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Gottes Wegbereiter

2. Dezember 2021

Sonntagsbotschaft zum 5. Dezember 2021, dem 2. Adventssonntag 2021 im Lesejahr C. 

Um mir mein erstes Fahrrad zu kaufen, arbeitete ich in den Sommerferien 1956 als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Beim Verteilen des Betons in die Schalung für die Treppenstufen kam mir der Gedanke: Wenn ich später mal an diesem Haus vorbeigehe, kann ich sagen: Ich habe dieses Haus gebaut, jedenfalls einen Teil der Treppen. Naja, jedenfalls mitgebaut. Mir war schon klar: Alle Leute würden eher sagen: Der Architekt hat das Haus gebaut. Oder der Bauträger. Dabei haben die keinen einzigen Stein in die Hand genommen! Wahrscheinlich wie Balthasar Neumann, von dem man sagt, er hat die Würzburger Residenz gebaut.

Und der Baggerführer, der dieser Tage nach der Sprengung der maroden Salzbachtalbrücke als einer von vielen den Schutt von der Straße auf Lkw’s geladen hat, der darf doch wohl sagen, er hat die Steine aus dem Weg geräumt, so dass die Autos wieder nach Wiesbaden hinein und aus der Stadt herausfahren können.

Und die Wähler und Wählerinnen in Deutschland haben der Ampelkoalition den Weg bereitet.

Meistens braucht es viele Menschen, wenn es darum geht, irgendetwas Größeres zuwege zu bringen. Wir sagen dann auch: Sie alle haben dazu beigetragen, haben den Weg geebnet.

Nicht immer gibt das Anlass, darauf stolz zu sein: Das deutsche Volk hat Hitler an die Macht gebracht und dem Nazi-Regime den Weg bereitet.

Und wer hat 1989 die Mauer eingerissen? Viele sagten „Gott sei Dank!“ Warum? War er der „Architekt der deutschen Einheit“?

Wer ist der Verfasser der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948?

Das alte Volk Israel hat Gott dankbar gepriesen: „Du hast uns aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt!“ War das nicht Mose?

Und heute fragt sich die junge Generation: Werden wir in 50 Jahren, werden unsere Enkel in 100 Jahren noch auf dieser Erde leben können oder wird alles verbrannt, weggeblasen, ausgedorrt oder überschwemmt sein? Wer bereitet einer lebbaren Zukunft den Weg?

Noch anders gefragt: Wie sieht eigentlich die Zukunft aus, der wir mit unserem heutigen Wirtschaften den Weg bereiten – mit unserm Konsum, dem Güter- und Reiseverkehr, dem Energiebedarf, …? Welche Ziele haben wir, verfolgen wir? Oder unterwerfen wir uns einfach Zwängen, weil sie angeblich alternativlos sind? Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeiten?

Wer heute sich nicht darum kümmert, dass er keine anderen Menschen mit dem Corona-Virus ansteckt, braucht sich morgen nicht zu wundern, wenn wieder eine neue Welle alles lahmlegt.

Wem es heute egal ist, inwieweit die Menschen im Nahen Osten oder in Afrika menschenwürdige Lebensbedingungen haben, braucht sich morgen nicht zu wundern, wenn eine sehr große Zahl von Menschen ein Leben in Europa sucht.

Wir müssen schon darauf achten, wem und welchen Kräften wir mit unserem Verhalten den Weg bereiten.

Die Dimension, in der die Menschheit unserer Tage in dieser unentrinnbaren Verantwortung steht, mag neu sein; die globale Vernetzung bringt ja eine umfassende gegenseitige Abhängigkeit aller von allen mit sich. Aber grundsätzlich steht der Mensch schon immer vor der Herausforderung: Welche Zukunft gestalten wir? An welchem Haus bauen wir eigentlich? Was für einem Leben bereiten wir den Weg?

Und wenn wir da etwas ändern wollen, einem anderen Kommenden den Weg bereit machen wollen, wie geht das? Auf welche Erfahrungen können wir dabei zurückgreifen?

Dieser 2. Adventssonntag erinnert an einen Wegbereiter. Der Text im Evangelium behandelt seinen Auftritt feierlich und offiziell wie ein historisches Ereignis, wie eine Grundsteinlegung:

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius;
Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa,
Herodes Tetrarch von Galiläa,
sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und der Trachonitis
Lysanias Tetrarch von Abilene;
Hohepriester waren Hannas und Kajaphas.
Da erging in der Wüste das Wort Gottes
an Johannes, den Sohn des Zacharias.
Und er zog in die Gegend am Jordan
und verkündete dort überall
die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden, …

Wann war das? Tiberius war römischer Kaiser in den Jahren 14 bis 37. Sein 15. Regierungsjahr war also 28 oder 29. Pilatus war Statthalter von Judäa von 26 bis 36; das passt.

Johannes, Sohn des Zacharias, anscheinend ein Mensch, der in der Wüste lebte, zieht in die Gegend am Jordan und redet zu den Menschen dort. Von Gott hat er den Auftrag dazu gehört. Was er verkündet und was Lukas in seinem Evangelium so feierlich einführt, wird hier sehr knapp zusammengefasst: „Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden“. Was heißt das – „Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden“?

Johannes veranlasst die Menschen zu einem öffentlichen Zeichen für ihre Absicht, aus erneuerter innerer Einstellung ihr Verhalten zu verändern. Mit der Taufe bekunden sie öffentlich sichtbar, dass sie jetzt eintauchen in einen Fluss, in dem Altes untergeht und aus dem neues Leben auftaucht, weil sie alle die Richtung ihres Lebens umkehren – im Vertrauen darauf, dass alles Zerstörerische, Menschenfeindliche, Gottwidrige, für das sie bisher willige Wegbereiter waren, – dass alles das sie nicht mehr halten kann, ja dass sie sogar mit ihrer Umkehr von den Folgen ihrer Versündigungen frei kommen und unbehindert davon eine neue Welt anfangen.

Und dann heißt es im Lukas-Evangelium weiter, in diesem Aufruf des Johannes handelt Gott, der die Menschen in sein Handeln einbezieht und sie beteiligt. So hat er es doch schon vor langer Zeit durch den Propheten versprochen:

…, wie im Buch der Reden des Propheten Jesaja
geschrieben steht:
Stimme eines Rufers in der Wüste:
Bereitet den Weg des Herrn!
Macht gerade seine Straßen!
Jede Schlucht soll aufgefüllt
und jeder Berg und Hügel abgetragen werden.
Was krumm ist, soll gerade,
was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.
Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.
(Lukas 3,1-6)

Also mit ihrer gemeinschaftlichen Umkehr, von der alle andern sehen können, wer mitmacht und wer nicht, machen sie den Weg frei für den Herrn, so dass er das Haus bauen kann, das Heil bringen kann und alle Menschen das erleben.

Berge und Hügel abtragen, Schluchten auffüllen, Straßen begradigen und ebnen … Nicht nur Rettungsgassen freizulassen ruft er auf. Investitionen und ein Aufwand großen Ausmaßes stehen an.

„Das Heil Gottes“ – nennt er es mit dem Propheten – sollen alle Menschen erleben! In den anderen Evangelien heißt dieses „Heil Gottes“ aus dem Mund von Johannes und von Jesus „das Reich Gottes“, das jetzt kommt. Und im nächsten Kapitel des Lukas-Evangeliums benennt Jesus das in seiner ersten öffentlichen Rede in Nazareth mit einem weiteren Zitat aus Jesaja:

„Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“

(Lukas 4,18b-19)

Zu einem von solcher Hoffnung getragenen neuen Bund sollen die Menschen umkehren und sich für alle sichtbar zusammenschließen, damit Gott kommen kann mit seiner Rettung und Heil bringenden Herrschaft für alle.

Diesen Auftrag von Gott hat nicht nur der Täufer Johannes damals. Die Liturgie dieses Sonntags bezieht die Mitglaubenden und die Mitfeiernden heute ausdrücklich ein:

Du allmächtiger und barmherziger Gott,
du zeigst uns den rechten Weg in die Zukunft.
Sorgen und Aufgaben des Alltags behindern uns aber.
Komm uns zu Hilfe! Sprich zu uns, …

Bereitet dem Herrn den Weg!
Ebnet ihm die Straßen!
Und alle Menschen werden das Heil sehen,
das von Gott kommt.
Halleluja!

Das alte hoffnungsvolle Adventlied „Tauet, Himmel, den Gerechten“ – allzu oft mit vermindertem Bewusstsein einfach drüber weg gesungen – zieht in seiner letzten Strophe hellsichtig die Konsequenz: Damit du, Gott, wie versprochen die Gestalt der Welt jetzt bald erneuern kannst und sie dann in neuer Herrlichkeit aufstrahlt, komm jetzt und hilf uns mitwirken und beitragen, so dass sich endlich erfüllt, was du uns zugesagt hast:

Komm, o Herr, hilf uns erfüllen,
was dein Wort uns kundgetan,
dass nach deines Vaters Willen
alles sich erneuern kann;
lass der Welt Gestalt vergehen,
lass sie neu in dir erstehen,
dass am Ende dieser Zeit
sie erstrahlt in Herrlichkeit.

Damit ein solches großartiges Projekt gelingen kann, braucht es Gottes Segen – nicht nur damals im Jahr 1993, aus dem diese Gottesdienst-Ausschnitte stammen, heute wahrscheinlich noch dringender denn je:

Der barmherzige Gott
hat uns den Glauben an das Kommen seines Sohnes geschenkt;
er segne und heilige euch durch das Licht seiner Gnade.

Er mache euch standhaft im Glauben,
froh in der Hoffnung
und eifrig in Werken der Liebe.

Die erste Ankunft des Erlösers
sei euch Unterpfand der ewigen Herrlichkeit,
die er uns schenken wird, wenn er wiederkommt.

Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

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