Blogbeitrag

Da geht er dazwischen

22. April 2021

Sonntagsbotschaft zum 25. April 2021, dem 4. Ostersonntag im Lesejahr B  

  Zum Mit- oder Nachlesen 

Der kommende Sonntag ist schon der vierte dieser Osterzeit, in der wir angeblich Anlass finden, mit Tod und Auferstehung von Jesus ein „neues Antlitz der Erde“ feiern zu können.

Aber da gibt es einen Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium, der viele nur einfach „ruhigstellt“, weil er für ihre Ohren gleich doppelt aller Erneuerung Hohn zu sprechen scheint und vorgestrig daherkommt: Da werden die Menschen mit einer Schafherde verglichen – ein für heutige Ohren eher entmündigendes Bild vom Menschen. Und als Inbegriff aller Gefahr wird „der Wolf“ benannt – über dessen Neuauftauchen in unseren Gegenden Freude zunimmt.

Die Vorbehalte, die unsereins gegen die Verwendung dieser beiden Bilder mitbringt, sind zeitbedingt und schwanken auch mit den Zeiten. Medienberichte über die Probleme, die heutige Schafhirten mit dem Wiederaufkommen von Wölfen zweifellos haben, fördern ja seit neuestem wieder unser Einfühlungsvermögen in einen solchen bildhaften Vergleich. Und wenn für das „Durchimpfen“ der Bevölkerung das Ziel mit dem Wort „Herdenimmunität“ benannt wird, dann weiß ich, dass auch solche überholt geglaubten Bilder wie das von der „Herde“ ihre Aussagekraft durchaus auch heute haben.

Die Aussage, die mit den Bildern von Herde und Hirt, Schafen und Wölfen gemeint ist, lässt sich dann klarer hören und verstehen, wenn wir jetzt das vielleicht Unzeitgemäße des Bildes mal beiseitelassen und auf das damit Gemeinte von neuem hinhören – am besten gleich im Hinterkopf mit Fragestellungen, die gerade typisch sind für unsere Zeit, in der so viele schmerzhaft drängende Probleme vielen das Leben schwer machen.

In jener Zeit sprach Jesus:
Ich bin der gute Hirt.
Der gute Hirt
gibt sein Leben hin für die Schafe.
Der bezahlte Knecht aber,
der nicht Hirt ist
und dem die Schafe nicht gehören,
lässt die Schafe im Stich und flieht,
wenn er den Wolf kommen sieht;
und der Wolf reißt sie
und jagt sie auseinander.
Er flieht,
weil er nur ein bezahlter Knecht ist
und ihm an den Schafen nichts liegt.
Ich bin der gute Hirt;
ich kenne die Meinen,
und die Meinen kennen mich,
wie mich der Vater kennt
und ich den Vater kenne;
und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.
(Johannes 10,11-15)

Da hat ein Mensch eine zündende unternehmerische Idee, die er mit einem bestimmten Geschäftsmodell realisieren will. Das nötige Startkapital konnte er bereitstellen. Er hat die erforderliche Zahl von Menschen mit den passenden Fähigkeiten gefunden, die für sein Unternehmen arbeiten wollen und mit denen er die Arbeitsbedingungen und ihre Vergütung dafür vereinbart hat. Alle Beteiligten hatten ihre Freude an dem gemeinsamen Unternehmen, das in ersten erfolgreichen Jahren immer größer geworden war. Wegen schwierig gewordener Rahmenbedingungen hatte dann der Unternehmer andere ins Boot geholt, mit deren Finanzinvestitionen die Zukunft des Unternehmens gesichert wurde.

Dann kam eine allgemeine Krise, die das Unternehmen an den Rand der Existenz brachte. Der Unternehmer wollte sein Lebenswerk, an dem sein Herz hing, im gemeinsamen Interesse aller verschiedenen Beteiligten nachhaltig durch die Krise führen und Schäden für alle möglichst gering halten, die ihre Fähigkeiten und Arbeitszeit oder ihr Geld in das Unternehmen eingebracht hatten. Die Beschäftigten, deren Mitwirkung am Unternehmen zugleich ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage und ein guter Teil ihrer Selbstverwirklichung bedeutete, trugen wegen ihres hohen Interesses am Fortbestand der Firma wertvolle Ideen für den Weg durch die schwierige Zeit bei; Unternehmer und Beschäftigte kannten voneinander die gemeinsame Perspektive ihres Arbeitsverhältnisses zueinander.

Beide Seiten sahen sich jedoch bedroht durch die Geldinvestoren, die das Gelingen des Unternehmens lediglich instrumentalisiert hatten für ihr einziges Interesse, dass ihr Anteil am Geldwert des Unternehmens stetig steigt. Da sie selber mit der Verantwortung für dieses Ziel in der Schuld anderer standen, deren Geld sie verwalteten und in das Unternehmen eingebracht hatten, gab es auch keine Möglichkeit, mit ihnen gemeinsam eine gerechte Verteilung der Belastungen abzuwägen. Denn in der Abhängigkeit von ihren Auftraggebern gab es für sie nur einen Weg zur Vermeidung eines eigenen Schadens: aus dem Unternehmen zu fliehen, das Geld abzuziehen und es in andere Firmen zu investieren, die möglichst profitable Vorteile aus der Bewältigung der Krise ziehen.

Diese Gefahr bedroht nun das Unternehmen, ängstigt und lähmt die Beteiligten, behindert und verletzt besonders die Menschen, deren Lebenssituation aus irgendwelchen Gründen weniger stabil, also prekär ist.

Der Vergleich legt sich nahe mit den Bildworten im Evangelium, mit denen Jesus den Unterschied beschreibt: Wenn eine Krise kommt, hier „Wolf“ genannt, „lässt der bezahlte Knecht“ die von der Gefahr Betroffenen – hier „Schafe“ genannt – „im Stich und flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt“.

Im Unterschied dazu aber steht Jesus ganz anders zum Menschen in der Krise: Als der „Hirt, dem die Schafe gehören“ – „der gute Hirt“, so bleibt Jesus im Bild – tut er alles, was nur immer möglich ist, für den Schutz der Schafe, für den Schutz ihres Lebens, ihrer Interessen, ihrer Rechte. Wenn sie sich gefährlicher Angriffe nicht ohne Beistand erwehren können, geht er dazwischen. Ihr Recht macht er zum eigenen Interesse. Als ihr Anwalt lenkt er alle Angriffe auf ihre Unversehrtheit ab und riskiert, selber zur Zielscheibe zu werden: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für seine Schafe.“ Wer sich die vielen Beispiele vor Augen hält, die in den Evangelien erzählt werden, wie Jesus dazwischengetreten ist, wenn Menschen angegriffen oder unterdrückt werden sollten, weiß, wovon Jesus redet.

Und in der Tat hat ja sein Einsatz für den Menschen, für seine Würde und sein Recht ihm das Leben gekostet. – Was für eine Liebe zum Menschen! Göttlich!

Ich lasse euch nicht allein, ich teile eure Heillosigkeit. Hier – seht meine Verletzungen, meine Wunden – ich kenne sehr wohl eure Not, euren Schmerz. Wohin ihr auch immer geht, wenn ihr mich dabei sein lasst und euer Ohr offen haltet für meine Stimme: Friede soll mit euch sein! Auch wenn ihr in Angst seid um euer Leben: Shalom! – So haben wir es wieder am letzten Sonntag gehört.

Sehr passend dazu, nämlich dasselbe bezeugt die Erzählung von den so entstehenden Realitäten in der ersten Christengemeinde in Jerusalem: „Es gab keinen unter ihnen, der Not litt; … jeder bekam so viel, wie er nötig hatte.“ So war es vor zwei Wochen aus der Apostelgeschichte (4,34-35) zu hören.

Wo Menschen heute auf der Suche nach ihm sind und nach diesen Erfahrungen, die man mit ihm macht, wo Menschen auf seine Stimme hören und nicht auf die Stimmen der „bezahlten Knechte“ wie die des „Rattenfängers von Hameln“, die nur Profit im Blick haben, weil der ja angeblich allen zugutekommt, – überall da wird sich Sein „neues Antlitz der Erde“ zeigen.

Da stehen eine Menge von Schauplätzen bereit:

  • Die Menschen in den armen Ländern, die der Pandemie besonders schutzlos ausgeliefert sind – weil es ihnen an Impfstoff fehlt, an Tests, an Möglichkeiten zum Abstandhalten, an funktionierendem Internet und Laptops für Homeschooling und Homeoffice, … Sie können sich keinen größeren Anteil am Kuchen kaufen! Welche ungerechte Benachteiligung!
  • Wie viele Menschen – auch bei uns! – leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag – in Pflege, diversen Dienstleistungen, Bildungswesen, Erziehung, Gastronomie, Kultur, … – die aber in der Pandemie hängen gelassen werden und auf ihren ungedeckten Kosten sitzen bleiben, …

Oder – unabhängig und jenseits von Bezügen zur aktuellen Pandemie:

  • Die vielen Menschen, denen ein Mindestlohn zur Ermöglichung einer menschenwürdigen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmenden Lebensweise vorenthalten wird – im Interesse nämlich der Steakholder und Investoren, deren Wachstum Vorrang gegeben wird.
  • Ausreichender Schutz vorenthalten wird dagegen vielen Bevölkerungsgruppen. Zahlreiche Medienberichte und auch eigene Erfahrungen legen eigentlich den Finger in die Wunden vernachlässigter Schutzaufgaben: Schutz vor Altersarmut, Arbeitsschutz, Verbraucherschutz, Patientenschutz, Mieterschutz, Sonntagsschutz, Kinderschutz, Frauenschutz, Schutz vor Diskriminierung wegen Hautfarbe, Geschlecht, Behinderung usw.
    Zu einem neuen Antlitz der Erde würde eine neue Verteilung gehören, mit welchem Vorrang welche Interessen besonders geschützt werden.

Wenn es drauf ankommt, Menschen zu schützen, da geht der „Gute Hirt“ dazwischen! Er riskiert sein Leben: nicht nur sein Geld, seine Freiheit, seine Beliebtheit, seine Gesundheit riskiert er, sondern alles – auch sein Image, seinen guten Ruf, seinen gesellschaftlichen Status, … ohne Rücksicht auf eigene Gefährdung, die er mit seinen Interventionen eingeht – im Interesse und zum Schutz aller, an denen einfach sein Herz hängt. Für sie tritt er ein – als Anwalt ihres Rechtes, wie ein Eigentümer für sein Eigentum, … Er macht sich ihr Bedürfnis, ihr Interesse, ihr Recht zu eigen. „Wehe, einer will euch was antun!“

Und Menschen, die ihm anhängen, werden selbstverständlich dafür Sorge tragen, dass die Allgemeinheit allen Angriffen auf Menschen und ihre Würde einen Riegel vorschiebt. Und sie werden im eigenen Verhalten darauf achten, dass sie solche Ungerechtigkeiten nicht mittragen.

Am kommenden Samstag ist der 1. Mai. Da gehen – auch dieses Jahr, soweit es die Pandemie möglich macht – wieder Menschen auf die Straße oder auch in die Internet-Öffentlichkeit, von denen in der Fortsetzung des heutigen Evangeliums die Rede ist. Da fügt ja Jesus an:

Ich habe noch andere Schafe,
die nicht aus diesem Stall sind;
auch sie muss ich führen,
und sie werden auf meine Stimme hören;
dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.
(Johannes 11,16)

Mit einem gewissen Augenzwinkern sag ich mal: Jesus wusste damals schon von den heutigen Gewerkschaften und wie sie sich dazwischen stellen, wenn in der Auseinandersetzung mit Vertretern anderer Interessen die Würde und das Recht von Menschen als zweitrangig behandelt oder gar mit Füßen getreten werden. Die Bibel kennt das ja: Menschen, die mit ihrer eigenen kraftvollen gesellschaftlichen oder politischen Stimme für eine Menschlichkeit Sorge tragen, in der sie nicht Gottes Stimme erkennen, die aber bei Gott volle Anerkennung dafür finden. – Denken sie nur an den antiken persischen König Kyros, den die Bibel dafür lobt, dass er dem Volk der Juden wieder zur Freiheit verhilft. – Ja, heute sind es Kräfte wie die Gewerkschaften, von denen das Wort gilt, das Jesus da sagt: „… noch andere … nicht aus meinem Stall …“ Gut so. Zumal viele „im eigenen Stall“ sich dieser Stimme verschließen, weil sie ja meinen, das Reich Gottes, das den Christen zu bezeugen obliegt, habe mit der Politik nichts zu tun und habe sich schon gar herauszuhalten aus jeder Kritik am Kapitalismus, also am Vorrang der Interessen der Kapitalinvestoren vor den Interessen der Investoren ihres Lebens!

Zum Glück gibt es ja „im eigenen Stall“ auch entsprechende Initiativen und Kräfte – wie etwa die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung – immerhin: Die KAB Deutschlands fordert seit neuestem, die gesetzliche Lohnuntergrenze auf 14,09 Euro brutto pro Stunde anzuheben.

Auch andere einzelne Stimmen aus dem „eigenen Stall“ sind zu hören: auf dem aktuellen „Synodalen Weg“ und auf dem bevorstehenden Ökumenischen Kirchentag.

Aber die Kraft, die Gottes Geist entfalten kann, ist noch viel größer!

Nun ja, Pfingsten, das große Geist-Versprühen, lässt ja noch auf sich warten. Ob die verbleibenden vier Wochen reichen werden?

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Rainer Petrak