Blogbeitrag

Gott fügt sich ein

6. Januar 2022

Sonntagsbotschaft zum 9. Januar 2022, dem Fest der Erscheinung und der Taufe des Herrn.  

Ordnen Sie sich gerne ein?

Das kommt ganz drauf an:

Im Straßenverkehr ordne ich mich rechtzeitig auf die Fahrspur ein, damit ich an der Kreuzung flüssig weiterfahren kann.

In die Warteschlange ordne ich mich ein, weil das Einhalten der Reihenfolge entspannender ist als ein Kampf aller gegen alle beim Vordrängeln.

Der Fußballfan hat seinen Spaß dran, sich in die Dynamik der durchs Stadion gehenden Welle einzufügen, wenn seine Mannschaft gerade auf den Sieg zu steuert.

Im Rock-Konzert oder im Tanzclub ordnen sich auch ansonsten eher aufmüpfige junge Leute gerne ein ins gemeinsame Bewegen zur vorgegebenen Musik.

Aber alles das nicht, nur weil jemand sich einordnen, einfügen will!

Seltsam – das Gegenteil gibt es schon: Oft ordnen Menschen sich nicht ein – einfach weil sie sich nicht einordnen, einfügen wollen. Warum?

„Ich lasse mir keine Vorschriften machen.“ „Ich entscheide selber, wo und wie ich mitmache oder nicht.“

Mich einfügen, einordnen, einer Spielregel unterordnen – das mache ich dann, wenn ich weiß, wofür, und wenn ich das will. Wenn ich Spaß dran finde. Oder einen Nutzen davon habe. Oder wenn ich es sonstwie richtig oder gut finde. Sonst wehre ich mich dagegen. Warum?

Weil ich über mich und mein Verhalten selber entscheiden will. Mich vorab einordnen oder unterwerfen – das würde meiner Selbstachtung widersprechen, mich erniedrigen, meine Menschenwürde missachten.

Könnte man dagegen etwas sagen?

Um so überraschender: Gott, so wie die Bibel ihn bezeugt, vor allem wie Jesus ihn verkörpert, – er hält es für sich anders. Ein ziemlich beliebter Text aus dem Neuen Testament formuliert es zugespitzt so:

Christus Jesus war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,

sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich
und war gehorsam
bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
(Philipper 2,6-8)

Auch an anderer Stelle betont der Apostel Paulus, dass Gott „seinen Sohn“ in die Zusammenhänge des menschlichen Lebens einordnet:

… geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt …
(Galater 4,4-7)

Und am Fest der Taufe Christi, an diesem Sonntag, sagt der Bibeltext, der zum Evangelium, zur Freude aller werden will, dass am Jordan, wohin der Täufer Johannes alle gerufen hatte,

… sich zusammen mit dem ganzen Volk
auch Jesus taufen ließ. …
(Lukas 3,21)

Jesus, „mein Herr und mein Gott“, wie der Apostel Thomas ihn bekennt, begibt sich hinein in das Gemeinwesen der Menschen und nimmt die dazugehörigen Risiken und Abhängigkeiten auf sich. Aus freier Entscheidung. In Selbstbestimmung. Da geht der Himmel auf und lässt die Stimme hören: „Mein Sohn! Du gefällst mir!“

Jesus fügt sich da hinein, solidarisch, auch in die mit den Menschen solidarische Vernetzung in Versuchungen aller Art; die Evangelien betonen gerade diesen Aspekt in ihren Erzählungen von seiner Versuchung unmittelbar anschließend an die Erzählung von seiner Taufe (vgl. Mt 4,1-11; Mk 1,12-13; Lk 4,1-12).

Warum hat Gott, warum hat Jesus nichts dagegen, sich einzufügen, sich einzuordnen, unterzuordnen? Warum hat er da keine Angst, sich zu verlieren oder Angst um die Anerkennung seiner Würde?

Anscheinend noch wichtiger ist ihm seine Solidarität mit den Menschen – in gegenseitiger Augenhöhe. Er will einer der Menschen sein und als einer von ihnen anerkannt sein. Und er will dieses Menschsein mit einer solchen Überzeugungskraft leben, dass er alle anderen damit ansteckt. Damit immer mehr deutlich wird, wie wunderbar solches Menschsein tatsächlich aussehen kann, von dem die Bibel schon immer gesagt hat, dass Gott den Menschen als sein Spiegelbild erschaffen hat (Genesis 1,27), „nur wenig geringer als Gott“ selbst (Psalm 8,6).

Und die alttestamentlichen Propheten haben betont, dass es Gottes Ziel ist, die Menschen zu einem Lebensstil zu bewegen, in dem Selbstbestimmung und Gemeinsinn zu einem würdevollen und glücklichen Leben aller führen. Den Einfluss, den er, Gott, in dieser Richtung nehmen will, den setzt er nicht von außen her an, von gegenüber, von einer Position alles beherrschender Autorität her, sondern er wirbt um Identifizierung, um Wahrnehmung und Anerkennung, dass das, wozu er beeinflussen will, das eigene Interesse darstellt, die eigene Sehnsucht des Menschen, sein eigenes Wollen:

… Ich gebe euch ein neues Herz
und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.
Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch
und gebe euch ein Herz von Fleisch. …
Ich gebe meinen Geist in euer Inneres
und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt
und auf meine Rechtsentscheide achtet und sie erfüllt.
(Ezechiel 36,26-27)

So beim Propheten Ezechiel in Kapitel 36.

Oder Jeremia, Kapitel 31:

… so wird der Bund sein,
den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe –
Spruch des HERRN:
Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben
und werde sie auf ihr Herz schreiben.
Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein. 
Keiner wird mehr den andern belehren,
man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den HERRN!,
denn sie alle, vom Kleinsten bis zum Größten,
werden mich erkennen –
Spruch des HERRN.
(Jeremia 31,33-34)

Und dann, in Jesus, macht er es vor – exemplarisch, um alle mit seinem Geist anzustecken. Davon erzählt das Evangelium das ganze Jahr hindurch.

So verwirklicht er seine Absicht, die uns an Weihnachten aus dem Brief von Paulus an Titus benannt wurde:

… um für sich ein auserlesenes Volk zu schaffen,
das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.
(Titus 2,14)

„Ein Volk, das voll Eifer danach strebt“ – nicht: „das voller unterwürfigem Pflichtbewusstsein sich darum abrackert“! Das schmeckt sehr nach Freiheit und Selbstbestimmung.

„Freiheit“, „Selbstbestimmung“ – egal ob man das als Idee und Grundwert versteht oder als Sehnsucht und Traum meint oder als politische Bestrebung geltend macht – als Zielsetzung genießen „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“ weitgehende Übereinstimmung bei allen Menschen.

Warum aber gehen dann die Einschätzungen so extrem auseinander, welche Art von Schritten in dieser Richtung zu gehen seien?

Ich habe eine Vermutung:

In den europäisch kultivierten und eher wohlhabenden Ländern haben vielfältige Gestaltungsformen von Persönlichkeit und Lebensstil Anerkennung gefunden. Das ist ein zentraler Aspekt der Menschenwürde.

Ein solcher Blick sammelt die Aufmerksamkeit auf die Einzelperson, auf das Individuum. Aber nicht erst seit Defoe‘s „Robinson Crusoe“ oder seit Simmels „Niemand ist eine Insel“ wissen Menschen aus eigenen Erfahrungen, die sich geradezu aufdrängen: Ich bin in vielerlei Hinsichten unlösbar eingebunden in Rahmenbedingungen:

Das Zeitalter, in dem ich lebe, und die Region geben meinen Lebensmöglichkeiten vieles vor, auf das ich mich einstellen muss, wenn ich Chancen nutzen oder Aufgaben erfüllen will:

Strukturen fürs Reisen, Technik für die Kommunikation mit anderen Menschen sind mir jeweils vorgegeben ebenso wie Wege der Erreichbarkeit von Essen und Trinken.

Der Arzt, der in seinem Beruf ganz aufzugehen bereit ist, weil er für ihn eine Form der Selbstverwirklichung darstellt, wird sich für viele Bedingungen interessieren müssen, die ihm vorgegeben sind, wenn er in seiner Arbeit erfolgreich sein will. Der Bäcker, der so gerne leckere Brötchen kostengünstig an möglichst viele Kunden verkaufen möchte, weiß sich in ein Netzwerk von Handelsstrukturen, von Kaufkraft und Konsumententypen eingeflochten, in das er sich gerne einfügen wird, wenn er dabei eine Perspektive hat, die ihm Erfolg verspricht.

Noch zwingender bindend sind Vorgaben seitens der Natur – wie Wind und Wetter für meine Entscheidung, was ich heute anziehe – um von Tageslicht und Atemluft erst gar nicht zu reden.

Meine Vermutung ist: In der Verteilung unserer Aufmerksamkeiten haben wir es inzwischen übermäßig vernachlässigt, unsere Eingebundenheiten angemessen zu berücksichtigen, unsere Abhängigkeiten, unser Angewiesensein. In einer Überschätzung des Menschen im Beherrschen aller möglichen Kräfte haben wir übersehen, dass wir Teil der Natur sind, reichhaltig und unübersichtlich vernetzt nicht nur mit anderen Menschen, sondern mit Prozessen des Lebens und des Daseins, die uns auch nur teilweise bekannt sind. Wir haben uns die Fähigkeit abgewöhnt, uns in zwingend Vorgegebenes glücklich einzufügen. Das Wort „einordnen“ schmeckt daher nach „unterwerfen“, nach „untertänig gehorchen“. Eine solche Demütigung widerspricht aber der Menschenwürde und dem ihr zukommenden Recht auf „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“.

Pragmatisch die Gegebenheiten so zu berücksichtigen, dass sie als Chancen des Individuums im Gesamtgefüge genutzt werden, das ist eine Sichtweise, die uns weitgehend abhandengekommen ist. Stattdessen geht der Kampf in wirklichkeitsfremder Weise einseitig fürs Durchsetzen der eigenen Sichtweisen und Interessen.

Da übersieht in der Klimakrise ein Teil der Bevölkerung, der nur Wirtschaftsinteressen durchsetzen will, dass mit der Vernachlässigung der Prozesse des Klimawandels eben diese Wirtschaftsinteressen noch viel stärker geschädigt werden.

Und beim Beurteilen von politischen Entscheidungen, welche Maßnahmen und Verhaltensweisen die Corona-Pandemie verlangt, übersieht ein Teil der Bevölkerung, dass die eigene Einschätzung immer nur Teile der Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen kann, und dass jetzt alle sich in die demokratisch und nach jeweils aktuellem, gesammeltem Wissensstand zustande gekommenen Entscheidungen einfügen müssen. Damit die demokratisch in die Verantwortung Genommenen in diesem sich erst entwickelnden globalen Lernprozess diese Herausforderung managen können und ihrer Pflicht zum Schutze aller vor der Ansteckung durch andere optimal nachkommen können.

Ja, mir scheint, in dieser Epoche der Menschheitsgeschichte müssen wir neu finden, wie das Recht und die Freiheit der vielen Individuen zusammenhängen mit dem Einfügen aller in ein umfassend wahrgenommenes Gemeinwohl.

Um auf dem Weg in die Zukunft uns gemeinsam und flexibel auf sich verändernde Gegebenheiten einzustellen, braucht es Mut und Vertrauen zu kritischer Solidarität.

Wie gut, wenn wir anerkennen, dass wir auf das uns Vorgegebene angewiesen sind, und uns entsprechend einfügen in das, was die Allgemeinheit und die Natur uns vorgeben!

Stattdessen schwächen wir allzu oft unsere Umwelt – aus rücksichtsloser Gier zu ihrer Beherrschung –, so dass wir uns im Endeffekt damit den eigenen Ast absägen.

Über vorgegebene Ressourcen aller Art für die Zwecke und das Interesse lediglich eines Teiles des Ganzen zu verfügen, wird missbräuchlich „Freiheit“ genannt, und verweigert allen anderen Teilen des Ganzen das Recht auf Teilhabe in Freiheit.

In dem Maß, wie wir uns in das Kräftespiel der Natur einordnen und uns in die von ihr vorgegebenen Regeln einfügen, werden wir ihre Möglichkeiten optimal nutzen können und allesamt miteinander es genießen können, Teil dieser Welt zu sein und sie entsprechend zu hegen und zu gestalten.

Warum mute ich Ihnen hier einen solchen Gedankengang zu, wo es doch in der Botschaft dieses Sonntags um die „Erscheinung des Herrn“ und um die „Taufe des Herrn“ geht?

An beiden Festen legt die Botschaft aus der Bibel einen besonderen Akzent darauf: Gott fügt sich ein. Er fügt sich ein in eine Menschheit, die Mensch werden will.

„Heute“ – so besingt es die Liturgie des Stundengebets – wird Jesus im Jordan getauft. Jetzt, da er sich einfügt in die Menschen und darin zu wirken anfängt, geht der Himmel auf. Er macht die Menschen frei von der Sünde der Welt.

„Heute“ wird mit ihm alles Wasser zu Wein. So erfreut er die Hochzeitsgäste.

„Heute“ erkennen ihn als den Ersehnten sogar die klügsten Leute aus fernsten Ländern, so dass sie sich mit ihren Gaben einbringen.

(vgl. die Antiphon zum Magnificat in der 2. Vesper am Fest der Erscheinung des Herrn – aus dem Münsterschwarzacher Antiphonale)

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