Blogbeitrag

Einfach da sein

17. Juni 2018

Urlaubs-Gedanken

Üblicher Weise „nutze“ ich ja meine Zeit (was nach Schlaf, Essen und Haushalt bleibt) in hohem Maß zu Aktivitäten, die mir liegen, und zu unterschiedlichen Kontakten mit anderen Menschen. Muße über die notwendige Erholung hinaus hat einen geringen Anteil. Ich „arbeite“ dran. Zum Beispiel indem ich in der letzten Zeit zuhause öfter nur Musik höre – und das zum klareren Archivieren und Reduzieren meines CD-Bestands „nutze“.

Längst habe ich verstanden, dass ich zum Ausgleich für dichte, zielgerichtete Aktivitäten echte „Unterbrechungen“ brauche, wenn ich „zufrieden“ bleiben und Unwohlsein vermeiden will. Und manchmal staune ich, wie selbst kurze Unterbrechungen mir da hilfreich sind. Hauptsache, ich schalte wirklich ab. Aber mir ist klar geworden: Im Interesse meiner Psychohygiene und auch geistig-körperlichen Leistungsfähigkeit muss ich mir mehr Klarheit verschaffen, wie ein Ausgleich zwischen „Arbeit“ und „Unterbrechung“ bei mir aussehen muss. Schon die Tatsache, dass ich das Gegenüber zur Arbeit als ihre „Unterbrechung“ sehe, zeigt mir, dass meine Sicht auf das „Gegenüber“ in der Gewichtung, die ich ihm zumesse, zu kurz kommt. Da muss es etwas von „Arbeit“ unabhängiges Eigenständiges geben! Ohne dabei an den Kategorien von Arbeit Maß zu nehmen! Vielleicht in der Art, „einfach da zu sein“, mein Leben zu leben, mich „selbst zu verwirklichen“. Hoffentlich dann auch in der Weise, dass im Unterschied zur „Unterbrechung von Arbeit“ dies dann – in entgegengesetzter Blickrichtung – zu etwas wird, was durch Arbeit unterbrochen und ausgeglichen werden will. Zwar bin ich ja skeptisch gegenüber einem „Diktat“ einer „work-life-balance“ und strebe eher eine Integration von beiden Seiten an (vieles meiner „Arbeit“ macht mir halt „Spaß“), weiß aber wohl, dass gerade darin eine gewisse Versuchung zum Workaholismus liegt und dass es hier um zwei wichtige Antipoden des menschlichen Lebens geht.

Da ich angesichts (des Gewichts) meiner „Arbeit“ weiß, unter welcher der beiden Rücksichten ich besonders achtsam sein will, nutze (diesmal ohne Gänsefüßchen) ich zwei Wochen für Urlaub! Denn im Urlaub geht das besser: einfach da sein. „Einfach da sein.“ Wie fühlt sich das an? Wie macht man das überhaupt? Wie mache ich das denn? Allein sein und nichts tun. Wie geht es mir damit? Und was geschieht da? Im Urlaub kann ich es mir leisten, solchen Fragen nachzugehen.

Jedenfalls „kommuniziere“ ich auch hier und jetzt mit meiner Umgebung. Ob ich es will oder nicht. Ich rieche den Duft der Kiefer, unter der ich sitze, höre die Brandung, das Zwitschern der Meisen und das Gurren der Tauben, die lebhaft miteinander redenden Menschen um die Ecke, Bau-Geräusche von der anderen Straßenseite. Der Wind streichelt mal meine Haut und mal bläst er mich kräftig an, jedenfalls kommt er mir sehr nahe und geht an mich ran …

Ich setze mich irgendwie dazu in Beziehung und entwickle eine Gefühlslage dazu. Was da in mir geschieht, entsteht durch meine Umgebung, hängt aber auch von Gegebenheiten ab, die ich selber in diese Beziehung einbringe.

Wieder einmal denke ich an Martin Bubers Wort „‚Ich‘ werde am ‚Du‘.“ Trifft das auch hier zu? Auch in der „Kommunikation“ mit der nichtmenschlichen, ja der unbelebten Umgebung?

Ist es eigentlich verwunderlich, wenn Menschen in der Geschichte immer wieder Dinge und Phänomene in ihrer Umgebung per Du angesprochen und so sie personifiziert haben? Das Wetter oder das Meer gar als einen „Gott“! Und Schatten oder Früchte spendende oder auch bei Gewitter den Tod bringende Bäume als belebendes oder auch als erschreckendes heiliges Du! Jenseits von allem unaufgeklärten (Noch-)Nicht-Wissen, das in allem Geheimnis einen Gott am Werk sieht. Vielmehr weil Menschen da ein Gegenüber sehen, das auf sie einwirkt. Ich selber spreche vom Berg Strongilis (bei Ferma auf Kreta) als meinem „geliebten Feind“ oder vom Berg Riza (dem Berg dort „gegenüber“) als meinem „neuen Freund“ und fühle auch eine Beziehung zu ihnen, wenn ich an ihnen höher klettere und – so weit ich angesichts meiner Grenzen es kann – sie zu „bezwingen“ suche: „Ich krieg dich!“

Zu einer solchen Sichtweise Stellung zu nehmen und sich – auch hier beim Schreiben beziehung(!)sweise beim Lesen! – zu ihr in eine Beziehung zu setzen, nur indem ich „richtig“/„falsch“ oder „cool“/„doof“ befinde, ist vielleicht aufgeklärt, aber eindimensional. So erspart man es sich – wenn auch durchaus legitim – , die „Dinge“ kreativ-spielerisch in ungewohnte Zusammenhänge zu bringen. Wer sich aber kommunikativ auf solche „Begegnungen“ einlässt und neue Zusammenhänge ausprobiert, kann die Welt verändernde Entdeckungen hervorzaubern. Wer anfängt, Ökonomisches mit Ökologischem oder Sozialem in Zusammenhang zu bringen, kommt an einer Änderung seiner Ökonomie nicht vorbei!

Ich will der Frage nachspüren, wie mein Ich sich verwirklicht – beim Nichtstun. Was ist da „mein Leben“? Wodurch wird da mein jeweils augenblickliches Lebensgefühl ausgelöst – unabhängig von irgendwelchen Aktivitäten? Moralische Bewertungen, die wahrscheinlich in meine Sicht einfließen wollen, lasse ich außen vor. Ich will phänomenologisch oder pragmatisch nur beschreiben. Kategorien wie „Faulenzen“ oder „Zeit verschwenden“ oder „Selbstbespiegelung“ müssen auf ihren üblichen Vorrang verzichten. Eher finde ich spannend, wie es zu dem Spruch kommt: „Wie herrlich ist‘s, erst nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruh‘n!“ Unter welchen Bedingungen gilt das? Und warum macht dieser Satz Spaß? Wirklich nur wegen seiner Ventilwirkung im Widerstand gegen moralisch dominierende Normen? Ich vermute, da steckt mehr und Wichtigeres dahinter, das sich auch im Detail mit Worten beschreiben lässt! Der Charme, mit dem das Wort „faulenzen“ das Nichtstun beschreibt und als lustvolle Versuchung qualifiziert, deutet das an. Man verkneift es sich halt, weil ja „Müßiggang aller Laster Anfang“ sei und man nicht als lasterhaft dastehen will. Moralische Norm, die in der Weise eines Tabu daran hindert, sich des eigenen Da-Seins inne zu werden?!

Viele Menschen haben einen Horror davor, allein zu sein und nichts zu tun. Warum? Das als „Langeweile“ zu benennen, ist dabei noch eher die harmlosere Version – meistens von jungen Menschen so benannt. Macht da etwas Angst? Schafft das Radio oder der Fernseher oder das Smartphone eine „Not-wend-ige“ Umgebung, damit der Mensch unbedingt kommunizieren und an diesem Du zum Ich werden kann? Geht es ohne das Du denn nicht?

Ist es verwunderlich, wenn Menschen beim drohenden Ausfall solcher Mittel zum Ich-Werden dann aus irgendeinem sie irgendwie berührenden Phänomen der Umgebung, aus dem Tod oder aus der Welt sich einen „Gott“ machen – „nach dem eigenen Bild erschaffen“ (Ludwig Feuerbach)? (Martin Luther: Dein Gott ist dir das, woran du dein Herz hängst.) Es könnte sein, dass die Sehnsucht nach dem Du im Blick auf solche Zusammenhänge sich als mächtiger Motor für Grundlagen des Denkens und Handelns zeigt.

Wie lebe ich dann aber mein Ich, ohne mich durch zahlreiche Phantasien oder auch reale Erfahrungen eines Du oder auch vielfältiger Du‘s dominieren oder gar definieren zu lassen?

Nicht in Ruhe gelassen hat mich vor Jahren bei der Lektüre von „Eine Minute Weisheit“ von Anthony de Mello die Vorstellung, zu der für mich eine Reihe seiner Aphorismen verschmolzen: „Der Meister sagte zum Schüler: Frag nicht in allem und jedem immer Gott nach seiner Meinung und Entscheidung; fang an, selber Verantwortung zu übernehmen! Hat er dich denn nicht nach seinem Bild geschaffen?!“

Was ist Inbegriff davon, wenn ich sage „Ich bin da.“? Oder wenn ich mich mitten in – mir entgegengebrachtem oder auch selbst verursachtem – Erwartungsdruck aufbäume, indem ich trotzig und mit Nachdruck Wort für Wort ausspreche: „Ich bin jetzt hier!“

Da sein – als die Person, die ich bin – besteht doch nicht darin, dass ich reflektiere, wessen ich mir als meiner selbst bewusst bin! Obwohl ich von meiner leistungsorientierten Biografie her zu dieser Sicht neige. Jedenfalls ist die „Reflektion“ meines Selbst nur die Reflexion des Spiegelbilds, nicht aber ich selbst. Mir bewusst werden lassen kann ich auch immer nur eine oder wenige Facetten meiner Wirklichkeit. Die komplexe und zugleich ganz einfache „Mitte“, die das Ganze meines Ichs umfasst und im „Überblick“ darstellt, wird mir zeitlebens als ein Geheimnis unzugänglich bleiben.

Vielleicht ist ja mein Drang, Ich zu sein (oder immer mehr zu werden) der Grund für meine Sehnsucht nach dem Du. Eine Ahnung davon erspüre ich immer wieder in der Begegnung mit Menschen, wenn die Verständigung gelingt, so dass in gegenseitiger Offenheit und Achtung Neues sichtbar wird. Solche Erfahrungen können mir dann – je nach Sichtweise, die ich einnehme – transparent werden für das große Du, das sich der Begegnung mit mir darbietet und das zu „erkennen“ mir den Weg erschließt, auch mein Ich und seine Größe zunehmend zu „erkennen“.

Auf diesem Weg sehe ich mich unterwegs. Am meisten „bei mir“ sein kann ich da, wo ich „bei Dir“ anwesend bin. Präsent. Und am intensivsten „bei Dir“ bin ich wohl, wenn ich ganz bei mir bin: Adsum. Nur: Wer bin ich wirklich? Wohin wird zunehmende Klarheit mich führen? Dich frage ich, „mein Herr und mein Gott“. Und weiß, dass Du mich mit derselben Frage zurückfragst.

Warum eigentlich beschäftigen mich solche Fragen? – Als Hintergrund in meiner grundsätzlichen Lebenseinstellung ist mir klar geworden:

  1. Ich will mich verwirklichen, erfüllt leben, glücklich sein.
  2. Das will ich für alle anderen Menschen auch.
  3. Und dazu will ich beitragen –
    möglichst gemeinsam mit anderen, damit das mehr Kraft entfaltet.
  4. Jesus hat gezeigt – in Gottes Namen – : Das geht!
  5. Ich selber habe es erlebt, bin daher von dieser Perspektive überzeugt
  6. und bereit, dafür zu kämpfen.

Unter dem Motto „Jeder Mensch … soll erfahren, …“ haben wir 1985 die jährliche Wochenend-Klausur des Pfarrgemeinderates mit einem Konsens über ein Leitbild dieser Art beendet.

Voll von solchen Fragen und vorläufigen Klärungen gehe ich in den sonntäglichen orthodoxen Pfingst-Gottesdienst in Ierapetra auf Kreta.

Ich bin da. Verstehe so viel wie nichts. Der Versuch, auf dem Weg des Verstehens mich zu dem Geschehen dieses Gottesdienstes in Beziehung zu setzen, scheitert ganz einfach. Ich ahne, dass es auch andere Möglichkeiten gibt.

Das räumliche „Setting“ der Kathedralkirche mit dem Gewölbe und den Fresken und der den Raum teilenden Bilderwand zeigt mir: Hier ist ein „Fenster“, eine „Schwelle“ zu der anderen „Dimension“, die menschlicher Wahrnehmung normaler Weise unzugänglich bleibt, unsereins nicht zu eigen ist. Auf dem Weg der gefeierten Liturgie bietet sich mir hier aber eine lebendige Beziehung durch diesen Übergang hindurch in den „Himmel“ hinein und von „dort“ zu mir. Ähnlich ist es mir ja auch beim täglichen Stundengebet wichtig geworden – auf Grund der bildhaften Vorstellung von der großen, Gottes Lob singenden Versammlung der Vielen aus allen Generationen und Völkern (im Hebräerbrief und in der Johannes-Apokalypse). Mir fällt auf, wie häufig die Türen durch die Bilderwand durchschritten werden. Wenn der Priester herauskommt aus dem der unbehinderten Sicht entzogenen Teil, erfahre ich von dort Zuwendung durch den Gesang, die Gestik und den Blick, der anscheinend auch mich sucht und meint. Verstärkt erlebe ich diese Zuwendung, die den geheimnisvoll verborgenen Teil des Raumes jenseits der Ikonostase verlässt, wenn er mit der geradezu jeden einzelnen Menschen einbeziehenden Geste des Weihrauchs durch alle Gänge des gesamten Versammlungsraums zieht.

Bei diesem „Da-Sein“, in dem ich inaktiv bleibe – mit der Einstellung, mich in das mir Vorgegebene einzufügen, und symbolisiert beispielsweise im Aufstehen und Hinsetzen gemeinsam mit der versammelten Gemeinde – fühle ich mich „zu Frieden“ und öffne mich den „Eingebungen“. Mein Ein- und Ausatmen verwirklicht leiblich die „Beziehung“ zwischen mir selbst und dem Vorgegebenen, das mich umgibt. Eigentlich „fehlt“ mir da nichts. Allerdings suche ich zu verstehen, was da geschieht und was da mit mir geschieht; so habe ich es gelernt, so bin ich es gewohnt. Aber ich weiß schon: Da ist eine Möglichkeit, ja eine Wirklichkeit, die unabhängig ist von meiner Reflektion. Mir wird klar: „Cogito, ergo sum“ (Descartes – und ähnlich die rationale Aufklärung) trifft nicht meine Überzeugung! Nur – was an Stelle des Denkens ist es denn, was mein Da-Sein ausmacht? „Gott schuf den Menschen aus Ackerboden und hauchte ihm Seinen Lebensatem (griechisch: „Pneuma“) ein; so wurde er zu einem lebendigen Menschen“ (vgl. Genesis 2) (lebendig sein = da sein). Und „Pneuma“ ist zugleich das Wort für Gottes „Geist“. Mein unaufhörlich ein- und ausgehender Atem ist also die leibliche Seite davon, dass ich lebe, indem ich Gottes Geist atme? „Nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin. Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen.“ (vgl. Psalm 104) Mein Atem ist dann auch so etwas wie das Fenster, durch das die Beziehung zwischen Dir und mir geschieht: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.“ (so Huub Osterhuis – in der deutschen Übersetzung von Lothar Zenetti – in dem Lied „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“). Ohne diese Beziehung bin ich nicht „da“, bin ich kein lebendiger Mensch. (Vorsicht: In der dieser Sichtweise eigenen Logik ist das eine Einsicht über mich selbst, nicht aber über andere Menschen, die eine Beziehung zu Gott ablehnen!)

Und was habe ich jetzt gewonnen? Ist mein „Lebensgefühl“ oder „Selbst“-Verständnis klarer geworden?

Im Urlaub, in dem ich – als Ausgleich zur sonstigen Vielfalt menschlichen Miteinanders – die Situationen des Alleinseins suche und genieße, kann ich mir ausgiebig Zeit nehmen zu derlei „Erkundungen“:

Was mache ich eigentlich, wenn ich – auf meinen Wanderungen, aber auch zuhause – Selbstgespräche führe? Einfach fängt es an, wenn ich am Ende einer Anstrengung „öff!“ seufze oder „ach ja!“. Aber wenn ich dann ganze Sätze ausspreche? Zu wem sag ich das? „Ins Leere“ – wie Anselm Grün es mir anregte – , von dem ich dann spüre, dass es gar nicht leer ist? Oder fasse ich da etwas in Worte, weil ich dadurch eine Erinnerung festhalten will für später? Um es jemandem zu sagen? Oder für mich selber?

Wenn ich, was ich „wahrgenommen“ habe, in Worte fassen will, um es zu benennen und zu beschreiben, ist das noch keine Reflektion. Wohl ist jedes In-Worte-Fassen bereits auch eine Deutung im Sinn einer Aussage über die Zusammenhänge, in denen das Wahrgenommene stehe. Die Bedeutung eines jeden Wortes ist ja die sprachlich-gesellschaftliche Konvention über die mit dem Wort „gemeinten“ Zusammenhänge. So kann ich aber bei einer Person, die mein Wort aufnimmt, durch das wiedererkennende Verstehen seines Inhalts nur bereits Vertrautes auslösen. Was ich aber neu „wahrgenommen“ habe, lässt sich als das Neue, Noch-nicht-Vertraute nur vermitteln, indem ich das Wort in neue Zusammenhänge bringe. Ich nehme beim Schreiben dafür gerne auch Klammern, Gedankenstriche und Anführungszeichen zu Hilfe. Gegen solche Übermittlungsversuche von Neuem, bisher Unbekanntem wehrt sich aber die Reflektion, weil die ihr eigene Orientierung vom Vertrauten lebt. Wissenschaftliche Neuentdeckungen brauchen deshalb auch den „Beweis“ durch eine Ableitung aus bereits Bekanntem.

Warum nennt die deutsche Sprache das unmittelbare Erkennen vor jeder Reflektion „wahr nehmen“? Das Griechische nennt „wahr“ (in der deutschen Übersetzung) das, was „a-leth-os“ ist, also „ent-hüll-t“, aus der Verborgenheit hervorgetreten. Der Vorgang, der sich mir in der Wahr-Nehmung, also in der un-Mittel-baren, elementar „kommunikativen“ Begegnung erschließt, sei das „Wahre“ schlechthin, dem sich reflektierendes Denken als Weg zur „Erkenntnis“ von „Wahrheit“ mit nur verminderter Zuverlässigkeit sekundär anschließt? Vertretern der viel stärker erfahrungsorientierten chinesischen Heilkunde erscheint die viel stärker reflektierende abendländische Schulmedizin oft von ziemlich beschränkter Zuverlässigkeit. Ist das der gleiche Zusammenhang?

Eigentlicher Lebensvollzug wäre dann das Wahrnehmen vor jeder Deutung! Also „bin“ ich lange vor jedem Denken. Der Vollzug des Lebens erscheint wie eine „Dimension“, die das Denken ebenso umfasst oder übersteigt, wie der Raum die Fläche umfasst oder übersteigt.

Ab einem bestimmten Ausmaß werde ich solchen Reflektierens überdrüssig und mir wird klar: Vorrang hat das unmittelbare, unabgeleitete Erleben selbst; das darf nicht unter einem Übermaß an Reflektion zu kurz kommen. „Alles im Griff haben“ zu wollen, könnte sonst vom „Leben“ selbst abhalten, gar zur Besessenheit werden. „Ich bin jetzt hier“ – das geht gut (am besten?), indem ich offen und kommunikativ wahrnehme. Was daran „unvollkommen“ bleibt, lässt sich gut ergänzen durch den Austausch mit „Anderen“ (vor allem mit Andersdenkenden?).

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Rainer Petrak