Blogbeitrag

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Humane Globalisierung

27. Mai 2021

Sonntagsbotschaft zum 30. Mai 2021,  
dem Dreifaltigkeitssonntag 

Die Covid19-Pandemie führt mit neuem Nachdruck einen Aspekt der Globalisierung vor Augen: Über alle Erdteile hinweg sind wir Menschen auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Dichte Verkehrsströme transportieren schon seit Jahrzehnten weltweit vernetzt und rapide zunehmend nicht nur Personen und Waren, sondern auch Sprechgewohnheiten und Machtansprüche, Ideologien, gesellschaftliche Spielregeln und Konsumgewohnheiten, Geschäftsabschlüsse, Produktionstechniken, Eingriffe in ökologische Prozesse, und so weiter. Entwicklungen, die eine breite Palette von wertvollen Vorteilen wie auch von gravierenden Nachteilen für alle Menschen und für alle Länder – zum Teil extrem unterschiedlich verteilt – mit sich bringen. In Tempo und Dichte neu ist die pandemische Ausbreitung des Virus. Die Einsicht setzt sich in ihrer zwangsweisen Logik langsam durch: Auch die an Geld und an Impfstoff-Patenten reichsten Länder und auch die, in denen die Bevölkerung strikteste Anti-Corona-Regeln einhält, sind erst dann über den Berg, wenn auch die anderen Menschen mitspielen und die anderen Länder die Krise erfolgreich managen können und wollen. Die erreichte Dichte und Schnelligkeit globaler Abläufe fördert eine weltweite Angleichung der Bedrohungs-Situation und verlangt im Kampf gegen das Virus nach Entscheidungen, die ihre globalen Auswirkungen berücksichtigen.

Die Frage bei solchen weltweiten Bemühungen ist allerdings: Ist die Menschheit willens und fähig, so miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren, dass alle Unterschiede im Wollen und im Können ausgeglichen werden und so für alle der Weg zu einer echten win-win-Situation gebahnt wird?

Seit etwa einem Jahrhundert gibt es in institutionalisierter Form die Bemühung um einen globalen Ausgleich der Interessen. Nach dem Wegfall eines Systems der politischen Blöcke hat sich nun die Gegenbewegung in Richtung polarisierender nationaler Egoismen neu formiert. Die Welt steht vor der Herausforderung dieses Konflikts.

Mir drängt sich eine Sicht dieses Konflikts auf, die ich so benenne: Es geht um unseren Willen und um unsere Fähigkeit, die Schwelle der Evolution zum Menschsein wirklich zu überschreiten.

Biologisch ist dieser Schritt längst getan. Aber die Kultur des Zusammenlebens – politisch und wirtschaftlich – ist noch sehr geprägt von den uns aus dem Tierreich überkommenen Regeln und Gewohnheiten.

Was ist in diesem Zusammenhang des Tierreichs das Eigene am Menschsein?

In der Geschichte der biologischen Arten sind immer die Stärkeren die Sieger. Die an Kraft, Anpassung und Überlebensfähigkeiten gemessene starke Qualität der Gene ist das Merkmal schlechthin für das elementare Recht des Stärkeren.

Dann aber gibt es auch einen ganz anderen Maßstab, der selbst bei den schwächsten Individuen das allen gleiche elementare Recht auf Leben und seine Entfaltung erkennt: Es ist die besondere Würde, ein Mensch zu sein.

Die Anerkennung dieses Maßstabs der Menschenwürde steht in erbittertem Kampf mit dem Recht des Stärkeren.

Sowohl auf internationaler Ebene – bei den Vereinten Nationen ebenso wie in der Europäischen Union – als auch national – im deutschen Grundgesetz – genießt in verbindlichen Vereinbarungen und Erklärungen die Menschenwürde ein erfreulich hohes Ansehen als Ziel.

Wenn mächtige wirtschaftliche oder ideologische Interessen von Personen, Konzernen oder Staaten den Belangen der Menschenwürde entgegenstehen, zeigen sich allerdings immer wieder die Schwächen der Politik bei der Umsetzung dieses anerkannten Maßstabs.

Zum Beispiel wenn Leben und Gesundheit von Millionen von Menschen zurückstehen müssen, weil das wirtschaftliche Interesse des Patentschutzes an Impfstoffen deren Produktion zu Lasten dieser Millionen behindert.

Wie kann die Menschheit in globaler Selbstorganisation einen Weg finden, dass endlich auch die Schwächsten sich auf die Anerkennung ihrer Menschenwürde verlassen können?

Wenn auch das Zutrauen zu den Religionen in ihre Kompetenz, Probleme zu lösen, in unserer Zeit ziemlich heruntergekommen ist, bin ich dennoch überzeugt, dass der Gott, der durch die Bibel spricht und den Jesus mit seinem menschenfreundlichen Geist verkörpert, die Menschheit von heute verlässlich in die Zukunft führt.

Die Bibeltexte dieses Dreifaltigkeitssonntags sprechen deutlich davon:

Da ist der knappe Abschnitt aus dem Buch Deuteronomium. Mose ermahnt das Volk, die Gesetze und Rechtsentscheide, die er ihnen ausgerichtet hat, als Gottes Weisungen sich zu Herzen zu nehmen. Auffällig und für unsere aktuelle globale Situation interessant erscheint mir die Begründung, warum das so wichtig sei. Die große Bedeutung von Gottes Gesetzen und Rechtsentscheiden in Israel sieht er im Zusammenhang der Beziehung des Volkes Israel zu den anderen Völkern:

… Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk!

… Welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsentscheide, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?

(Deuteronomium 4,6.8)

Denn forsche doch einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde erschuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum andern Ende: Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses und hat man je solches gehört? Hat je ein Volk mitten aus dem Feuer die donnernde Stimme eines Gottes reden gehört, wie du sie gehört hast, und ist am Leben geblieben? Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie sich mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken, wie alles, was der HERR, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen? Heute sollst du erkennen und zuinnerst begreifen: Der HERR ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst. Daher sollst du seine Gesetze und seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, bewahren, damit es dir und später deinen Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt für alle Zeit.

(Deuteronomium 4,32-34.39-40)

Die Völker sollen am Beispiel Israel sehen: Wenn ein Volk sich an die Weisung Gottes hält, dann wird es den Menschen samt ihren Nachkommen gut gehen. Die Völker sollen daran erkennen: Der Gott der Bibel ist der einzige Gott überhaupt.

Hier redet jemand, der über sein eigenes Volk und seinen Gott froh staunt und dessen Blick sich über den eigenen Horizont hinaus weitet: Der Gott deines Volkes ist der Gott aller Völker, ja der ganzen Erde! Sein Bestreben ist das Wohlergehen aller Völker und aller Generationen! Wisst euch dem verpflichtet!

Die Worte des auferstandenen Jesus an seine Jünger im Evangelium des Dreifaltigkeitssonntags klingen wie eine geradlinige Fortsetzung:

Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; …

Was sollen sie mit denen machen, die seine Jünger werden wollen?

Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.

Und dann schließt er mit seiner Zusage an alle Völker und alle Generationen:

Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

(Matthäus 28,16-20)

In seinem Brief an die Christengemeinde in Rom beschreibt der Apostel Paulus mahnend den Unterschied zwischen den Völkern, die sich nach dem Gesetz der Evolution am Recht des Stärkeren orientieren und den Tod der Schwächeren hinnehmen, und dem Volk, das die Regeln seines Zusammenlebens nach den Erfahrungen mit Gottes Menschenfreundlichkeit bestimmt. Das eine ist die aus der Evolution übernommene Mentalität, die er das Gesetz des „Fleisches“ nennt, das andere ist der Atem des Schöpfers, der Geist, der selbst die Schwächsten aufleben lässt:

… diejenigen, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, die aber vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht. 

… das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden. …

Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt.

(Römer 8,5.6.9)

Daran anknüpfend sagt Paulus mit den Worten, die als zweite Lesung dieses Dreifaltigkeitssonntags zu hören sind:

Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden.

(Römer 8,14-17)

Mit Berufung auf die Verbindung mit Jesus Christus, aus der Christen neu leben und Lebensfreude erfahren, bestärkt Paulus zum Kampf gegen das Recht des Stärkeren und für die globale Geltung der Menschenwürde auch der Schwächsten.

Christen werden also darauf achten, alle ihre staatsbürgerlichen Möglichkeiten zum Zusammenschluss, alle ihre Überzeugungskünste, alle Wege demokratischer Einflussnahme geltend zu machen: nicht nur – wie bisher schon – in der Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik, sondern auch in der Finanzpolitik, der Außenpolitik und in der Politik weltweiter wirtschaftlicher Zusammenarbeit.

Der menschenfreundliche Gott ist der Gott aller Völker, ja, der Gott der ganzen Erde. Sein Wille ist das Wohlergehen aller Völker und aller Generationen. Das muss uns zum Herzensanliegen werden!

 

 

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Rainer Petrak