Blogbeitrag

Gott rettet? Einwand!

5. Februar 2015

Man braucht doch nur in die Wirklichkeit zu schauen, was in der Welt so alles läuft an Katastrophen – vom Menschen gemachte wie auch von der Natur verursachte. Und das durch die Geschichte aller Zeiten hindurch. Wenn es einen Gott gäbe, der wirklich rettet, dann würde es in der Welt anders zugehen.

Gott ist ein Gott der Geschichte. Ein Wesenszug von ihm ist, dass er Veränderungen zum Guten nicht durch undurchsichtige und einschüchternde Paukenschläge magisch herbeizaubert, sondern sie transparent und unter Beteiligung von Menschen bringt. Sein Handeln setzt er mit Vorliebe da an, wo der Ist-Zustand am weitesten entfernt ist von dem, was er versprochen hat und wonach die Menschen sich sehnen. Und die Veränderungen, die er in Gang setzt, sind Prozesse, die in einem Zeitraum ablaufen. Und einen solchen Prozess zu erleben, gar daran mitzuwirken – oder auch aus der Entfernung zu einer vergangenen Zeit zu beobachten und nachzuverfolgen – das kann zur schönsten, wertvollsten Erfahrung mit dem Leben und mit Gott werden.

Was hat der „Retter-Gott“ denn in den 2 Jahrtausenden Geschichte seit Jesus wirklich zum Guten verändert? Steht die Menschheit, was die Menschlichkeit ihres Verhaltens betrifft, nicht immer noch in einem Entwicklungsstadium wie zur Steinzeit?

Ja, das enttäuscht mich auch sehr, dass es so wenig Fortschritt und – gerade in unserer Zeit – so viele Rückschläge gibt in Sachen Menschlichkeit. Ich weiß andererseits, dass auch zu allen Zeiten Gott und „sein Volk“ im „Bund“ miteinander auf dem Weg zum „Reich Gottes“ (alles Ausdrücke der Bibel) immer wieder wunderbar, ja erstaunlich vorangekommen sind. Offensichtlich dürfen wir davon ausgehen, dass in jeder Situation und in jedem Moment so etwas von neuem geschehen kann und soll.

Und dass Gott die Menschheit nachhaltig zum Guten verändert – darauf richtet sich eine große Sehnsucht. Aber soll er da einfach etwas mit uns „machen“? Wo bliebe da unsere Selbstbestimmung – zentraler Aspekt der Menschenwürde? Könnte denn Gott einer sein, der die Puppen einfach nach seinem Willen tanzen lässt? Muss nicht eine Beziehung zwischen ihm und den Menschen (wenn er sie achtet oder gar liebt) dem Menschen ein gewichtiges Maß an Mitwirkung, Teilhabe an den geschichtlichen Prozessen zur Geltung bringen?

Damit glaubst du also selber nicht, dass er die herrschende Kraft in der Welt sein könnte, obwohl auch du ihn immer wieder als „Herr“ und „herrschend“ ansprichst oder titulierst.

Du setzt da eine bestimmte Art des „Herrschens“ voraus: die verbreitete Art des Führens und Leitens, die die 68er bewegt hat, ein „herrschaftsfreies“ Miteinander in Staat und Gesellschaft, in Partnerschaft und Familie zu fordern. Mit solcher Forderung war der Gott der Bibel schon immer einverstanden: Sein Führungsstil war nie autoritär dekretierend, sondern um Zustimmung werbend und auf partnerschaftliche Partizipation angelegt.

Aber du brauchst doch nur die 10 Gebote zu nehmen: Ich bin der Herr. Wehe, du gehorchst mir nicht! Du darfst nicht dies und darfst nicht das. Vorschriften, Androhung von Sanktionen, … der typische Stil des einengenden Diktators, vor dem man sich am besten versteckt oder mindestens den Kopf senkt.

Ja, das ist ein leidvolles Thema. Bei der Art, große Menschenmengen zu führen, haben sich in der Kirche seit alten Zeiten Bischöfe und andere Leitende oft lieber an die überall üblichen Herrschaftsmuster angelehnt, als zunächst „ergebnisoffen“ sich den werbenden Einladungen, Hinweisen, Anregungen Gottes so zu öffnen, dass sie Gott und seinem Wort die optimale Wegweisung zugetraut hätten. Daher haben sie schmerzhaft häufig ebenso geherrscht wie die Herrscher der gängigen Art. Aus dem Vertrauen, seiner Liebe gewiss, sich von ihm bewegen zu lassen, wurde oft Gehorsam in Angst vor seiner Strafe. Gottes anderer Stil zu herrschen, also prägende Kraft in lebens- und weltgeschichtlichen Prozessen aller Art zu sein, blieb häufig unentdeckt. Gottes „Königsherrschaft“, sein „Reich“ wurde missdeutet und missbraucht zur machtgierigen Unterdrückung von Menschen. Dass dieses Risiko aber im Interesse der Menschenwürde unvermeidbar zu Gottes Herrschaftsstil dazu gehört, war von Anfang an klar. Schon Jesus macht seine Jünger darauf aufmerksam: „Bei euch soll es nicht so sein.“ (Matthäus 20,26)

Du sagst: Gott rettet dann, wenn er „rangelassen“ wird. Also ist das ein Gott, der doch seine Bedingungen stellt: Wenn ihr fromm seid und gehorsam, dann … Also doch ein autoritärer Herrscher, der es auch nicht anders macht als die Menschen; eine „Rettung“ aus den überall fatal herrschenden Schuldverkettungen und Teufelskreisen „wenn …, dann …“ findet auch mit ihm nicht statt.

„Wenn du die nächste Ausfahrt nimmst, kommst du noch rechtzeitig zum Theater.“ Ist das etwa auch eine Drohung des Beifahrers, der autoritär die Bedingungen setzt, ob jemand rechtzeitig im Theater ankommt und der „im Fall der Zuwiderhandlung“ die Strafe des Einlasses erst nach dem 1. Akt verhängt?

Schon immer beschreibt die Bibel, Quelle und Grundlage der hier beschriebenen Sichtweise und Überzeugung, dass Gott nur mit Zustimmung des Menschen wirkt: Die Rettung aus der Sklaverei in Ägypten erlebt das Volk Israel, weil Gott es führt und weil es sich von Gott führen lässt. Immer wenn sie sich seiner Führung verweigern, gibt es Rückschläge, die Gott Bauchweh verursachen: „Da überließ ich sie ihrem verstockten Herzen und sie handelten nach ihren eigenen Plänen.“ (Psalm 81,13)

Und warum schlägt er nicht einfach dazwischen?

Weil er nicht anders kann: Wenn sie sich ihm verweigern, dann muss er das respektieren, solange er sie als seine Ebenbilder mit der sie auszeichnenden Menschenwürde ernst nimmt und liebt. Und wie das aussieht, wenn es gelingt, zeigt das Beispiel: Maria sagt: Mir geschehe, wie du es gesagt hast. Und sie empfängt. Und er kommt zur Welt. „Der Retter ist da.“ „Verherrlicht ist Gott in der Höhe – besser bekannt in der Version ‚Ehre sei Gott in der Höhe’ – und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lukas 2,14)

Wo bitte ist Friede?

Bei den Menschen seiner Gnade? Was heißt das denn?

Die sich von ihm lieben lassen,
die sein Wohlwollen, seine Gefälligkeit, seine „Huld“, seine Gnade (gerne!) annehmen,
bei sich und in ihrer Welt ankommen lassen,
die was auf sein „gutes Wort“ geben,
die IHN mit seiner unglaublichen Liebe an sich „ranlassen“, …
– dass ER bei einem solchen Ja, einer solchen Zustimmung zu Seiner Zusage („Verheißung“) den „Frieden“ wirklich bringt, den שָלו֗ם (schalom), den umfassenden Frieden, Heil, Glück, Lebenserfüllung, Rettung der Menschheit, … –
das ist Botschaft der Bibel nach dem mir gegebenen und von mir verantworteten Verständnis
und das ist meine Überzeugung,
wie mein Leben und das der ganzen Welt gelingen kann.
Vor allem wenn wir als an Christus glaubende Menschen miteinander wirklich seine Kirche sind.
Dann kann „Weihnachten“ werden.
Und dann wird Ostern!

Ich höre die 4 Buch-Titel.

Ja, das ist die „Philosophie“, die sich in den Büchern meiner Reihe „Den Retter-Gott ranlassen“ entfaltet.

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Rainer Petrak