Blogbeitrag

Rebe am Weinstock

In lebendiger Beziehung

29. April 2021

Sonntagsbotschaft zum 2. Mai 2021, dem 5. Ostersonntag im Lesejahr B 

Eines Tages, beim Rasenmähen im Garten, sah ich – gerade noch rechtzeitig: Da wuchs zwischen den Grashalmen ein Stängel hoch, an dem sich Blätter seitwärts reckten. Die sahen aus wie von einem Kastanienbaum! Ja, da hatte eine Kastanie gekeimt, getrieben und wollte jetzt zu einem Baum werden! Natürlich achtete ich darauf, ihn nicht zu beschädigen. Ohne irgendein Dazutun meinerseits wuchs er auf. Die Jahre hindurch sah ich es mit Interesse, vielleicht auch mit ein wenig Liebe.

Dann kam der Moment, anderswohin umzuziehen. Was würde das weitere Schicksal „meiner“ Kastanie sein? Sie war inzwischen um die 15 Jahre alt. Heute, wieder über 15 Jahre später, ist dort ein gepflasterter Autoparkplatz. Bei meinem Umzug grub ich den Baum großzügig aus. Auf meiner neuen Terrasse bekam er einen schönen Platz an der Sonne im großen Blumentopf.

Aus dem Jahr 2007 – das älteste Foto von ihm – zwischen Ficus benjamini und Essigbaum. Vor jedem Winter schnitt ich seine Zweige so weit wie möglich zurück, so dass etwas in der Art wie ein Bonsai entstand; ich wollte ja seine Größe im Rahmen einer Balkonpflanze halten.

So konnte ich auch beim nächsten Umzug 2013 „meine Kastanie“ wieder mitnehmen. Täglich fällt mein Blick durch die Balkonfenster auf sie und ihre jahreszeitlichen Verwandlungen. Letztes Jahr, im März 2020, traute ich eines Tages meinen Augen nicht. Noch nie hatte meine Kastanie geblüht; diese Möglichkeit war auch immer außerhalb meines Vorstellungshorizonts geblieben.

Jetzt entdeckte ich plötzlich einen Blütenstand – einen einzigen – den ersten nach über 30 Jahren! Tag um Tag hing mein Blick an der wachsenden Blütenkerze, die ihre Schönheit immer mehr entfaltete. Der Stoffwechsel zwischen dem gesamten Baum und dem Blütenstand funktionierte offensichtlich gut. Irgendwann kam mir die Frage in den Sinn: Würde sie auch Früchte entwickeln, richtige Kastanien tragen? Kaum zu glauben. Aber die bestehende Verbindung mit dem Stamm, die Beziehung zur gesamten Pflanze sprach eigentlich für zukünftige Früchte. Dann sah ich Hummeln an den Blüten. Deren Schönheit ließ im Lauf der Zeit allmählich nach.

An der Stelle der verwelkt abgefallenen Blütenblätter zeigten sich kleine stachelige Knubbel. Nicht alle blieben dran; Regen, Wind und Wetter ließen dennoch ein Dutzend kleiner Baby-Kastanien an der Blütenkerze bleiben, die zum Fruchtstand geworden war. Immer neugieriger wurde ich auf die gedeihenden Früchte. – Dann gab es in einer Nacht einen kräftigen Sturm.

Am nächsten Morgen hing der Fruchtstand kopfüber im Geäst. Abgebrochen. Klar: Ohne weitere lebendige Verbindung mit dem Baum – da geht nichts mehr.

Ich war traurig, den Fruchtstand aus meiner Sorge zu entfernen.

Dieses Jahr im Frühling – ich hatte den Baum in einen größeren Topf mit mehr Erde umgesetzt – genoss ich wieder das Aufsprießen der grünen Blattknospen. Und eines Tages vor zwei Wochen – an die Möglichkeit hatte ich noch gar nicht gedacht: Wieder entsteht eine Blütenkerze! Sie gedeiht zunehmend prächtig.

Diese Erfahrung war mir wieder ganz gegenwärtig, als mir klar wurde: Im Evangelium des kommenden Sonntags geht es um einen Sachverhalt dieser Art; damit bringt Jesus bildhaft auf den Punkt das Wesentliche der Beziehung zwischen ihm und denen, die sich ihm zugehörig wissen und ihm nachfolgen wollen. Das Bild ist da zwar nicht ein Kastanienbaum und seine Früchte, sondern ein Weinstock und seine Reben:

Ich bin der Weinstock,
ihr seid die Reben.

Und dabei denke ich an meine Erfahrungen mit Weinstöcken (eben einschließlich Kastanienbäumen 😊), an ihre Entwicklungen und ihre Fruchtbarkeit:

Zwei Weinstöcke im Garten pflegte ich und hegte ihre Entwicklung. Daraus entstanden in einem Jahr tatsächlich 18 Liter eines Getränks, das ein Winzer probierte und einen „guten Bauernwein“ nannte.

Und die Erinnerung stieg in mir auf, wie 2014 auf dem Balkon meiner Ferienwohnung auf Kreta neben dem Lärm der Zikaden das intensive summende Geräusch ganz in meiner Nähe sich mir erklärte: In dem Weinlaub direkt neben meinem Frühstückstisch taten an den vielen Blüten Hunderte von Bienen ihre Arbeit.

Ja, der Weinstock ist nicht allein mit seinen Reben. Er lebt in größeren Zusammenhängen. „Interaktiv“ wirken die Umgebung und der Weinstock aufeinander ein. Und ebenso „interaktiv“ sind auch die Lebensabläufe im Weinstock selber. Und dann kommt noch dazu die Sorge des Winzers für seinen Weinstock.

Jeder lebendige Organismus ist ein Geflecht von Beziehungen, ein Netz von Verbindungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. Auch in sozialen Organismen, solange sie lebendig sind, in „Organ“-isationen, wie wir gegliederte Gemeinschaften auch benennen, ist eine organische Abstimmung ihrer Glieder aufeinander eine wichtige Vorbedingung für eine kraftvoll lebendige Präsenz und Wirksamkeit in ihrer Umgebung.

Damit ein Verein für seine Mitglieder das sein kann, was er sein will, ordnet er sich und die Mit-Glieder nach unterschiedlichen Tätigkeiten und Kompetenzen. Und dank ihrer organisch eingefügten Zugehörigkeit zum Verein gewinnen seine Mitglieder die Chance zur Verwirklichung dessen, wozu sie sich da verabredet haben.

Ein ähnliches Bild greift wiederholt der Apostel Paulus auf, wenn er vom „Leib“ Christi spricht und von dessen vielen verschiedenen „Gliedern“, die nur gut aufeinander abgestimmt ihn wirklich verkörpern können.

Ein solcher Organismus ist für seine Fruchtbarkeit, für seine Lebendigkeit, für den Erfolg seiner Aktivitäten auf einen möglichst reibungslosen Stoffwechsel angewiesen zwischen seinen Gliedern und auch mit seiner Umgebung. Und dafür braucht es die beständige Beziehung untereinander und zum Ganzen. Die Blütenrispe eines Kastanienbaums oder eines Weinstocks kann noch so schön gewesen sein und der Fruchtstand, der daraus geworden ist, mag optimale Chancen haben. Aber wenn er vom Sturm abgebrochen wird und er nicht in der Beziehung zur gesamten Pflanze bleibt, kann er sich nicht zur Fülle und zum eigentlichen Sinn seines Daseins weiter entfalten.

So ist es auch mit Jesus Christus und seinen Christen:

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. …
Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe,
der bringt reiche Frucht; …
Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann,
sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt,
so auch ihr,
wenn ihr nicht in mir bleibt. …
Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. …“
(Johannes 15)

„Bleibt in mir!“ Das so übersetzte griechische Wort spricht von dem Ort, an dem man sich dauerhaft aufhält, wohnt, zuhause ist. Im übertragenen Sinn meint das Wort „bleibt“ eine dauerhaft bestehende Gemeinschaft von Personen.

Die Aufforderung ist also: Pflegt die Verbindung mit mir und sorgt dafür, dass sie Bestand hat! Bleibt bei mir angesiedelt, habt dauerhaft bei mir Heimat – mit der Erfahrung von Zugehörigkeit, Freiheit und Orientierung.

Das ist eine organische Zuordnung in Ergänzung zueinander, nicht wie sonst meistens in Abhängigkeiten. Euer Leben in mir anzusiedeln, bedeutet gegenseitige Wertschätzung eurer Eigenheiten und nicht Konkurrenz von Verdiensten! Wenn ihr die Beziehung zu mir als euren Lebensraum pflegt und wenn ihr eure eigene Selbstverwirklichung durch die lebendige Verbindung mit mir nähren lasst, dann wird sich euer Leben sinnvoll und fruchtbar entfalten!

Von solcher Art ist die Beziehung zwischen ihm und denen, die sich ihm zugehörig wissen und ihm nachfolgen wollen. Wie zwischen Weinstock und Reben. Wie zwischen Kastanienbaum und ihren Fruchtständen. Wie zwischen einem Leib und all seinen Gliedern, Zellen und Organen.

Und der Winzer sorgt für alles das. „Ich bin der wahre Weinstock“, sagt Jesus. „Und mein Vater ist der Winzer.“ Mit dem, was der Winzer tut, wie er die äußeren Bedingungen gestaltet, sorgt er dafür, dass der Weinstock wächst und reiche Frucht bringt!

Wenn ich das will, wenn der Inbegriff meiner Lebenssehnsucht die Ausbreitung des Reiches Gottes ist nach dem Muster, das Jesus verkörpert und ausbreitet, dann muss ich – eben wie ein Glied an seinem Leib unbedingt darauf achten, dass in dem unübersichtlichen Geflecht von Einflüssen beim Leben in dieser Welt die Lebenskraft, der „Geist“ von Jesus nicht durch andere Kräfte verdrängt wird. Damit das „Blut“ von Jesus durch meine Adern fließt.

Deswegen mache ich mir immer wieder gerne bewusst: Wovon lasse ich mich be- …

Wenn Sie Lust haben, können Sie es jetzt hier kurz ausprobieren, wie das für Sie ist, in so etwas einzusteigen. Den Satz mit der Fragestellung für mein Bewusstwerden habe ich ja eben angefangen mit „Wovon lasse ich mich be-…?“ Welches Wort fällt Ihnen spontan dazu ein für die Ergänzung?

In den Momenten meines Alltags, in denen ich mir nicht groß Gedanken mache, – wovon lasse ich mich da bewegen – beeinflussen – beleben – beatmen – bearbeiten – behandeln – berühren – bestimmen – … ?

Wie stellt sich mir die Frage? Mit einem Wort, das nach moralischem Erwartungsdruck fragt, nach Last oder Pflicht oder Verantwortung, … – zum Beispiel in der Version „wovon lasse ich mich bestimmen?“ Oder mit einem Wort, das nach Lebenserfüllung fragt, nach Selbstverwirklichung oder Entfaltung meiner eigenen Person – zum Beispiel in der Version „wovon lasse ich mich beleben?“

Interessant wird das erst in Verbindung mit einer konkreten Situation.

Nehmen wir ganz unterschiedliche Beispiele:

An einem unverplanten, von Aufgaben freien Tag – worauf beziehe ich mich und wohin richte ich da die Frage, wie ich die Zeit nutze? Von woher lasse ich mich da bestärken, bereichern, beeinträchtigen, beunruhigen, herausfordern, ermutigen, anregen, … ?

Eine andere Situation: Wenn ich jetzt „alt“ geworden bin und mein Gesundheitszustand und meine Fitness sich verändert haben – wovon lasse ich mich da beeinflussen? In den Medien bieten sich ja jede Menge Verheißungen an in der Werbung für Nahrungsergänzungsmittel. Und lasse ich Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge links liegen, weil ich „eh nichts mehr zu verlieren habe“? Oder „gönne“ ich mir jetzt dies und das, weil „man ja eh nicht weiß, wie viel Zeit bleibt“? Bestärkt mich die Rollen-Anforderung, jung zu bleiben, oder nutze ich Veränderungen in meiner Leistungsfähigkeit für einen neuen Blick auf bisher nicht beachtete Möglichkeiten? Berufe ich mich auf Konventionen wie: man habe mir angesichts meines Alters respektvoll zu begegnen? Beunruhigt mich verminderte Anerkennung oder vielleicht gar Verächtlichkeit wegen meiner nachgelassenen geistigen Fähigkeiten? – Zusammengefasst: Wovon lasse ich mich in dieser Lebenssituation beatmen?

Oder: Wenn ich einen Fußgängerüberweg betreten will und ein Auto sehe, das sich nähert: Nehme ich dann die Perspektive des Autofahrers ein? Wenn ja, welche? Oder betrachte ich die Situation nur aus meiner Perspektive als Fußgänger? Wenn ja, welche? Der Autofahrer sagt sich vielleicht: „Ich halte doch eh an – gemäß der Verkehrsregel. Aber jetzt bleibt der auch noch stehen und meine Weiterfahrt verzögert sich noch mehr!“ Vielleicht sagt er sich aber auch: „Oh schön, dass er auf sein Vorrecht verzichtet und mich ungebremst weiterfahren lässt!“ Und ich als Fußgänger: „Ich nutze jetzt mein Vorrecht.“ Oder aber: „Ich hab ja Zeit. Und ich geh auf Nummer Sicher. Außerdem bin ich freundlich. Also lass ich ihn vorbeifahren.“ Auf welche der Stimmen höre ich in einem solchen alltäglichen Augenblick?

Oder: Im Gemüseregal des Supermarkts bieten sich Gurken an – unterschiedlich fest, in Pastikhülle und auch unverpackte, Bio und nicht, aus der Region und andere irgendwoher, … Woraus nährt sich, speist sich meine Einstellung, die mich veranlasst, mich so oder so zu verhalten?

Was belebt mich? Was beatmet mich? Was bestimmt mich?

Die Rebe am Weinstock verhält sich unterschiedlich je nach Herausforderungen und Umständen. Sie lässt sich nicht widerstandslos in ihrer Entfaltung behindern oder verfremden oder krank machen. Die Lebenskraft des Weinstocks wie auch jedes anderen Organismus aktiviert eigene physikalische Abwehrmechanismen oder entwickelt chemische Gegenmittel. Von Sonnenstrahlen lässt sich die Pflanze gerne beleben und wendet ihnen daher ihre Blätter zu.

Mir ist es zur guten Gewohnheit geworden, als erstes nach Aufstehen und Dusche mir bei einem Pott Kaffee einen längeren Bibeltext zu Gemüte zu führen und einen dazu angebotenen Begleittext aus der Glaubensgeschichte. Das speist täglich meine Sicht von den Ereignissen, die mir im Lauf des Tages begegnen. Da habe ich Gottes Angebot im Blick und die Kriterien und Argumente von Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit, während mir in Zeitung und Fernsehen manchmal ganz andere Betrachtungsweisen und Aufmerksamkeiten und Bestrebungen begegnen. So „be-lebt“, „be-atmet“ mich der von Christus geprägte Geist zur Teilhabe an seinem Leben und Werk.

Wenn ich Kastanie sein will, muss ich am Kastanienbaum bleiben! Ohne weitere lebendige Verbindung mit dem Baum – da geht nichts mehr. Wenn ihr als „Reben“ an mir Frucht bringen wollt, also: wenn ihr zu dem, wofür ich stehe und bekannt bin und wirke, fruchtbar beitragen wollt, dem „dienen“ wollt, wenn ihr euch darin einordnen, einfügen wollt, dann geht das nur, wenn ihr dafür die interaktive Verbindung, die Zugehörigkeit, so „nutzt“, wie eine Rebe ihre Verbindung zum Weinstock nutzt! Das „bringt’s“ dann!

Damit dieser „Leib Christi“ nicht dauernd wie gelähmt im Bett liegen muss, um die Krankheiten seiner Glieder in ihrem Miteinander auszukurieren, ist der gemeinsame „Geist“ so wichtig, in dem die Glieder ihre gemeinsamen Lebensvollzüge und Schritte gut organisieren, ohne einander krank zu machen, vielmehr um sich gegenseitig zu bestärken.

Klerikaler Belehrungswahn, Entmachtung der glaubenden Getauften, mangelnder Respekt vor der Würde des Menschen – für einen lebendigen Fluss des belebenden Geistes schnürt alles das nur die gegenseitigen Versorgungswege in diesem Weinstock gefährlich ein.

Gut, dass der „Synodale Weg“ seine Aufmerksamkeit auf einige der aktuellen Krankheiten der Kirche legt. Hoffentlich werden dabei die belebenden, klärenden, reinigenden, kräftigenden Angebote genutzt, die in einer organischen Beziehung zum gesamten Weinstock und zu seinem Lebensraum liegen!

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Rainer Petrak