Blogbeitrag

Neuer Weg

2. April 2018

Predigt von Rainer Petrak in der Vesper am Ostersonntag 2018

– als komprimierter Abschluss der Österlichen Drei-Tage-Feier –
nach der Lesung aus Hebräer 10, 12-14 

Im Unterschied zur allein gebeteten Vesper ist für diese mit Gemeinde gefeierte Vesper vorgesehen, eine geeignete Lesung aus der Bibel frei auszuwählen. Um aber für den Abschluss der Österlichen Drei-Tages-Feier nicht einer Versuchung zur Willkür zu unterliegen – nach dem Motto „Was ich euch schon immer mal sagen wollte“ – , vielmehr um uns gemeinsam dem zu öffnen, was der HERR uns sagen will, habe ich mich für den eben gehörten, so in der Leseordnung vorgesehenen kurzen Text aus dem Hebräerbrief entschieden. Gerade weil er mit seinen abstrakten, lehrhaften theologischen Begriffen spröde klingt und deshalb mir und vielleicht auch euch nicht so liegt, gewann ich den Eindruck, wir sollten uns dem stellen und nicht ausweichen. Vielleicht ergibt sich ja daraus wirklich eine abschließende Zusammenfassung von Gottes Botschaft zu diesem Osterfest für unser Leben in der jetzt beginnenden neuen Zeit. Also stellen wir uns diesem Wort mit seinen Begriffen „Sünde“, „Opfer“, „Vollendung“!

Beim Wort „Sünde“ fangen wir gerne an zu seufzen und den Kopf einzuziehen. Der Logik der Moral entsprechend und weil ja jeder gut daran tut, „erst einmal vor der eigenen Tür zu kehren“, beziehen wir es auf uns selbst und auf die persönliche Verantwortung für schlechtes Tun. Kein Wunder, wenn das eher deprimiert, als österlich aufzurichten. Wir verwenden dieses Wort auch meistens in der Mehrzahlform und sprechen von „Sünden“, also von einzelnen Verhaltensweisen. Da kann man dann vielerlei aufzählen und in Selbstvorwürfe kleiden. So bleibt der Blick auf mich selbst fixiert und auf meine Schuld oder was als solche gilt. Viele Eltern und Pfarrer haben das gerne genutzt, um ihren erzieherischen Einfluss auf Kinder und Kirchenmitglieder zu verstärken oder abzusichern – nicht gerade sehr dem Geist von Jesus entsprechend.

Im Unterschied zu unserer kirchenüblichen Sprache kommt in der Bibel das Wort „Sünde“ vorwiegend in der Einzahlform vor. Der Zusammenhang ist dabei nicht die moralische Beurteilung eines Verhaltens, sondern folgt der Logik der Beschreibung eines Zustandes der Fremdbestimmung: „Die Sünde“ von Menschen ist dann das Fern-Sein von dem, was ihnen wichtig ist in ihrem Selbstverständnis und in ihrer Sicht vom Leben und von der Welt. Und wem Gott darin das Wichtigste ist, dem ist seine „Sünde“ zugleich seine Gottesferne. Das entspricht auch unserer Alltagssprache: Wenn jemand sagt, eine bestimmte Entscheidung der Energiewirtschaft sei eine Versündigung am Klimaschutz, dann ist klar, was gemeint ist: ein Zustand der Entfernung vom Schutz des Lebensraums Erde. Wer sich an einem hohen Gut „versündigt“, fördert es nicht, sondern schädigt es. Die Worte „sondern“, „Sünde“, „Absonderung“, … haben dieselbe Wurzel, die von Entfernung, Entfremdung und Loslösung spricht.

Jesus lässt den Sohn im Gleichnis die Entfremdung von sich selbst und seiner Würde und seine Ausgrenzung vom Leben beklagen mit den Worten: „Ich komme hier vor Hunger um … Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.“ Der Vater sieht ihn dann schon aus der Ferne kommen. Er fällt ihm um den Hals und benennt die Beendigung seines „Sünde“-Zustands: „Mein Sohn lebt wieder!“ (Lukas 15) „Sünde“ als Zustand der Ausgrenzung vom Leben hat viele Facetten: In solche Ausgrenzung geworfen sind Armgemachte, Kleingehaltene, Ausgebeutete ebenso wie lebende Schutzschilde oder wie Kindersoldaten in Bürgerkriegen oder wie Zurückgewiesene am Ende ihrer Flucht aus Bedrohung und Elend. Natürlich hat mancher den Zustand seiner Entfremdung vom Leben, also seine „Sünde“ im Sinn der Bibel, selbst verursacht. Wie zum Beispiel der „verlorene Sohn“.  Aber das ist nur ein Teil der vielen tatsächlichen Ursachen. Häufig lässt sich nicht einmal mehr identifizieren, wer wirklich „Schuld“ hat. Häufig sind es Strukturen, Systeme, Prozesse spiralartiger Eskalation, zunehmend auch Algorithmen, … Die definitive Form der „Sünde“ ist der Tod.

Alle diese Facetten von „Sünde“ sind umfasst von der Osterbotschaft, wie sie die Bibel dem Täufer Johannes in den Mund legt, der in der Sprache des Pascha-Opfers auf Jesus verweist: „Seht, das Lamm Gottes! ER befreit die Welt aus der Sünde!“ Beim ursprünglichen Pascha-Lamm ging es ja um die Rettung aus der totalen Selbstentfremdung und Entwürdigung des Volkes in der Versklavung durch den ägyptischen Pharao. Ebenso wie dort im geschlachteten Lamm, sieht der Täufer in dem sich total hingebenden Jesus das Opfer. Und ebenso wie dort geht es auch hier nicht um ein notwendiges Opfer, um einen rasenden Gott zu besänftigen. Vielmehr ist es hier Gott selber, der in Jesus seine Unverletzlichkeit, seine Selbstsicherung, seine Lebendigkeit total dafür einsetzt und hingibt, weil das als einziger erfolgversprechender Weg übrigbleibt, um die Menschen zum Rückweg aus der „Sünde“ ins Leben zu überzeugen und zu bewegen. Die Denkweise der Antike könnte sagen: Der Weg Jesu, um die Unausweichlichkeit der Sünde zu durchbrechen, „zerhaut den gordischen Knoten“.

Nun spricht der Hebräerbrief in dem gehörten Abschnitt davon, dieser Opfer-Weg von Jesus sei die „Vollendung“. Warum sind wir dann noch so weit weg von allem, was vollendet wirklich „gutes Leben“ sein könnte und werden soll?

Die Würde des Menschen als des von Gott Geliebten zu sehen und in diesem „Licht“ zu sehen, wirft unvermeidlich einen „Schatten“ auf alle darin enthaltenen Chancen des Lebens: Wenn der Schöpfer den Menschen doch als IHM ähnlich und „nur wenig geringer als Gott“ (Psalm 8) meint, dann kann er ihn nicht als Marionette missbrauchen, kann also nicht ohne Mitwirkung des Menschen seine „großen Taten“ tun. Seit ältester biblischer Zeit ist klar: Wenn ihr das wollt (!!!), bin ich euer Gott und ihr seid mein Volk. Zuverlässig handelt ER dort, wo Menschen miteinander IHN als Gott anerkennen, Seiner Zusage trauen und sich nicht mehr von diesem und jenem, sondern von IHM führen lassen.

Es leuchtet (nach meiner Überzeugung) ein: Jesus – als Gottes Verkörperung, Gottes „Knecht“ – hat „Erfolg“ (Jesaja 52,13), wo Menschen in ihm und seinem guten Tun nicht nur ein bewundernswertes moralisches Vorbild an Menschlichkeit sehen, dem es möglichst gleich zu tun sie als anspruchsvolle Erwartung an sich selbst und an alle stellen. Der Hebräerbrief sagt vielmehr: Das kann nur geschehen und wird auch geschehen mit denen, „die geheiligt werden“, indem sie „den Bund eingehen“ mit dem als „mein Herr und mein Gott“ (Johannes 20,28) Anerkannten. Denn für sie wird sich in Bewegung setzende Überzeugungskraft entfalten durch die Ein-Sicht: Im totalen Engagement des Jesus von Nazareth zeigt sich Gott selber, der SICH als Opfer darbringt.

Die dadurch in Gang gesetzte Bewegung wird für die Realität und für die Sicht derer, die „an ihn glauben“, zum neuen Weg (Apostelgeschichte 9,2), auf dem das, was sie erleben, ihnen immer wieder zum „Beweis“ wird für die ersehnte Erfüllung des Lebens – Weg, auf dem alle Arten der „Sünde“ einschließlich der Tod abdanken mussten und entthront sind und wo klar ist: Zuverlässig und endgültig mündet dieser Weg – was für ein österlicher Jubel! – in die „Vollendung“.

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Rainer Petrak