Blogbeitrag

Klimawandel von Gerd Altmann auf Pixabay

Zeit der Krise

11. November 2021

Sonntagsbotschaft zum 14. November 2021, dem 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B). 

Nach einer Reihe von Stunden im Religionsunterricht zum Thema „glauben – wie geht das?“ fragte ich die Jugendlichen, um ihren Lernerfolg zu testen: „Woran ‚glaubt‘ ihr, wenn ihr vor einer Mathe-Arbeit steht?“

… an mein gutes Gedächtnis
… an meine Fähigkeit zum Durchblick
… an mein Können
… an meine Bemühungen, vorher zu üben
… an den letzten Augenblick vor Beginn der Stunde
… an meinen Nachbarn
… an mein logisches Denkvermögen
… an die Zukunft,
    und die hat mit der Note, die ich auf die Arbeit kriege, nichts zu tun

Harmloses Beispiel?

Wer sich in einer Prüfungssituation herausgefordert sieht und wem es wichtig ist, sie zu bestehen, fragt sich: Woran kann ich mich halten? Worauf kommt’s jetzt an?

Prüfungssituationen gibt’s im Leben viele; nicht nur, die sich „Prüfung“ nennen – Abitur, Berufsabschluss, Führerschein, der Entscheidungsprozess über einen Antrag, …

Wie werde ich nach der Operation mit meinem Leben klarkommen?
Wie bestehe ich den Dauerkonflikt mit meinem Ehe- oder Lebenspartner?
Wie komme ich als Solo-Selbstständiger durch die Pandemie?

„Prüfungssituationen“ können zur elementaren Krise werden. Nicht nur für Einzelne oder für Familien oder für Gruppen der Bevölkerung. Die aktuelle Pandemie und noch mehr die Klimakrise trifft die ganze Menschheit: Wie werden wir sie bestehen?

Wenn dies oder das passiert, geht die Welt jetzt unter? Bricht die ganze Welt zusammen?

Verwandte meiner Elterngeneration benannten die Zeit um das Frühjahr 1945 immer wieder mit dem Wort „Zusammenbruch“. Wohl bemerkt: hinterher, aber weiterhin nach den Maßstäben der alten Sichtweise. Wie unterschiedlich für verschiedene Menschen zur selben Zeit das Bild von der Welt sein kann, wurde mir daran besonders deutlich.

Menschliche Katastrophen gibt es viele – drohende wie auch eingetroffene – „Zusammenbrüche“ im Leben Einzelner wie auch im Leben ganzer Völker.

Nach dem Ersten Weltkrieg sah Oswald Spengler mit seinem gleichnamigen Buch den drohenden „Untergang des Abendlandes“. Knapp hundert Jahre später sahen manche angesichts zunehmender Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen die gleiche Bedrohung wieder auf uns zukommen.

Ein drohendes Ende der Welt oder „unserer Welt“ zeichnete sich zu vielen Zeiten ab.

Die Zeitenwende zwischen den biblischen Testamenten war eine solche, sehr unruhige Zeit. Voller Umbrüche und Risiken und Gefahren. Für die Einzelnen wie für ganze Völker. Weltuntergangs-Szenarien beherrschten die Vorstellungen vieler Menschen und machten ihnen Angst. Das Weltbild des alten Orients bot viele Anknüpfungspunkte für eine Wahrnehmung konkreter Bedrohungen. Die Erzählungen von den Göttern der Antike waren ja voll von angedrohten Strafaktionen für die Menschen, wenn sie dem Willen der Götter zuwiderhandelten. Da fallen dann schnell mal Sterne vom Himmel oder die Sonne verfinstert sich.

Diese sogenannte Apokalyptik eignete sich gut dafür, die von Angst bedrückten Menschen in Schach zu halten und mit Hilfe bedrohlicher Göttergeschichten die Macht über sie zu festigen.

Welche Spuren davon finden sich in der Bibel? Und was sagt Jesus dazu?

Viele Stellen in den jungen Schichten des Alten Testaments und manche Teile im Neuen Testament gehen auf die apokalyptischen Ängste der Menschen ein. Dabei unternehmen sie es nicht, besserwisserisch zu belehren, und den Menschen ihr Weltbild oder ihre Ängste auszureden. Vielmehr nimmt die Bibel die Menschen ernst – samt ihren Emotionen und all dem, was sie bekümmert, und samt ihrem jeweils aktuellen Weltbild. So respektvoll behandelt, werden die Menschen vielleicht aufhorchen und Vertrauen entwickeln zu der Botschaft, die ihnen da gesagt wird; Vertrauen vielleicht sogar zu dem, der da zu ihnen redet, wenn sie darin den erkennen, der ihnen zur Orientierung werden möchte: ein Wegweiser zu bisher unbekannten oder auch zu bisher übersehenen Türen in die Zukunft des Lebens.

Das 13. Kapitel des Markus-Evangeliums, aus dem ein Abschnitt für die Gottesdienste dieses Sonntags vorgesehen ist, überliefert dazu ein Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern. Es sind seine letzten Tage. In Jerusalem. Sein Ende zeichnet sich bedrohlich ab.

Als Jesus den Tempel verließ,
sagte einer von seinen Jüngern zu ihm:
Meister, sieh, was für Steine und was für Bauten!
Jesus sagte zu ihm:
Siehst du diese großen Bauten?
Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben,
der nicht niedergerissen wird.
(Markus 13,1-2)

Diese Prophezeiung – wie hören Sie die? Ist das eine Warnung? Oder eine Trostbotschaft? Wenn die Machtzentrale der Unterdrücker niedergerissen wird, ist das zum Jubeln! Wenn aber meine Wohnung niedergerissen wird, ist es die Katastrophe! Stellt Jesus hier also Befreiung in Aussicht oder Zusammenbruch???

Und als er auf dem Ölberg saß, dem Tempel gegenüber,
fragten ihn Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas,
die mit ihm allein waren:
Sag uns,
wann wird das geschehen
und was ist das Zeichen, dass dies alles sich vollenden soll?
(Markus 13,3-4)

Diese vier Männer – fragen sie ihn so voller Ängstlichkeit oder in ungeduldiger Vorfreude???

Jesus sagte zu ihnen:
Gebt Acht, dass euch niemand irreführt!
Viele werden unter meinem Namen auftreten
und sagen: Ich bin es!
Und sie werden viele irreführen.
Wenn ihr von Kriegen hört und von Kriegsgerüchten,
lasst euch nicht erschrecken!
Das muss geschehen.
Es ist aber noch nicht das Ende.
Denn Volk wird sich gegen Volk
und Reich gegen Reich erheben.
Und an vielen Orten wird es
Erdbeben und Hungersnöte geben.
Doch das ist erst der Anfang der Wehen.
(Markus 13,5-8)

Was für Spannungen! Auseinandersetzungen! Durcheinander! Irreführung, Spiel mit der Angst! „Lasst euch nicht erschrecken“, sagt Jesus zu denen, die ihm vertrauen. Solche Erfahrungen – das wisst ihr aus allen Zeiten – gehören leider dazu – zum Leben in dieser menschlichen Welt.

Und immer wieder wird das auch zur Katastrophe. Zu allen Zeiten bleiben Menschen lieber blind für die Folgen ihres Verhaltens und verleugnen einfach die Wirklichkeit, die auf sie zu kommt. Und wer, am Abgrund stehend, den Fortschritt im Weg nach vorne sieht, …………..

Jesus – seltsam – er schaut da offensichtlich mit einem ganz anderen Blick auf die sich abzeichnenden Ereignisse. Er spricht von „Wehen“! Wo andere das Ende sehen, redet er von „Geburt“! Und was das bedeutet, das kennen wir ja: Schmerzen, ja. Manche Mutter fürchtet dabei um ihr Leben. Und für das Kind ist es das Ende der Geborgenheit im Mutterschoß, der Untergang seiner ganzen bisherigen Welt. Für uns allerdings, die das von hinterher aus sehen, ist das der wunderbare Anfang des menschlichen Lebens in dieser Welt!

Ende? Oder Anfang? Lasst euch nicht beirren!

Mit dieser ganz anderen Betrachtungsweise der Realitäten beginnt das Neue, das Jesus unter die Menschen bringen will: seine aufrichtende, geradezu offenbarende Botschaft für die Menschen, die sich eine beängstigende, apokalyptische Betrachtungsweise angewöhnt haben.

Und dann macht er seine Leute aufmerksam auf die Auseinandersetzungen, die auf sie zu kommen, wenn sie sich auf seine Sicht vom Leben einlassen. Das wird zur Herausforderung: Kommt heraus aus der isolierten Geborgenheit des Embryo im Mutterschoß, kommt zum Leben als zunehmend mündige Menschen in dieser Welt!

Jesus macht den Seinen Mut, sich dem zu stellen und das zu bezeugen, was sie da zu sehen beginnen.

Ihr aber, gebt Acht auf euch selbst:
Man wird euch um meinetwillen an die Gerichte ausliefern,
in den Synagogen misshandeln
und vor Statthalter und Könige stellen –
ihnen zum Zeugnis.
Allen Völkern muss zuerst
das Evangelium verkündet werden.
Und wenn man euch abführt und ausliefert,
macht euch nicht im Voraus Sorgen, was ihr reden sollt;
sondern was euch in jener Stunde eingegeben wird,
das sagt!
Denn nicht ihr werdet dann reden,
 sondern der Heilige Geist.
(Markus 13,9-11)

Und dann – in diesem Zusammenhang! – folgt der Abschnitt, der als Evangelium an diesem Sonntag zu hören ist – als „Evangelium“, also als die Botschaft, die große Freude auslöst – bei denen jedenfalls, die dafür mit offenem Herzen ganz Ohr sind:

Aber in jenen Tagen, nach jener Drangsal,
wird die Sonne verfinstert werden
und der Mond wird nicht mehr scheinen;
die Sterne werden vom Himmel fallen
und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.

Aber selbst wenn es so schlimm kommt, ist nicht das das Ende! Erinnert euch: Gott hat das Volk aus größter Not schon immer gerettet: aus der Sklaverei in Ägypten, aus der Übermacht des sie auf dem Weg in die Freiheit verfolgenden ägyptischen Heeres, aus der tödlichen Belagerung durch Babylonier und Assyrer, aus allen möglichen Diktaturen seit der Antike bis heute!

Immer wieder haben Menschen auf ihn gehört, ihm und seinem Wort vertraut, haben die bergenden Mauern ihrer Gefängnisse gesprengt und sind aufgebrochen in Freiheit und neues Leben. So handelt er natürlich auch heute!

Wenn ihr nur den Mut aufbringt, euch von ihm herausführen zu lassen, dann wird er bei euch sein und bleiben und euch beistehen und fördern. Drastisch malt die Bibel das aus in der Sprache der Apokalyptik und in den Vorstellungen des damaligen Weltbildes – mit einer geradezu revolutionären Hoffnung auf den Gott, der seine Menschheit nicht in den Untergang rennen lässt, sondern sie zum Handeln wachrüttelt:

Dann wird man den Menschensohn
in Wolken kommen sehen,
mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Und er wird die Engel aussenden
und die von ihm Auserwählten
aus allen vier Windrichtungen zusammenführen,
vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.
Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum!
Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben,
erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.
So erkennt auch, wenn ihr das geschehen seht,
dass er nahe vor der Tür ist!
(Markus 13,24-29)

Heute ist die öffentliche Wahrnehmung in den Medien und die Alltagsgespräche der Menschen von zwei drohenden Katastrophen geprägt: von der Corona-Pandemie und noch definitiver von der Klima-Krise.

Vor etwa 30 Jahren wies der Limburger Bischof Franz Kamphaus warnend darauf hin, die Menschheit habe mit ihrer atomaren Hochrüstung erstmalig die bedrohliche Fähigkeit erlangt, sich selbst und den Planeten als Lebensgrundlage zu zerstören.

Vor 40 Jahren sah ich im spanischen Baskenland diese warnende Inschrift „es war einmal der Mensch“.

Traut doch endlich eurer Erfahrung, dass der Markt mit seinen Dogmen vom Wachstum und von der Privatisierung und mit all seinen angeblich immer heilsamen Kräften nicht der Gott ist, der den Wohlstand für alle herbeiführt! Warum verweigert ihr euch der Realitätswahrnehmung? Hört auf, die Türen zur Zukunft zu verbarrikadieren und macht euch auf den Weg in eine neue Zeit!

Die Gefahren zeichnen sich doch längst ab. Aber statt kurzfristig euch dem Götzen „Profit“ zu unterwerfen oder den Parolen blinder Panik zu verfallen, die Welt oder eure Freiheit gehe unter, wenn alle sich impfen lassen oder wenn ihr auf den Autobahnen die Geschwindigkeit begrenzt und wenn ihr eure zerstörerischen Konsumgewohnheiten verantwortlich neu gestaltet!

„Wenn ihr all das geschehen seht“, sagt Jesus, dann setzt doch euren Verstand und eure Fähigkeiten ein, wie ihr es sonst auch – oft erfolgreich – tut.

Wenn eine schwarze Wolkenwand sich nähert, sagt ihr, es wird regnen, und ihr greift zum Schirm. Und der Feigenbaum, sagt Jesus ganz banal mit einem Beispiel aus dem damaligen mediterranen Alltag: „Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.“ Und danach richten sie dann natürlich die Planung ihres Handelns ein.

Aber wenn die vierte Corona-Welle anrollt, dann weigert ihr euch, das Vernünftige zu tun? Ihr braucht stattdessen nur die Augen aufzumachen und auf die Zeichen der Zeit zu achten:

Egal, ob es für Jugendliche in der Schule um eine bevorstehende Mathe-Arbeit geht oder um die Zukunft der Menschheit, – es geht um unsere grundsätzliche Lebenseinstellung:

Lassen wir uns bis zur Panik niederdrücken und spielen beim Niederdrücken der anderen aktiv mit, so dass die Katastrophe tatsächlich eintritt? Oder bleiben wir – im Vertrauen auf den Gott, der mit uns geht – achtsam am Ball und lassen uns hinschauend und hinhörend herausfordern zu Schritten und zu einem Weg, der neue Zukunft eröffnet?

Im Lukas-Evangelium sagt Jesus an ähnlicher Stelle:

Wenn all das beginnt,
dann richtet euch auf
und erhebt eure Häupter;
denn eure Erlösung ist nahe!
(Lukas 21,28)

Im Markus-Abschnitt dieses Sonntags hören wir: Das „Ende“ ist „der Menschensohn“, der kommt – voller „Macht und Herrlichkeit“. Und der kommt, um Gottes Reich aufzubauen und weiterzubauen, es anbrechen und wachsen zu lassen, so dass ein Strom des Lebens sich ausbreitet. Das ist das Ende, in das alles münden will! Immer wieder und endgültig!

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Rainer Petrak