Blogbeitrag

Bild von dendoktoor bei Pixabay road-g2c940b9c9

Leitplanke

5. Mai 2022

Sonntagsbotschaft zum 8. Mai 2022, dem 4. Ostersonntag (Lesejahr C). 

Ostern. Vierter Sonntag. Neues Leben? Viele Nachrichten sehen eher nach neuem Sterben aus.

Gibt es da in den Bibeltexten des Sonntags Anregungen für einen Wechsel der Perspektive oder gar des Kurses? Leben statt Sterben?

Mit Blick schon auf das Evangelium, das diesem Sonntag Farbe gibt, will ich mal so fragen: Was leitet mich in meinen Entscheidungen?

„Der gesunde Menschenverstand!“ Das sagen sie alle. Die Neoliberalen ebenso wie die Sozialisten. Die Rüstungslobbyisten und die Pazifisten. Die Interessenvertreter der kinderreichen Familien (falls es sie gibt) wie auch die profitorientierten Kämpfer fürs eigene Solo-Interesse. Haben sie alle ein irgendwie gemeinsames Verständnis von dem, was sie damit meinen: „gesunder Menschenverstand“? Oder ist das nur ein Etikett, mit dem alle denkbaren Zielsetzungen legitimiert werden wollen?

„Gesund“ klingt jedenfalls positiv. Krank ist ja vieles. Krank macht auch vieles, was so läuft. Und vielleicht noch vieles mehr kränkt Menschen in ihrer Würde und in ihren Rechten. Da mangelt es in der Tat an heilenden Kräften in der Gesellschaft. Vor allem an heilendem Menschenverstand. Was kann da wirklich Leitplanke sein?

Die Sichtweise, wie die Bibel sie dokumentiert, bezieht sich auf einen, der mit Verstand sich total einsetzt. Ihm geht es darum, zu heilen, was im Leben des Menschen krank ist und in seiner Welt. Das liegt ihm so sehr am Herzen, dass er über allen Verstand hinaus mit dem eigenen Leben dafür bezahlt. Nichts könnte ihm wichtiger sein, als den kranken Menschen heil zu machen!

In ihm, dem Jesus von Nazareth, erkennen Menschen deshalb Gott selber, der den Tod und alles, was dem Laden schadet, besiegt. Ihn, gekreuzigt, gestorben und begraben, erfahren sie höchst lebendig und können nicht davon schweigen!

Da erzählt zum Beispiel der Evangelist Lukas in seiner Apostelgeschichte von Paulus und Barnabas. Sie reisen durch die heutige Türkei, um in den dortigen jüdischen Gemeinden in den Sabbat-Gottesdiensten die Neuigkeit von Jesus, dem Christus, zu verkünden: Mit seiner Auferstehung erfülle Gott jetzt alles, was er von jeher seinem Volk versprochen hat.

Paulus und Barnabas wanderten von Perge weiter
und kamen nach Antiochia in Pisidien.
Dort gingen sie am Sabbat in die Synagoge
und setzten sich.
Es schlossen sich viele Juden und fromme Proselyten
Paulus und Barnabas an. …
Am folgenden Sabbat
versammelte sich fast die ganze Stadt,
um das Wort des Herrn zu hören.
Als die Juden die Scharen sahen,
wurden sie eifersüchtig,
widersprachen den Worten des Paulus
und stießen Lästerungen aus. …

Ihnen als ersten wird ja das Neue ausgerichtet, weil es an ihre ausdrückliche Sehnsucht anknüpft. Doch statt mit verstehendem Aufatmen sich über das Vorankommen im Leben zu freuen, das sich da von Gott her abzeichnet, lehnen sie es rundweg ab.

Das ist ihnen anscheinend zu viel Neues und zu wenig Anerkennung für all ihre Bemühungen, die alten wertvollen Traditionen gut zu pflegen! Stattdessen hören sie da wohl eher einen Vorwurf, sie hätten bisher alles falsch gemacht. Und der Kragen platzt ihnen, als sie merken: Da sollen sich plötzlich ganz andere an neuer Anerkennung freuen, die mit dieser gläubigen Überlieferung überhaupt nichts am Hut haben, ja allen möglichen Religionen und Lebensweisen huldigen.

Denn in der Tat erleben Paulus und Barnabas für ihre Botschaft eine große Aufgeschlossenheit besonders an den Rändern der Gemeinde und darüber hinaus bei den sogenannten „Proselyten“, also bei Nichtjuden, die aber mit Interesse sich der Botschaft der Bibel geöffnet haben, und bei den sogenannten „Heiden“, also bei Menschen aus den verschiedensten Völkern, die hier leben. So sagen sie zu den jüdischen Teilnehmern am Gottesdienst:

„Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden.
Da ihr es aber zurückstoßt …
wenden wir uns jetzt an die Heiden.
Denn so hat uns der Herr aufgetragen:
Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht,
bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein.“
Als die Heiden das hörten, freuten sie sich
und priesen das Wort des Herrn; …
Das Wort des Herrn aber
verbreitete sich in der ganzen Gegend. …
(Apostelgeschichte 13,14.43b-52)

Das lenkt meinen Blick auf den aktuellen Streit in der Kirche zwischen auf der einen Seite denen, die den sinkenden Einfluss und die abnehmende Wertschätzung für diejenigen beklagen, die doch immer alles gegeben haben, um das kirchliche Leben weiterzuführen, und auf der anderen Seite denen, die sich einsetzen für mehr Wertschätzung in der Kirche für die vielen unterschiedlichen Menschen und ihr Zusammenleben.

Über solche Spannungen hinweg betonen Paulus und Barnabas, wie sehr sie sich Gottes Auftrag zu eigen gemacht haben, dass allen Menschen ohne Vorbedingung Jesus Christus als ihr Licht und ihr Heil bekanntgemacht wird.

Die allerdings, die opferbereit alles dafür getan hatten, um das Überlieferte zu bewahren, können nur eifersüchtig und als Verfälschung ablehnen, was da in der ganzen Gegend unter dem Motto „Jesus ist der Christus“ bei immer mehr interessierten Leuten sich ausbreitet.

Schon in Jerusalem – die Erste Lesung vom vergangenen Sonntag hat davon erzählt – waren die Apostel beim Hohepriester und dem Hohen Rat auf heftigen Widerspruch gestoßen mit ihren provozierenden Worten:

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt,
den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt.
Ihn hat Gott als Anführer und Retter
an seine rechte Seite erhoben,
um Israel die Umkehr
und Vergebung der Sünden zu schenken.“
(Apostelgeschichte 5,29-31)

Ja, in der damaligen Zeit wie heute gingen die Wogen hoch im Streit um die Frage, was wie zu tun und was warum zu lassen sei angesichts heftiger Konflikte und drohender Gefahren. In der Wettkampfarena aller Zeiten tummeln sich Tyrannen, Rattenfänger, Demagogen, Diktatoren, Blutsauger und Haie aller Art.

Da mittendrin greift Jesus ein ganz anderes Bild auf: Als guter Hirt, der auch die Einzelnen in seiner Herde gut kennt, steckt er den Weg mit Leitpfosten ab, damit sie durch alle Gefahren gut durchkommen. Mit seinem Leben setzt er sich für ihren Schutz ein und sorgt dafür, dass alle in der Herde bekommen, was sie zum Leben brauchen. Und da Gott selber ihn als Hirt solcher Art ermächtigt hat und seine schützende und führende Hand über sie alle hält, löst er ihnen alle Ratlosigkeit auf. Alle lassen sich von seiner Stimme leiten, die ihm vertrauen. Es tut gut, diese Zusage an diesem Sonntag als das Evangelium für heute zu hören:

In jener Zeit sprach Jesus:
„Meine Schafe hören auf meine Stimme;
ich kenne sie,
und sie folgen mir.
Ich gebe ihnen ewiges Leben.
Sie werden niemals zugrunde gehen,
und niemand wird sie meiner Hand entreißen.
Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle,
und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.
Ich und der Vater sind eins.“
(Johannes 10,27-30)

Die 2. Lesung des Sonntags aus dem Buch der Offenbarung des Johannes bestärkt zu diesem Vertrauen mit dem Bild einer

„großen Schar aus allen Nationen und Stämmen,
Völkern und Sprachen“:

Sie alle kommen aus Belastungen und Ängsten –

„aus der großen Bedrängnis“,

wie es heißt.

Wieder im Bild der großen Herde, so bekommt Johannes gesagt, werden sie alle sich jetzt eines neuen Lebens erfreuen, denn der, der in Gottes Namen sein Leben als Opfer für sie eingesetzt hat, er wird sie jetzt für immer auf gute Weide führen:

„Sie werden keinen Hunger
und keinen Durst mehr leiden,
und weder Sonnenglut
noch irgendeine sengende Hitze
wird auf ihnen lasten.“

Er wird sie

„zu den Quellen führen,
aus denen das Wasser des Lebens strömt,
und Gott wird alle Tränen
von ihren Augen abwischen.“
(Offb 7,9.14b-17)

Was für eine wunderbare Veränderung – dieses Neue, das in Jesus Christus seinen Ursprung hat, in seinem ganzen Lebensweg bis zu seinem Tod und seiner Auferstehung!

Wie wertvoll, diese Stimme zu unterscheiden von all den Stimmen, die es nur auf die Wolle abgesehen haben, auf die Milch und auf das Fleisch der Schafe, (vgl. Ez 34,3) deren Wohlergehen aber sich ihrem ausbeuterischen Interesse unterzuordnen hat!

Ja, wie glücklich ist dann der Mensch dran, der nicht dem permanenten Druck von Werbung und Marketing durch Geier und Haie ausgesetzt ist; der nicht täglich seine Aufträge von irgendeinem Exekutivkomitee der Reichen und Mächtigen entgegennehmen muss; sich nicht von menschenfeindlichen Profitgierigen beraten lassen und das Geschwätz derer sich anhören muss, die ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen; …

Psalm 1 – sozusagen als Überschrift über all den biblischen Liedern vom Weg des Glaubens – ergeht sich lustvoll im Bewusstsein der Alternative:

Selig der Mann,
der nicht nach dem Rat der Frevler geht,
nicht auf dem Weg der Sünder steht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern sein Gefallen hat
an der Weisung des HERRN,
bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.
(Psalm 1,1-2)

Denn auf seine Stimme hören; sich von ihm den Weg durchs Leben zeigen und führen lassen – als Wegweiser, als „Leitbild“, „Leitfaden“, als Leitplanke in Person – davon sagt Jesus im Evangelium:

Ich gebe ihnen ewiges Leben.
Sie werden niemals zugrunde gehen, …
(Johannes 10,28)

Mit welchen Menschen beraten Sie sich in solchen wichtigen Fragen? Andauernd ergeben sich ja ungewohnte Situationen mit neuen Fragestellungen, die uns herausfordern! In welchen Kreisen klären Sie da Ihre Orientierung?

Hier können Sie meinen Beitrag weiter empfehlen:

Neu: Unterstützung für Predigende →