Blogbeitrag

redender Arbeiter (Linol) Rainer Petrak 1956

Jesus kein Kleriker

1. Juli 2021

Sonntagsbotschaft zum 4. Juli 2021 
(14. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Ein Mensch tritt öffentlich auf und rüttelt das Volk und die Mächtigen auf, sich von neuem in eine lebenswerte Zukunft in Freiheit führen zu lassen. Sie müssen nur auf Gott hören.

Die allerdings wollen das nicht hören. Sie werden ja von fremden Mächten in Schach gehalten und haben sich – wohl oder übel – damit arrangiert.

Er aber, Ezechiel, weiß sich ganz klar von Gott beauftragt. Dabei hat er doch gar keinen Posten, der ihn dazu legitimieren würde. Das mag ihm schmecken oder nicht.

Seine Erzählung, wie er dazu kommt, ist die Erste Lesung aus der Bibel an diesem Sonntag:

In jenen Tagen
schaute ich das Aussehen der Gestalt
der Herrlichkeit des HERRN.
Und ich fiel nieder auf mein Angesicht.
Da hörte ich die Stimme eines Redenden.
Er sagte zu mir: Menschensohn,
stell dich auf deine Füße;
ich will mit dir reden.
Da kam Geist in mich, als er zu mir redete,
und er stellte mich auf meine Füße.
Und ich hörte den, der mit mir redete.
Er sagte zu mir: Menschensohn,
ich sende dich zu den Söhnen Israels,
zu abtrünnigen Völkern,
die von mir abtrünnig wurden.
Sie und ihre Väter sind von mir abgefallen,
bis zum heutigen Tag.
Es sind Söhne mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen.
Zu ihnen sende ich dich.
Du sollst zu ihnen sagen:
So spricht GOTT, der Herr.
Sie aber: Mögen sie hören oder es lassen
– denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit -,
sie werden erkennen müssen,
dass mitten unter ihnen ein Prophet war.
(Ezechiel 1,28c – 2,5)

Mit der Zuordnung dieses Abschnitts aus dem Buch Ezechiel zu der folgenden Erzählung im Evangelium soll eine Ähnlichkeit deutlich werden zwischen Ezechiel und Jesus. Beide sind nicht als Kleriker amtlich bestellt. Beide wissen sich aber mit einem profilierten Ruf von Gott beauftragt. Beide haben damit eine schwierige Position in der Öffentlichkeit.

Die Funktion oder der Dienst, zu dem Ezechiel sich berufen weiß, bekommt er ausdrücklich als „Prophet“ benannt. Damit ist seine Aufgabe eingeordnet in eine Reihe mit vielen anderen Propheten, von denen die Bibel spricht. Eine Aufgabe voller Schwierigkeiten.

Das griechische Wort προφήτης / prophetes ist abgeleitet vom Verb pro – femi / „ich spreche aus“. Ein Prophet ist also einer, der etwas heraus-spricht, was Gott sagen will. Und oft bekräftigen Propheten ihre Worte durch zeichenhafte Handlungen. Aber wegen ihrer meist kritischen Äußerungen wurden sie häufig von den Mächtigen bekämpft. Anerkennung – wenn überhaupt – bekamen sie immer erst hinterher. Um ihren Einfluss zu kompensieren, haben dann Könige in Israel andere Männer berufen. Diese zwar amtlich angestellten und mit Autorität ausgestatteten, auch so genannten „Propheten“ gelten in der Bibel als „falsche Propheten“ –wegen ihrer Abhängigkeit von den Machthabern, an deren Absichten sie ihre Verkündigung anpassten. Wenn ein Prophet auftrat, stand also immer erst einmal die Frage im Raum, ob sein Wort wirklich von Gott kommt.

Auch Jesus bezeichnet sich in der Synagoge von Nazareth als „Prophet“ und deutet so für die, die ihm zuhören, die Widerstände, auf die er mit seiner Botschaft stößt. Davon erzählt das Evangelium des Sonntags:

In jener Zeit
kam Jesus in seine Heimatstadt;
seine Jünger folgten ihm nach.
Am Sabbat lehrte er in der Synagoge.

Schon in Kafarnaum, als er am Sabbat in die Synagoge zum Gottesdienst gegangen war, hatten sie ihm die Gelegenheit zum Sprechen gegeben. Das kam nach ihrem Brauch ja jedem zu, der die Bar Mitzwa hinter sich hatte – wir würden heute sagen „der gefirmt oder konfirmiert war“. Und von den Menschen in der Synagoge von Kafarnaum heißt es:

„Sie waren voll Staunen über seine Lehre;
denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat,
nicht wie die Schriftgelehrten.“
(Markus 1,21-22)

Und hier in Nazareth genauso. Da heißt es im Evangelium weiter:

Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten,
gerieten außer sich vor Staunen
und sagten: Woher hat er das alles?
Was ist das für eine Weisheit,
die ihm gegeben ist!
Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen!
Ist das nicht der Zimmermann,
der Sohn der Maria
und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon?
Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?
Und sie nahmen Anstoß an ihm.

Warum?

„Den kennen wir doch! Das ist doch einer von uns!“ Da hat er sich nicht so hervorzutun. Ja, wenn er eine Weihe hätte oder wenigstens ein Theologie-Studium! Er ist ihnen gleich. Einer von uns.

Das ist ja wie wenn in einem Gottesdienst heute ein junger Mann – oder eine Frau – aus der Nachbarschaft einfach die Predigt übernehmen würde – und das dann allerdings so, dass alle vor Staunen außer sich geraten. In der Ordnung tut das nur einer, der dazu amtlich beauftragt ist.

Wenn das irgendeiner aus der Gemeinde täte, wären die Leute skeptisch: Was der da sagt, schüttelt er sich das aus dem Ärmel? Auch wenn es interessant oder gefällig klingen mag, – ist das auch wirklich katholisch?

Ist das nicht auch zu vergleichen mit dem prophetischen Auftritt der 16-jährigen Greta Thunberg am 23. September 2019 in New York vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen?

[ Video ]

Dass er mit seiner Rede in Nazareth Anstoß erregt, kommentiert Jesus so:

Da sagte Jesus zu ihnen:
Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen –
außer in seiner Heimat,
bei seinen Verwandten und in seiner Familie.

Jesus selber ordnet sich hier ausdrücklich ein als ein „Prophet“. Auch wenn er keine amtliche Legitimation hat – weder aus Jerusalem noch aus Rom –, will er als „Prophet“ verstanden werden. Er weiß sich dazu von Gott berufen.

Und er konnte dort keine Machttat tun;
nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
Und er wunderte sich über ihren Unglauben.

Taten, die seine Verkündigung bekräftigen und als Zeichen für Gottes Macht seine Worte konkret machen, kann er nicht tun, wo man Anstoß an ihm nimmt. Er nennt das ihren „Unglauben“. Und der befremdet ihn: Was hindert sie denn am „Glauben“?

Die Erzählung sagt: Weil er einer von ihnen ist und kein amtlich Bestätigter. In der traditionellen Sprache der Kirche: „Er gehört nicht zum Klerus.“

Und Jesus zog durch die benachbarten Dörfer
und lehrte dort.
(Markus 6,1b-6)

Er verhält sich wie ein Prophet. Aber das, was er tut und wie er redet, – das kann man eigentlich nur von Gott selber erwarten.

Und statt sich und seinen Auftrag, seine Vollmacht eindeutig zu legitimieren, präsentiert er sich so, wie sie ihn kennen – als einer von ihnen.

Zu seinem Selbstverständnis gehört es offensichtlich, deutlich zu machen, was der Apostel Paulus der Gemeinde in Philippi in seinem Brief an sie ans Herz legt, nämlich – wie er sagt – „untereinander so gesinnt [zu sein], wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“, – und dann folgt der Hymnus, der anscheinend schon damals unter Christen bekannt war und der auch bis heute an herausragenden Festen im Jahr wie an Palmsonntag oder am Fest Kreuzerhöhung verkündet oder gesungen wird:

Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
(Philipper 2,6-7)

Und da er das Menschsein neu lebt mit seinen Möglichkeiten, die dem Menschen eigen sind, wenn er das Leben und sein Tun im Hören auf Gott gestaltet, ist er ja nicht nur ein Ab-Bild für Gott, sondern auch ein Vor-Bild, dem nachzufolgen er einlädt und aufruft. Pilatus wird dann – ungewollt prophetisch – von ihm sagen: „Seht, der Mensch.“ Und die Leute – nicht nur in Nazareth – staunen über die Möglichkeiten des Menschensohnes, den sie als Gottessohn ja eh noch lange nicht sehen können.

Da aber Jesus in ihrer Wahrnehmung die Möglichkeiten, die sie als allein Gott vorbehalten verstehen, mit Möglichkeiten des Menschseins durcheinander bringt, nehmen sie an ihm Anstoß und erklären ihn schließlich zum widergöttlichen Durcheinander-Wirbler, auf Griechisch „diabolos“, den sie dann folgerichtig ans Kreuz bringen.

Aber wie der Hymnus aus dem Brief an die Gemeinde in Philippi bekennt, hat Gott gerade diese Art, in der Jesus, sein Sohn, auf neue Weise als Mensch unter die Menschen geht, bestätigt:

Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
Jesus Christus ist der Herr
zur Ehre Gottes, des Vaters.
(Philipper 2,9-11)

Und im Hebräerbrief heißt es dann:

Wir haben ja nicht einen Hohepriester,
der nicht
mitfühlen könnte mit unseren Schwächen,
sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist,
aber nicht gesündigt hat.“
(Hebräer 4,15)

Er unterscheidet sich nicht von uns. Weder in Kleidung noch in Sprache noch in den typisch menschlichen Gefühlen und Bedürfnissen. Er hat einfach kein Interesse, sich von uns abzusetzen. Im Gegenteil: Es ist ihm wichtig, uns gleich zu sein. Und in der Begegnung mit ihm haben sich Menschen immer wieder gewundert und es hat sie beunruhigt, dass da so etwas geradezu Göttliches und so eine unglaubliche Menschenliebe von ihm ausgeht.

Er ist kein Kleriker. Aber er ist authentisch und man kann ihm trauen.

Menschen, die gerne Einfluss nehmen auf andere – „in seinem Namen“ – machen zu allen Zeiten – im Unterschied zu ihm – geltend, dass sie sich von anderen Menschen unterscheiden und beanspruchen Anerkennung ihrer Autorität. Sie zeigen das auch: in der Art, sich zu kleiden, in einem bestimmten Lebensstil … und merken gar nicht, dass der Geist von Jesus darauf abstellt, den anderen Menschen gleich zu sein.

Menschen, die mit ihnen zu tun bekommen, spüren das sofort und gehen mit ihrem Vertrauen in den Modus vorsichtiger Zurückhaltung. Damit entsprechen sie – folgerichtig – der nonverbalen Kommunikation einer „Zugeknöpftheit“, die sie aus dem Outfit eines hoch verschlossenen Kragens zu vernehmen meinen.

[ ZDF-Interview Ute Schäfers am Tag der Pfarrgemeinderäte 1987 in Limburg ]

Eine Einstellung, wie sie dieses Interview  aus einer Fernsehberichterstattung vom Limburger Tag der Pfarrgemeinderäte 1987 äußert, haben die deutschen Bischöfe im Jahr 2015 dargelegt.

Zunächst hatten sie unter dem Motto „Im Heute glauben“ einen 4-jährigen breit angelegten Dialogprozess in Gang gebracht, dessen Ergebnisse sie dann mit dem Titel „Gemeinsam Kirche sein“ samt einer aufwändigen Arbeitshilfe zur weiteren Ausbreitung veröffentlichten.

Ein als solcher deklarierter „zentraler Satz“ darin lautet: „Das Kirchesein der Getauften und Gefirmten kann … nicht mehr gesteigert werden, auch nicht durch das Weihesakrament“.

Gut, dass sich der Synodale Weg mit dem Problemfeld Klerikalismus befasst.

Wenn dabei der Geist des Evangeliums, wenn die entsprechenden Einstellungen aus der Botschaft der Bibel tief eingeatmet werden, wird die Menschheit voller Freude und Dankbarkeit den Gottessohn deutlicher erkennen und von Herzen anbeten können, der als Mensch unter uns Menschen gekommen ist.

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Rainer Petrak