Blogbeitrag

ins Leben investiert

4. November 2021

Sonntagsbotschaft zum 7. November 2021, dem 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B). 

„Ich will was machen. Was Richtiges. Ich bin jetzt 50. Bisher bin ich nur mitgeschwommen. Das ist öd. Jetzt wird’s Zeit, dass ich mein eigenes Leben finde. Aber was ist das?“ So sagte dieser Tage jemand zu mir.

Haben Sie schon gefunden, was Ihr eigenes Leben ist? Wie benennen Sie das, wonach Sie da suchen oder gesucht haben? „Sinnvoll“ leben? „Erfüllt“ leben? „Zufriedenheit“? „Glück“? „Spaß“ am Leben?

Noch unterschiedlicher sehen dann die Wege aus, auf denen Menschen nach so etwas suchen. Der Lebensweg ist etwas sehr Persönliches; den kann ich nur selber finden.

Um mich dabei nicht vorschnell auf Übliches zu beschränken oder auf Eindrücke, die sich mir aufdrängen, lasse ich mich gerne anregen – möglichst vielfältig, um dann eine Entscheidung zu treffen, die wirklich meine ist.

In diesem Sinn anregend kann eine Erzählung werden von der Begegnung sehr unterschiedlicher Personen damals auf dem Tempelberg von Jerusalem.

Da sind wie üblich viele Leute. Darunter auch Jesus und seine Jünger. Sie sind aus Galiläa auf ihrem Weg in Jerusalem angekommen. Der Konflikt zwischen der Lebenseinstellung, die Jesus lebt und ausbreitet, und den religiösen Autoritäten, die hier ihre Zentrale haben, spitzt sich zu. Diese Erzählung will heutige Hörerinnen und Leser in die Szenerie einbeziehen und so mehr als nur eine Anregung werden: zum Evangelium des Sonntags, also zur guten Nachricht für unsereins.

Im Tempel war eine große Menschenmenge versammelt
und hörte Jesus mit Freude zu.

Da klingt mir noch vom letzten Sonntag im Ohr, das Wichtigste überhaupt sei es, zu hören, was Gott sagt, der Einzige, und ihn zu lieben. Diese vielen Menschen hier hören ihm zu. Mit Freude.

Er lehrte sie und sagte:
Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten!

Die stehen da auch irgendwo im Vorhof des Tempels, die religiösen Männer, die Bescheid wissen in der Heiligen Schrift und die den Leuten sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie haben es nicht nötig, Jesus zuzuhören. Und wenn sie ihm zuhören, dann nur um aufzupassen, dass er den Leuten auch ja nichts Falsches sagt. Vor ihnen warnt Jesus die Menschen.

Warum sollen sie sich vor ihnen in Acht nehmen? Könnten sie sie irreführend beeindrucken, sich ihrer bemächtigen, sie irgendwie schädigen? Der Schriftgelehrte, von dessen Gespräch mit Jesus am letzten Sonntag zu hören war, ist offensichtlich eine Ausnahme. In seiner Warnung vor den Schriftgelehrten verallgemeinert Jesus hier:

Sie gehen gern in langen Gewändern umher,
lieben es, wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt,
und sie wollen in der Synagoge die Ehrensitze
und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.

Was sie tun, tun sie, um selber gesehen, angesehen und geehrt zu werden. Aber – noch schlimmer:

Sie fressen die Häuser der Witwen auf
und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete.
Umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.

Schroffe Worte, die Jesus da über die Schriftgelehrten sagt! Nur zum Schein nehmen sie Gottes Wort aus der Schrift in den Mund.

Typisch für Gott schon im gesamten Ersten Testament ist, dass er besonders die sozial Ungesicherten schützt, die Fremden, Waisen und die Witwen, wie es immer wieder heißt, und ihnen ihr Recht verschafft.

Diese in der Bibel gelehrten Männer aber reißen in asozialer Frechheit das an sich, wovon die Witwen leben, die damals ansonsten ohne Schutz waren. Die revidierte Fassung der deutschen Einheitsübersetzung der Bibel gibt das brutale Wort aus dem griechischen Original wieder, mit dem das Verhalten von Raubtieren beschrieben wird: „Sie fressen die Häuser der Witwen auf.“ Da sie Einfluss geltend machen wollen – in Gottes Namen – , missbrauchen sie Gottes Wort und instrumentalisieren es für ihre eigene Geltungssucht und für das Gegenteil von dem, was Gott sagt! Kein Wunder, dass Jesus ihnen ein hartes Urteil in Aussicht stellt.

Die Menschenmenge, die ihm zuhört – der Lesungsabschnitt im Gottesdienst unterschlägt leider die Bemerkung aus dem Bibeltext, dass das Volk ihm „mit Freude“ zuhört – diese Menschenmenge wird wohl gestaunt haben über die mutige Offenheit, mit der Jesus diejenigen kritisiert, die selbstzufrieden meinen, sie hätten den Tempel für sich gepachtet. Zu denen, die ihm zuhörten, gehörten ja wahrscheinlich auch so manche Opfer von deren „Scheinheiligkeit“, wie Jesus es nennt.

Als Kontrastbeispiel für eine entgegengesetzte Haltung gegenüber Gott und seinem Wort, mit der der Mensch Gott liebt und auf ihn hört und daraus lebt, macht Jesus in der Fortsetzung des Evangeliums seine Jünger aufmerksam auf eine arme Witwe:

Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß,
sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen.
Viele Reiche kamen und gaben viel.
Da kam auch eine arme Witwe
und warf zwei kleine Münzen hinein.

Worum geht es da? Das Wort „Opferkasten“ – im Zusammenhang mit dem Tempel – löst bei uns heute wahrscheinlich eine Vorstellung aus vom „Opferstock“ am Eingang beziehungsweise Ausgang heutiger Kirchen – mit einem Schlitz zum Einwerfen einer Spende. Das griechische Wort γαζοφυλακείον , ursprünglich aus dem Persischen als Fremdwort übernommen, heißt eigentlich „Schatzkammer“ – und zwar an einem Tempel oder an einem Königshof. Im Vorhof des Tempels in Jerusalem gab es laut der alten Tradition 13 Stellen mit dieser Bezeichnung „in Posaunenform“, wie es heißt, also wohl eine trichterförmige Öffnung. Dort konnte man eine Geldspende einwerfen – als Beitrag für Zwecke, denen der Tempel dienen sollte.

Und da wirft auch eine arme Witwe zwei Münzen ein, nämlich λεπτά δύο, zwei Leptà. Wie viel ist das? Auch in der heutigen Euro-Währung dürfen die Griechen als einzige EU-Nation die Cent-Münzen abweichend „Leptá“ nennen. Schon in der Antike war ein Leptón der Wert der kleinsten Kupfermünze. Auch heute ist das so wenig, dass Griechen lieber auf- oder abrunden, als Beträge unter 5 Leptá zu kassieren oder zu bezahlen. Von der armen Witwe im Markus-Evangelium wird gesagt, sie hat zwei Münzen zu jeweils einem Leptón eingeworfen.

Was sollen wir uns bei dieser Erzählung vorstellen? Warum gibt diese Frau eine Spende, obwohl sie gar nichts hat? Und warum gibt sie das Wenige, obwohl das doch „gar nichts“ nützt? Und wie kommt es, dass Jesus das so genau gesehen hat? Oder geht es hier gar nicht um’s Detail, will Jesus beziehungsweise das Evangelium hier auf etwas Typisches, Grundsätzliches aufmerksam machen?

Er rief seine Jünger zu sich
und sagte: Amen, ich sage euch:
Diese arme Witwe
hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen
als alle andern.
Denn sie alle
haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen;
diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat,
sie hat alles hergegeben, was sie besaß,
ihren ganzen Lebensunterhalt.
(Markus 12,38-44)

„… ihren ganzen Lebensunterhalt“.Im griechischen Original steht όλον τον βίον αυτής. Wörtlich übersetzt heißt das „ihr ganzes Leben“. Also rundherum „alles“ gibt sie.

Am letzten Sonntag erinnerte Jesus an das Höchste, was der Mensch in seinem Leben „bringen“ kann, nämlich „Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“. Mit dem Blick auf diese Erzählung könnte man das auch konkretisieren: „mit allem, was du bist und hast, mit allem, was du vermagst, also all deinem Vermögen“. Das ist das, was diese arme Witwe hier tut! Jesus sieht – und sagt: „Sie hat alles hergegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.“ oder: „ihr ganzes Leben“.

Auch viele Reiche kamen, heißt es, und gaben viel. Dazu sagt Jesus: „Sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen.“

Einer von den Reichen, der dasselbe tun wollte wie die arme Witwe, würde also sein gesamtes Vermögen dafür hergeben. Und wenn er dann noch die Sicherheit einer Familie genießt, hat er immer noch weniger gegeben als die Witwe.

Ein Reicher heute, der alles hergibt, sein ganzes Vermögen, alle seine Möglichkeiten, um beizutragen zur „Schatzkammer“, aus der Gott sich den Notleidenden zuwendet, von ihm würde Jesus sagen: „Er hat alles hergegeben, was er besaß, seinen ganzen Lebensunterhalt“ beziehungsweise „sein ganzes Leben“. Und wir würden bewundernd sagen: „Er hat seinen ganzen Reichtum, sein ganzes Leben investiert in das Leben und die Zukunft der Menschen.“

Damit beschreibt Jesus hier im Evangelium seinen eigenen Weg, seine Haltung gegenüber dem Menschen, seinen Geist, seine innere Einstellung gegenüber Gott. Ganz im Kontrast zu den Schriftgelehrten lebt er, was er lehrt. Und weit mehr als ein moralischer Appell an die Spendenbereitschaft der Christen wirft diese Erzählung ein Licht auf den Menschen, der Gott gleich war: auf Gott selber, der in Jesus so handelt – bei dessen Licht betrachtet die sogenannten Schriftgelehrten nur ein Bild des Jammers abgeben.

Es ist die Gesinnung, die aus Liebe zu Gott an Gottes Liebe zum Menschen Anteil nimmt, wie sie der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi den Christen ans Herz legt:

Seid untereinander so gesinnt,
wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich
und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen.
(Philipper 2,5-9)

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