Blogbeitrag

Ist er nun treu oder nicht?

15. September 2020

„Denk daran, dass Jesus Christus, der Nachkomme Davids, von den Toten auferstanden ist. Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“

Alle vier Wochen sonntags in der Laudes (im liturgischen Morgengebet) „hören“ (lesen) diesen Text alle Menschen, die das Stundengebet der katholischen Kirche pflegen. Worte aus dem 2. Brief an Timotheus (im Neuen Testament der Bibel), Kapitel 2, Verse 8a und 11 bis 13. Immer wieder diese Worte, die durch ihren Ort (Sonntags-Laudes) und durch ihre Häufigkeit (alle vier Wochen von neuem) Nachdruck bekommen, Worte also, die in der Kirche, die das so geregelt hat, ziemlich wichtig genommen werden.

Ich persönlich habe mit dieser Sonntags-Laudes-Lesung eine gewisse Geschichte:

Die Jahre hindurch hatte ich zu aktuellen Fragen immer wieder vom Evangelium her abweichend vom Üblichen unbequem Stellung bezogen. Dadurch geriet ich manchmal in Schwierigkeiten und riskierte, mich – im Freundeskreis, in der Kirche oder irgendwo in der Gesellschaft – unbeliebt zu machen. Für solche Situationen ermutigten mich dann diese Worte in der Sonntags-Laudes zur Standhaftigkeit.

So hat dieser Text für mich einen Stellenwert erhalten, der dem anderen Wort (auch aus dem 2. Timotheusbrief, Kapitel 4, Vers 2) ähnlich ist, das mir ein Glaubensfreund zur Priesterweihe „hinter die Ohren“ geschrieben hat: „Verkünde das Wort – gelegen oder ungelegen!“ (Die Einheitsübersetzung von 1980 formulierte „ob man es hören will oder nicht“) Die gleich anschließend (in Vers 3-4) gegebene Begründung dafür: „Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln; und man wird von der Wahrheit das Ohr abwenden, sich dagegen Fabeleien zuwenden.“ Durchaus nicht ohne Aktualität! (Sehr lohnen würde sich ein Gespräch über die Frage, welche „Fabeleien“ das denn heute so sind.)

In den Jahren bisher habe ich dann, ohne mich weiter damit zu beschäftigen, einfach den Widerspruch in inhaltlicher Aussage und Logik hingenommen, den ich in den beiden letzten Sätzen sah: „Wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen.“ Ich meinte, widersprechen zu müssen: Das entspricht nicht dem Evangelium; auch nachdem Petrus Jesus verleugnet hat, hat Er ihn nicht verleugnet. Und gleich danach, wie zur Bestätigung meiner Sicht: „Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu.“ Na eben, denn das ist sein Wesen: „… er kann sich selbst nicht verleugnen.“

An diesem Sonntag ging es mir anders mit diesem Text. Warum? Ich hatte mich entschieden, nicht in einen Gemeinde-Gottesdienst zu gehen. Zwar ein für mich einerseits schmerzhafter „Verzicht“, aber andererseits ein Versuch, bedingt durch meine Art der Erfahrungen mit der Eucharistie auf kontraproduktiver Sparflamme in Zeiten von Covid 19. Um so mehr schloss ich mein Inneres hoffnungs- und vertrauensvoll auf für den Tagesbeginn mit der Laudes. In dem seit vielen Jahren von mir für mein Stundengebet entwickelten vertrauten räumlichen Rahmen begann ich erwartungsvoll und mit dem Bewusstsein, ich habe hierfür jetzt alle Zeit der Welt – in der anderen Dimension, die ich mir aus der auch alle 4 Wochen wiederkehrenden Sonntags-Vesper zu eigen gemacht habe: „hinzugetreten zu einer festlichen Versammlung“, „dem himmlischen Jerusalem“ (aus Hebräer 12,22-24) – in dem Zimmer, an dessen Tür seit Jahren ein Foto mit einem Überblick über die Stadt Jerusalem hängt.

Vermutlich hat dieses „äußere“ (in Wirklichkeit symbolisch-unterschwellig kräftig wirkende) Setting samt den genannten Corona-Umständen meine neue Erfahrung mit der Laudes-Lesung aus dem 2. Timotheus-Brief ausgelöst. (Gott sei Dank.)

So habe ich dann, als ich bei der Lesung ankam, mich diesmal nicht mit dem Ertragen des von mir so gesehenen Widerspruchs zufriedengegeben, sondern wollte weiter hinhören: Wovon ist hier eigentlich die Rede? Und was willst Du, Herr, mir und uns damit sagen?

„Wenn wir mit Christus gestorben sind … wenn wir standhaft bleiben …“ und nicht „ihn verleugnen“ – worum geht es da? „Mit Christus sterben“ – was ist das? Physisch am selben Ort und zugleich, das geht nicht. Also inwiefern „mit“ Christus? Und was meint denn der Schreiber des Briefs mit dem „Sterben“ von Christus, an dem unsereins dann Anteil nehmen könnte oder müsste?

Timotheus soll an Christus denken, „aus Davids Geschlecht“, „von den Toten auferweckt“, „um dessentwillen ich [der Schreiber des Briefs an Timotheus, gemeint Paulus] leide bis hin zu den Fesseln wie ein Verbrecher … Deshalb erdulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil in Christus Jesus erlangen …“ (Verse 8-10) Es geht also um den Einsatz von Jesus für das „Heil“ der Menschen, für den er „wie ein Verbrecher“ hingerichtet wurde. Und es geht um die Beteiligung an diesem Einsatz, wofür auch der Briefschreiber und gegebenenfalls auch Timotheus das Leben riskiert. Gerade wenn er standhaft bleibt und Jesus nicht verleugnet, sondern – wie Jesus – standhält im Konflikt mit den ganz anderen Kräften widermenschlicher Fremdherrschaft, die in der Welt allzu oft das Sagen haben.

Und warum soll Timotheus in solchen Zusammenhängen an Jesus denken, an den Menschen „aus Davids Geschlecht“ (also die in der Gesellschaft herrschende Kraft, der „König“, aus den eigenen Reihen!), der von Gott, nachdem er wegen seines die Menschen heilbringend liebenden Einsatzes hat sterben müssen, von den Toten auferweckt wurde? – Timotheus soll sehen: Selbst wenn ich mich „mit“ Jesus für die Menschen einsetze und dafür umgebracht werden sollte, wird Gott auch mich ebenso wie Jesus, also „mit“ ihm von den Toten auferwecken. Und der Briefschreiber verallgemeinert das über den angeschriebenen Timotheus hinaus auf alle, die das so meinen und leben und wollen: „… werden wir auch mit IHM leben“! Dieser Einsatz lohnt sich für unsereins allemal. Hauptsache, wir bleiben standhaft am Ball und lassen uns durch Ängstlichkeit nicht zu unterwürfigen Halbherzigkeiten und zu faulen Kompromissen verleiten, sondern vertreten in Wort und Tat den Menschen und nehmen dabei eindeutig und nachvollziehbar Maß an seinem Beispiel, seiner Einstellung, seinem Geist – im „Wissen“ um seinen Beistand – „mit“ uns!

Und was sagen dazu die in dem Briefabschnitt folgenden Wenn-Dann-Sätze?

„Wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; …“ Ich habe mir immer gesagt: Herrschen muss ich nicht; das kann mich also nicht locken. Aber gerade an diesem Sonntag, an dem ich mich so offen anvertrauen kann, bleibe ich noch bei diesem Satz: So herrschsüchtig bin ich nicht? („wie die anderen, für die das ein lockendes Angebot ist“?) Na?! Ich ersetze mal „herrschen“ durch andere Worte, die nicht so negativ besetzt sind, aber eigentlich dasselbe meinen: (mit Christus gemeinsam) einwirken, Einfluss nehmen auf die Lebensbedingungen in dieser Welt, die Dinge so „prägen“ und dazu beitragen, dass Gottes Wille geschieht und die Menschen „leben“ können … So gesehen, ist das sehr wohl auch für mich sehr verlockend; ich kenne ja meine große Freude über jeden kleinen Schritt, zu dessen Gelingen ich beitragen konnte!

„Wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen.“ Aber Herr, du weißt doch, dass ich nicht davor gefeit bin, im Widerspruch zu meinen Überzeugungen zu handeln. Und du liebst mich doch trotzdem unvermindert! Ich will das ja auch keineswegs ausnutzen, denn ich liebe dich wirklich. – Ja, du hast recht, antwortet er mir. „Denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte.“ (Offenbarung 12,10) Aber vor den Mächtigen dieser Welt (und vor denen, die „standhaft“ geblieben sind) muss ich mich selbstverständlich distanzieren, wenn du fälschlicher Weise in meinem Namen durch Wort oder Tat Partei ergreifst gegen mich. – Unbeschadet meiner Treue in der Liebe zu dir! Aber wegen meiner Treue in der Liebe zu allen Menschen!

Denn: „Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“

Ich danke dir, Herr, für deine liebevolle Treue!

Rainer Petrak
13. September 2020

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Rainer Petrak