Blogbeitrag

125 Jahre Herz Jesu

miteinander eins sein

14. Mai 2021

Sonntagsbotschaft zum 16. Mai 2021, 
dem 7. Ostersonntag im Lesejahr B, 
und zum Jubiläum 125 Jahre Herz-Jesu-Kirche in Frankfurt-Fechenheim

125 Jahre Herz-Jesu-Kirche feiern wir dieser Tage in Frankfurt-Fechenheim. In dieser Sonntagsbotschaft darf daher deutlich werden, wie sehr meine Erfahrung und meine Sicht vom Leben aus gemeinsamem Glauben durch die jahrzehntelange Verbundenheit geprägt ist. Das Evangelium dieses Sonntags mit seiner speziellen Aussage wird mir zum Anlass dafür.

Jesus nimmt Abschied. Zu seinem letzten Abendmahl versammelt er sich mit denen, die drei Jahre lang mit ihm gegangen sind. Sie haben ihn und er hat sie kennengelernt und jetzt vertraut er ihnen sein Vermächtnis an. Wir nennen zwar den gesamten Teil der Bibel, in dem es um Jesus geht, das „Neue Testament“. Aber das Johannes-Evangelium bietet mit seinen Kapiteln 13 bis 17 in ausdrücklicher Zusammenfassung dar, was Jesus denen für die Zukunft ans Herz legt, die mit ihm gehen.

Das fängt damit an, dass er, der „Herr und Meister“, ihnen die Füße wäscht und sich darin als ihr Diener und Sklave gibt – mit der Frage „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“

Ausführlich spricht er dann vom Wesen seiner Beziehung zu ihnen, die auch über seinen bevorstehenden Tod hinaus Bestand haben wird. Stichworte daraus sind „Geist“, „Liebe“, „Weinstock“, „Beistand“, „Freude“.

Und er schließt mit einem Gebet. Die Worte des Gebets wollen an diesem Sonntag zum Evangelium werden, zur beglückenden Botschaft für alle, die heute mit ihm gehen und aus seinem „letzten Willen“ die Orientierung dafür nehmen wollen:

In jener Zeit
erhob Jesus seine Augen zum Himmel
und sprach:
Vater, ich habe deinen Namen
den Menschen offenbart,
die du mir aus der Welt gegeben hast.
Heiliger Vater,
bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast,
damit sie eins sind wie wir!
Solange ich bei ihnen war,
bewahrte ich sie
in deinem Namen, den du mir gegeben hast.
Und ich habe sie behütet
und keiner von ihnen ging verloren,
außer dem Sohn des Verderbens,
damit sich die Schrift erfüllte.
Aber jetzt komme ich zu dir
und rede dies noch in der Welt,
damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.
Ich habe ihnen dein Wort gegeben
und die Welt hat sie gehasst,
weil sie nicht von der Welt sind,
wie auch ich nicht von der Welt bin.
Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst,
sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.
Sie sind nicht von der Welt,
wie auch ich nicht von der Welt bin.
Heilige sie in der Wahrheit;
dein Wort ist Wahrheit.
Wie du mich in die Welt gesandt hast,
so habe auch ich sie in die Welt gesandt.
Und ich heilige mich für sie,
damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.
(Johannes 17,6a.11b-19)

Und dann setzt Jesus sein Gebet fort:

Ich bitte nicht nur für diese hier,
sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben.
Alle sollen eins sein:
Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin,
sollen auch sie in uns sein,
damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.
Und ich habe ihnen
die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast,
damit sie eins sind, wie wir eins sind,
ich in ihnen und du in mir.
So sollen sie vollendet sein in der Einheit,
damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast
und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast.
(Johannes 17,20-23)

Wie du, Vater, mit mir eins bist und ich mit dir eins bin, so sollen sie mit uns und untereinander eins sein. Denn nur so wird ihre Umwelt, der das alles fremd erscheint, sich vertrauensvoll öffnen für die Botschaft von der Herrlichkeit des Lebens. Deshalb die Bitte „… damit sie eins sind wie wir!“
„… damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.“
„… damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.“
„bewahre sie.“

Wir. Die Christen. Die Kirche. Die Kirchen. Miteinander eins sein. Worauf kommt es da an? Wie miteinander eins sein? Sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner begnügen – und sich aus allem anderen heraushalten?

Wie du, Vater, mit mir eins bist und ich mit dir eins bin, so sollen sie mit uns und untereinander eins sein.

„Miteinander eins sein“ – das kann nicht ein harmoniesüchtiger Spruch sein. Eher schon eine sozusagen „systemrelevante Logik“. Kein Zwangssystem unter der Regie einiger Machtbesessener! Eher ein lebendiger Organismus, in dem alle Glieder „auf ihre Kosten kommen“. Zum Beispiel weil sie alle einen offenen Blick füreinander haben – neu angeregt und ermutigt durch Jesus Christus, der mit seinem göttlichen Geist das Miteinander prägt. Sonst bleibt das Testament von Jesus mit seinem Herzensanliegen für die Menschheit ohne Chancen.

Wir kennen das ja von politischen Parteien: In dem Maß, wie sie in sich zerstritten sind und sich nur mit internen Konkurrenzkämpfen und Detail-Querelen beschäftigen, machen sie ihre Chancen kaputt, dass ihre zentralen Bestrebungen zur bestimmenden Kraft in der Gesellschaft werden.

Es muss also einfach deutlich sichtbar werden, dass das, was Jesus mit dem Vater verbindet, auch uns untereinander eint.

Worauf können, wollen, müssen wir da achten?

Vor dieser Fragestellung sah sich ein Kreis von Gemeindemitgliedern – fitte Glieder am Leib Christi. Sie bereiteten den Familiengottesdienst vor für den 7. Ostersonntag.

Das gemeinsam erarbeitete Konzept für die Familiengottesdienste sah vor,

„das, worum es in dem jeweiligen Gottesdienst geht,
nicht nur durch Sprache zu vermitteln,
sondern auch durch erlebbare Gestaltungselemente“
und „Nähe und Verbindung untereinander und zum liturgischen Geschehen herzustellen“.

Also fragte sich der Vorbereitungskreis „Was können wir in dem Gottesdienst dafür tun, dass Menschen das mit ihren eigenen Sinnen erleben können: Wir wollen miteinander eins sein!“

Lachend wurde mir hinterher davon berichtet: „Miteinander eins“ – das klang ihnen – schon rein sprachlich – nach „kommunizieren“ und nach „Kontakt“ untereinander. Damit müsste man doch eigentlich anfangen, wenn dieses „Miteinander-eins-Sein“ etwas sein soll, was man tatsächlich erleben und worauf man dann weiter aufbauen kann!

Aber „Kontakt untereinander“ – wie sollte das gehen – in einem Raum, in dem alle in Bänken aufgereiht sitzen mit für alle festgelegter gleicher Blickrichtung nach vorn – und mit der anerzogenen Gewohnheit, die anderen und sich selber nicht von der „Andacht“ ablenken zu lassen durch irgendwelche Blickkontakte?

In dem Kreis war man sich schnell einig: Mit der Ermöglichung von Blickkontakten und einer Ermutigung dazu wäre ein wichtiger Schritt getan in die Richtung, mehr „miteinander eins zu sein“, wie Jesus das im Evangelium meint.

Und schon war die Idee geboren: Wir müssen für diesen Gottesdienst die kino-artig parallel stehenden Bänke in einem gewissen Winkel schräg zueinander stellen, so dass sich Blickkontakte von allein ergeben. Natürlich müsste man den Pfarrer dafür um Erlaubnis fragen, denn da sind ja auch noch andere Gottesdienste davon betroffen.

Mir leuchtete die Idee sofort ein. Der staunend lachenden Vorfreude aus dem Vorbereitungskreis schloss ich mich gerne an. Daraus ergab sich allerdings etwas, womit niemand vorher gerechnet hatte:

Ein betagtes Gemeindemitglied sagte nach dem Gottesdienst: „Heute habe ich mich zum erstenmal nicht wie in der Schule gefühlt.“

Und jemand fragte freudig: „Bleiben die Bänke jetzt immer so stehen?“

Die Welle der Sympathie für die leicht schräg zueinander gestellten Bänke und für den damit erleichterten Blick auf die anderen Mitfeiernden war so überraschend, dass schnell der Entschluss gefasst war: Das müssen wir jetzt erst mal in der Gemeinde richtig ankommen lassen und dann sehen, wie wir damit umgehen.

Heute, 32 Jahre später, stehen die Bänke immer noch schräg zueinander.

In der Gemeinde tauschten wir uns immer wieder aus über den gemeinsamen Glauben, setzten uns mit neuen Impulsen auseinander und bauten so die eigene Sichtweise und Sprachfähigkeit weiter aus. Da Gottesdienste die häufigste Art von realem – mehr oder weniger – „Miteinander-eins-Sein“ waren, war das gemeinsame Feiern der Liturgie auch immer wieder der Gegenstand von solcher Weiterbildung im Glauben – sei es in Form von Klausur-Wochenenden des Pfarrgemeinderats oder als Seminare in der Gemeinde oder als Umfragen – schriftlich oder mündlich – wie hier mit der Frage „Warum gehen Sie in den Gottesdiensten immer in eine der ersten Bänke?“

[11 Interviews von 1997]

Mehr kommunikative Gemeinschaft im Gottesdienst wurde zu einem Zeichen: der Blick füreinander in Seinem Namen als Bestärkung für das gemeinsame Glaubenszeugnis in unserer Welt.

Als eine Frucht solcher Entwicklungen in der Gemeinde entstand die Broschüre „Gottesdienst lebendiger“. Sie griff das Anliegen „miteinander eins sein“ wieder auf. Dort heißt es im Vorwort der 2. Auflage von 2001:

„Pfarrgemeinderat und Liturgie-Ausschuss samt Pfarrer hatten 1989 ein Jahr lang daran gearbeitet: Wie kann die Chance wachsen, dass möglichst viele Menschen in unseren Gottesdiensten die liebende Nähe unseres befreienden Gottes besser spüren und feiern? … Schließlich fasste der PGR eine Reihe von Beschlüssen, die in einer Serie von 5 den wöchentlichen ‚Pfarrnachrichten‘ beigelegten Heftchen veröffentlicht wurden.“

Die Zeitschrift „Gottesdienst“, herausgegeben von den 3 deutschsprachigen Liturgischen Instituten, hat in den Nummern 17-21 ihres Jahrgangs 1990 unser Papier als Serie abgedruckt unter dem Titel „Gottesdienst lebendiger“ und der Beschreibung „eine Gemeinde macht sich auf, die Liturgiereform ganz zu verwirklichen“.

In der Broschüre des Pfarrgemeinderates heißt es zum Stichwort „Versammlung“:

Jede Gemeinschaft lebt doch davon, dass ihre Glieder … Kontakt untereinander haben. Welche Form des Kontaktes ist in unseren Gottesdiensten möglich? Abgesehen von der Nähe zueinander und dass wir uns beim Eintreffen mit einem freundlichen Blick oder ein paar Worten begrüßen: Der Blickkontakt ist da sicher eine gute Möglichkeit; jedenfalls beim Singen – wenn die Blicke nicht zu sehr vom Buch gefangen sind … Wir wissen, dass viele das jedoch nicht schätzen. Die Erziehung zu einem „andächtigen“ Verhalten im Gottesdienst strebte ja früher an, den anderen nicht durch Ansprechen oder Anschauen zu „stören“ und sich selbst von der ausschließlichen Aufmerksamkeit für Gott nicht „abzulenken“. Weil die Kirche den Blick für den Gemeinschafts-Charakter der Messe verloren hatte. Wir möchten aber gerne alle ermutigen, die wirkliche menschliche Gemeinschaft im Namen Christi zu wagen. Wir wissen auch, dass das den Wünschen vieler Gemeindemitglieder entspricht. Das kam bei den schriftlichen Antworten zutage, die die Teilnehmer an einem Familiengottesdienst im Herbst 1988 auf die Frage gaben: „Wir sind doch eine Gemeinde von Christen. Was können wir uns da erhoffen?“ und „Worauf sollten wir in der Gemeinde in der kommenden Zeit Wert legen?“ Immer wieder war da die Rede von Kontakt, von Gemeinschaft und von Angenommen-Sein.

Und zum Thema der schräg zueinander gestellten Bänke sagte die Broschüre „Gottesdienst lebendiger“:

Fast alle Meinungsäußerungen aus der Gemeinde gingen davon aus, dass die Richtung, in die der Blick der Gottesdienst-Teilnehmer jetzt geht, nicht mehr so festgelegt ist wie früher: Es gibt jetzt die Möglichkeit, ohne größere Bewegung des Körpers in mehrere Richtungen zu schauen: nicht nur zum Altar, zum Ambo, zum Platz des Priesters, sondern auch zu anderen Gliedern der gottesdienstlichen Versammlung. Die einen freuen sich darüber, die anderen fühlen sich verunsichert. … Da die schräg zueinander stehenden Bänke ein wesentliches Erfordernis für unsere Gottesdienste besser fördern – nämlich Kontakt, Gemeinschaft … hat der PGR entschieden: Die Bänke bleiben schräg zueinander stehen.

Der Pfarrgemeinderat hatte sich dazu auch bestärkt gesehen durch die „Leitlinien der deutschen Bischöfe von 1988 für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“. Darin meinten die Bischöfe:

„Der Kirchenraum ist wesentlich gottesdienstlicher Versammlungsort der Gemeinde. Die Qualität des Raumes hat Auswirkungen auf die Qualität der Versammlung. Ein gelungener Raum … fördert Gemeinschaft. … Die Bänke oder Stühle, die Bankreihen oder Stuhlgruppen … (sind) … in ihrer … Anordnung auf die Erfordernisse der Gemeinde … zu beziehen. Die Aufstellung der Bänke oder Stühle sollte die optischen und akustischen Kommunikationsvorgänge erleichtern.“

Immer wieder suchten wir in der Gemeinde danach, wie wir mehr eine aus dem Glauben genährte Gemeinschaft pflegen oder – in der Sprache des Evangeliums – mehr „miteinander eins sein“ können. Zum Beispiel war das ein Aspekt bei den „Herz-Jesu-Liturgie-Tagen“.

Erstaunlich viele Interessierte folgten der Einladung eines Arbeitskreises aus der Gemeinde an „alle, die möchten, dass wir schöne, sinnvolle und anregende Gottesdienste feiern“.

Das Spektrum der Erfahrungen und Änderungswünsche, um die es ging, reichte vom Kirchenraum und seiner Gestaltung über die Fragen, die mit der Vorbereitung und Leitung von Gottesdiensten zu tun haben, bis zur Versammlung der Gemeinde und den Diensten im Gottesdienst. Neue Impulse aus den liturgischen Büchern, die Reflektion praktischer Beispiele aus dem liturgischen Geschehen in der eigenen Gemeinde oder auch Videos und Hörproben von eigenen und fremden Gottesdiensten regten Vorschläge für den weiteren gemeinsamen Weg an. Fragen wurden in Kleingruppen diskutiert, und beim abschließenden Treffen wurden die Ergebnisse nochmals angeschaut und Anregungen an die Gemeindeleitung gegeben.

Die Lokalzeitung berichtete: „Alle sollten näher zusammenrücken. Der am meisten geäußerte Wunsch während der Herz-Jesu-Liturgietage“.

Und als der Pfarrgemeinderat auf seiner Wochenend-Tagung 1999 zusammenstellte, was nach Sichtweise und Einschätzung seiner Mitglieder auch für die kommende Zeit wichtig bleibe, formulierte er als einen der „Schätze, die auch vom neuen PGR bewahrt und gepflegt werden sollten“: „der Stil der Gestaltung unserer Gottesdienste, z.B. die Veränderung der gegenseitigen Wahrnehmung im Gottesdienst durch die schräg gestellten Bänke.“

So konkret und praktisch kann das Evangelium werden, wenn Menschen gemeinsam es sich zu Herzen nehmen wollen und es als Orientierung nehmen für Schritte miteinander auf einem Weg der ganz großen Hoffnung, „damit die Welt glaubt“ und das Leben wachsen kann.

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Rainer Petrak