Blogbeitrag

In Sachen Wirtschaft und Soziales (1997)

13. Januar 2012

Im „Arbeitskreis Kirche und Hoechst AG“ fragten wir Kirchenvertreter am 9.10.1997, was die neue Struktur der Hoechst AG für die Nachbarschaft bedeute und welche unternehmerischen Ziele sie damit verfolge.

Justus Mische vom Vorstand der Hoechst AG sagte: Man müsse die weltweiten Veränderungen sehen und zur Kenntnis nehmen: den zunehmenden globalen Wettbewerb, der ein Wirtschaftsunternehmen wie die Hoechst AG in Zugzwang bringe. Betriebswirtschaftlichen Darlegungen räumte er einen großen Raum ein. Auch von sozialer Verantwortung sprach er, brachte sie aber gleich in den höheren Zusammenhang betriebswirtschaftlicher Rationalität. Sorgen der Nachbarschaft und Ängste der Menschen nannte er „nur Emotionen“. Einzige „Realität“ seien die Kräfte des Marktes und des Betriebes – mit ihrer Notwendigkeit, im (letztlich renditepolitisch konzipierten) Wettbewerb zu bestehen. In dieser einen Dimension und zwischen den Beurteilungen „richtig“ und „falsch“ blieben Kategorien der Werte wie Humanität oder Gemeinwohl ausgeblendet.

Herr Mische bemühte sich darzustellen, dass soziale Verantwortung gleichgerichtet sei mit der betriebswirtschaftlichen Verantwortung gegenüber Aufsichtsrat und Kapitalgebern.

Ebenso ging er mit dem Hoechst-Begriff „life science“ um und bezog dabei soziale und ökologische Wertaussagen immer wieder – gleich einem bestätigenden Bewertungs-Maßstab – auf betriebswirtschaftliche Zielaussagen.

Herr Mische demonstrierte in seinen Ausführungen exemplarisch eine vorrangige Orientierung an der betriebswirtschaftlich gemeinten Wettbewerbsfähigkeit samt der Unterordnung aller anderen Perspektiven hierunter.

Soweit die Gesprächssituation es ermöglichte, äußerte ich dazu kritisch meine andere Sichtweise, die ich am 14.10.1997 im „Frankfurter Gespräch SPD – Kirchen“ in einem Referat ausführlicher darlegen konnte:

Eine Betrachtungsweise, wie Herr Mische sie dargelegt hatte, sei nicht dialogfähig in einer wertepluralistischen Welt. Ihr fehle die Wahrnehmung für die Kategorie „politischer Wille“ mit ihren Werten, Interessen und Prioritäten. Eine wie hier gezeigte Eindimensionalität sei lediglich ein rechthaberisches Instrument zur Erlangung oder Aufrechterhaltung von Macht. Wehe den in solchem Einflussfeld Lebenden!

Wie die Kirchen in Deutschland angesichts dieses Problemfelds ihre Aufgabe sehen, kam zum Ausdruck in dem Gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“, das der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz nach einem ausgiebigen Konsultationsprozess auf breiter Basis in der Bevölkerung im Jahr 1997 veröffentlichte. Darin heißt es:

(Vorwort) „… Geleitet und ermutigt durch das christliche Verständnis vom Menschen, durch die biblische Botschaft und die christliche Sozialethik wollen die Kirchen ihren Beitrag zu der notwendigen Neuorientierung der Gesellschaft und Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft leisten. Ihr Anliegen ist es, zu einer Verständigung über die Grundlagen und Perspektiven einer menschenwürdigen, freien, gerechten und solidarischen Ordnung von Staat und Gesellschaft beizutragen und dadurch eine gemeinsame Anstrengung für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit möglich zu machen. …“

(2) „… Dem Egoismus auf der individuellen Ebene entspricht die Neigung der gesellschaftlichen Gruppen, ihr partikulares Interesse dem Gemeinwohl rigoros vorzuordnen. Manche würden der regulativen Idee der Gerechtigkeit gern den Abschied geben. Sie glauben fälschlich, ein Ausgleich der Interessen stelle sich in der freien Marktwirtschaft von selbst ein. …“

(2) „Die Kirchen treten dafür ein, dass Solidarität und Gerechtigkeit als entscheidende Maßstäbe einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Wirtschafts- und Sozialpolitik allgemeine Geltung erhalten. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, in der gegenwärtigen Situation auf Perspektiven des christlichen Glaubens für ein humanes Gemeinwesen, auf das christliche Verständnis vom Menschen und auf unveräußerliche Grundwerte hinzuweisen. …“

(4): „Ihren Auftrag und ihre Kompetenz auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialpolitik sehen die Kirchen darin, für eine Wertorientierung einzutreten, die dem Wohlergehen aller dient. Sie betrachtet es als ihre besondere Verpflichtung, den Anliegen jener Gehör zu verschaffen, die im wirtschaftlichen und politischen Kalkül leicht vergessen werden: die Armen, Benachteiligten, Machtlosen; auch die kommenden Generationen und die natürlichen Grundlagen des Lebens.

(13) „Die Kirchen … stehen für eine Kultur des Erbarmens. … Den Blick für das fremde Leid zu bewahren, ist Bedingung aller Kultur. Erbarmen im Sinne der Bibel stellt dabei kein zufälliges, flüchtig-befristetes Gefühl dar. Die Armen sollen mit Verlässlichkeit Erbarmen erfahren. Dieses Erbarmen drängt auf Gerechtigkeit.“

(105) „Die christliche Nächstenliebe wendet sich vorrangig den Armen, Schwachen und Benachteiligten zu. So wird die Option für die Armen zum verpflichtenden Kriterium des Handelns.“

Vollständiger Text: www.ekd.de/sozialwort

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Rainer Petrak