Blogbeitrag

Terrasse Ruheplatz Kreta (2018)

Das Vielerlei und das eine Wichtige

14. Juli 2022

Sonntagsbotschaft zum 17. Juli 2022, dem 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Dieser Tage hatte ich eine alte Freundin bei mir zu Gast. Gemeinsam zurückgelegte Strecken auf unseren Glaubenswegen verbinden uns. Corona-bedingt, haben wir uns seit Jahren nicht gesehen. Und jetzt war sie drei Tage bei mir. Ich freute mich, sie gastlich aufzunehmen und mich endlich mal wieder ohne jeden Zeitdruck mit einer Person meines Vertrauens über Fragen des Glaubens und des Lebens fruchtbar auszutauschen.

Verblüffend ist für mich, dass gerade an diesem Sonntag genau diese Situation Thema im Evangelium ist.

In jener Zeit
kam Jesus in ein Dorf.
Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf.
Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß.
Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen
und hörte seinen Worten zu.
Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen
zu dienen.
Sie kam zu ihm und sagte:
Herr, kümmert es dich nicht,
dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt?
Sag ihr doch, sie soll mir helfen!

Die Gastgeberin macht sich viel Arbeit, ihren Gast zu bewirten, ihn zu bedienen: das Essen zubereiten, vielleicht mehrere Gänge … Da kann man ganz schön ins Rotieren kommen, vor allem wenn man das Essen zu etwas Besonderem zelebrieren will. Wer Hobby-Koch ist wie ich, kann sich da gut hineinfühlen. Man rennt hin und her, hält sich meistens in der Küche auf. Von dem Gast kriegt man selber wenig mit.

Marta ist ganz von der Arbeit in Anspruch genommen und von ihrem guten Willen zu einem leckeren oder unvergesslichen Essen. Sich dem Gast persönlich zu widmen und ihm zuzuhören, das kommt zu kurz.

Ihrer Schwester Maria ist es wohl egal, ob der Gast angemessen bewirtet wird! Aus der Arbeit dafür hält sie sich einfach heraus, sitzt – ganz Ohr – bei ihm und hängt ihm an den Lippen.

Das ärgert Marta; sie ist neidisch auf Maria. Was sie darüber zu Jesus sagt, misst sich einzig am gerecht oder ungerecht aufgeteilten Ausmaß der Arbeit, das in dem Haushalt der Schwestern in dieser Situation anfällt, wenn man sich den Anforderungen guter Gastfreundschaft unterwirft.

Irgendwie ihre Schwester zu bewegen, dass sie sich an der Arbeit beteiligt, so dass sie sich auch die Begegnung mit Jesus teilen können, – auf diese Idee kommt Marta nicht. Ist sie vielleicht zugleich mit sich ganz zufrieden, weil sie sich ja so intensiv um den Gast bemüht und weil das in seinen Augen für sie sprechen könnte?

Dass Maria sich ebenfalls um den Gast bemüht, nämlich ihn bei sich ankommen zu lassen mit all dem, was er von sich hergibt, das hat Marta gar nicht im Blick. Marta sorgt für den Gast, wie es traditionelle Gastfreundschaft verlangt.

Und der Gast – wie geht es ihm dabei? Er redet; vielleicht ist das etwas einseitig dargestellte „Gespräch“, bei dem Maria vor allem ihm zuhört, von der Art, dass Jesus mit seiner Botschaft hier „ankommen“ möchte.

Bei Marta hat er da schlechte Karten. Ihr bleibt keine Zeit zum Zuhören.

Und bei Maria? Ist sie „faul“ oder „egoistisch“? Ihre Wertschätzung für Jesus und das, was er sagt, verlangt nach ihrer ganzen, ungeteilten Präsenz. Die Gebote traditioneller Gastfreundschaft müssen zurücktreten. Das ist jetzt notwendig: Sie will hören, was Jesus sagt. Für ihn und sein Wort ist sie jetzt ganz da. Über ihre Schwester Marta und ob sie das auch hören möchte oder sollte, macht sie sich keine Gedanken.

Der Herr antwortete:
Marta, Marta,
du machst dir viele Sorgen und Mühen.

Das griechische περί πολλά würde ich lieber übersetzen mit „wegen vielerlei“: Du machst dir Sorgen und Mühen wegen vielerlei.

Martas vieles Bemühen hat nur im Blick, Jesus als Gast möglichst gut zu versorgen und zu bedienen. Angesichts des vielen, das sie zu tun hat, übersieht sie allerdings, ob er vielleicht etwas mitbringt, mit dem er sich ihr zuwenden will. Sie kommt ja gar nicht dazu, ihm zuzuhören. Und er kommt gar nicht dazu, sie wirklich anzusprechen. Sie will nur ihn bedienen und auf diese Weise für ihn da sein. Jetzt als seine Gastgeberin nicht „liefern“, – das geht nicht.

Jesus erkennt Martas vollen Einsatz an: „Du machst dir viele Sorgen und Mühen.“ Und warum sagt er dabei ihren Namen zweimal? „Marta, Marta, …“ Meint er, einmal reicht nicht; da würde sie gar nicht merken, dass er sie anspricht – beschäftigt, wie sie ist? Oder ist das ein Zeichen, dass er anerkennend-zärtlich sie beruhigen möchte, damit sie zu sich kommt und da sein kann? „Marta, Marta, …“ Eigentlich ist sonst in der Bibel eine Anrede mit doppelter Nennung des Namens immer der Ruf, mit dem eine Berufung durch Gott beginnt. – Fragen bleiben offen.

„Du machst dir viele Sorgen und Mühen.“ Nach dem anerkennenden ersten Wort seines Wohlwollens Marta gegenüber fügt Jesus an: ολίγων δέ εστιν χρεία ή ενός Wörtlich übersetzt: Aber nur weniges braucht es wirklich – oder gar nur eines! Die im Gottesdienst verwendete Bibelausgabe übersetzt:

Aber nur eines ist notwendig.

γάρ τήν αγαθήν μερίδαübersetzt: und diesen guten Teil …

Maria hat den guten Teil gewählt,

nämlich den – im Vergleich zu den unwichtigeren vielen Dingen – den besseren Teil

der wird ihr nicht genommen werden.
(Lukas 10,38-42)

Martas Bitte, Jesus möge doch auf ihre Schwester einwirken, dass sie nicht einfach bei ihm sitzt, sondern ihr bei der Arbeit hilft, – dieser Bitte kommt er nicht nach; dieses Ansinnen lehnt er ihr ab: Dass Maria es vorzieht, bei ihm zu sitzen, um ihm zuzuhören, das soll „ihr nicht genommen werden“.

Die Begründung, die Jesus dafür gibt, dürfte genau die Botschaft sein, die die Erzählung vermitteln will. Seine Begründung, mit der er Marta ihre Bitte abschlägt, dürfte der Grund dafür sein, dass der Evangelist dieser so nebensächlichen Episode überhaupt einen Platz in seinem Evangelium gibt.

Warum also schlägt Jesus Martas Bitte ab?

Jesus schmälert nicht die Anerkennung für Martas Einsatz. Allerdings ist offensichtlich seine Absicht als Gast nicht, sich bedienen oder verwöhnen zu lassen. Als Zeichen der Freundschaft und Liebe nimmt er das ja gerne an; er wehrt sich nicht dagegen. Aber eigentlich möchte er Gast der Schwestern sein, um ihnen zu begegnen. Er redet mit ihnen, weil er ihnen etwas sagen will.

Dem stellt sich Maria voll und ganz. Sie ist ganz präsent, ganz da, offen für sein Wort. Das weiß Jesus zu schätzen.

Ihm kommt es darauf an, ankommen zu können mit seinem Wort. Alle Mühe und Sorge kann natürlich praktizierte Liebe sein. Wenn aber die Mühe und Sorge der Bewirtung eine persönliche Begegnung behindert, kann das Wichtigste dabei, nämlich die Liebe, unter den Tisch fallen. Ein Kind, das von seinen Eltern vor allem verwöhnt wird, kann sich im Schmerz der Entbehrung elterlicher Liebe das Leben nehmen!

Nötig oder wichtig ist nicht die Tatsache, dass ich mich engagiere, sondern dass ich mit der Art meines Engagements dem Ziel auch wirklich diene, für das ich mich engagiere. Das Viele mag wertvoll sein. Aber – so sagt Jesus – : „Nur eines ist notwendig!“ – im Kontrast zu dem Vielen. Im Vielerlei berechtigter Einzelheiten kann der Überblick verloren gehen. Da hilft nur die Besinnung, was von all dem wichtig ist.

Wie die Suche danach für mich in einer Auszeit an der Südostküste von Kreta aussah, deutet mein verfilmtes Urlaubstagebuch so an:

Seltsam, so hier zu sein: ohne Fernsehen, ohne Radio, ohne Zeitung, … mit sehr sporadischem Kontakt zu anderen Menschen. Ich glaub, für mich hat dieser Urlaub vor allem den Sinn, einfach da zu sein. Fragen und Ahnungen, die aufkommen … einiges wird sich in diesen zwei Wochen klären. Es tut mir gut, hier allein zu sein. Kreative Freiheit tut sich auf.

Und wenn ich so dasitze – mit viel Zeit, da kann ich das Leben spüren. Da tauchen Fragen auf: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? Wozu habe ich Lust? Was fehlt mir? Und dann muss ich lachen, weil ich gar nicht frage: Was soll ich? Was darf ich? Aber – was ist das Wichtigste? Vertrauen? Verantwortung?

Und der Herr sprach: Was willst du hier, Elija? (vgl. 1 Könige 19,9 und 14) – Ach Herr, ich hab mich bis jetzt so viel bemüht; jetzt reicht’s und ich möchte herausfinden, was jetzt für mich am wichtigsten ist.

Was es wirklich braucht, ist nicht ein Vielerlei aus möglichst vielem. Wirklich wichtig ist, meinen Sinn und meinen Blick dafür zu pflegen, in welche Richtung der Weg geht.

Nicht alle verstehen den Evangeliums-Abschnitt dieses Sonntags so.

Das Interesse, Aktion und Kontemplation, Gebet und Arbeit nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beide Seiten als wertvoll gelten zu lassen, kann dazu verleiten, vorschnell diese Erzählung dafür als Beleg zu nehmen. Vor allem wenn als das „Notwendige“ die Zwänge des Alltags zur Aktivität verstanden werden und als das „Gute“ die Besinnung und Kontemplation. Ein Beispiel dafür, über das ich gestolpert bin, findet sich hinter diesem Link: „Marta oder Maria?“ Da kommt genau das weiterhin zu kurz, was das Anliegen der biblischen Erzählung aussagt: Marta muss sich mit Maria versöhnen! Nicht der Kompromiss führt weiter – „mal du, mal ich“, sondern das volle Recht beider in gegenseitiger Verflechtung:

Es braucht immer wieder Aktivität, in der ich ganz da bin und voll präsent bleibe. Wenn ich mein Tun bewusst auswähle und die dafür investierte Zeit und Kraft dosiere – immer mit dem Blick, was wirklich tauglich und angemessen ist im Dienste des angestrebten Ziels, dann kann die Begegnung mit der Wirklichkeit des Lebens gelingen; das ist notwendig in aller Aktivität. Marta darf das nicht vergessen.

Und es braucht immer wieder die Besinnung,in der ich ganz da bin und voll präsent bleibe; das Innewerden der Kraft, die die Welt und mein Leben trägt; das Hören auf das Du, bei dem ich zum Ich werde. (vgl. Martin Buber) Wenn ich bewusst in der zweckfreien Kontemplation die Fenster offen halte zu dem, was geschieht, und wenn meine Besinnung zur Quelle und Orientierung wird für ein Handeln, das meinem Selbstverständnis wirklich entspricht, dann kann die Begegnung mit der Wirklichkeit des Lebens gelingen; das ist notwendig in aller Besinnung. In Maria wird das seine Wirkung haben. Alle Erfahrung zeigt ja, dass Kontemplation schließlich zum Handeln drängt. „Je mystischer, desto politischer!“, sagte Paul Zulehner.

Das Problem ist, dass Marta bei ihrer Art der Aktivität den Sinn für die persönliche Begegnung mit dem Gast verliert und dass ihr davon nur der Neid auf Maria übrig bleibt. Die Gewichtung, wie sie die Gastfreundschaft gestaltet, gerät ihr aus dem Lot, so dass ihre Freude an der Begegnung mit dem Gast schwindet – was natürlich auch der zu spüren bekommt.

Da wäre es schön, wenn Jesus sie mit seinen Worten dazu bewegen könnte, ihre Gastfreundschaft so zu gestalten, dass beide und alle drei an diesem Miteinander Freude und Erfüllung finden.

Da fällt mir noch die Parallele ein zu meiner Gastfreundschaft für das Wort, das hier aus dem Lukas-Evangelium zu mir kam:

Statt vielerlei zu erledigen, hatte ich mich hingesetzt und mir die nötige Zeit genommen hinzuhören: Was mag heute für mich und unsereins in dieser Erzählung das werden, was wir oft vorschnell mit dem Freudenruf quittieren, der mir aber jetzt über die Lippen drängt: „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“

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