Blogbeitrag

KarFreitags-Kreuz 1993

König der Wahrheit

18. November 2021

Sonntagsbotschaft zum 21. November 2021, dem Christkönigssonntag (Lesejahr B ) 

„König“ – eine Vorstellung aus vergangener Zeit? Gerade noch gut für die Regenbogenpresse?

Und wenn jemand mit Familiennamen „König“ heißt, dann ist das halt so seit Generationen. In Gebieten slawischer Sprachen können die Frauen wenigstens – ganz offiziell – eine weibliche Endung anhängen – „-owa“ oder so.

Überrascht bin ich zu sehen, wie unangefochten „Könige“ ihren Stellenwert behaupten in der Popkultur und in der Gaming-Szene: Da gilt Michael Jackson als „king of pop“. „King Crimax“ ist ein beliebter Gaming-Kanal. Könige gehören selbstverständlich zum Rollen-Repertoire global sich ausbreitender Fantasy-Filme. Und es gibt Steigerungen: Wenn schon der Löwe als König der Tiere erachtet wird, dann ist im Disney-Musical „Der König der Löwen“ der junge Simba ein sympathisches Identifikations-Angebot für die sich überschlagende Sehnsucht, mal für einen Abend „Majestät“ über Könige zu sein. In der erfolgreichen US-Comedy-Serie „King of Queens“ verbindet sich das noch mit dem anderen Motiv männlicher Herrschaft über die Frauen und seien sie auch alle Königinnen.

Anscheinend ist „König“ mehr als ein Wort. Da verbirgt sich eine Galerie von Bildern nicht nur aus alten Mythen und Märchen, sondern aus kaum bewussten tiefen Schichten in vielen, vielleicht allen Menschen.

Die Vorstellung von Königen – in abgewandelter Weise auch von Königinnen – hat für viele Menschen – auch bewusst – einen besonderen Reiz. Ich hab mich vor kurzem ertappt: In einem Fernseh-Bericht sah ich den norwegischen König Harald V. und dachte mir – fast ein wenig enttäuscht – : „Der sieht ja ganz normal aus“. Mir fehlte wohl etwas von dem „Besonderen“, das man einem König unmittelbar ansehen müsste.

Eigentlich hat in der abendländischen Kultur, die von der Aufklärung geprägt ist, die antike oder auch mittelalterliche Rolle des Königs in der realen Politik keinen Platz mehr. Aber auch heute noch beliebte Märchen und Mythen wirken bis in manche Fernsehberichterstattung.

Vor einem Jahrhundert hat der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung den „König“ als einen der Archetypen beschrieben, die im Menschen einfach da sind und elementare Gefühle zu bestimmten zeitlosen Bildern gestalten, über die man sich verständigen kann.

Die mit dem Wort „König“ gemeinte Vorstellung lässt sich vielleicht am leichtesten fassen mit seinem griechischen Wort „βασιλεύς“ [basileús], heute „vasiléws“ ausgesprochen, und den von ihm abgeleiteten Wörtern, die seine Wichtigkeit und seine Tätigkeit beschreiben: Die „βασιλεία“ [basileía], etwas umständlich ins Deutsche übersetzt mit „Königtum“ oder „Königsherrschaft“, bezeichnet einmal die Tatsache, dass ein Mensch König ist, die besondere Macht, die ihm als König zu eigen ist, und dann auch das geografische Gebiet, in dem er die Regierungsgewalt ausübt. Das entsprechende Verb „βασιλεύω“ fasst zusammen, was er tut, wenn er als anerkannter Herrscher regiert. Es kann aber auch den aktiven Beginn seines Status als König bezeichnen: er tritt seine Herrschaft an.

Einen Menschen als König im eigenen Land anzuerkennen, heißt dabei im Prinzip, sich neidlos und vertrauensvoll – oder auch mit verstecktem Zähneknirschen – sich in seine Vorrangstellung und in seine Macht zu fügen, mit der er über alle Zusammenhänge und Beziehungen zwischen den Menschen im Land unangefochten bestimmt. Die Aura der „Majestät“ aus Mythen und Märchen und Malerei überhöht die Autorität des Königs bis hin zu einer gottähnlichen Heiligkeit.

Das alte Israel sah sich von den anderen Völkern dadurch unterschieden, dass es keinen König hatte. Israels „König“ war Gott selber, der Schöpfer von Himmel und Erde. In ihm sah das Volk einen Herrscher, der wie kein menschlicher König für das Leben und für das Gute sorgt, für Recht und Gedeihen und für Frieden. Ursprünglich und eigentlich gemeint war das so. Und sie sind gut damit gefahren.

Dann erzählt die Bibel aber, dass man schon im alten Israel auch so sein wollte wie die anderen Völker und auch einen „richtigen“ König haben wollte. Gegenstimmen wiesen warnend auf die Auswüchse hin, die für das Königtum in den Nachbarvölkern typisch waren:

Das werden die Rechte des Königs sein,
der über euch herrschen wird:
Er wird eure Söhne holen
und sie für sich bei seinen Wagen und seinen Pferden verwenden
und sie werden vor seinem Wagen herlaufen.
Er wird sie zu Obersten über Tausend
und zu Führern über Fünfzig machen.
Sie müssen sein Ackerland pflügen
und seine Ernte einbringen.
Sie müssen seine Kriegsgeräte
und die Ausrüstung seiner Streitwagen anfertigen.
Eure Töchter wird er holen, damit sie ihm Salben zubereiten
und kochen und backen.
Eure besten Felder, Weinberge und Ölbäume
wird er euch wegnehmen und seinen Beamten geben.
Von euren Äckern und euren Weinbergen
wird er den Zehnten erheben
und ihn seinen Höflingen und Beamten geben.
Eure Knechte und Mägde,
eure besten jungen Leute und eure Esel wird er holen
und für sich arbeiten lassen.
Von euren Schafherden wird er den Zehnten erheben.
Ihr selber werdet seine Sklaven sein.
(1 Samuel 8,11-17)

Doch die anderen sagten:

Nein, ein König soll über uns herrschen.
Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein.
Unser König soll uns Recht sprechen,
er soll vor uns herziehen und soll unsere Kriege führen.
(1 Samuel 8,19-20)

Sie konnten sich durchsetzen. Und das Volk machte die Jahrhunderte hindurch seine entsprechenden Erfahrungen damit.

Schließlich, in der Zeit von Jesus, als alle möglichen Mächte das Sagen hatten und das Volk in Kultur und Religion, in Brauchtum und Sprache nur noch fremdbestimmt war, da meldete sich die Erinnerung zurück an die ursprünglich guten Erfahrungen mit Israels Gott als seinem König, „der alles so herrlich regieret“. (vgl. GL 392,2)

Manche machten ihre Sehnsüchte fest an der alten Verheißung, dass doch eines Tages aus dem abgestorbenen Stammbaum des Königshauses David ein Spross auftaucht, der „Messias“, der die Träume vom eigenen König wahr machen würde. So mancher Möchtegern-Messias wurde dann ja auch von der römischen Besatzungsmacht abgeurteilt und hingerichtet.

Und in dieser Stimmungslage verbindet sich immer wieder die Vorstellung vom „König“ mit der Person von Jesus.

Jesus – ein König? Ein König von der Art, der seinen Herrschaftsbereich sichert und ausweitet, für den die Jungen als Kanonenfutter herhalten, damit er siegreich herrscht?

Oder ein König nach Gottes ursprünglicher Art, der alles zum Guten führt und der die ganz anderen Königsträume, die im Menschen schlummern, wahr macht?

Eine ähnlich aufgewühlte Zeit erlebten die Menschen bei uns in der Zeit der Weimarer Republik. Eine Reihe von Königreichen hatte ihr Ende gefunden. Und was kam dann? Kommunismus, Kapitalismus, Nationalsozialismus – alle wollten sie sich als die neue herrschende Ordnung durchsetzen.

Der Glaube der Christen setzte dagegen. Die alte Bitte „Dein Reich komme!“ gewann eine neue Bedeutung: Alles menschliche Miteinander muss, wenn es gelingen soll, sich an dem orientieren, der gezeigt hat, wie das aussieht, wenn Gott herrscht. In vielen wuchs die Überzeugung: Hier ist das Fundament einer zukünftigen Ordnung für die aus den Fugen geratene Welt.

Wieder verbanden sich die tiefsitzenden Vorstellungen vom guten König mit dem, was Jesus als „Reich Gottes“ verkündet und begonnen hatte. Ähnlich wie schon einmal im Konflikt mit dem antiken römischen Kaiser bekannten Christen sich öffentlich zur Hoffnung ihres Glaubens: „Christus ist unser König!“ Daraus wurde im Jahr 1925 ein neues Fest: Christus König.

Das neue Christkönigsfest wurde schnell populär. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Vorstellung von Christus als dem König nach Gottes Art für viele zur Kraftquelle, sich gegen die Nazi-Herrscher aufzulehnen. Wegen ihres Bekenntnisses sind viele verfolgt und umgebracht worden – im Nazi-Reich ebenso wie im alten Römischen Reich.

An diesem Sonntag wieder feiern wir in der katholischen Kirche mit allen Gottesdiensten den Christkönigssonntag.

Aus der Passions-Erzählung des Johannes-Evangeliums hören wir da einen Dialog zwischen Jesus und Pilatus:

Pilatus fragte Jesus:
Bist du der König der Juden?

Was fragt er so? Pilatus, der Präfekt von Judäa, Teil der römischen Provinz Syrien. Er kennt doch genau die internen Strukturen der restlichen Macht, die die römischen Besatzer den Juden belassen hatten. Da ist für einen „König der Juden“ kein Platz! Freilich wusste er sicher von der Sehnsucht vieler Juden, dass Gott doch endlich mit dem versprochenen Messias-König aus dem Haus David ihre ethnische und religiöse Selbstbestimmung wiederherstellen sollte.

Pilatus musste in Kenntnis dieses Hintergrunds davon ausgehen: Wenn einer sich selber oder wenn andere ihn als „König der Juden“ bezeichneten, dann würde er einen Aufstand gegen die römische Oberhoheit anzetteln wollen.

Jesus antwortete:
Sagst du das von dir aus
oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete:
Bin ich denn ein Jude?
Dein Volk und die Hohepriester haben dich an mich ausgeliefert.
Was hast du getan?

Interne religiöse Querelen interessieren Pilatus nicht. Er will nur wissen, ob Jesus ein Aufrührer gegen die Oberhoheit des römischen Kaisers ist. Wenn ja, kann er das nicht dulden und muss ihn verurteilen.

Jesus antwortete:
Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.
Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre,
würden meine Leute kämpfen,
damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde.
Nun aber ist mein Königtum nicht von hier.
Da sagte Pilatus zu ihm:
Also bist du doch ein König?
Jesus antwortete:
Du sagst es, ich bin ein König.

„König“ ja. Aber ein König ganz anderer Art und Herkunft: nicht wie in der Welt üblich und mit militärischer Gewalt abgesichert.

Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen,
dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.
Jeder, der aus der Wahrheit ist,
hört auf meine Stimme.
(Johannes 18,33b-37)

Leider bricht der für den Sonntagsgottesdienst vorgesehene Evangeliums-Abschnitt hier ab. Das Johannes-Evangelium geht weiter:

Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit?
(Johannes 18,38)

In der Tat – wenn Jesus so redet, muss man ihn fragen, was er mit „Wahrheit“ meint, für die Zeuge zu sein er sein Selbstverständnis als „König“ begründet.

Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, muss man wohl ihn selber näher anschauen: Was ist denn das Wesentliche an seiner Persönlichkeit, an seinem Tun, an seinem Weg, wofür er damit Zeuge ist? Wenn, wie er sagt, Sinn, Aufgabe und Ziel seines menschlichen Lebens darin besteht, dass er „die Wahrheit“ bezeugt, gilt es, die Botschaft zu erkennen, die er mit seinem Lebensweg zeigt. Und wenn das seine Art von „Königtum“ ausmacht, dann ist also das Wesentliche, der Geist seines Lebensweges die „Wahrheit“, die in seiner Art von „Königreich“ die Kraft ist, mit der er herrscht und auf die alle die hören, die ihn als ihren König wollen.

Konkret zum Beispiel verkörpert Jesus in einer menschlich verständlichen Weise, offenkundig, als „wahr“ in Gottes Sinn, dass die höchste Würde die des Menschen ist und dass nichts wichtiger sein kann, als dieser Menschenwürde in allem, was geschieht, zur alles beherrschenden Geltung zu verhelfen. Wer sich danach ausstreckt und sich von Jesus darin leiten lässt, erkennt ihn als „König“ an.

Jesus formuliert es knapp: „Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ Wer also selber diese „königliche“ Wahrheit mit ihm erfahren hat, schaut bei allem hin und sieht – sieht zuallererst den Menschen und sieht diese „Wahrheit“, der als herrschender Kraft Geltung zu verschaffen er der König ist, der in unserem Leben herrscht und dem wir dienen können.

So veranlasst Jesus unversehens und zunächst unbemerkt den Pilatus, dass der geradezu prophetisch selber die Antwort gibt auf seine eigene Frage nach der Wahrheit, wenn er im nächsten Kapitel den gefolterten, geschundenen, verspotteten Jesus der Menschenmenge vorführt:

„Seht, der Mensch!“
(Johannes 19,5)

und später noch einmal mit dem Wort:

„Seht, euer König!“
(Johannes 19,14)

Mit Jesus wird die Wahrheit sichtbar:

Mann oder Frau, Kind oder Greis, Glückspilz oder Pechvogel, Kundin oder Verkäuferin, Schuldner oder Gläubiger, in Atemnot auf dem Sterbebett oder strotzend vor Gesundheit, erfolgreicher Arbeitgeber oder letztes Rädchen im Getriebe, fünftes Rad am Wagen, Opfer von Mobbing, …
… Mensch!!!

… Hört auf meine Stimme:
Ich trete an deine Seite, ich geh mit dir durch Dick und Dünn! Dafür werde ich Mensch!

Mensch, was bist du geliebt!

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Rainer Petrak