Blogbeitrag

Nur meine Schokoladenseiten?

7. Dezember 2010

„… schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche …“ – Warum eigentlich nicht?

Diese Bitte an Jesus Christus, wie sie im Friedensgebet für jede katholische Eucharistiefeier vorgesehen ist, entspricht nicht meinem Glauben.

Was „riskiere“ ich denn, wenn Christus auf das schaut, worin ich mich an ihm, an Mitmenschen oder an mir selbst versündigt habe? Und was könnte „passieren“, wenn er auf die Sünden seiner Kirche schaut?

Diese Bitte befürchtet offensichtlich etwas Negatives. Ich versuche zu verstehen: Vielleicht könnte ich dann – oder könnten „wir“ – schlecht da stehen vor ihm, vor seinem Urteil. Würde er uns dann weniger lieben? Oder strafen?

In der Tat: Ich bin sicher, dass unser Verhalten, gemessen an seinen wegweisenden Anregungen (Geboten) oder Werten, sehr oft nicht bestehen kann. Immer wenn jemand sich dessen bewusst wird, scheint mir dann die Befürchtung menschlich verständlich, deswegen als weniger wertvoll zu gelten; das entspricht auch der säkularen Logik, die in unserer Welt herrscht. Da zeigt man sich besser nur von seinen Schokoladenseiten.

Allerdings ist die Logik meines Glaubens – den ich Gottes Geist in der Glaubensgemeinschaft der Kirche verdanke – eine andere:

Ich vertraue darauf ziemlich fest (eingeschränkt durch mein bedauerliches Nachgeben gegenüber den starken Einflüssen aus der Welt, in der ich – gerne – lebe), dass Christus gerade dort mir liebevoll begegnen will und kann, wo ich mich selber nicht leiden kann. Ich möchte gerne, dass er in oder an mir gerade dorthin schaut, wo meine Würde verletzt ist – nicht nur durch fremde, sondern besonders durch meine eigene Schuld. Ich bin nämlich sicher und „weiß“ es aus Erfahrung, dass dann solche Verletzung heil wird. Wenn er das Dunkle an mir „aushält“ und mich auch damit unvermindert liebt, dann kann ich nur staunend mich selber annehmen, selber das an mir nüchtern anschauen, was meinem Wesen widerspricht und der heilenden Veränderung entgegensehen und entgegengehen.

Denn ich glaube an Jesus Christus und an echte Vergebung durch ihn.

So halte ich es also in meinen Glaubensvorstellungen lieber mit einer anderen Perspektive – auch aus der katholischen Gebetstradition:

Das Jahr hindurch an jedem zweiten Sonntag (außer in Festzeiten) betet die Kirche in ihrem morgendlichen Stundengebet (Laudes) – hymnisch singend:

„…
Herr, wenn wir fallen, sieh uns an
und heile uns durch deinen Blick.
Dein Blick löscht Fehl und Sünde aus,
…“

Und an den Mittwochen überlasse ich mich in der Laudes genießend-vertrauensvoll den mir vorgelegten Gebetsworten:

„…
Blick tief in unser Herz hinein,
sieh unser ganzes Leben an:
noch manches Arge liegt in uns,
was nur dein Licht erhellen kann.
…“

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Rainer Petrak