Blogbeitrag

Frankfurt vom Maintower aus (2003)

Neue Stadt

30. Juni 2022

Sonntagsbotschaft zum 3. Juli 2022, dem 14. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Mein Meeting mit den Bibeltexten, aus dem dann diese „Sonntagsbotschaft“ entstehen soll, habe ich zeitlich etwas vorgezogen. Wegen einer Augenoperation, vor der ich unsicher war, ab wann ich wieder gut sehen kann, habe ich mich der Begegnung vorsorglich früher gestellt.

Da habe ich gerade die Folge vom Sonntag davor nach Endkontrolle ins Online-Gehen entlassen. Und sofort bin ich neugierig: Was kommt denn da als nächstes? Und zu welchen Fragen oder Aspekten des Lebens unserer Tage wird denn da etwas Wichtiges und Hilfreiches gesagt?

Ich schlage das Lektionar auf, das Buch mit den vorgesehenen Bibelabschnitten. Mein Blick fällt auf einen mir altvertrauten Text aus dem Jesaja-Buch. Aber in diesem Augenblick ist es, wie wenn eine Tür aufgeht, hinter der sich meinem Blick ein weiter Raum völlig neu ausbreitet.

Trotz aller guten Vertrautheit mit dem Text ist es mir, als hätte ich bisher immer nur davon gelesen, aber jetzt stehe ich – mit einer gewissen dunklen Kälte im Rücken – hier wirklich in der Tür und mir bietet sich bunt und hell und warm ein mich fesselnder Ausblick.

Da hatte ich gerade meiner letzten „Sonntagsbotschaft“ das schriftliche Nachwort angehängt:

„Der real existierende Liberalismus
hat mit Liberalität und Freiheit ebenso wenig zu tun wie
der real existierende Sozialismus
mit Sozialität und Gemeinwohl.
Und wie steht es um
das real existierende Christentum?“

Jetzt war mir der als Lesung vorgesehene Propheten-Text wie eine unmittelbare Reaktion darauf.

Verstehen und vielleicht nachvollziehen kann man das aber nur, wenn man von dem Hintergrund weiß, dass für mich – im Modus der Glaubensüberlieferung – „Jerusalem“ das Leitbild christlicher Glaubensgemeinschaft und eine Vision von ihrer vollen Verwirklichung darstellt.

Dieser Text trifft mich also, wie wenn „jemand“ mir zeigen will, woran sich eine Antwort auf die Frage aus meinem Nachwort messen muss:

Freut euch mit Jerusalem
und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt!
Jubelt mit ihr,
alle, die ihr um sie trauert,
auf dass ihr trinkt und satt werdet
an der Brust ihrer Tröstungen,
auf dass ihr schlürft und euch labt
an der Brust ihrer Herrlichkeit!
Denn so spricht der HERR:
Siehe, wie einen Strom
leite ich den Frieden zu ihr
und die Herrlichkeit der Nationen
wie einen rauschenden Bach,
auf dass ihr trinken könnt;
auf der Hüfte werdet ihr getragen,
auf Knien geschaukelt.
Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet,
so tröste ich euch;
in Jerusalem findet ihr Trost.
Ihr werdet das sehen
und euer Herz wird jubeln
und eure Knochen
werden sprossen wie frisches Grün.
So offenbart sich die Hand des HERRN
an seinen Knechten.
(Jesaja 66,10-14c)

Die wirkliche – wenn auch noch so realitätsfern klingende – Botschaft für unsere Zeit und die Situation der Kirche heute – was dieser alte Text für heute sagt, – das wird erst dann richtig deutlich, wenn man die geschichtliche Situation anschaut, in die hinein diese Worte ursprünglich verkündet wurden, und wenn man darin zugleich auch die heutige Situation wiedererkennt, in die hinein diese Worte heute gesagt sind:

Es war die Zeit nach der Zerstörung der Eigenstaatlichkeit Israels, als unter persischer Oberherrschaft die Deportierten wieder zurückkehrten und Jerusalem und der Tempel wiederaufgebaut wurden, in den Jahren etwa um 520 bis 480 vor Christus.

Der letzte Teil des Jesaja-Buchs – die Kapitel 56 bis 66 – beklagt die angespannte Situation.

Sie tun sich schwer mit ihrer Identität als Gottes Volk. Aber wenigstens wenden sie sich mit ihrem Elend und ihrer Sehnsucht mit einem Rest von Vertrauen immer noch an ihren Gott.

Der Prophet klagt mal im Namen des Volkes über die jämmerlichen Zustände und mal in Gottes Namen über das störrische Verhalten des Volkes samt seinen religiösen Führern.

Sie haben unter allen möglichen Missständen zu leiden:

Ihre Gottesdienste waren nicht mehr wirklich Orte der Begegnung mit Gott und Kraftquelle für das Leben die Tage hindurch und frohe Feste der Dankbarkeit und Hoffnung wegen Gottes großer Taten …

Und für das soziale und politische Zusammenleben der Menschen im Land hatten ihre religiösen Führer keinen Sinn mehr; dass Gottes Führung darauf einwirken will, damit es den Menschen gut geht, – ließen sie lieber außen vor. Vielleicht scheuten sie die Konflikte, die ihnen das sonst hätte einbringen können.

In diese Situation hinein spricht der Prophet.

Er legt nicht nur die Finger in die Wunden und benennt die Probleme und ihre Ursachen. All denen, die sich von ihm ansprechen lassen, verkündet er Neues:

Mit ihnen gemeinsam wird Gott selber handeln und sie herausführen aus ihrem Elend. Er zeigt ihnen Schritte auf, die sie gehen können, um den Gott zu erleben, der ihre Lebenssehnsucht erfüllt und der die alten Verheißungen von Heilung und Lebensfreude und guter Gemeinschaft wahr macht. Es sind ganze Kapitel, in denen er sich darüber auslässt, wie wunderbar Gott ein neues „Jerusalem“ erschafft und die ganze Welt neu macht. Eine Vision, wie sie Jahrhunderte später im neutestamentlichen Buch der Offenbarung wieder aufgegriffen wird – und wie auch wir heute sie wieder aufgreifen können.

Mit vielen schönen Bildern malt er die gemeinsame Zukunft aus und überbrückt damit alle die Abgründe, die ihre aktuelle Situation noch prägen.

Es sind Kapitel der Bibel, die sich gut lesen lassen und vielleicht gut dafür taugen, mit Bibellesen neu anzufangen und darin echten Trost zu finden und Mut zu fassen.

Dass es Mut braucht, ist für den Propheten klar. Denn zu dem Neuen, das er von Gott her verkündet, gehört ja etwas, was den religiösen Führern nicht schmeckt: Angesichts ihrer störrischen Taubheit Gott gegenüber – davon spricht besonders Kapitel 65 – hebt er ja die Beschränkungen der Zugehörigkeit zu den Seinen auf und sorgt dafür, dass massenhaft Menschen aus allen Völkern zusammenströmen und das neue Jerusalem bilden! (56,1-8 und Kap. 60)

Das letzte Kapitel im Jesaja-Buch, aus dem der an diesem Sonntag neu zu verkündende Abschnitt entnommen ist, malt eine erstaunliche Gefühlslage. Das Bild gilt für alle, die dem Gott trauen wollen, mit dem es einen guten Neuanfang gibt – das Bild der neuen Stadt, der neuen Politik, der neuen Kirche.

Freut euch mit Jerusalem
und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt!
Jubelt mit ihr,
alle, die ihr um sie trauert,
auf dass ihr trinkt und satt werdet
an der Brust ihrer Tröstungen,
auf dass ihr schlürft und euch labt
an der Brust ihrer Herrlichkeit!
Denn so spricht der HERR:
Siehe, wie einen Strom
leite ich den Frieden zu ihr
und die Herrlichkeit der Nationen
wie einen rauschenden Bach,
auf dass ihr trinken könnt;
auf der Hüfte werdet ihr getragen,
auf Knien geschaukelt.
Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet,
so tröste ich euch;
in Jerusalem findet ihr Trost.
Ihr werdet das sehen
und euer Herz wird jubeln
und eure Knochen
werden sprossen wie frisches Grün.
So offenbart sich die Hand des HERRN
an seinen Knechten.
(Jesaja 66,10-14c)

Das dürfte Botschaft dieses Sonntags sein. Ob die anderen vorgesehenen Schriftlesungen auch so etwas sagen und so diese Wahrnehmung bestätigen?

Da sehe ich in der 2. Lesung das Wort des Apostels Paulus:

„… es kommt nicht darauf an,
ob einer beschnitten oder unbeschnitten ist,
sondern darauf, dass er neue Schöpfung ist.“
(Galater 6,15)

Und im Lukas-Evangelium (Lk 10,1-12.17-20) ist die Rede von den 72 Leuten, die Jesus – jeweils zu zweit – in die Gegend schickt – wie „Erntearbeiter“ und „wie Schafe unter die Wölfe“ – , damit ihr erneuerter Glaube Früchte trägt, die geerntet werden sollen: Frieden, Heilung, Anfang des Reiches Gottes.

Und das erinnert mich dann, wie wir im Dezember 1984 im Pfarrgemeinderat an Stelle einer Sitzung uns nur mit diesem Text beschäftigten, so dass am Ende die Frage im Raum stand: Wer sind denn die Menschen, zu denen „wir 72“ in unseren Stadtteil geschickt werden? Ein Glaubensgespräch mit konkreten Folgen, die unser Gemeindeleben dann jahrelang prägten.

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