Blogbeitrag

Klar zur Wende!

11. Juni 2021

Sonntagsbotschaft zum 13. Juni 2021 
(11. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Jesus redet zu den Menschen vom Reich Gottes. Oft und immer wieder.  Auch im Evangelium dieses Sonntags. „Reich Gottes“, βασιλεία τού θεού – das ist ein Standard-Ausdruck der damaligen Zeit. Wofür? Wovon redet Jesus da?

Der Ausdruck steht für den „Geist“ einer Gemeinschaft oder Gesellschaft, wenn Gott in ihr die prägende Kraft sein kann. „Reich Gottes“, wörtlich: „Königsherrschaft Gottes“ – das ist dann und dort, wo Menschen ihren Lebensraum von Gott geprägt sehen und erleben. Wenn ihre Einstellung zu den Realitäten von der Sehnsucht danach und von der Freude daran bestimmt ist, dass Gott auf seine Weise – sozusagen als „König eigener Art“ – „herrscht“.

„Mit dem Reich Gottes ist es so“, kündigt Jesus an; und dann sagt er etwas zum Ablauf, wie Gottes Reich zustande kommt. Er beschreibt den Weg, wie es entsteht.

Interessiert das die Leute? Ist ihnen das eine Frage? Oder will Jesus ihre Vorstellung vom Reich Gottes in Frage stellen, die sich bei ihnen breit gemacht hat?

Geht es ihm um die Enttäuschung der Leute, wie wenig von all dem Großen da zu sehen und zu spüren ist, was Gott mit seiner Art Herrschaft angeblich herbeiführen will? Geht es ihm um den Frust, wie schwächlich all die Bemühungen der Frommen ausfallen, in den Realitäten dieser Welt dieser Königsherrschaft Gottes den Weg zu bereiten?

An vielen Stellen der Evangelien wird klar: Das Reich Gottes – das ist bei Jesus das Thema schlechthin.

Aber was gibt ihm hier Anlass, darüber zu reden? Welche besondere Sicht vom Reich Gottes will er ihnen denn ans Herz legen? Er greift zu einem Vergleich:

Ein Bauer bringt auf seinem Acker den Samen aus. Egal ob – wie damals immer – von Hand oder maschinell wie heute. Den Samen. Von Korn und Ähre ist die Rede, die daraus wachsen sollen; es geht also um einen Getreidesamen. Und dann vergeht Zeit. Da macht er erst mal gar nichts. Der Samen keimt und wächst. Von allein. Soweit ist das auch dem Vorstellungsvermögen heutiger Städter vertraut. Das Wachsen des Getreidesamens dauert Wochen und Monate, das weiß man. Erst bringt die Erde den Halm hervor, dann entfaltet sich auf ihm die Ähre und in ihr entstehen die Körner. Das dauert.

„Die Erde bringt von selbst ihre Frucht“, betont Jesus. Ohne Zutun des Bauern. Der sät erst mal nur auf seinem Acker. Und dann wächst die Pflanze, bis schließlich die Frucht, das Korn reif ist. Und sobald die Frucht reif ist, erntet der Mann – per Sichel, Sense oder Mähdrescher. Wenn die Zeit der Ernte da ist.

So ist es auch mit dem Zustandekommen von Gottes Reich, sagt Jesus: als Frucht eines Prozesses, der dem Menschen nicht in der Hand liegt – ein Prozess, bei dem er den Samen ausbringt – den Samen für das Brot, von dem der Mensch lebt – und dann im richtigen Zeitpunkt erntet – das, was der Mensch zu einem sinnvollen Leben braucht.

Und nach diesem „Gleichnis von der selbst wachsenden Saat“ – wie es üblicher Weise benannt wird – beginnt das nächste, was er „zu der Menge“ sagt, wieder mit der Frage „Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen?“ Er tut es mit einem weiteren Gleichnis: „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn.“

Hier geht es nicht um die Frage, mit welchem Zutun des Menschen die Saat wächst, mit welchem Zutun des Menschen das Reich Gottes zustande kommt. Hier geht es um einen bestimmten Vergleich mit dem Senfkorn. Jesus betont: „Es ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät.“ Ja, Senfkörner sind winzig. Jedenfalls im Vergleich zu Getreidekörnern. Aber wenn das Senfkorn gesät ist und aufgeht, dann wächst es und wird „größer als alle anderen Gewächse … so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können“.

Das dürfte ja etwas übertrieben sein – „größer als alle anderen Gewächse“ – denke ich mir schon seit Jahrzehnten. Wie groß wird denn eine Senfpflanze und ihre Zweige? Diesmal habe ich recherchiert. Noch nie hatte ich mir die Zeit dafür genommen. Und ich sehe jetzt mit Verblüffung: In der Tat – ein großartiger Baum!

Zur Herkunft des Bildes und die Widergabe-Lizenz: Mehdi.sq – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15060687

Ich fand das Bild bei Wikipedia. Es ist tatsächlich beeindruckend. So groß wird ein Baum aus einem so winzigen Samen! Da kann ich nur staunen. Und Jesus sagt: So groß wird das Reich Gottes, auch wenn sein Anfang erst nur so klein ist! Es geht um den unverhofften Kontrast, den man dem winzigen Samenkorn gar nicht zutraut: den Vögeln des Himmels Nistmöglichkeit bieten – mit großen Zweigen und mit Schatten! Ja, das Senfkorn ist zwar winzig, aber aus ihm entstehen große Möglichkeiten, viel neuer Lebensraum!

So beschreibt Jesus im bildhaften Vergleich das Reich Gottes – das, was das Miteinander der Menschen prägt, wenn sie ihn als die bestimmende Kraft wollen und suchen.

Die sich anbietenden und sich immer wieder durchsetzenden Alternativen zum Reich Gottes sind ja zahlreich.

Jesus benennt sie zum Beispiel so:

Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten,
ihre Völker unterdrücken
und ihre Großen
ihre Macht gegen sie gebrauchen.
(Markus 10,42)

Oder:

Ihr könnt nicht Gott dienen
und dem Mammon.
(Matthäus 6,24)

Und er selber wird – wiederholt auch von seinen Anhängern – in die teuflische Versuchung gebracht, seine Bestrebungen mit Gewalt durchzusetzen.

Für viele Menschen gelten bis heute die Selbstheilungskräfte der Märkte als die Lösung schlechthin für alle wirtschaftlichen Probleme.

Und der Spruch ist alt, doch immer wieder neu aktuell: „Geld regiert die Welt.“

Oder das Recht des Stärkeren und der Missbrauch seiner Möglichkeiten zur Durchsetzung der eigenen Interessen.

Ja, zahlreich sind die Alternativen zum Reich Gottes. Mit ihnen allen im Wettbewerb steht die Botschaft von Gottes Reich, so wie Jesus sie den Menschen bringt.

Und es ist für sie etwas Neues. Er will ihnen etwas vermitteln, was sie bisher noch nicht so sehen und noch nicht kennen, wozu sie bisher eine andere Einstellung haben.

Ein gewisses Interesse an dem Neuen, das Jesus „das Reich Gottes“ nennt, haben die Menschen offensichtlich schon. Das viele Heilsame, das er zu ihrer Verwunderung getan und bewirkt hat, das hat sich bis zu ihnen herumgesprochen, so dass sie hier versammelt sind, um ihn sich anzuhören.

Allerdings haben sie eben schon eine Vorstellung vom Reich Gottes. Und die passt in vielen Punkten nicht zusammen mit dem, was Jesus tut und sagt. Sie merken: Er möchte ihnen zu einer anderen Sicht vom Reich Gottes verhelfen: „Das Reich Gottes sieht anders aus, als ihr euch das vorstellt. Im Herrschaftsbereich Gottes kommt es auf anderes an, als man es euch beigebracht hat.“

Jesus betrachtet es ist nicht als selbstverständlich, dass seine Hörer das aufnehmen können. Das alles hat auch schon längst offizielle Gegner auf den Plan gerufen. Sein Weg, den sie schließlich mit seinem Tod am Kreuz beenden werden, hat längst begonnen.

Wie soll Jesus da Erfolg haben mit seiner Verkündigung in Wort und Tat, mit seinem leidenschaftlichen Einsatz, mit dem er für das Reich Gottes als Leitbild für eine humane Gesellschaft wirbt?

Um diese Frage geht es in der Fortsetzung des Textes:

Durch viele solche Gleichnisse
verkündete er ihnen das Wort,
so wie sie es aufnehmen konnten.
Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; …

Jesus verkündet ihnen das Wort. Der Menge. Er will ihnen etwas sagen, was sie vorher noch nicht so gehört haben. Er möchte sie zu einer anderen Sichtweise vom „Reich Gottes“ bewegen. Da steht er vor der Frage: Wie mache ich das?

Um sie wirklich aufmerksam zu machen, berücksichtigt er, „wie sie es aufnehmen können“; wie sie – auch emotional und in ihren Lebensumständen – dazu in der Lage und bereit sind.

So beginnt er in seiner Art und Weise, sich verständlich zu machen, erst mal bei Dingen und Abläufen, die seinen Zuhörern aus ihrer Lebenswelt vertraut sind.

Beim ersten der beiden Gleichnisse vergleicht er das „Von-selbst-Wachsen“. Das Reich Gottes wächst von selbst. Wie die Saat. „Der Mensch weiß nicht, wie“ – ohne sein Zutun.

Ohne Zutun des Menschen wächst das Reich Gottes? – Hm. Nicht ganz. Es gibt zwei Arten des Zutuns durch den Menschen: den Samen aussäen – und ernten. Das Wachsen dazwischen geschieht von selbst. Er muss allerdings im Blick behalten, wann die Frucht reif ist. Dann kann er die Sichel anlegen, um zu ernten.

Eine entgegengesetzte Vorstellung, gegen die Jesus sich mit diesem Gleichnis wendet, ist wahrscheinlich die: Das Reich Gottes komme nur, wenn wir es durch unsere guten Leistungen herbeiführen.

Ja, ehrlich, das gehört schon zu meiner Vorstellung, dass wir die Möglichkeiten, die wir haben, auch einsetzen müssen, damit es zustande kommt. Es liegt an uns, dazu beitragen – oder – in der alten ungeliebten Wortwahl: wir müssen dem dienen. Zum Beispiel als „Arbeiter im Weinberg“ – in der Sprache anderer Gleichnisse.

Nicht dagegen wendet sich Jesus mit dem Gleichnis. Aber: Was zwischen Aussaat und Ernte alles geschieht, machen nicht wir.

Was heißt das?

Wofür steht das Aussäen, wenn es um das Reich Gottes geht? Das Wort der Botschaft vom Reich Gottes – das ist der Samen. Es wird den Menschen verkündigt. „Ausgesät“.

Und dann – die Erntearbeit? Im Weinberg? Oder am Getreideacker – was macht der Bauer bei der Ernte mit seiner Sichel? Er sammelt die reifen Früchte ein. Davon redet Jesus nicht; er weiß ja, seine Hörer sind mit den Vorgängen von Aussaat und von ihrem Wachsen vertraut und mit dem Vorgang der Ernte. Wovon er redet, ist der Blick für den richtigen Zeitpunkt: „sobald die Frucht reif ist“. Da kommt es darauf an, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen. Wenn die Frucht reif ist, dann wird das, was da gewachsen ist, gesammelt und bereitgestellt, so dass die Menschen davon leben können.

Die Früchte des Reichs Gottes dienen dazu, dass Menschen davon leben können. Und sie leben nicht vom Brot allein. Die Sorge dafür, dass das bis zur Reife wächst, hat Gott übernommen. So „herrscht“ er.

Im zweiten Gleichnis ist das Vertraute, mit dem er das Reich Gottes vergleicht, ihre Erfahrung: Das Senfkorn ist das kleinste ihnen bekannte Samenkorn, aber es treibt und wird größer als alle anderen Gewächse.

Selbst wenn das Bild übertrieben wäre, Jesus will damit deutlich machen: Das Reich Gottes wird jedenfalls größer als alle anderen Herrschafts- und Einflussbereiche. Kleine und große Vögel können darin „nisten“, Entfaltungsraum finden, einen Ausgangspunkt für die Entfaltung allen Lebens – wie es eben zum Wesen von Gottes Herrschaftsweise gehört.

Ja, der Vergleichspunkt ist hier der Unterschied in der Größe: Das Potential zur Größe, das in dem Senfkorn steckt, traut man ihm gar nicht zu. Wie es anfängt, das Reich Gottes, das was man sät – es ist so etwas Winziges, was einer sät: er redet ja nur. Aber – das, was er ausgesät hat, geht auf, treibt, wächst. Und sein Ergebnis ist groß! Also: Das Ergebnis, das erhoffte, großartige, wird zustande kommen! Ich kann dieses unbedeutende Senfkorn als Anfang nehmen und das Wort aussäen! Das Reich Gottes wird etwas Großartiges, wie man es diesem winzigen Anfang gar nicht zutrauen würde.

Was Großartiges soll schon daraus entstehen, dass unsereins das Wort vom Reich Gottes verkündet! Mit dem Gleichnis sagt Jesus: Traut dem Wunderbaren, was dann wächst – wenn es nur erst einmal gesät wurde! Wobei ja auch erst einmal er es ist, der das Wort verkündet.

Seine Adressaten sind die Menschen damals, denen Jesus ihre Vorstellung korrigieren will, und auch wir heute; wir haben ja auch unsere schon mehr oder weniger festgelegten Vorstellungen vom Reich Gottes.

Soweit erst mal die Kommunikation von Jesus mit „der Menge“ mit Hilfe von Gleichnissen.

Seinen Jüngern aber – so heißt es im Evangelium – „erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.“ „Die Menge“ sind die, die noch nicht in einer festen Beziehung mit ihm leben. Denen verkündet er das Wort vom Reich Gottes so, wie sie es aufnehmen können. Mit Hilfe von Vergleichen. Seine Hörer sollen verstehen: Das Reich Gottes, wie Jesus es meint, das ist zwar etwas für sie Neues, aber durchaus vergleichbar: Es dient unserem Aufleben ähnlich wie anderes. Wie das Getreidekorn, das von selbst aufwächst, ebenso wie das winzige Senfkorn, das den Vögeln das Nisten ermöglicht, ihnen Lebensraum herrichtet.

Mit seinen Jüngern, sobald er mit ihnen allein ist, geht er einen Schritt weiter: Er erklärt ihnen.

Was ist der Unterschied? Mit ihnen allein – was geht da besser oder was will er da anders?

Zunächst mal sind es ja nicht so viele; deswegen können sie intensiver darüber reden. Im interaktiven und vertrauten Gespräch können sie sich dazu in Beziehung setzen. Und da sie viel beisammen sind, ergeben sich Zusammenhänge, die das Verstehen leichter machen. Vermutlich ist das so gemeint.

Jetzt sind Sie diesen Gedankengang bis hierher mit mir gegangen. Mir stellt sich die Frage: In welchen Personen dieser Geschichte sehe ich mich selber gespiegelt? Wo komme ich darin vor? Bin ich eher eine oder einer aus der „Menge“? Oder zähle ich mich zum Kreis der Jünger? Oder gehöre ich eigentlich überhaupt nicht dazu? Oder sehe ich mich mit Jesus identifiziert?

Was ist die Botschaft aus diesem Sonntags-Evangelium an mich? Und was hat das mit den anderen zu tun?

Hier, was bei mir ankommt: Und wenn das auch noch so unscheinbar und fruchtlos oder gar kontraproduktiv aussieht, was ihr euch da leistet auf dem Weg ins Reich Gottes – Kardinal Marx spricht vom „toten Punkt“ – , ihr braucht nicht aufzugeben. Verlasst euch drauf: Es wächst und es wird groß. Gott selber sorgt dafür. Leisten müsst ihr das nicht. Könnt ihr auch gar nicht; ihr würdet euch damit überfordern. Wenn euch aber die Sehnsucht nach dem Reich Gottes eine Herzensangelegenheit ist, dann könnt ihr ja dazu beitragen. Der „tote Punkt“, an dem er ihr – wie ihr beklagt – angekommen seid, kann zum „Wendepunkt“ werden.

Also – in der Sprache der Segler – : Klar zur Wende!

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Rainer Petrak