Blogbeitrag

Jesus – mit Fleisch und Blut

5. August 2021

Sonntagsbotschaft zum 8. August 2021 
(19. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Welches Problem, welches Thema beschäftigt Sie zur Zeit am meisten? Und in welchen Zusammenhängen ist Ihnen das wichtig über Ihr eigenes Dasein hinaus? Und – geht es Ihnen dabei um einzelne konkrete Problemfälle oder auch um allgemeine Entwicklungen in unserer Welt?

Die Auswahl der Themen, die sich da anbietet, ist ja vielfältig und reichhaltig. Ich denke da zum Beispiel mit zunehmender Sorge an gesellschaftliche Trends, die über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg fortschreiten und sie belasten:

Sich zuverlässig informieren und einigermaßen den Überblick behalten über das, was geschieht, das wird immer schwieriger. Die Fähigkeit lässt nach, Ereignisse beurteilen zu können oder gar beizutragen zur Entscheidung, wie Veränderungen ablaufen. Wie viele Chancen Lug und Trug im Interesse persönlicher wie nationaler Vorteile entfalten können, das hängt zunehmend ab von einer krass unterschiedlichen Verteilung finanzieller und anderer Ressourcen. Das alles spielt gewichtige Rollen bei so dramatischen Herausforderungen wie der Klimakrise, der Pandemie und dem weltweiten Migrationsdruck …

Eigentlich geht es bei all dem immer um zwei elementare Ziele und Bestrebungen nach Humanität, die in Sonntagsreden und Wahlkämpfen als höchste „Werte“ propagiert werden und als Beurteilungsgrundlage in weltweitem Konsens anerkannt sind: Menschenwürde und Gemeinwohl. Aber erlittene Verletzungen, Angst um deren gesteigerte Wiederholung und das schwindende Vertrauen in eine konkrete Umsetzbarkeit anerkannter humaner Ziele in der politischen Wirklichkeit erweisen sich als Bremsklötze und fördern eine Rückwärts-Entwicklung zu unbegrenztem Wettbewerb und zum steinzeitlichen Recht des Stärkeren.

Angesichts der vielen gewichtigen Weichenstellungen, die anstehen, halte ich es für einen gewaltig bedrohlichen Leichtsinn, wenn aus diesen Zusammenhängen herausgehalten wird, was die gute Nachricht, also das Evangelium von Jesus Christus, und die gesamte Bibel dafür an zukunftsfähigen Anregungen bietet.

Lediglich zwei Bedingungen scheinen mir entscheidend zu sein, wenn deren Berücksichtigung gelingen soll:

  1. Die Bibel darf nicht – als „die Wahrheit“ schlechthin – der Menschheit um die Ohren geschlagen werden. Vielmehr ist – es handelt sich immerhin um uralte Texte – verantwortliches Verstehen gefordert, um dann unbefangen neu – in Verantwortung gegenüber den aktuellen Gegebenheiten – Stellungnahmen zu entwickeln, inwieweit heutige Entscheidungen von ihr angeregt werden sollen.
  2. Die Aussagen der Bibel dürfen nicht von vorn herein ideologischen Vorgaben ihrer Deutung unterworfen werden. Schon die Frage, wovon da jeweils die Rede ist, ist vom Text selber her und aus seinen ursprünglichen Zusammenhängen zu beantworten, ohne einen Bezug zu moralisch-ethischen Normen vorauszusetzen und ohne von vorn herein politische Zusammenhänge auszuschließen. Auch gläubige Christen werden aus dem Bibeltext nur dann Gott selber sprechen hören, wenn sie sich dem Text jeweils neu stellen – möglichst in organischer Ergänzung zueinander.

Globale Vernetzung der Menschheit konfrontiert natürlich angesichts einer Vielfalt unterschiedlicher Interessenlagen mit der Notwendigkeit, eine Vielzahl von Konflikten human zu bearbeiten – aber bitte eben auch unter Berücksichtigung der biblischen Botschaft, die zur Humanität Mut macht!

Ein Konsens tauglicher Entscheidungsgrundlagen liegt uns da für viele Konfliktfelder bereits vor – sowohl in Gestalt etwa des deutschen Grundgesetzes wie auch vieler Konventionen, die im Verbund der Vereinten Nationen vereinbart wurden.

Beim unterentwickelten Mut zu ihrer realpolitischen Umsetzung können Christen durch Einbeziehung der Bibel mitwirken, indem sie zur Entfaltung der werbenden Kraft des Evangeliums beitragen. Denn das Evangelium, heute neu gehört, bringt die gesamte Palette auch des heutigen Lebens in Beziehung zu Gott und seinem Willen nach mehr Humanität:

Jesus zeigt mit seinem Wort, seinem Tun und seiner ganzen Haltung Wege zu einem Gelingen auf, zu dem hin Gott mit allen Menschen gehen will.

Und dass ihm dieses Anliegen das wichtigste überhaupt ist, das zeigt er mit seiner konsequenten und totalen Bereitschaft, dafür – zu Gunsten der ganzen Menschheit – mit seinem Leben zu bezahlen. Er, der in der Überzeugung der Christen Gott selber ist, „Gottes Sohn“, der, um sich zeigen zu können, einer von uns Menschen wird! Im Vertrauen auf den Menschen, dass der sich davon überzeugen und für einen Weg in eine menschliche Zukunft ermutigen lässt – mit der Ahnung, dass darin der Schöpfer der Welt und des Lebens sich zeigt, für den sogar sein eigener Tod keine Grenze darstellt, um seinen Willen für die Menschen zur überzeugenden Wirklichkeit zu machen.

Nach meinem Verständnis und meiner Überzeugung – für die ich hier gerne werbe – ist das in besonders konzentrierter Weise das Thema im 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums:

In fünf Abschnitten, dessen dritter die Botschaft dieses Sonntags prägt, verbindet dieses Kapitel die Überlieferung von Worten und Taten von Jesus mit der Überzeugung des Glaubens an ihn in dem zentralen Konflikt, den Jesus deutlich macht und dessen Brisanz er auf sich fokussiert. Da bezeugt der Evangelist die Bedeutsamkeit von Jesus, die er „gesehen“ hat: Jesus mit seiner ganzen Person, in Fleisch und Blut „einer von uns“ und zugleich Gott selber, er ist das Zeichen, das Gott den Menschen gibt. Mit ihm zeigt Gott von neuem, was er – im Kontrast zu diversen Meinungen über ihn – wirklich will und tut: Alle sollen „leben“ können.

Damit „provoziert“ er, ruft er heraus – heraus aus einem gesellschaftlichen System, das am Leben in menschlicher Würde und in umfassendem Gemeinwohl hindert; heraus in die Freiheit einer neuen Humanität, die sogar Sterben und Tod integriert und alle durch sie errichteten Begrenzungen sprengt. Alle sollen sich das – auf Augenhöhe – von ihm zeigen lassen!

Vor zwei Wochen – am 17. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahrs B – begann es damit, dass die von Jesus faszinierte Menschenmenge sich sogar von ihm zu solidarischem Teilen veranlassen ließ. Von seinem dankbaren Blick auf Gott angesteckt, hatten sie zu ihrer großen Überraschung gesehen, dass die vorhandenen Ressourcen reichlich für alle sind, obwohl sie vorher meinten, verhungern zu müssen, wenn sie nicht ängstlich alles nur für sich selber als Eigentum absichern.

Jesus sah sich da aber zum Abbruch genötigt, weil sie ihre Erfahrung mit ihm nicht als Anregung zum allgemeinen Nachmachen sahen, sondern als Zauberei deuteten. Dass sie dann auf ihren gewohnten Wegen ihn mit Gewalt zu ihrem Revoluzzer-König machen wollten, – diesem totalen Missverständnis konnte Jesus sich nur noch unbedingt entziehen.

Bei nächster Gelegenheit, von der der anschließende Abschnitt am vergangenen Sonntag erzählte, versuchte Jesus, das fatale Missverständnis der begeisterten Menge zu klären. Er hat es nicht einfach, mit den praktischen Zeichen seines Tuns für die Zuverlässigkeit seiner Botschaft und um dauerhafte „Follower“ zu werben.

Seine Rede gipfelt schließlich in der Aussage, er selber mit seiner ganzen Person sei das Zeichen, das der Himmel gibt: „Ich bin das Brot vom Himmel!“ Alles mit dem Blick der Beziehung zu ihm zu sehen und zu allem, was beschäftigt und wichtig scheint, auf ihn zu hören, sättige den Lebenshunger der ganzen Menschheit!

Das ist natürlich eine Zumutung. Jesus stellt sich der Auseinandersetzung. Darum geht es in der Fortsetzung an diesem Sonntag:

Da murrten die Juden gegen ihn,
weil er gesagt hatte:
Ich bin das Brot,
das vom Himmel herabgekommen ist.
Und sie sagten:
Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs,
dessen Vater und Mutter wir kennen?
Wie kann er jetzt sagen:
Ich bin vom Himmel herabgekommen?
Jesus sagte zu ihnen: Murrt nicht!
Niemand kann zu mir kommen,
wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat,
ihn zieht;
und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.
Bei den Propheten steht geschrieben:
Und alle werden Schüler Gottes sein.
Jeder, der auf den Vater hört
und seine Lehre annimmt,
wird zu mir kommen.
Niemand hat den Vater gesehen
außer dem, der von Gott ist;
nur er hat den Vater gesehen.
Amen, amen, ich sage euch:
Wer glaubt, hat das ewige Leben.
Ich bin das Brot des Lebens.
Eure Väter haben in der Wüste
das Manna gegessen und sind gestorben.
So aber ist es mit dem Brot,
das vom Himmel herabkommt:
Wenn jemand davon isst,
wird er nicht sterben.
Ich bin das lebendige Brot,
das vom Himmel herabgekommen ist.
Wer von diesem Brot isst,
wird in Ewigkeit leben.
Das Brot, das ich geben werde,
ist mein Fleisch für das Leben der Welt.
(Johannes 6, 41 bis 51)

Jesus weicht in der Auseinandersetzung nicht aus. Er beschwichtigt nicht. Im Gegenteil: Er spitzt zu: „Ich bin – und zeige damit von Gott her: Ich selber bin das, was euch den Hunger nach Leben stillt.“ Er tut nicht nur Zeichen. Er zeigt nicht nur etwas von sich und von Gott. ER selber – mit allem, was er bis zu seinem Sterben hin von sich zeigt, ist das Zeichen für das von Gott angebotene erfüllte Leben. Die Beziehung aufnehmen und pflegen zu ihm und dem, was ihn erfüllt, das nährt dieses Leben! IHN muss man essen, in sich aufnehmen, mit ihm eins werden, in den eigenen Stoffwechsel, in die eigene Identität übergehen lassen.

Die Menschen meinen: Wenn etwas oder jemand vom Himmel stammt, dann kann es nicht aus irdischen Zusammenhängen stammen! Aber was erwarten sie denn, was für eine Vorstellung haben sie denn, woran man einen als „vom Himmel“ erkennen könnte?! Vielleicht daran, dass er einen im Kampf überwältigt? mit Anspruch auf die höchste Stufe auf olympischem Siegertreppchen?

Aber der Gott der Bibel sieht den Menschen immer als Mit-Wirkenden, nie als Gegner! Und das „Göttliche“ an Jesus besingt der Hymnus im Paulus-Brief an die Phjilipper gerade darin, dass ER, der Gott gleich war, eben gerade nicht daran fest hielt, Gott gleich zu sein, sondern dass er sich entäußerte und den Menschen gleich wurde!

So ist er – ärgerlich für manche – von unserer Art: ein Mensch aus Fleisch und Blut. So kann er mit uns und wir mit ihm eins werden, „kompatibel“ werden. ER wird uns in Fleisch und Blut übergehen. So „zu ihm kommen“ und ihn erkennen, unsereins gleich und solidarisch mit uns – und gerade darin ihn erkennen als das Brot vom Himmel, – das kann einem nur als Geschenk aufgehen, als Geschenk des „Vaters im Himmel“. Wer sich diesem Geschenk verschließt, für den bleibt das Wort von Jesus eine anstößige Anmaßung!

Wer aber „mein hingegebenes Leben ‚isst‘, wer mich sich einverleibt – wie Brot – , wird leben!“ „Wer sich von mir und meiner Lebensweise prägen lassen will, in meinem hingebungsvollen Einsatz bis zum Tod die Erneuerung aller Menschenwürde und allen Gemeinwohls erkennt und das auch auf sich selber bezieht, dessen eigene Existenz wird erneuert und befreit zum Weg ins Lebensglück für sich und für alle.

Darüber müssten wir uns jetzt eigentlich auseinandersetzen – nicht wahr? Tun Sie das bitte, wo immer Sie Gelegenheit dazu sehen! Und wenn Sie mich fragen wollen – ich stehe gerne Rede und Antwort. Zum Beispiel im Sonntags-Chat – am 8. August um 18 Uhr.

Wenn Sie an dem Sonntags-Chat teilnehmen wollen, öffnen Sie auf dem Gerät, mit dem Sie das beabsichtigen (PC oder Laptop oder Tablet oder Smartphone – mit Mikrofon und Kamera), diesen Beitrag und klicken auf den Link. Ab ein paar Minuten vor 18 Uhr bin ich bereit, Sie aus dem Wartebereich „hereinzulassen“. Ich freue mich auf Sie.

Hier der Link:

https://us02web.zoom.us/j/89768475405?pwd=S0lGbWdqcHVXV1VYM0NTbFArUG9BZz09

Für alle Fälle, wenn Sie danach gefragt werden:
Meeting-ID: 897 6847 5405
Kenncode: 570545

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Rainer Petrak