Blogbeitrag

Was wird jetzt anders?

13. Januar 2022

Sonntagsbotschaft zum 16. Januar 2022, dem 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Wer sagt das zu wem? Eigentlich Gott zu sich selber. Gott hat sich selbst entäußert, hat sich verlassen. Er wollte lieber bei den Menschen sein und ihr Leben teilen. Den bequemen Platz auf dem Luxus-Sofa im Himmel vor der Glotze und einer Tüte Chips hat er lieber drangegeben. Den Menschen nahekommen, vor allem den „von Gott verlassenen“, Beziehung aufnehmen mit ihnen,
stützend und stärkend mit ihnen gemeinsam den Weg gehen in eine möglichst heile Zukunft – das muss jetzt sein; er liebt sie doch so sehr! Also „kommt“ ER und lässt nicht länger auf sich warten.

So könnte man beschreiben, was wir gefeiert haben mit Weihnachten und Seinem sichtbaren Erscheinen in unserer Welt. ER „kommt“ zur Welt, ER, das belebende und erhellende Wort. ER will unbedingt bei uns sein, ja einer von uns werden, ein Mensch werden, menschlich in Beziehung vernetzt – wirken, einander gegenwärtig zur Seite stehen und Licht in Dunkles bringen.

Staunend und skeptisch nehmen wir Feiernde das Wort auf. Mit Fragen lassen wir ihn ankommen, lassen tastend uns von ihm das Wort sagen, IHN, den wir vertrauend aufnehmen wollen, dem wir uns zögerlich einfügen, für den wir vielleicht sogar uns als orientierenden Bezugspunkt entscheiden … Wir trauen uns dezent, uns IHM zuzuordnen, seinem Licht einzuordnen und das dann zu leben, mit anderen zu teilen, es auszustrahlen – wer weiß wohin.

Am Ende dieser weihnachtlichen Feierzeit ist uns klargeworden: Heute sehen weise Menschen aus fernen Ländern Zeichen und deuten sie als Hinweis auf IHN. Mag ja sein, dass fremde Nationen und Religionen manches besser verstehen. Heute taucht der, den sie als Gott erkennen, öffentlich sichtbar ein in ein unter Versuchungen und Versündigungen leidendes Volk, um mit ihnen solidarisch umzukehren auf einen heilsamen Weg. Heute sorgt ER exemplarisch dafür, dass den Menschen, die das Leben in Liebe feiern, die Freude nicht ausgeht.

Und jetzt? Was dürfen wir erwarten? Worauf können wir uns einstellen? Was wird jetzt anders? Und wie können wir das mitgestalten?

Wie werden an diesem „zweiten“ und an den sechs weiteren Sonntagen im jetzt beginnenden „Jahreskreis“ – bis wir mit dem Aschermittwoch dann auf Ostern zu gehen – wie werden da die sonntäglichen Botschaften uns das Neue zeigen, das mit IHM in unsere Menschenwelt kommt?

Das fängt schon ungewöhnlich an – ungewöhnlich, gemessen an allem, was uns beigebracht wurde, was im Leben wichtig sei:

An diesem Sonntag gleich nach den Festen der Erscheinung und der Taufe des Herrn ist eine Lebenssituation angesprochen, bei der man sich schon fragen kann: Ist das denn eine „Not“, die unbedingt „gewendet“ werden muss: Eine Hochzeit. Eine Menge Leute beisammen. Feiern tagelang. Und da geht der Gesellschaft der Wein aus. Der Bräutigam hat anscheinend den Bedarf unterschätzt. Peinlich. Das Evangelium erzählt.

Jesus nimmt das zum Anlass für sein erstes „Zeichen“, mit dem er „seine Herrlichkeit“ sichtbar zeigen will, die Gottes Plan mit seinem jetzt beginnenden Reich herbeiführt. Dabei handelt Jesus sehr zurückhaltend, geradezu versteckt. Nur ganz wenige bekommen mit, was er tut. Tut er überhaupt etwas? Er spricht nur sein Wort zum Service-Personal. Sie sollen nehmen, wovon genügend da ist, also Wasser, und das reichlich. Damit soll dann der Service-Chef die nächste Runde zum Feiern einläuten. Und der, der ja gar nichts davon mitbekommen hat, dass Jesus seine Finger im Spiel hat, der trägt dem perplexen Bräutigam die staunende Freude der feiernden Menge zu: „Wow! Was ist der Wein aber gut, den du da spendierst! Und das auch noch jetzt, wo doch alle schon betüddelt sind!“

Jesus selber bleibt im Hintergrund, „back stage“. Warum macht er nicht auf sich aufmerksam? Was ist mit „seiner Herrlichkeit“ gemeint, für die Jesus hier ein erstes Zeichen gibt, die man da sehen kann, die er mit diesem „Zeichen“ „offenbart“, wie es heißt? Worauf kommt es ihm überhaupt an? Nur auf das Ergebnis? Oder auf die Veränderung? Auf die Verbesserung der Lage der Menschen?

Wenn eine Gesellschaft das Leben und die Liebe feiert, dann will er es anscheinend nicht hinnehmen, wenn es an Ressourcen mangelt, die doch Gott geschaffen hat, damit sie „das Herz des Menschen erfreuen“!

„Durchblick“ nach diesem „Zeichen“ kommt nur bei denen auf, die ihn kennen und mit ihm gehen: „… und seine Jünger glaubten an ihn“, heißt es. Wenn das aber ein „Zeichen“ sein soll, mit dem Jesus seine sich jetzt ausbreitende „Herrlichkeit“ „offenbart“, dann ist doch dieses Zeichen nicht nur für seine paar Jüngerinnen und Jünger von damals gemeint! Was zeigt er uns damit?

Die katholische Gottesdienstordnung gesellt diesem Evangelium einen Prophetentext zu, der ganz ähnlich Lust an Leben und Liebe atmet:

Um Zions willen werde ich nicht schweigen,
um Jerusalems willen nicht still sein,
bis hervorbricht wie ein helles Licht seine Gerechtigkeit
und sein Heil wie eine brennende Fackel.
Dann sehen die Nationen deine Gerechtigkeit
und alle Könige deine Herrlichkeit.

Das 2. Vatikanische Konzil – vor 60 Jahren – gründet darauf ein neues Selbstverständnis der Kirche als „Licht für die Völker“ – „lumen gentium“.

Die „Herrlichkeit“, die der Jesaja-Text geradezu der Wonne zwischen Liebenden gleichstellt, bezieht sich deutlich auf globale Gerechtigkeit, insbesondere für alle sozial und politisch vernachlässigten Menschen, wie der Kontext um diesen Propheten-Abschnitt ausführlich darlegt.

Man ruft dich mit einem neuen Namen,
den der Mund des HERRN für dich bestimmt.
Du wirst zu einer prächtigen Krone
in der Hand des HERRN,
zu einem königlichen Kopfschmuck
in der Hand deines Gottes.
Nicht länger nennt man dich „Verlassene“
und dein Land nicht mehr „Verwüstung“,
sondern du wirst heißen: „Ich habe Gefallen an dir.“
und dein Land wird „Vermählte“ genannt.

In der alten deutschen Einheitsübersetzung stand hier: Du wirst heißen „meine Wonne“.

Denn der HERR hat an dir Gefallen
und dein Land wird vermählt. …
Wie der Bräutigam sich freut über die Braut,
so freut sich dein Gott über dich.
(Jesaja 62,1-5)

Und wie kann das gehen? Wie soll das praktisch aussehen?

Die zweite Lesung des Sonntags kommt mir da vor wie eine Strategie: Schon in der Erzählung von der Hochzeit zu Kana werden ja ganz verschiedene Personen und Personengruppen genannt, die auf jeweils eigene Weise miteinander in Beziehung kommen: Jesus, seine Mutter, seine Jünger, die „Diener“, der für das Festmahl Verantwortliche, der Bräutigam, die Gäste. Ihre jeweils eigene Rolle im gesamten Geschehen mit den entsprechend unterschiedlichen Verhaltensweisen ist wichtig in ihrer Zuordnung zum ganzen Ablauf.

Der Apostel Paulus verallgemeinert das zum Prinzip – zunächst als Start in der Gemeinde derer, die in ihrem Glauben an Jesus das so wollen, aber schließlich für die Frage, mit welcher Strategie der Gemeinden Gott das für die Menschen überhaupt verwirklichen kann:

Es gibt verschiedene Gnadengaben,
aber nur den einen Geist.
Es gibt verschiedene Dienste,
aber nur den einen Herrn.
Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken,
aber nur den einen Gott:
Er bewirkt alles in allen.
Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt,
damit sie anderen nützt.
Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen,
dem anderen durch denselben Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln,
einem anderen in demselben Geist Glaubenskraft,
einem anderen – immer in dem einen Geist –
die Gabe, Krankheiten zu heilen,
einem anderen Kräfte, Machttaten zu wirken,
einem anderen prophetisches Reden,
einem anderen die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden,
wieder einem anderen verschiedene Arten von Zungenrede,
einem anderen schließlich die Gabe, sie zu übersetzen.

Je nach Situation werden das heute auch andere Aufgaben sein in ihrer Vielfalt..

Das alles bewirkt ein und derselbe Geist;
einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.
(1 Korinther 12,4-11)

 Komm, Heil‘ger Geist, mit deiner Kraft,
die uns verbindet und Leben schafft!
… soll uns dein Geist ergreifen,
umgestalten unsre Welt.

(Liedtext von Klaus Okonek und Hans-Joachim Raile)

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Rainer Petrak