Blogbeitrag

Liebesbeziehung anderer Art

6. Mai 2021

Sonntagsbotschaft zum 9. Mai 2021,
dem 6. Ostersonntag im Lesejahr B,             
76 Jahre nach der Befreiung vom Nazi-Regime

Neugierig, was für den kommenden Sonntag eine Botschaft ist, womöglich gar die Botschaft, die ausgerichtet werden will, frage ich die vorgesehenen Bibeltexte.

Mein erster Eindruck: In der 2. Lesung und im Evangelium geht es immer wieder um die Liebe. Na gut, sag ich. Aber das zündet bei mir nicht so richtig.

Und dann fällt mir etwas ganz Anderes auf: Die Aussage aller Texte – einschließlich der 1. Lesung – läuft nach einem und demselben Muster. Da heißt es immer wieder wörtlich: „nicht …, sondern …“ Veränderung, Neues, Korrektur wird da überall angesagt. Das spitzt meine Ohren: Ist das aktuell? Oh, ziemlich, scheint mir. Also schaue ich genauer hin.

Begleiten Sie mich bei meiner Neugierde?

Wo fange ich an? Ich sammle erst mal:

Ein erstes „nicht …, sondern …“ höre ich zum Thema „Hierarchie“ oder „Klerus und Volk“

Petrus und Kornelius. Zwei Männer begegnen einander. Zwei sehr unterschiedliche. Ihr soziales Umfeld, ihr Status darin und die Kräfte, die ihr Verhalten prägen – sehr unterschiedlich:

Petrus, der Sprecher des Apostelkreises in Jerusalem, ist gerade auf einer Reise zu den Gemeinden von Christen, die sich in der Scharon-Ebene neu gegründet haben. Mit seinem Verweis auf Jesus Christus und dem Ruf „Steh auf!“ lassen sich Äneas in Lydda und Tabita in Joppe neu zum Leben aufrichten. Das spricht sich herum.

Und dann Kornelius. Der Anführer einer Hundertschaft von Soldaten. Den Juden und ihrer Religion gegenüber zwar freundlich eingestellt, aber immerhin eine Autoritätsperson der römischen Besatzungsmacht.

Von der Begegnung dieser beiden so unterschiedlichen Männer erzählt die Apostelgeschichte in der ersten Lesung des Sonntags:

Kornelius hat den Petrus zu sich nach Cäsarea bestellt. Und dann heißt es:

Als nun Petrus ankam,
ging ihm Kornelius entgegen
und warf sich ehrfürchtig vor ihm nieder.
Petrus aber richtete ihn auf und sagte:
Steh auf!
Auch ich bin nur ein Mensch.
(Apostelgeschichte 10,25-26)

Auch hier wieder „Steh auf!“ und die Begründung: „Auch ich bin nur ein Mensch.“ Die erstaunliche Unterwürfigkeit des Hauptmanns Kornelius gründet in seiner Sicht von Autoritäten und ihren Unterschieden. Er, der staatlich Amtliche, schreibt dem Petrus eine noch höhere Würde zu. Der aber korrigiert: „Auch ich bin nur ein Mensch.“ Schluss mit Unterwürfigkeit und „Hochwürden“! Nur Menschsein zählt. „Steh auf!“

Eine ähnliche Korrektur der Einstellung zueinander benennt Jesus im Evangelium dieses Sonntags – beim Abschied von Petrus und den anderen am Gründonnerstag, nachdem er gesagt hatte „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“:

Ich nenne euch nicht mehr Knechte; …
Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; …
(Johannes 15,15)

Obwohl sie in ihm – zu Recht, wie er sagt – den „Meister“ erkannt haben, nennt er sie, deren Meister er ist, nicht etwa „Knechte“ – wie man erwarten könnte. Sondern hier geht es um eine ganz andere Art der Beziehung zueinander als in der allgemeinen Gesellschaft üblich: Ihr seid meine Freunde! Da gibt es – selbst in der Beziehung zwischen ihm und unsereins – keinen Unterschied in der Würde!

Elementarer Grundsatz gleicher Würde und gleicher Rechte als Mensch für alle. In vielen nationalen und internationalen Erklärungen anerkannt! Trotzdem werden weltweit noch sehr viele Menschen „geknechtet“ oder als Menschen zweiter Klasse behandelt. Was für eine Herausforderung für alle, die sich ansprechen lassen von Worten der Bibel, wie sie an diesem Sonntag zu hören sind!

Das war nur der erste von drei korrigierenden Aufrufen dieses Sonntags – nach dem Muster „nicht …, sondern …!“

Im zweiten Beispiel geht es um Zuwendung und Abgrenzung:

Petrus bekennt vor den bei Kornelius versammelten Menschen, dass er selber sich seine – aus der allgemeinen Kultur übernommene – Einstellung zu den Mitmenschen hat korrigieren lassen müssen. Er sagt:

Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist,
mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten;
mir aber hat Gott gezeigt,
dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.
Darum bin ich auch ohne Widerspruch gekommen,
als nach mir geschickt wurde. …
Wahrhaftig, jetzt begreife ich,
dass Gott nicht auf die Person sieht, …

Vorsicht, Missverständnis: Jede Person, jeder Mensch ist ihm heilig; das hat Petrus gerade gelernt. Und deswegen sieht Gott gerade mit seiner ganzen Aufmerksamkeit auf jede Person. Auch unsere heutige Sprache meint ja in der Redewendung „ohne Ansehen der Person“ lediglich den sozialen Status oder die Herkunft der Person. „Gott sieht nicht auf die Person“ heißt hier dem entsprechend: Petrus begreift jetzt, dass Gott bei seiner Anerkennung der Heiligkeit des Menschen keinen Unterschied macht in der Frage, aus welchem Volk eine Person herkommt. Niemandem verweigert er sich! Deswegen fährt Petrus auch fort:

Er hat das Wort den Israeliten gesandt,
indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus:
Dieser ist der Herr aller.
(Apostelgeschichte 10,28-29.34-36)

Keinen Menschen darf man „unheilig“ nennen. Alle haben sie uns heilig zu sein! Aus allen Bestrebungen unter Freunden, aus aller Solidarität im Teilen von Gottes Geschenken, aus den gesellschaftlichen Bemühungen um das Wohlergehen aller Menschen darf niemand ausgegrenzt werden; das können wir niemandem verweigern.

Die römisch-katholische Kirche, die in der Zeit der Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil ein hohes Bewusstsein vom Stellenwert gläubigen Hinhörens auf die Botschaft der Bibel an den Tag legte, hat in ihrer Leseordnung als Antwortpsalm nach der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte genau diesen Aspekt der Botschaft aufgegriffen: Allen Enden der Erde wendet Gott sich jetzt zu. Froh singend rufen wir einander auf, dieses „neue Lied“ zu singen von Gottes Zuwendung zu den Menschen aus allen Völkern:

Alle Enden der Erde schauen Gottes Heil.

Singet dem Herrn ein neues Lied;
denn er hat wunderbare Taten vollbracht.
Er hat mit seiner Rechten geholfen
und mit seinem heiligen Arm. –

Der Herr hat sein Heil bekannt gemacht
und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.
Er dachte an seine Huld
und an seine Treue zum Hause Israel. –

Alle Enden der Erde sahen das Heil unseres Gottes.
Jauchzt vor dem Herrn, alle Länder der Erde,
freut euch, jubelt und singt! –
(Psalm 98, 1-4)

Wie wohltuend, dass das – entgegen jeder Ausgrenzung und universell – in säkularen Prinzipien längst angekommen ist:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen
ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Das deutsche Volk bekennt sich darum
zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten
als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft,
des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Sogar „in der Welt“! Diese ersten Sätze des deutschen Grundgesetzes über die „Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft“ brauchen jetzt nur noch die Kraft des Glaubens, der darin Gottes eigenen Ruf erkennt. Was für eine Perspektive für die Armen dieser Welt und für alle, die kommen, weil sie uns das glauben!

Und ein dritter korrigierender Aufruf – nach dem Muster „nicht …, sondern …!“ aus den Bibeltexten des Sonntags.

Da geht es ausdrücklich um die Liebe. Ein zentrales Motiv in der biblischen Botschaft.

Welcher Bibel-Text über die Liebe fällt Ihnen spontan als erster ein?

Ich vermute, da stehen zwei Sätze in der Häufigkeit ganz vorne: „Du sollst deinen Nächsten lieben …“, vielleicht auch in der Version „… Gott lieben und den Nächsten lieben …“ (Markus 12,31 bzw. 28-31) – und „Die Liebe erträgt alles.“ (1. Korinther 13,7) – meistens auf Eheleute bezogen.

Das haben wir ja so gelernt. Liebe ist geboten. Moralische Appelle haben ihren Grund immer im Liebesgebot. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Aber es ist schlimm zu sehen, wie wenig das mit der Liebe klappt. In der Partnerschaft mag das ja mit Unterstützung durch die Sexualität einigermaßen gelingen. Aber Leben will es geben auch in vielen anderen Bereichen. Gar in der Politik von Liebe zu reden, erntet blanken Hohn. Auch wenn jemand die Fahne der Nächstenliebe noch so sehr hochhält.

Da gibt es auch die Erfahrung nicht nur der Psychologen, die sagen, ein Kind kann nur so viel Liebe gegenüber anderen Menschen aufbringen, wie es selber vorher Liebe erfahren hat. Aus der Tragweite dieser Erfahrung und zur nachsichtigen Entschärfung des Liebesgebotes betont so mancher Christ, auch Jesus habe ja gesagt „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

Sowohl die 2. Lesung (1. Johannes 4,7-10) als auch das Evangelium (Johannes 15,9-17) des Sonntags sprechen eine sehr klare Sprache:

Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt
und seinen Sohn
als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.

So korrigiert der Apostelbrief die traditionelle Vorstellung von der Liebe, die immer bei der Moral und beim Tun des Menschen ihren Anfang nimmt. Als Kind sagte man mir: „Wenn du brav bist, dann bringt dir das Christkind dies und das.“ Es ist halt in dieser Welt sehr ungewöhnlich, geliebt zu werden trotz dieser und jener Schuld, ohne die das Leben nicht geht. Der Vorstellung, dass man sich Liebe verdienen muss, stellt sich Gott mit seiner bedingungslosen Liebe, die in Jesus menschliche Gestalt annimmt, heftig entgegen. Er schickt seinen Sohn in die Welt, damit wir durch ihn leben: Damit wir frei kommen aus der „Sünde“ samt ihren zu erleidenden Folgen! Vielen Menschen bleibt das derartig verwunderlich, dass sie dieser Botschaft einfach nicht glauben können. Das nimmt er in Kauf. Er bemüht sich, Gottes andere Sichtweise zu vermitteln:

„Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“
(Matthäus 9,13)

Paulus betont im selben Sinn:

„Gott erweist seine Liebe zu uns darin,
dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“
(Römer 5,8)

Nach der Fußwaschung am Gründonnerstag und nach der Frage „Begreift ihr …?“ sagt es Jesus nochmal im Evangelium dieses Sonntags:

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“

Erst vor wenigen Tagen hat in der kirchlichen Tagzeiten-Liturgie Augustinus ausdrücklich daran erinnert mit den Worten:

… Wir lieben ja auch nicht,
wenn wir nicht zuvor geliebt werden. …
Wenn du darüber nachdenkst,
wie der Mensch dazu kommt, Gott zu lieben,
findest du nur den einen Grund:
Gott hat ihn zuvor geliebt.
Der, den wir lieben,
hat sich hingegeben
und schuf uns damit die Möglichkeit, selbst zu lieben. …

So Augustinus, der anerkannte Kirchenlehrer zu Beginn des 5. Jahrhunderts.

Alles dieses Gehörte in knappen Worten zusammengefasst, heißt
erstens – in der Frage nach Status-Unterschieden:

Nicht Unterwürfigkeit, sondern Augenhöhe!
Nicht Knechte, sondern Freunde!
Gleiche Würde aller – mit allen Konsequenzen.

zweitens – in der Frage nach einer Abgrenzung der Zuwendung:

Nicht Verweigerung
für Menschen anderer
Lebens- oder Glaubens-Herkunft,
sondern alle sind „heilig“!

und drittens – in der Frage: Wer liebt hier wen?

Nicht der Mensch aus sich heraus ist Quelle und Akteur der Liebe,
sondern Gott – er lädt ein, das Lieben mit ihm zu teilen!

Zeigen kann sich das alles, wo Menschen ihre Einstellung von Jesus Christus her bestimmen. In erster Linie also da, wo wirklich Kirche ist. Anscheinend ist da wirklich Kirche, wo immer sich das zeigt.

Und was sich da zeigt! Was für eine Liebe!

Der Apostel Paulus schwärmt davon mit den Worten, die als das „Hohelied der Liebe“ bekannt sind und gerne bei Hochzeiten verwendet werden. Leider sehr einseitig – meistens mit der Vorstellung, eine wie weit gehende Liebe da von Menschen erwartet wird – eine totale Bedingungslosigkeit in der Liebe, die von Menschen aber gar nicht erbracht werden kann. Was natürlich zu schweren Enttäuschungen führt, wenn man das alles nur von sich und voneinander erwartet. Allzu sehr übersehen wird:

Die Liebe, von der Paulus im 1. Korintherbrief redet, ist Gottes Liebe zu den Menschen, die er dann als sein Geschenk Menschen ins Herz legt, die gerne aus seinem Geist leben wollen und diese Liebe in der Beziehung zueinander mit ihm teilen wollen. Eine Liebe, die „alles erträgt“, kann man nur von Gott erhoffen – und das dürfen und sollen wir auch.

Aber stattdessen wird uns immer im Friedensgebet der Eucharistie die Bitte an Christus nahegelegt: „Schau nicht auf unsere Sünden!“ Wahrscheinlich, weil er die sonst nicht ertragen, vielmehr mit Liebesentzug sanktionieren würde. Da verbirgt sich eine leider verbreitete Einstellung, die Gott selber eine Liebe nicht zutraut, die Jesus aber unsereins – sozusagen als Christenpflicht – zumutet, wenn er zu Petrus sagt, er müsse nicht nur 7mal vergeben, sondern 77mal!

Jesus kann nur sagen – wie an diesem Sonntag im Evangelium und in Fortsetzung vom letzten Sonntag nach seinem Wort vom Weinstock und seinen Reben:


Wie mich der Vater geliebt hat,
so habe auch ich euch geliebt.
Bleibt in meiner Liebe!

Dies habe ich euch gesagt,
damit meine Freude in euch ist
und damit eure Freude vollkommen wird.
Das ist mein Gebot:
Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.

(Johannes 15,9-17)

Menschen, die „in ihm bleiben“, das heißt für mich dann: die sich den Einsatz seines Lebens für den Menschen zu Herzen gehen lassen und darin ihm das Zeugnis von Gottes unüberbietbarer Liebe abnehmen. Sie können dann wahrscheinlich gar nicht anders, als das in miteinander geteilter Freude
gemeinsam zu leben. Aus dieser von ihm gespeisten Sichtweise wächst als vielfältige Frucht neuer Lebensraum, Ort, an dem Gott sichtbar hervortritt in Gestalt der Liebe, die die Beteiligten umsetzen – zueinander und zu anderen.

Dieses „neue Jerusalem“, das da entsteht, wird schon im Buch Jesaja besungen mit begeisterten Worten wie

„Ich habe Gefallen an dir
und dein Land wird die Vermählte genannt.
Denn der HERR hat an dir Gefallen
und dein Land wird ihm vermählt. …
Wie der Bräutigam sich freut über die Braut,
so freut sich dein Gott über dich.“
(Jesaja 62,4-5)

Lied „Eine große Stadt ersteht“ (GL 479)

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Rainer Petrak