Blogbeitrag

1992 Plakate vor der Kirche

Ihr Heuchler!

26. August 2021

Sonntagsbotschaft zum 29. August 2021  (22. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B)   mit Fragen zur Kirchenerneuerung und zum Synodalen Weg.  

In Wahlkampfzeiten wird die Sprache rauer. Andere zu beschimpfen, gilt aber auch jetzt als verpönt. Der Titel „Ihr Heuchler!“ disqualifiziert diese Sonntagsbotschaft, wenn er Anrede an die Hörer, Zuschauer oder Leser ist. „Brüder und Schwestern“ wäre da wohl passender. Oder wäre das schon ein erstes Geheucheltes?

Der Titel „Ihr Heuchler!“ ist ein Zitat aus dem Evangeliums-Text dieses Sonntags. Er zitiert Jesus. Er beschimpft mit diesem Wort bestimmte Leute.

Wenn ich eine solche Beschimpfung für deplatziert halte, zugleich aber Jesus hochschätze, stehe ich unweigerlich vor der Frage: Wie kommt Jesus dazu?

Unweigerlich? Doch, ich könnte mich verweigern: Ich könnte einfach unter dem Etikett „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“ routiniert ausbrechen in den frohen Ruf „Lob sei dir, Christus!“ und zur Tagesordnung übergehen, die Provokation also links liegen lassen.

Ich gehe aber davon aus, es ist tatsächlich heilsam und es kann sehr fruchtbar werden, wenn wir uns diesem provozierenden Wort von Jesus stellen. Deshalb frage ich – nicht vorwurfsvoll, aber neugierig vertrauend: Jesus, wie kommst du dazu, diese Leute so zu beschimpfen?

Und dann kommt mir beim genaueren Hinschauen etwas auffällig vor, ich füge deshalb gleich eine zweite Frage an: Was hat die Kirche hier eigentlich mit dem Text gemacht, wenn sie für das Vorlesen im Gottesdienst Teile herausschneidet und zugleich durch das Anfügen eines weiterführenden Abschnitts die Aufmerksamkeit von der Provokation weg hin zu einem Thema der individuellen Moral umlenkt?  

Offen gesagt: Nachdem ich in meinem Leben immer wieder habe sehen müssen, dass ich ganz anders handelte, als ich es mit Worten verkündete, habe ich immer wieder den Verdacht, dass auch ich zu Verhaltensweisen neigen könnte, die dem von mir verkündeten Evangelium zuwider sind. Um also eine solche Versuchung möglichst nicht zu übersehen, lasse ich mich doch lieber kritisch anfragen: Gibt es das, was Jesus da bei anderen Leuten provozierend brandmarkt, gibt es das womöglich auch bei uns und bei mir?

Erster Schritt: Aufmerksam neu hinhören.

In jener Zeit
versammelten sich die Pharisäer
und einige Schriftgelehrte,
die aus Jerusalem gekommen waren,
bei Jesus.

Was sind das für Leute? Vorsicht! Wenn unsereins das Wort „Pharisäer“ hört, klingt sofort das Wort „Heuchler“ mit. Darauf sind wir kulturell vorprogrammiert. Nicht zuletzt durch das entsprechende Getränk, das so aussieht wie Kaffee, aber dessen Rum-Duft geschickt durch eine Sahnehaube in Schach gehalten wird. Die Legende weiß, dass ein strenger Pastor auf der friesischen Insel Nordstrand, in dessen Anwesenheit man besser keinen Alkohol trank, bei einer Tauffeier überlistet wurde: Er selber bekam den normalen Kaffee mit einer Sahnehaube. Aber was die anderen tranken, sah nur nach Kaffee aus. Als er das mitkriegte, soll er ausgerufen haben: „Ihr Pharisäer!“

Aber eigentlich waren die Pharisäer in der Zeit von Jesus genau das Gegenteil: Sie wollten so konsequent wie möglich und ernsthaft in ihrem Verhalten genau dem entsprechen, was ihr Glaube war. Allerdings wurde eben gerade ihr Perfektionismus ihnen selber zur Falle. Denen unter ihnen, die als schriftgelehrte Theologen allen anderen Vorschriften machten, wie sie – perfekt entsprechend den Geboten – zu handeln hätten, denen war es gelungen, in Sachen Religion eine führende Stellung zu erlangen – mit Amtssitz in Jerusalem. Unter ihrer Autorität hatten viele Menschen zu leiden. Und mit Leuten dieser Sorte bekommt es Jesus hier zu tun:

Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot
mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.

Um klarzustellen, dass es denen dabei nicht mehr um eine ursprünglich vernünftige Hygiene ging, sondern nur noch um einen verkümmerten rituellen Brauch, erläutert der Erzähler:

Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur,
wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser
die Hände gewaschen haben;
so halten sie an der Überlieferung der Alten fest.
Auch wenn sie vom Markt kommen,
essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen.
Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein,
wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.

Diese Leute also machen Jesus die Vorhaltung:

Warum halten sich deine Jünger
nicht an die Überlieferung der Alten,
sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen:
Der Prophet Jesája hatte Recht
mit dem, was er über euch Heuchler sagte,
wie geschrieben steht:
Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen,
sein Herz aber ist weit weg von mir.
Vergeblich verehren sie mich;
was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.

Dann setzt Jesus fort mit dem Vorwurf:

Ihr gebt Gottes Gebot preis
und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.

Und hier unterbricht die Leseordnung den Bibeltext. Die Verse 9 bis 13 werden ausgelassen.

Dadurch sieht dieser letzte Satz so aus, als gebe Jesus damit eine zusammenfassende Wertung dessen, was vorher erzählt wurde. Dann ist zwar nachvollziehbar seine Vorhaltung, dass sie es mit all dem menschlich überlieferten Brauchtum übertreiben. Aber nicht plausibel bleibt sein Vorwurf, sie gäben damit Gottes Gebot preis. Inwiefern denn?

In den weggelassenen Versen 9 bis 13 illustriert Jesus exemplarisch diese Aussage mit einem krassen Beispiel – ausdrücklich nur ein Beispiel von vielen:

Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft,
um eure eigene Überlieferung aufzurichten.
Denn Mose hat gesagt:
Ehre deinen Vater und deine Mutter!
und: Wer Vater oder Mutter schmäht,
soll mit dem Tod bestraft werden.
Ihr aber lehrt:
Wenn einer zu seinem Vater
oder seiner Mutter sagt: Korbán –
das heißt: Weihgeschenk sei,
was du von mir
als Unterstützung erhalten solltest – ,
dann lasst ihr ihn
nichts mehr für Vater oder Mutter tun.
So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung
Gottes Wort außer Kraft.
Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.

Man muss sich das mal vorstellen!

Anselm Grün beschreibt das Korbán-Beispiel in seinem Buch über die Zehn Gebote so:

Gott wollte, dass die alten Eltern noch eine gute Lebensgrundlage haben. Das, was die Söhne den Eltern schulden, ist die Sorge für ihren Unterhalt. Nun hatten die Pharisäer einen Trick erfunden. Ich brauche das Geld, das ich den Eltern schulde, nur als Opfergabe für Gott zu erklären, dann bin ich frei von der Verpflichtung, für die Eltern zu sorgen. Man benutzte Gott, um den Eltern ihr Recht und ihre Ehre zu nehmen. Doch damit verfälschten die Pharisäer Gottes Absicht. (S. 85-86)

„Korbán“. Darüber kann man sich wunderschön verächtlich empören. Allerdings: Empörung dient oft auch als Hilfsmittel, sich zu vergewissern: „So bin ich ja zum Glück nicht.“

In diesem Bibeltext des Sonntags geht es um eine spezielle Art von Heuchelei. Mit dieser Methode kann man unter dem Etikett „christlicher Werte“ oder „europäischer“, „abendländischer“, „westlicher Werte“ oder auch unter dem Etikett von „Frömmigkeit“ und „Heiligkeit“ Verhaltensweisen kaschieren oder politische Positionen beschönigen, die in Wirklichkeit genau das Gegenteil herbeiführen, gar mit Macht durchsetzen wollen.

Gibt es so etwas wie das alte „Korbán“-Beispiel auch bei uns? Oder trifft die harsche Kritik von Jesus nur die jeweils Anderen, so dass wir uns genüsslich zurücklegen und die aktuell üblich gewordenen Kampfbegriffe ihnen – per Twitter oder Facebook oder sonstwie – einfach um die Ohren schlagen und öffentlichkeitswirksam Stimmung machen können?

Ich finde es seltsam, dass in politischen Diskussionen diese sogenannten „Werte“ immer wieder pauschal benannt werden – ohne aber jeweils zu präzisieren, welcher Wert gerade gemeint ist. Da versteckt so mancher Wahlkämpfer hinter dem Zustimmung beanspruchenden Etikett „abendländischer Werte“ in Wirklichkeit sein Bestreben, der sogenannten „Wirtschaft“ zu noch mehr Wachstum zu verhelfen, nämlich den Milliardären. Und das auch noch, obwohl schon globale Kriegswirtschaft und Katastrophenreparaturen den Eigentümern entsprechender Konzerne Traumrenditen einbringen.

Ich halte mich gerne an die – ich nenne sie „Bestrebungen“ – , wie sie die „katholische Soziallehre“ oder „christliche Sozialverkündigung“ als ihre „Grundsätze“ benennt: Personalität, Solidarität, Subsidiarität. Danach haben sich alle politischen Bestrebungen daran zu messen, inwieweit sie – individuell und im Gemeinwesen – der Menschenwürde aller Menschen entsprechen und damit auch dem Recht und der Freiheit aller und ihrer Möglichkeit zur Teilhabe an der Verantwortung im Gemeinwesen und für seine Gestaltung.

Und da beanspruchen doch tatsächlich manche Meinungsmacher unter dem Etikett der „Subsidiarität“ letztlich, dass auch die Ärmsten halt nur die Ärmel hochkrempeln müssen, wenn sie mit ihren Lebensumständen nicht „zufrieden“ sind. Die Menschenwürde derer, die auf – vornehm etikettiert – „Transferleistungen“ angewiesen sind, wird durch Kontrollmechanismen und Sanktionsdrohungen sehr unvornehm angesäuert. Die manchmal mit krimineller Energie agierenden wirklichen Missbraucher staatlich abgesicherter Subventionen und Privilegien erscheinen aber nur unter allgemeiner großer Verwunderung als Ausnahmen im öffentlichen Licht: Cum ex, Wirecard, Dieselskandal, …

Mit den alten Schlagwörtern von „Neidkampagnen“ und vom „schlanken Staat“ wird eine Verweigerung von Solidarität – etwa durch einen hohen Reichensteuersatz – gerechtfertigt. Eine wirksame Bekämpfung großer Gefahren wie der Klimakatastrophe wird unter dem missbräuchlichen Etikett der „Freiheit“ der gutwilligen Bereitschaft der Einzelnen aufgelastet, obwohl das Gemeinwesen diese Probleme nur durch eingreifende Regeln für alle mit einer gerechten Aufteilung der Lasten schultern könnte.

Da können einzelne Milliardäre noch so deutliche Zeichen setzen für mehr Gerechtigkeit – „Wir Reichen müssen steuerlich stärker herangezogen werden!“ – gegen die Kraft geballter Lobby, die die Gesetzgebung beeinflussen will, kommen sie bisher nicht an.

Bei all dem weiß Kirche sich eigentlich von ihrem Herrn beauftragt, seine Botschaft zu verkünden, also den Mund zu all dem aufzumachen.

Vielen in der Kirche ist es aber wichtiger, ein gutes Verhältnis zu denen zu pflegen, die im Gemeinwesen das Sagen haben.

Wenn aber Hilfsbereitschaft ein kirchlich anerkannter „Wert“ ist, dann sind natürlich alle ihre Mitglieder auch mitverantwortlich – und die Verantwortung für notwendige Hilfen wächst mit dem Grad der Verantwortung, die jemand in der Kirche hat. „Unterlassene Hilfeleistung“ ist nicht nur im Staat ein Straftatbestand, sondern für alle, die sich der Menschlichkeit verpflichtet wissen, ein Skandal und ein Widerspruch zu dem, was Kirche und Christen als „Werte“ sich auf ihre Fahnen geschriebenen haben.

Nach diesen – knapp und etwas pauschal zusammengestellten – aktuellen Beispielen zur Ergänzung des alten „Korbán“-Beispiels aus dem Evangelium steht immer noch und wieder die Frage im Raum: Was Jesus da im Evangelium sagt, müssen wir uns diesen Schuh auch selber anziehen?

Ich meine das natürlich nicht nach der alten Masche, die immer nur die Einzelnen in die Pflicht nimmt und dann – wegen der Überforderung – per schlechtem Gewissen entweder in eine Abwehrkampfstellung verführt oder aber in eine lähmend-unterwürfige Depression. Mit „wir“ meine ich das Kollektiv von Kirche, das eben mal in die Puschen kommen und sich – als Leib Christi – organisch vernetzen muss.

Eine Kirche, die sich erneuern will, – genauer gesagt: eine Kirche, die sich von Gottes Geist erneuern lassen will, sollte sich damit auseinandersetzen.

Und wir hier – Sie und ich – vielleicht kann ja die eine und der andere von uns jetzt noch einmal in aller Ruhe und mit wirklich Zeit den Text aus dem Markus-Evangelium lesen und sich fragen, ob das hier Gesagte wirklich im Sinn von Jesus zutrifft und ob er oder sie dem zustimmen will – und welche Konsequenzen er oder sie daraus ziehen will.

So wie die katholische Leseordnung diesen Markus-Text für den Sonntagsgottesdienst zurechtgeschnitten hat, wird allerdings – unter Umgehung der Brisanz in dem herausgeschnittenen Teil – die Aufmerksamkeit ganz woandershin gelenkt:

Unabhängig von der Frage nach dem ursprünglichen Zusammenhang und wieder „zurechtgeschnitten“, lenkt der abschließende Katalog von „Lastern“ die Aufmerksamkeit auf die viel beliebtere Thematik der Moral. Und da darinnen auch von „Unzucht“ und von „Ehebruch“ die Rede ist, ist schon mal sichergestellt, dass die „bösen Kritiker“ eher über die Sexualmorallehre der Kirche herfallen werden als über ihre Untätigkeit in der ihr aufgetragenen Verkündigung hinsichtlich der Unmenschlichkeiten im Gemeinwesen.

Nach mindestens einmal Luftholen – falls Sie sich sogar freuen sollten über Neues, dem Sie nach all diesen Erwägungen zustimmen, möchte ich Sie dazu bestärken, besonders das festzuhalten, was wirklich den Kommentar verdient „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus!“ Und schön, wenn Sie dann darauf antworten können: „Lob sei dir, Christus!“

Richtig echt im Sinn des Geistes, in dem wir uns in der Kirche untereinander und mit Ihm verbunden wissen, wäre dann eine – nicht durch Corona-Abstände behinderte – aus ganzem Herzen gebetete Feier der Danksagung, auf Griechisch: Eucharistie.

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Rainer Petrak