Blogbeitrag

Demo im Licht des Engels

Engelsbotschaft

16. Dezember 2021

Sonntagsbotschaft zum 19. Dezember 2021, dem 4. Adventssonntag im Lesejahr C. 

Das ist schon seltsam; immer wieder mal erlebe ich das – in gleicher Weise mal in der Tageszeitung, mal im Messbuch der Kirche mit den Gebetstexten, die für den Gottesdienst vorgesehen sind.

Da stoße ich auf begriffliche Ausdrucksweisen, die perfekt daherkommen, die aber jede Möglichkeit vermissen lassen, dass man sich hineinfühlen und dazu in Beziehung setzen könnte. Wenn es um kirchliche Texte geht, die gebetet werden wollen, reden ja viele Kritiker von „Kirchen-Chinesisch“.

Vor vielen Jahren schon ging es mir so auch mit dem sogenannten „Tagesgebet“, das diesen 4. Adventssonntag eröffnet und die Aufmerksamkeit der Feiernden auf das lenken will, worum es an diesem Tag geht:

… Durch die Botschaft des Engels
haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. …

Das befremdende Unwohlsein, das diese Formulierung in mir auslöste, hatte ich mir nicht sofort verboten. Ich wollte zu meinem Gefühl stehen, machte mich also auf die Suche. Ich wollte den Worten nachspüren, ob ich das nicht vielleicht doch beten und so mich in das Leben der Kirche einfügen kann.

Als erstes verstand ich, dass mich die strenge theologische Begrifflichkeit störte; so bete ich nicht.

Im zweiten Schritt habe ich mich gefragt, welche – von mir geteilte – Glaubenseinsicht das denn ist, die da so präzise-distanziert-lehrhaft in Worte gefasst wird.

Und schließlich wusste ich: Ja, in der Tat, dass in Jesus von Nazareth, in der Geburt dieses Menschen, Gottes Sohn – ER selber – zur Welt gekommen ist, das kann ich nur deshalb mit großer Freude so sehen, weil ich mich der Botschaft anvertraue, die „der Engel“ ausgesprochen hat! Und deshalb kann ich – heute wie schon so oft – von Neuem staunen: Ja wirklich, alles dieses Aufrichtende, Heilende, Befreiende, das die Bibel bezeugt, womit der Mensch Jesus geradezu eine neue Welt eingeläutet hat, eine wirklich menschliche, – das ist Gottes Wille, SEIN Wort, SEINE Tat. Das ist die Kraft und die Energie, mit der ER, derselbe Gott, heute und immer und hier und überall die Menschheit mit seinen liebevollen Impulsen beschenkt! Und das so sehen zu können – diese Chancen für uns Menschen und fürs Leben, vor allem für die Menschen, deren Chancen auf ein erfülltes Leben wir längst abgeschrieben haben – das so sehen zu können, das ist eine „Gnade“, – auf Normal-Deutsch: ein Geschenk.

Und wenn ich diese „Botschaft“, die nur „Gottesboten“, also „Engel“ als Geschenk bringen und ausrichten können, wenn ich das bei mir ankommen lasse als Rahmenzusammenhang für mein Verständnis aller Wirklichkeit und wenn ich mir das „zu Herzen“ gehen lasse, dann kann ich mit einem tiefen Seufzer sehnsüchtiger Hoffnung die Bitte aus dem Beginn des Tagesgebets dieses Sonntags echt beten – solidarisch mit der ganzen von Gott geschaffenen Menschheit:

„Gieß deine Gnade in unsere Herzen ein!“

Denn dann kann ich in dem, was heute geschieht, Gottes Handeln sehen – im Licht der „Botschaft des Engels“ und mit meinen dafür offenen Augen.

Diese emotional konzentrierte Begegnung mit einem als Gebet vorgegebenen Text wurde in mir wieder lebendig, als ich diesmal vor dem 4. Adventssonntag mal einfach neugierig nachschaute: Was sagt denn der Sonntags-Schott in seinem knappen einführenden Hinweis, wie er die Tür zu diesem Sonntag öffnet?

Da las ich:

Dass Gott sich um uns kümmert,
dass er in unserem Leben anwesend ist,
das versuchen wir zu glauben,
auch wenn die Erfahrung es nicht immer bestätigt.

Sofort spürte ich: Ja, das rührt an etwas ganz Zentrales:

Einerseits – wie schön wäre es doch, immer wieder zu erleben, dass Gott sich wirklich um uns kümmert und dass er wirklich da ist in unserm Leben, vor allem da, wo wir nicht damit klarkommen, wie die Dinge laufen!

Andererseits geben unsere Erfahrungen allzu oft eben gerade keine Bestätigung dafür, lösen vielmehr jede Menge Fragen aus!

Das hier so offen ausgesprochen zu sehen, knapp und unaufgeregt und ohne ein schlechtes Gewissen zu machen, das tat mir gut. Bevor ich weiterlas, habe ich mich gefragt: Und warum bin ich mir aber so gewiss, dass Gott sich wirklich um uns kümmert und dass er in unserm Leben gerade auch hier und heute anwesend ist? Bevor ich mir eine schnelle Antwort geben konnte, las ich weiter:

Die Bestätigung für unseren Glauben
ist das Christusereignis selbst.
Jesus, Davidsohn und Gottessohn,
kommt als guter Hirt und König,
als der Hohepriester des Neuen Bundes,
in allem aber als unser Bruder und Helfer.

Da geht mir das Herz auf! Und da wird mir diesmal doppelt klar: Das ist der wesentliche Aspekt in der Botschaft dieses Sonntags: Was dieser Jesus damals an Erneuerung und Aufbruch gebracht hat und an beglückender Erfüllung und zugleich provozierender Orientierung, das ist weder das Werk eines egomanen Einzelkämpfers mit genialem Charisma noch das Werk eines ideologisierenden, spinnigen Aufrührers, sondern in seinem ganzen Tun und Reden, ja im „Ereignis“ seines ganzen Lebensweges hat Gott selber sich gezeigt – „geoffenbart“, sagt die Bibel. Gott möchte so gerne, dass wir alle diese quasi-religiösen, in Wirklichkeit nur machtversessenen Vorstellungen von ihm fahren lassen und in Jesus Gott als unsern Bruder und Helfer erkennen, einer von uns Menschen geworden, der als rettender und befreiender und gerechter Anführer – „Hirt und König“ nennt es die Bibel – bei uns anwesend sein will und sich um unser Wohlergehen kümmern will.

Was für ein Geschenk, durch die Botschaft immer wieder daran erinnert zu werden und dass er auch immer wieder neu zur Welt kommen will, in unsere Welt hier und heute kommt, wo immer man ihn aufnimmt!

Nur weil es uns gesagt wurde, „wissen“ wir es, bestätigt es sich uns immer wieder neu; weil es uns ausgerichtet wurde – von Boten, auf Griechisch: von Engeln!

Und ganz gespannt frage ich jetzt die Bibeltexte dieses 4. Adventssonntags, die ja in ihrem Wesen Botschaft sind –  also „Engel-Worte“ in Gottes Auftrag: Sprechen sie tatsächlich das aus? Ist das wirklich der Akzent der Botschaft, die an diesem Sonntag bei uns ankommen will?

Der Prophet Micha spricht in der 1. Lesung von einer zukünftigen Person, die er rätselhaft benennt „einer, der über Israel herrschen soll“. Zeit und Ort der Herkunft dieses künftigen Herrschers erscheinen dem Propheten wichtig, um seine Bedeutsamkeit zu beleuchten: „Hervorgehen“ – so nennt er es –, werde er aus Betlehem. Unsereins heute hört natürlich bei „Betlehem“ sofort den Geburtsort von Jesus. Dieser Text stammt aber aus Jahrhunderten vor Jesus. Was bedeutet Menschen damals Betlehem, so dass sie hören, worauf der Prophet hier Bezug nimmt? Worauf will er hinaus, wenn er als Herkunftsort des zukünftigen Herrschers Betlehem nennt? „Zwar klein“ sei dieser Ort in Juda, der auch Efrata heißt. Er signalisiert also seinen Hörern oder Lesern Verständnis für ihre Skepsis, ein Herrscher über Israel müsse doch eigentlich aus Jerusalem kommen. Warum dann aber Betlehem? Er verweist darauf, dass Orte in Juda zugleich – anscheinend über viele Generationen hinweg – als Ansiedlung bestimmter Sippen bekannt sind. Und er betont, der Ursprung des zukünftigen Herrschers liege bereits „in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen“. Für Menschen aus der Zeit des Propheten Micha muss das wie ein Wink mit dem Zaunpfahl gewesen sein: Man wusste ja, dass der Sitz des Stammhauses von König David in Betlehem war! Sie hören also seine Botschaft, von der er betont „So spricht der HERR“, und können nur ungläubig staunend aufhorchen:

Wie! Aus dem Stamm Davids, so verspricht uns jetzt Gott, wird einer kommen, der alle Fremdherrschaft wieder beendet und in Israel herrschen wird?! Einer von uns wird wieder da sein und sich als König um uns und um alles kümmern – so wunderbar wie einst David???

Und der Prophet setzt seine Botschaft fort: Ja, das dauert zwar noch, bis die ihn Gebärende ihn geboren hat, aber ihr könnt euch darauf verlassen. Die übrig geblieben sind von den nach Babylon Deportierten, werden ins Land zurückkehren.

„Und er wird auftreten und ihr Hirt sein
in der Kraft des HERRN,
in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes.
Sie werden in Sicherheit wohnen;
denn nun wird er groß sein
bis an die Grenzen der Erde.
Und er wird der Friede sein.“

Christen können das gar nicht mehr anders hören als auf Jesus bezogen!

Was für eine Botschaft, heute uns als bevorstehend zugesagt!

Und dann kommt an diesem 4. Adventssonntag der Bote, der diese Zusage auf Maria bezieht, die Jesus gebären wird:

Im Matthäus-Evangelium, im Lesejahr A verkündet, ist es der Engel, der dem Josef, dem Sohn Davids, im Traum erscheint und das Kind, das seine Verlobte erwartet, als den verheißenen „Immanuel“ identifiziert, also als den neuen König, in dem „Gott mit uns“ ist.

Im Lukas-Evangelium, in dem Abschnitt, der am 4. Adventssonntag im Lesejahr B verkündet wird, ist der Bote der Engel Gabriel, der Maria verkündigt, sie werde den neuen, dem Volk verheißenen König auf dem Thron Davids gebären.

Und hier, am 4. Adventssonntag im Lesejahr C, ist – auch aus dem Lukas-Evangelium zu hören – der Bote Marias ebenfalls schwangere Verwandte Elisabet, die mit jubelnd lauter Stimme Maria begrüßt und das Kind, das Maria erwartet, als ihren „Herrn“ bekennt.

„Selig, die geglaubt hat, was der Herr ihr sagen ließ!“ Elisabets Gratulation gilt nicht nur Maria, sondern allen, die die Botschaft ausgerichtet bekommen, empfangen und als Grundlage ihrer Lebensorientierung anerkennen, selbst wenn eigene Erfahrung ohne Bestätigung dafür bleibt, aber weil sie der Botschaft mehr vertrauen als allen anderen Narrativen.

Ja, die Worte im Sonntags-Schott, die in diesen Sonntag hineinführen, halte ich doch für eine sehr gute Anregung, in Beziehung zu mir selber zu setzen, was da – zunächst mal an Weihnachten – als „Christusereignis“ auf uns zukommt:

Die Bestätigung für unseren Glauben
ist das Christusereignis selbst.
Jesus, Davidsohn und Gottessohn,
kommt als guter Hirt und König,
als der Hohepriester des Neuen Bundes,
in allem aber als unser Bruder und Helfer.

Wie das Tagesgebet es sagt – hier ein wenig umformuliert:

Weil der Engel uns diese Botschaft gebracht hat,
haben wir erkannt,
dass in Jesus
dein Sohn, Gott,
als Mensch
zur Welt gekommen ist!

Hier können Sie meinen Beitrag weiter empfehlen:

Neu: Unterstützung für Predigende →

Rainer Petrak