Blogbeitrag

Was den Christen am Kreuz so wichtig ist (Flyer) (2011)

11. September 2011

siehe auch das Buch von Rainer Petrak, Jeder muss halt sein Kreuz tragen???

Der Konflikt, der Jesus ans Kreuz bringt

Durch die Art, wie Jesus Menschen begegnet, verhilft er ihnen zu neuer Lebensqualität. Er wird ihrer Würde gerecht und versetzt sie in die Lage, selbstverantwortlich ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Wer aber in Krankheiten aller Art Gottes Strafe sieht und die Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens durch einen all zu freizügigen Umgang mit Sündern gefährdet sieht, stört sich an Jesus und seinem Tun. Und wer meint, nur Gott kann Sünden vergeben, in Jesus aber nicht Gott am Werk sieht, wirft ihm natürlich Gotteslästerung vor.

Jesus aber sagt, Gott will das so. Und das zu verwirklichen, ist Inbegriff seines Lebens; so verwirklicht er sich selbst. Wenn’s drauf ankommt, ist er auch bereit, dafür mit seinem Leben zu bezahlen. Die ihm gegnerischen Autoritäten können ihn nicht abbringen von seinem Weg. Jesus sieht die Zuspitzung des Konfliktes kommen. Er weicht ihr aber nicht aus, eher führt er sie durch sein konsequent profiliertes Verhalten herbei.

Was durch sein „Kreuz“ anders wird

Menschen, deren Leben durch die Begegnung mit Jesus heil wurde, staunen froh: Was sie mit ihm erlebt haben, kann man doch nur mit Gott erleben! Und angesichts der Häufigkeit solcher Erfahrung wächst die Überzeugung: Da kann kommen, was will, – jedenfalls kommt er darin auf uns zu, um uns zu retten. Der Weg von Jesus ans Kreuz eröffnet mitten in den oft leidvollen Realitäten eine neue Perspektive für alle. Sein Kreuz wird zum Zeichen des Lebens und der Hoffnung.

Das ist zugleich eine Korrektur des überlieferten Gottesbildes: Mit Jesus kommt Gott nicht, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten!

Aber ein Teil der Menschen sieht durch Jesus ihre Sicht vom Leben und von Gott immer wieder brüskiert, verunsichert und herausgefordert. Nein, einen, der „alles so durchein-anderbringt“, können sie nicht hinnehmen.

Was Menschen zu seinen Anhängern macht

Am Abend vor seinem Leiden fragt Jesus seine Jünger: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Er wäscht ihnen die Füße. Petrus will nicht: Wir haben dir zu dienen, aber du doch nicht uns! Petrus hat noch nicht begriffen. Jesus zu Petrus: Wenn du mich nicht an dich ran lässt mit meiner Liebe, mit der ich dir und deinem Leben dienen will, dann verschließt du dich.

Lasse ich es mir gefallen, dass nicht ich für ihn da bin, sondern er für mich?

Und was ist das, wofür er sich damals von seinen Gegnern umbringen ließ und womit er bis heute einwirkt auf das Leben und die Welt – für alle, die ihn lassen? Was ist dieses Wunderbare, woraus auch ich heilsamen Nutzen ziehen kann?

Was Jesus von Gott und dessen „Reich“ verkündet, verkörpert, bewirkt: Der Wert des Menschen misst sich nicht! Meinen Wert, meine „königliche“ Würde habe ich dadurch, dass Gott mich als sein Abbild geschaffen hat. Und dadurch, dass er sich danach sehnt, alle Verletzungen meines Wertes so gut und so schnell wie möglich wieder heilen zu können. – Es gefällt dir, Gott, Jesus, für mich da zu sein und mein Leben zum Guten zu wenden! Selbst wenn du dabei „drauf gehst“!

Die Werte unserer Gesellschaft, die sich immer wieder auch des Denkens der Christen bemächtigen, stehen in heftiger Spannung dazu: Der moderne Mensch will sich nichts schenken lassen, auch nicht von Gott.

Aber was Gott mit Jesus bringt, geht nur als Geschenk. Wenn ich das zulasse, kann seine Liebe geschehen, die in ihrer Maßlosigkeit nur ein Leben lang in jeder weiteren einschlägigen Erfahrung einen Schritt weiter begriffen werden kann.

Ihn an mich ranlassen. Den Weg, den Jesus bis ans Kreuz gegangen ist, bei mir richtig und wirklich ankommen lassen. Die Dynamik, die in seinem Tod gipfelt, auf mein Leben und mich selbst einwirken lassen. Fußwaschung. Das ist mein erster Schritt, wenn ich den Weg mit ihm gehen will.

Oft überspringen Menschen auf ihrem Glaubensweg diesen ersten Schritt – im vorschnellen Bemühen, Anderen Gutes zu tun – aus Pflichtbewusstsein oder wegen der in Aussicht gestellten (dann natürlich auch beanspruchten) Belohnung oder einfach weil ihnen nie die Erlösung verkündigt wurde, sondern immer nur die Moral. Aber wie soll das dann irgendjemand ehrlichen Herzens wertschätzen und sich darüber dankbar freuen?!

Kirche muss sich diesem Konflikt stellen und den Jesus in Wort und Tat bezeugen, der sich den abgeschriebenen, den „letzten“ Menschen mit Vorliebe zuwendet – um den Preis seines Lebens und mit Berufung auf Gott. Das hat sie sehr wohl verstanden: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der

Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ So formulierte das 2. Vatikanische Konzil 1965 das Selbstverständnis von Kirche mit dem programmatischen ersten Satz in „Gaudium et spes – über die Kirche in der Welt von heute“.

Zwei zeitlos wirkende Gegenkräfte gegen den Wandel, den Jesus bringt:

1. Wer immer das Bewusstsein hat, sich seinen Wert, seine Wichtigkeit selbst erarbeitet und die Anerkennung seiner Position verdient zu haben, muss natürlich mit aller Kraft gegen eine solche Einstellung zu Gott und zum Leben pro-testieren und sie bekämpfen. Und geradezu tragisch wird es, wenn er im Erfolg für seine Mühen Gottes Lohn zu erkennen meint: Wenn er dann im Kreuz von Jesus mit dem Gott konfrontiert wird, der den Menschen ohne jedes Verdienst liebt! Dann kann er nur verzweifeln oder Jesus ans Kreuz bringen.

2. Die Angst: So etwas öffnet doch Tor und Tür dafür, dass solche bedingungslose Liebe permanent ausgenutzt und missbraucht wird! – Ja, mag sein. Gott allerdings nimmt in Jesus dieses Risiko bewusst auf sich und trägt die Konse-quenzen.

Wenn wir in der Kirche aber trotz aller Bedenken zulassen, dass Jesus uns „die Füße wäscht“, dann können wir an ihm Anteil bekommen. So – und nur so, sagt er – kann das, worum es geht, bei und an und in uns erst ankommen und dann fruchtbar werden und durch uns wirken. Die zentrale Frage ist und bleibt: Lassen wir uns das gefallen? Lassen wir ihn uns gefallen?

Der Weg zur Entscheidung

Die Evangelien bezeugen – in gewichtigen Wiederholungen – schwer verdauliche Worte von Jesus: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.“

Christ sein? Jesus warnt: Wenn man das gedankenlos angeht und dabei übersieht, dass einem die Mittel dafür fehlen, riskiert man Spott, Scheitern ist vorprogrammiert.

Er nennt drei Voraussetzungen, um überhaupt ein Jünger von ihm sein zu können.

1. Wenn wir Christ sein wollen, sollen uns Wertmaßstäbe, Bestrebungen, Kräfte, die von ihm her auf uns zu kommen, wichtiger sein, Vorrang haben. Da sind Konflikte unvermeidbar – sowohl mit Menschen, mit denen wir in Frieden
leben möchten, als auch mit Menschen und Kräften, die Macht haben, uns unter Druck zu setzen.

2. Das braucht die Bereitschaft, sich solchen Konflikten mit nahestehenden Menschen wie auch mit eigenen Gewohnheiten und auch mit gesellschaftlichen Kräften zu stellen. Konflikten der Art, wie sie zum Lebensweg von Jesus gehören, die ihn schließlich ans Kreuz gebracht haben.

3. „Keiner von euch kann mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Geld, Auto … Errungenschaften … Standards, die ich mir erarbeitet habe, auch in meiner Persönlichkeitsentwicklung. Kultur, Standpunkte, Bestrebungen, Wertungen, Vorurteile, … Meine Identität, mein Selbstverständnis. Darauf verzichten, sagt Jesus. Die Bereitschaft und die Haltung, das alles, was da (zu) mir gehört, in der Prägung meines Lebensstils und Verhaltens nicht zur Priorität Nummer 1 werden zu lassen, mich davon zu lösen und in erster Linie mich an seinen Maßstäben und seinen Anregungen auszurichten.

Eine solche „Mittel-Bilanz“ bringt Aufruhr in mein Selbstverständnis.

Wenn ich allerdings mit ihm wunderbar erfahren habe, dass ich viel wertvoller, liebenswerter, wichtiger bin als gedacht, und ich mich daher – anfanghaft – mit Jesus und seinem Weg, seinem „Geist“ identifiziert habe, dann ändert sich vieles für mich. Auch meine „Mittel“ zum Leben und wofür ich sie wie verteile. Wenn mein „Selbst“, wie ich es verstehe, sich wesentlich verändert hat, dann ergeben sich auch die entsprechenden Veränderungen in meiner angestrebten Selbstverwirklichung: Im Vertrauen auf den Gott, den Jesus verkörpert und dem ich zugehöre, nehme ich dann auch gerne das seinem Weg entsprechende „Kreuz“ in kauf – vor allem in der Solidarität mit Gleichgesinnten! Fußwaschung 2. Akt ist dann angesagt: „… damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Johannes 13,15)

Aber vor der – immer wieder neu zu treffenden – Entscheidung, ob ich Christ sein will, komme ich nicht vorbei an der Auseinandersetzung mit all dem, was daran Angst machen kann und den Einflüssen auf meine Lebensweise kräftig entgegensteht. Ihr werde ich mich stellen, wenn ich weiß: Gott hilft mir dabei kräftig, wenn ich es nur zulasse.

Die herkömmliche Österliche Bußzeit bietet jedes Jahr für diese Auseinandersetzung besonders hilfreiche Chancen: Auf dem Weg zum Osterfest kann jeder Sonntag zu einer Etappe werden, kann neu klären und bestärken und mich voranbringen. Jesus will mit seinem Weg, mit seinem Geist und mit der Kraft aus seinem Tod und seiner Auferstehung auch auf mein Leben einwirken. Mein Ja dazu ist gefragt. „Widersagt ihr? Glaubt ihr?“ Ich kann die Zeit nutzen, neue Klarheit zu gewinnen für eine entschiedene Erneuerung meines eigenen Taufbekenntnisses in der Feier der Osternacht.

Das Kreuz tragen – in Solidarität der Glaubensgemeinschaft

Wer Gottes Liebe selber erfahren und „begriffen“ hat, wird Freude darüber ausstrahlen. Auf andere wird einwirken, was ihn erfüllt. Das neue Selbstverständnis und die neue Perspektive kann solche „Jünger Christi“ zusammenführen, so dass Gottes Dienst an den Menschen Kreise zieht. Da findet die Dynamik seiner Liebe einen weiteren Ausgangspunkt und drängt danach, sich auszubreiten und zu wirken. In der gegenseitigen Bestärkung solidarischer Glaubensgemeinschaft atmen sie Gottes Geist und gehen den Weg auf den Spuren von Jesus.

Daraus entstehende belastende Konflikte werden sie in gleichgesinnter Freude als ein zu tragendes „Kreuz“ gerne tragen. Das ist ja für sie Inbegriff für die Gemeinschaft mit Jesus und seiner Lebensdynamik.

Als Christ leben, also Jesus auf seinem Weg nachfolgen als sein Jünger, als Zeuge für das Reich Gottes in seinem Sinn, das kann auch in unseren Tagen und in unseren Breiten riskant werden: Die Option für die Armen, der sich die Kirche in Gottes Namen verschrieben hat, steht heftig den in unserer Gesellschaft herrschenden Ordnungen entgegen! Oder: Den für die Kirche geltenden Vorrang der menschlichen Arbeit im Interessenkonflikt mit dem Kapital und seinen Eigentümern bekämpfen mit allen Mitteln die Kräfte, die in unserer Welt herrschen!

Gegen das verharmlosende Reden vom „Kreuz“

„Wer mein Jünger sein will, … nehme sein Kreuz auf sich …“ Wie das Wort vom „Kreuz-Tragen“ gemeint sei, davon gibt es ein weit verbreitetes (Miss-) Verständnis: Der eine Mensch müsse sein Kreuz tragen, das er mit seinem Ehepartner hat. Das Kreuz eines anderen bestehe darin, dass er schon lange erfolglos eine Arbeitsstelle sucht. Andere haben mit einem auf die schiefe Bahn geratenen Sohn ihr „Kreuz“ zu tragen oder als pflegende Angehörige. Dem einen ist die schwere Krankheit sein Kreuz, dem andern der Tod eines nahe stehenden Menschen, … „Jeder hat halt sein Kreuz …“ Und das muss man tragen, auch wenn es schwer ist. Manchmal erscheint dabei als das Beste, was man einem solchen Menschen tun kann, ihm zu helfen, dass er sein Kreuz tragen kann. Sein Kreuz tragen – ohne Widerspruch und ohne aufzumucken, gilt häufig als besonders fromm.

„Kreuz“ und „Leid“ gelten diesem Verständnis als Syno-nyme. Nicht bei Jesus: Er nimmt sein Kreuz auf sich, um Menschen aus ihrem Leid zu befreien! Das ist in seinem Sinn das Beste, das er – und wer ihm als sein Anhänger nachfolgt – für einen leidenden Menschen tun kann! Von Jesus her betrachtet ist „Kreuz“ ja die Konfliktbereitschaft, sich in seinem Sinn und als Zeuge für das Reich Gottes Unmenschlichkeiten entgegen zu stellen. Dieses Kreuz zu tragen bereit zu sein, gehört zu seinen Jüngern in der Nachfolge, also in dem Bestreben, es zu halten wie er, ihm hinterher zu gehen.

Das genannte verbreitete Verständnis vom „Kreuz“ verfestigt ein dreifaches Problem:

1. Wer ein Leid-Paket, „ein Kreuz“ zu tragen hat, hört: Man muss es halt tragen. Ein solcher moralischer Appell aber hilft niemandem. Und ihn befolgen zu wollen, setzt manchmal eine wahre Heldenhaftigkeit voraus. Wer sich da überfordert oder allein gelassen sieht, bekommt nur ein zusätzliches Problem in Gestalt von Schuldgefühlen. Verschwiegen wird dabei die eigentliche Botschaft an alle Leidenden: „Er heilt die gebrochenen Herzen und verbindet ihre schmerzenden Wunden.“

2. Die Botschaft von der „Verklärung“ wird den zum Konflikt bereiten Zeugen Jesu vorenthalten: die Zusage, die Jesus denen macht, die das „Kreuz“ auf sich nehmen: „Wer sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten“!

3. Das Profil einer Gemeinschaft von Menschen, die gerne mit ihrem Leben auf den Spuren von Jesus das kommende Reich Gottes bezeugen, fällt unter den Tisch. Fehlanzeige, wenn es um die Hoffnung für die geht, denen ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit bedroht oder vorenthalten wird. Das Scheitern von Kirche als Zeichen und Werkzeug gegenüber dem leidenden Menschen.

Die biblische Sichtweise vom „Kreuz“ kommt im kirchlichen Mainstream zu kurz – zu Gunsten eines moralisierenden Redens vom Kreuz-Tragen und zu Gunsten einer Verharmlosung der Botschaft vom Kreuz Jesu als dem Siegeszeichen Gottes für die Welt. Eine bewusste Unterscheidung von „Leid“ und „Kreuz“ ist angesagt und eine deutliche Klärung der Beziehung zwischen beiden.

Perspektive Pfingsten

Am Kreuz hat er ausgeatmet.
Sein Leben ausgehaucht.
Sich selber ganz und gar.
Ganz tief.
Eine Menge Atem
voller Lebendigkeit.
Damit haucht er sie an:
Sie atmen ein!
Ihrer Angst bläst er
stürmisch
Hoffnung ins Gesicht.
Ganz tief.
Neuer Atem zum Leben.
Wo sie versammelt sind,
fängt’s an.
Und dann:
ab unter die Menschen!
Geburtsstunde von Kirche.
Frischer Wind
für die ganze Welt.
Der Wind des Friedens kommt.
Verständigung und Frieden.

Hier können Sie meinen Beitrag weiter empfehlen:

Rainer Petrak