Blogbeitrag

Foto: privat Regenbogen (2022)

Kommt und seht!

11. Januar 2024

Sonntagsbotschaft zum 14. Januar 2024, dem 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B). 

Wie kommen eigentlich Menschen dazu, dass sie diesen Jesus von Nazaret von damals wichtig nehmen – ihn und das, was er gesagt, getan und bewirkt hat?

Nach allem, was ich beobachte, gibt es da bei den meisten Menschen einen gleichartigen Ablauf, wie sie dazu gekommen sind, sich als Christen zu verstehen.

Als Kind lernt man ja vieles kennen, was Orientierung gibt und dabei hilft, in die Welt hinein zu wachsen, in der das Leben stattfindet.

Was ich sehe, ordne ich in Zusammenhänge ein, wie es in meiner Umgebung üblich ist. Ich gewichte und bewerte es zunächst wie die Menschen in meiner Familie, in der Schule, im Freundeskreis. Je nach Art der Beziehung, die ich zu den Personen habe, beeinflussen sie unterschiedlich meine Wahrnehmung von dem, was „selbstverständlich“ ist oder als „normal“ gilt. Erfahrungen, die ich selber mache, nehme ich in diesen Zusammenhängen wahr; sie bestätigen meine Sichtweise.

So entwickelt der heranwachsende Mensch seine Gewohnheiten, seine Überzeugungen, seine Leitbilder vom Leben.

Und wie mir scheint, ist das so auch hinsichtlich Glauben, Religion, Weltanschauung.

Die sogenannten „Volkskirchen“ und ihre Milieus wirken mit ihren christlich gemeinten Normen und Lehren zwar nicht mehr mit einer Kraft auf die Menschen ein wie in vergangenen Zeiten. Aber auch heute dürfte den meisten Menschen in der Familie ihrer Kinderjahre der Grund dafür gelegt worden sein, wenn sie christliche Bestrebungen und Überzeugungen vertreten oder christliche Lehren oder Wahrheiten auszubreiten suchen.

Auch in der Zeit, als Jesus damals lebte, war das so. Einerseits geradezu zwingend, weil mit hoher Autorität versehen, galt der überlieferte Glaube Israels als die Wahrheit schlechthin. Andererseits waren die römische Besatzung mit ihrer Vielgötterei und die religiöse Vielfalt der Zugewanderten eine alltägliche Provokation für Juden, die ihren Glauben der Überlieferung in der Familie verdankten.

Gerade deshalb aber dürfte es für unsere multikulturell geprägte Zeit hilfreich sein, wie die Bibel es beschreibt, wie Menschen damals dazu gekommen sind, ihre Anschauungen von Leben und Glauben und daraus dann ihr Verhalten und ihre Lebensweise an diesem Jesus von Nazaret zu orientieren.

Das Evangelium dieses 2. Sonntags im Jahreskreis erzählt davon:

In jener Zeit
stand Johannes am Jordan, wo er taufte,
und zwei seiner Jünger standen bei ihm.
Als Jesus vorüberging,
richtete Johannes seinen Blick auf ihn

und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
Die beiden Jünger hörten, was er sagte,
und folgten Jesus.

Johannes der Täufer. Von ihm hat der Evangelist Johannes anerkannt, dass er bereits Wichtiges an Jesus verstanden hat. Zwei von seinen Leuten macht der Täufer aufmerksam auf Jesus: „Seht, das Lamm Gottes!“

Das klingt ihnen nach verkehrter Welt! Was sollen sie sich darunter vorstellen? Das Fleisch eines Lammes war ihnen ein Festessen. Sein Blut, davon getrennt, für sie selber tabu, haben sie in Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer ihm dargebracht, „geopfert“. Aber dass Gott ein „Lamm“ opfert, das war allen Überlieferungen aus der Zeit vor Jesus neu und fremd.

Im Rückblick der jungen Kirche benennt der Evangelist Johannes die gewisse Faszination, mit der der Täufer die beiden Männer für Jesus interessiert, mit diesem bedeutungsschweren Ausdruck, Jesus sei „das Lamm Gottes“.

Die beiden gehen hinter ihm her.

Jesus aber wandte sich um,
und als er sah, dass sie ihm folgten,
sagte er zu ihnen: Was sucht ihr?

Man könnte auch übersetzen: „Er fragte sie: Was wollt ihr?“

Ja, wenn sie das nur selber wüssten. Sie spüren nur: Sie wollen mehr von ihm kennenlernen. In den Kategorien, mit denen sie groß geworden sind, verbinden sie das erst einmal nur mit der Vorstellung eines Glaubenslehrers, eines Rabbi. So einer „lehrt“ allerdings ja im Sitzen, also in seiner Wohnung.

Also sagen sie zu ihm:
Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -,
wo wohnst du?
Er sagte zu ihnen: Kommt und seht!
Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte,
und blieben jenen Tag bei ihm;
es war um die zehnte Stunde.

Jesus tritt seinerseits auf ungewöhnliche Weise in eine Beziehung zu denen, die sich für ihn interessieren. Ein Rabbi präsentiert denen, die sich für ihn interessieren, seine Lehre. Er aber stellt ihnen eine erste Frage: Was wollt ihr?

Wie der blinde Bettler am Straßenrand bei Jericho, der nach ihm schreit; ihn fragt er: „Was willst du? Was soll ich dir tun?“ (Markus 10,51)

Und diesen beiden Männern, die sich für Jesus interessieren, aber noch nicht so recht zu wissen scheinen, was sie von ihm wollen, denen bietet Jesus an: „Kommt und seht!“ Und dann sehen sie. Sie bleiben jenen Tag bei ihm, teilen eine Weile mit ihm sein Leben. Sie schnuppern und ahnen zunehmend.

Später wird Johannes in seinem ersten Brief verallgemeinern und zusammenfassen:

Was von Anfang an war,
was wir gehört,
was wir mit unseren Augen gesehen,
was wir geschaut
und was unsere Hände angefasst haben …
das verkünden wir auch euch,
damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.
(1 Johannes 1,1-3)

Und im Evangelium erzählt Johannes weiter:

Andreas, der Bruder des Simon Petrus,
war einer der beiden,
die das Wort des Johannes gehört hatten
und Jesus gefolgt waren.
Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon
und sagte zu ihm:
Wir haben den Messias gefunden –
das heißt übersetzt: Christus – der Gesalbte.
Er führte ihn zu Jesus.
Jesus blickte ihn an und sagte:
Du bist Simon, der Sohn des Johannes,
du sollst Kephas heißen,
das bedeutet: Petrus, Fels.
(Johannes 1,35-42)

Intensive Begegnung geschieht, Wertschätzung und Anerkennung.

Und in der Folge dieses Evangeliums-Abschnitts im Gottesdienst setzt die Bibel fort mit der Erzählung eines ähnlichen Geschehens:

Am Tag darauf wollte Jesus nach Galiläa aufbrechen;
da traf er Philippus.
Und Jesus sagte zu ihm: Folge mir nach!
Philippus war aus Betsaida,
der Stadt des Andreas und Petrus.
Philippus traf Natanaël und sagte zu ihm:
Wir haben den gefunden,
über den Mose im Gesetz
und auch die Propheten geschrieben haben:
Jesus, den Sohn Josefs, aus Nazaret.
Da sagte Natanaël zu ihm:
Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?
Philippus sagte zu ihm: Komm und sieh!

Das Zeugnis dessen, der in Jesus den verheißenen Heilbringer erkannt hat, kann dazu bewegen, für ihn neugierig zu werden und ihn zu suchen. Aber allein ihm zu begegnen, kann dem Natanaël die eigene Skepsis und Vorbehalte entkräften und eine Beziehung zu ihm herstellen: „Komm und sieh!“, sagt Philippus daher und redet schon wie Jesus.

Jesus sah Natanaël auf sich zukommen
und sagte über ihn:
Sieh, ein echter Israelit,
an dem kein Falsch ist.
Natanaël sagte zu ihm:
Woher kennst du mich?
Jesus antwortete ihm:
Schon bevor dich Philippus rief,
habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.
Natanaël antwortete ihm:
Rabbi, du bist der Sohn Gottes,
du bist der König von Israel!
Jesus antwortete ihm:
Du glaubst, weil ich dir sagte,
dass ich dich unter dem Feigenbaum sah;
du wirst noch Größeres als dieses sehen.
Und er sprach zu ihm:
Amen, amen, ich sage euch:
Ihr werdet den Himmel geöffnet
und die Engel Gottes
auf- und niedersteigen sehen
über dem Menschensohn.
(Johannes 1,43-51)

In dem Maß, wie sie Jesus kennenlernen und Lebensstil und Lebensweg mit ihm teilen, kommen sie immer mehr dazu, alles was geschieht, so zu sehen und zu gewichten, wie sie es mit Jesus erleben. Nicht mehr vom Streit um eine rechte Lehre erhoffen sie sich das Heil. Sondern an ihm sehen sie, was geschieht, wenn Menschen das Leben und die ganze Welt zu ihm in Beziehung setzen:

Der Himmel reißt auf und Gott zeigt sich als der, der in Jesus als das „Lamm“ unter die Menschen kommt; der sich mit Fleisch und Blut total dafür einsetzt, dass nicht mehr Sünde aller Art die Welt beherrscht, sondern dass die Menschen die ersehnte und versprochene Erfüllung, Glück und Heil finden.

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