiel hin, das allen Menschen aus ihrem Erfahrungsschatz vertraut ist:

Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt,
noch einen schlechten Baum, der gute Früchte bringt.
Denn jeden Baum erkennt man an seinen Früchten:
Von den Disteln pflückt man keine Feigen
und vom Dornstrauch erntet man keine Trauben.
Der gute Mensch
bringt aus dem guten Schatz seines Herzens
das Gute hervor
und der böse Mensch
bringt aus dem bösen
das Böse hervor.
Denn wovon das Herz überfließt,
davon spricht sein Mund.

Mir löst das die Frage aus: Was für ein „Baum“ bin ich? Wofür schlägt mein Herz? Was bin ich in meinem Wesen? Was erfüllt mich so, dass ich davon überfließe? Als Früchte hervorbringen werde ich ja das, was in mir wirklich gewachsen ist!

Ich tue also gut daran, was in mir wirkt, klar und umfassend zur Kenntnis zu nehmen, ohne mir dabei etwas vorzumachen – ohne Beschönigung und ohne verfälschende Verdemütigung.

Das geht ans Eingemachte: Eine Haltung im Konflikt einzunehmen, wie Jesus es vormacht und anregt, das fordert mich ja heraus aus dem ganz anderen Konfliktstil, den Lebensgeschichte und Kultur mir beigebracht haben. Ich muss mich jedesmal von neuem damit auseinandersetzen.

Nehmen wir nur das krasse Beispiel aus der Politik: Wenn Putin ein Viertel der Ukraine erobern will, soll dann die Ukraine sagen: Du kriegst die halbe Ukraine?

Wenn der Staat von Milliardären ein halbes Prozent Vermögenssteuer pro Jahr haben will, soll dann der Milliardär sagen: Hier hast du ein ganzes Prozent?

Soll ich dem, der in meine Wohnung einbricht, sagen: Nimm dir, was du brauchst?

Ich brauche das Wissen darum, wofür ich stehe, was mich aufrecht hält, wo ich bin und wie und wohin ich gehe.

Menschen mit der Frage, inwieweit sie mir vertrauen wollen, werden ihre Rückschlüsse über meine Haltung aus ihrer Wahrnehmung ziehen, welche Früchte ich hervorbringe.

Ich weiß und stimme zu: Kompromisse gehören zu jedem konflikthaften Miteinander. Und ich selber relativiere immer wieder, wenn Ansprüche sich absolut setzen. – – –

Und dann glaube ich, ich tue gut daran, wirklich zu denen zu gehören, die sich von Jesus ansprechen lassen mit „Euch aber, die mir zuhören, sage ich“ – in seiner „Feldrede“, die er beendet mit den Worten

Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr!
und tut nicht, was ich sage?
Ich will euch zeigen,
wem ein Mensch gleicht,
der zu mir kommt
und meine Worte hört und danach handelt.
Er gleicht einem Mann,
der ein Haus baute
und dabei die Erde tief aushob
und das Fundament auf einen Felsen stellte.
Als ein Hochwasser kam
und die Flutwelle gegen jenes Haus prallte,
konnte sie es nicht erschüttern,
weil es gut gebaut war.
Wer aber hört
und nicht danach handelt,
gleicht einem Mann,
der ein Haus ohne Fundament auf die Erde baute.
Die Flutwelle prallte dagegen
und sofort stürzte es ein;
und der Einsturz jenes Hauses war gewaltig.
(Lukas 6,46-49)

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