Blogbeitrag

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Sturm – und dann?

17. Juni 2021

Sonntagsbotschaft zum 20. Juni 2021 
(12. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Am Ufer des Sees sind sehr viele Menschen zusammengelaufen. Jesus redet über das Reich Gottes. Und sie hören ihm zu. Es ist zwar ziemlich anders, als was sie über Gott gelernt haben. Aber was er sagt, das spricht sie an und setzt sie unwillkürlich in Bewegung. Immerhin soll er ja auch schon ganz erstaunliche Dinge getan haben, die den Menschen wirklich guttun. Sollte es mit ihm wirklich einen Neuanfang geben, der die Menschen aufatmen lässt?

Das Markus-Evangelium erzählt viel von dem, was die Menschen erleben, die sich auf die Begegnung mit ihm einlassen. Was Jesus vom Reich Gottes mit Worten verkündet, ergänzt er besonders gerne durch Beispiele, mit denen Jesus das durch sein Tun deutlich macht.

In seinem 4. Kapitel hat Markus mit einer Reihe von Gleichnissen zusammengestellt, wie Jesus den Menschen mit seinen Worten das Reich Gottes neu nahebringen will.

Im 5. Kapitel kehrt er zurück zu den Erfahrungen der Menschen mit seinem Tun, wie er Gottes liebende und befreiende Herrschaft selber neu anfängt.

Aber bevor er das tut, schiebt er einen Abschnitt dazwischen, der mir ziemlich aktuell zu sein scheint und der an diesem Sonntag das Evangelium sein will:

An jenem Tag, als es Abend geworden war,
sagte Jesus zu seinen Jüngern:
Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren.
Sie schickten die Leute fort
und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg;
und andere Boote begleiteten ihn.
Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm
und die Wellen schlugen in das Boot,
sodass es sich mit Wasser zu füllen begann.
Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief.
Sie weckten ihn und riefen:
Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?
Da stand er auf, drohte dem Wind
und sagte zu dem See: Schweig, sei still!
Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein.
Er sagte zu ihnen:
Warum habt ihr solche Angst?
Habt ihr noch keinen Glauben?
Da ergriff sie große Furcht
und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser,
dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?
(Markus 4,35-41)

Mir kommt es vor, als ob der Verfasser des Evangeliums hier einem zu allen Zeiten vorgebrachten Einwand begegnen möchte: Es ist ja gut und schön, vielleicht sogar eine wunderbare und beglückende Botschaft, wenn Jesus zeigt und mit seinen Worten deutlich macht, dass Gott sich Menschen in ihrem Elend liebevoll zuwendet und ihnen das Leben heilt. Aber es gibt doch – heute wie damals – so viele Kräfte und Mächte und Strukturen, Einflüsse und Entwicklungen, die auf das Leben der Menschen zerstörerisch einwirken, Hass und Gewalt und Unterdrückung, Korruption, Machtmissbrauch, … – wogegen wir uns nicht wehren können. Warum tut Gott da nichts? Warum lässt er uns da allein? Was sagst du denn, Gott, zu all dem Unheil, das sich in der Welt ausbreitet? Du kannst doch nicht so tun, als gäbe es alles dieses menschliche Elend nicht!

Diese Frage des Menschen taucht in der Bibel immer wieder auf. Psalm 44 zum Beispiel formuliert es so:

… die uns hassen, plündern uns aus.
… wir werden den ganzen Tag getötet, …
Wach auf! Warum schläfst du, Herr? …
(Psalm 44,11.23.24)

Dabei hatte schon in den Jahrhunderten vor Jesus die Bibel auch immer wieder von Gottes Sorge für die Menschen geschwärmt:

  • Recht schafft er den Unterdrückten …
    (Psalm 146,7)
  • HERR, wer ist wie du? Du entreißt den Schwachen dem, der stärker ist, den Schwachen und Armen dem, der ihn ausraubt.
    (Psalm 35,10)
  • Den Schwachen hebt er empor aus dem Staub und erhöht den Armen, der im Schmutz liegt.
    (1 Samuel 2,8)

Wo bleibt denn jetzt dieser Gott? Die Erzählung im Evangelium spitzt die Frage zu in ihren Aufschrei:

Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?

Der Evangeliums-Abschnitt dieses Sonntags will Antwort geben. Er erzählt in 4 Schritten:

1. Sie schreien zu ihm in ihrer Not.
2. Er sorgt für die Beendigung ihrer Notlage.

3. Er fragt sie kritisch nach der Tragfähigkeit ihres Glaubens, wenn Sturm aufzieht.
4. Sie erschrecken verwundert über die Größe dessen, was man ihm zutrauen kann.

Eigentlich ist das nichts Neues. Es entspricht dem, was ihnen seit Generationen von Gottes Sorge für den Menschen überliefert worden ist. Knapp und deutlich zum Beispiel in Psalm 50, in dem Gott – ähnlich wie auch der Prophet Amos – sie kritisch aufrüttelt wegen ihrer halbherzig und steril gewordenen Gottesdienste und sie zum Wesentlichen auffordert mit den Worten

„Ruf mich am Tage der Not;
dann rette ich dich
und du wirst mich ehren.“

Dasselbe – ihnen vertraute – Grundmuster bezeugt Psalm 18 geradezu dramatisch:

6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt,
über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN
und schrie zu meinem Gott,
er hörte aus seinem Tempel meine Stimme,
mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Und dann Gottes energiegeladene Reaktion, voller Zorn, weil man den Menschen in solche Not gebracht hat:

8 Da wankte und schwankte die Erde, …
10 Er neigte den Himmel und fuhr herab, …
17 Er griff aus der Höhe herab und fasste mich,
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.
18 Er entriss mich meinem mächtigen Feind
und meinen Hassern, denn sie waren stärker als ich.
19 Sie überfielen mich am Tag meines Unheils,
doch der HERR wurde mir zur Stütze.
20 Er führte mich hinaus ins Weite, …

Das gleiche Muster in Psalm 107, der an diesem Sonntag unsere Antwort sein will nach der Lesung aus dem Buch Ijob:

28 Sie schrien zum HERRN in ihrer Bedrängnis
und er führte sie heraus aus ihren Nöten,
29 er machte aus dem Sturm ein Säuseln
und es schwiegen die Wogen des Meeres. …
31 Sie sollen dem HERRN danken für seine Huld,
für seine Wundertaten an den Menschen.
(Psalm 107)

Wer mit einem Boot von Sturm und Seegang überrascht wird, für den können die Naturgewalten bedrohlich werden. Was erst nur sportliche Herausforderung sein mag, kann mit der Windstärke heranwachsen zur belastenden Überforderung bis zur panischen Verzweiflung.

Das ist genauso im Leben, wenn Gegenwind bläst und die Wellen hoch gehen. Der Text eines neuen geistlichen Liedes von Martin Gotthard Schneider besingt das vom „Schiff, das sich Gemeinde nennt“, das „auf der Fahrt durch das Meer der Zeit“ „vom Sturm bedroht“ ist und „Jahr um Jahr“ „durch Angst, Not und Gefahr“ fährt, durch „Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg“ – immer wieder mit der Frage „Wird denn das Schiff bestehn? Erreicht es wohl das große Ziel? Wird es nicht untergehn?“

Allein die Tatsache, solche Erwägungen zu singen, ist allerdings ein Indiz für genau das Vertrauen, das den Ausweg eröffnet, wenn die eigene Kraft und Kompetenz an ihre Grenze kommt. Dann gibt den Ausschlag der Ruf: „Bleibe bei uns, Herr!“

Im Nachhinein kann das in froher Feier, humorvoll und kreativ verfremdet, zur Bestärkung für die nächste Wegstrecke werden:

Alles, was man sich an menschlichem Leid vorstellen kann, trifft – gebündelt wie durch ein Brennglas – auf Ijob. Von dem Dauer-Orkan, den er auf seinem Lebensweg erleidet, erzählt im Alten Testament das Buch, das seinen Namen trägt. Es lässt Anteil nehmen an seiner Auseinandersetzung mit Gott:

Ich schreie zu dir, und du erwiderst mir nicht;
ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich.
Ja, ich hoffte auf Gutes, doch Böses kam, …
mich haben die Tage des Elends erreicht.
Gäbe es doch einen, der mich hört!
Das ist mein Begehr: dass der Allmächtige mir Antwort gibt!

Am Ende, nachdem seine schlaumeierischen Freunde ihn mit ihrer frommen Weisheit klein geredet haben, gibt Gott dem Ijob seine Antwort. Eine Antwort eigener Art. Ein Auszug daraus mit seinem Wesentlichen ist an diesem Sonntag als 1. Schriftlesung dem Evangelium zugeordnet:

Da antwortete der HERR dem Ijob
aus dem Wettersturm und sprach:
Wer verschloss das Meer mit Toren,
als schäumend es dem Mutterschoß entquoll,
als Wolken ich zum Kleid ihm machte,
ihm zur Windel dunklen Dunst,
als ich ihm ausbrach meine Grenze,
ihm Tor und Riegel setzte
und sprach: Bis hierher darfst du und nicht weiter,
hier muss sich legen deiner Wogen Stolz?
(Ijob 38,1.8-11)

Vorsicht! Ich vermute, ein Missverständnis liegt allen nahe, die katholisch sozialisiert sind: Um wessen Stolz geht es hier im Text, der an die Grenze des Erlaubten geraten sei? Wird hier wirklich dem Ijob das Mitgefühl verweigert und gesagt, Gott unterstelle ihm, es sei nur sein grenzwertiger Stolz, der ihn so in die Auseinandersetzung mit Gott führt? Auch der Untertitel im offiziellen Lektionar legt das so nahe: Um eine knappe Kernaussage aus dem Text zu zitieren, – der immerhin ausdrücklich Gottes Antwort an Ijob ist, – steht da als Untertitel „Hier muss sich legen deiner Wogen Stolz“. Doch der Zusammenhang mit den anderen Worten dieses Absatzes spricht eindeutig von etwas anderem: Der HERR erinnert den Ijob – übrigens mitten im Sturm! –, dass den todbringenden Wogen des Meeres und ihrem Stolz ER „Tor und Riegel“ als Grenze gesetzt hat. Mit diesen Worten bestätigt er also das Begehren des Ijob an Gott, er möge doch bitte seinem Leid, diesem Dauersturm, eine Grenze setzen.

In der Fortsetzung der Antwort, die Gott dem Ijob auf seine Klagen gibt, wird deutlich, worauf es IHM ankommt: An vielen Einzelheiten, an die er den Ijob erinnert, macht Er fest, wie wesentlich Gott und der Mensch sich unterscheiden. Ja, er steht zur Menschenfreundlichkeit seiner Schöpfungsordnung und zu seiner Liebe zu allen. Darin aufgehoben ist der Mensch.

Auf Ijobs Klage gibt Gott Antwort. Er weist es lediglich zurück, wenn Ijob seiner Klage den Charakter einer Anklage gegen Gott gibt, mit der er soviel wie vor ein Gericht gehen will. Eine Anklage ignoriert den Unterschied zwischen Gott und Mensch. Eine solche unrealistische Sicht von der Wirklichkeit müsste den Menschen nur zu entsprechend unrealistischen Konsequenzen und zu neuem Leid bringen. Am Ende stimmt Ijob ihm zu.

Ich staune, wie parallel zueinander die Geschichte des Ijob und die Geschichte von Jesus und seinen Jüngern im Seesturm verlaufen. Aber recht besehen, nicht wirklich verwunderlich: Es geht um einen und denselben Gott und seine Antwort an den Menschen, der „im Sturm“ sich an ihn wendet mit seinem Begehren um Rettung.

Seine Jünger, die diesen Weg mit Jesus gehen, machen die Erfahrung, die sie in Staunen ausbrechen lässt: „Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“ Ähnlich hatten Psalmen-Dichter staunend von Gott bekannt – wie zum Beispiel in Psalm 65:

Du stillst das Brausen der Meere,
das Brausen ihrer Wogen,
das Tosen der Völker.
(Psalm 65,8)

Über Jesus hatten die Leute sich schon gewundert: Er redet nicht nur wie die Schriftgelehrten, sondern mit Vollmacht. Und in dem, was seine Jünger jetzt auch in seinem Tun erleben, ahnen sie dieselbe Vollmacht und können erst mal nur staunen: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?

So wie Ijob in seiner Antwort von Gott eine konstruktive Kritik erfährt, so geht es auch den Jüngern mit Jesus: Einerseits geht er auf ihr Begehren ein, andererseits stellt er ihre Einstellung ihm gegenüber in Frage. Es geht um ihre Angst, in der sie vorwurfsvoll an ihn appellieren „Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Seine Antwort: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Was meint Jesus da mit „Glauben“? Und wie sieht dann solches „Glauben“ aus, wenn es um uns heute geht und um aktuelle Lebenssituationen, die Angst machen?

Ich weiß, darauf gibt es schnelle Antworten. Ich weiß aber auch, dass viele dieser schnellen Antworten vielen Menschen in ihren leidvollen Lebenslagen nicht helfen.

Eine dieser schnellen Antworten zum Beispiel, die ich selber voller Überzeugung und mit einer ganzen Reihe für mich gültiger Begründungen und entsprechender Erfahrungen gebe, ist: Mein Vertrauen zu ihm, dass er mir in Not beisteht und mich rettet, schätze ich als unerschütterlich ein – einschließlich der Not, die mich befiele, wenn mir dieses Vertrauen abhanden käme; dann könnte ich mich nur fallen lassen und ich bin sicher, ich würde gut fallen. Anders gesagt: In meiner Vorstellung von vielen möglichen Notsituationen wiederholt sich in mir immer wieder die starke Zuversicht, dass man mit ihm nicht zugrunde geht.

Solche Antworten taugen aber soviel wie nie für eine helfende Begegnung mit Menschen in Situationen, die mit denen von Ijob oder der Jünger im Boot vergleichbar sind.

Da braucht es dann entweder eine Erfahrung, in der der Mensch in Not unmittelbar eine Begegnung mit Gott sieht, oder eine rettende Tat, die dem andern wirklich hilft und ihn vielleicht zum Staunen veranlasst.

Wenn es Kirche gibt, die in der „Vollmacht“, die das Evangelium von Jesus bezeugt, auch eine eigene „Vollmacht“ erkennt, die sie aber nicht voll Macht wahrnimmt, sondern voll Vertrauen, dann dürfte das wahrscheinlich am ehesten dem nahe kommen, was Jesus mit „Glauben“ meint, wenn er hier die Gemeinschaft seiner Jünger so anspricht.

Provokante Beispiele, die mir dazu gleich in den Sinn kommen, fallen Ihnen sicher auch selber ein. Die in dieser Sonntagsbotschaft aufgerissenen Fragen lassen sich in kleinen Gruppen und dann in Kundgebungen und Kampagnen viel anregender klären als hier.

Zum Schluss mute ich Ihnen nur noch den digitalen Rippenstoß zu:

Ihr werdet euch wundern, was im Sturm aus eurer Angst wird, wenn ihr euch mit eurer Not an Jesus wendet!

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Rainer Petrak