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Politik und Liebe

28. Oktober 2021

Sonntagsbotschaft zum 31. Oktober 2021, dem 31. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B). 

Wenn der Staat nicht mehr das Verbot durchsetzt, mir das Leben, mein Recht, meine Freiheit zu rauben, kommt er seinen Aufgaben nicht nach. Dann muss ich im gegebenen Fall selber – mit dem Mut der Verzweiflung – zu meinem Schutz alle mir mögliche Gewalt aufbieten. Und wenn es allen so geht, weil Verbote out sind, – leben wir wieder in der Steinzeit.

Wo sind wir hingekommen, dass Politiker ernsthaft alle Lösungsvorschläge, die als Verbote umgesetzt würden, brüsk ablehnen! Wie kann man dazu kommen, jedes Verbot als Mittel der Politik auszuschließen! Dann werden sie wohl auch noch alle die verächtlich diffamieren, die am Verbot festhalten, mit 100 kmh durch die Stadt zu fahren, Dokumente zu fälschen oder sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu üben?

Zum Glück haben wir in Deutschland eine Verfassung, die den Schutz der Würde und der entsprechenden Freiheitsrechte als „Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ festgeschrieben hat. Da ist die Freiheit aller Menschen geschützt, nicht nur die Freiheit derer, die über das Vermögen verfügen, mal eben diese oder jene Freiheit von Schwächeren zu übersehen oder sie platt zu walzen!

Selbstverständlich gehören dazu auch Verbote, Gebote, Vorschriften. Wer rechtmäßig zustande gekommene zwingende Regeln als „Fesseln“ abwertet, die es abzuwerfen gilt, – diese Sprache wird ja gesprochen – stellt sich jenseits unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und öffnet der Anarchie Tür und Tor. Eine solche verächtlich machende Diffamierung hat keinen Platz im demokratischen Diskurs und schon gar nicht, wenn es darum geht, den Kurs einer neu zu bildenden Regierung zu finden. Ideologie und Stimmungsmache dürfen nicht zum Ersatz für Argumente werden.

Menschen, die die Freiheit lieben, die das Recht lieben – vielleicht einfach weil sie konkrete Menschen lieben, müssen sich diesen Versuchen widersetzen! Es geht doch nicht an, dass jede Regelung, die im Gemeinwesen den Schutz der Freiheit verlässlich gewährleistet und dafür mit guten Gründen auch mit Verboten arbeitet, von vornherein ins Lächerliche gezogen oder als vorgestrig deklariert wird!

Natürlich hat der Staat bei seinen Regelungen auf Akzeptanz in der Bevölkerung zu achten. Natürlich muss er mit Vorrang andere Wege gehen, wenn er in allem Respekt ihnen gegenüber die Menschen dazu bewegen will, sich an der Umsetzung demokratisch getroffener Entscheidungen im Gemeinwesen zu beteiligen. Der Glaube an das Gute im Menschen, das Vertrauen zu den Bürgerinnen und Bürgern ist grundlegend wichtig. Aber die Erfahrung in vielfältigen gesellschaftlichen Bereichen zeigt, dass unwillig Bleibende auch durch die geschicktesten Appelle an Einsicht und Verantwortung, auch durch Anreize zu Freiwilligkeit oder Selbstverpflichtung immer wieder nicht davon abgehalten werden, die Gesellschaft schwer zu schädigen. Das fängt in der Ordnung des Straßenverkehrs an und erstreckt sich über Steuerhinterziehungen, Cum-ex und Co., Missbrauch von Wettbewerbsvorteilen und Betrügereien großen Stils bis hin zur Zerstörung von Lebensräumen und zu allen Arten der Kriminalität.

Allen alles der Freiwilligkeit zu überlassen und nur im nachhinein entstandene Schäden und Vergehen zu reparieren oder zu vergelten, das würde den sozialen Frieden komplett zerstören.

Natürlich tragen die Gewählten in Parlament und Regierung die schwere Last einer hohen Verantwortung: Verpflichtende Gesetze beschließen und Verordnungen erlassen – Regelungen für die Wirtschaft und für das vernetzte Zusammenleben im Gemeinwesen, Vorschriften, die alle betreffen, – welche Lebens- und Rechtsgüter sollen bei all dem entscheidend sein? Die Köpfe in den aktuellen Koalitionsverhandlungen rauchen aus guten Gründen. Woran sollen sie sich orientieren? Na klar, an der Verfassung. Aber angesichts der trotzdem bestehenden krassen Differenzen – woran außerdem? Sollen einfach die sich durchsetzen, die besser reden können oder die ihre Forderungen mit dem größten Nachdruck stellen?

Welche Ziele und Wege und Schritte das Beste für die Menschen sind, für Volk und Staat und die ganze Menschheit, darüber gibt es sehr verschiedene Meinungen! Woran sollen sich Gesetzgeber und Regierung gewissenhaft orientieren? Was soll ihnen Entscheidungsgrundlage sein, von der sie sich leiten lassen? Sicher jedenfalls nicht das Interesse der Konzerne und Milliardäre, die den Politikern fürs Erarbeiten von Gesetzen – „natürlich nur zu deren Entlastung und Beratung“ – finanzielle Potenz und Top-Knowhow anbieten! Aber was dann?

Was sollen eigentlich solche Äußerungen und Gedanken und Fragen hier – wo es doch um die Suche nach einer Botschaft gehen soll, die sich aus den Bibeltexten ergeben könnte, die – völlig unabhängig von heutigen Gegebenheiten ausgewählt – an diesem Sonntag einfach dran sind???

Bei allem Respekt gegenüber solcher Distanzierung – es sind diese Texte, die mich auf diese Fährte gesetzt haben. Wie kommt’s?

Die erste Schriftlesung ist aus dem Buch Deuteronomium, dem 5. Buch Moses. Da hatte es zu Beginn des 5. Kapitels geheißen:

Mose rief ganz Israel zusammen.
Er sagte zu ihnen:
Höre, Israel, die Gesetze und Rechtsentscheide,
die ich euch heute vortrage!
Ihr sollt sie lernen,
sie bewahren und sie halten.

„Höre, Israel!“ Diese Worte richten sich also ans gesamte Gemeinwesen. Nicht nur an alle einzelnen Personen. Immer wieder mit Du wird in dem Text das ganze Volk angeredet – quasi als Körperschaft. Je nachdem, wieviel Verantwortung darin Menschen haben, das Gemeinwesen zu vertreten und Sorge zu tragen für sein kollektives Verhalten, – in diesem Maß gelten sie als angesprochen – und zwar von Gott; Mose richtet das ja nur dem Volk aus – in Gottes Auftrag.

Über mehrere Kapitel hinweg wird dann eine Vielzahl von Regeln dargelegt, beginnend mit denen, die uns als „die Zehn Gebote“ bekannt sind, – über die Außenpolitik, über Armut und Reichtum, Rechtsprechung, Umgang mit Grund und Boden und so weiter.

Mittendrin in diesen Kapiteln steht ein Abschnitt, der nicht eine weitere Regel mit ihrem Inhalt darlegt, sondern der die Haltung, die Einstellung und die Wichtigkeit des Ganzen dem Volk werbend ans Herz legt und begründet. Dieser Abschnitt ist an diesem Sonntag als erste Schriftlesung vorgesehen:

Wenn du den HERRN, deinen Gott, fürchtest,
indem du
auf alle seine Gesetze und Gebote,
auf die ich dich verpflichte,
dein ganzes Leben lang achtest,
du, dein Sohn und dein Enkel,
wirst du lange leben.
Deshalb sollst du hören, Israel,
und sollst darauf achten, sie zu halten, …

Eine Bemerkung zu der Übersetzung „Gott fürchten“: Auch wenn in vergangenen Zeiten den Menschen noch so viel Angst gemacht wurde mit dem Gott, dessen Gebote man ja gehorchen muss – hier ist etwas Anderes gesagt: Das Wort „fürchten“ ist hier ähnlich zu verstehen wie unsere Worte „sich um etwas kümmern“ oder „sorgen“. Das hat mit Kummer oder Sorgen wenig zu tun; worum ich mich kümmere oder wofür ich sorge, das kann auch mit großer Freude und inniger Liebe zu tun haben. Ebenso hat hier das Wort „fürchten“ nicht die Bedeutung von „Angst“ oder „Furcht“, sondern es beschreibt die Einstellung gegenüber Gott, die ihn als den grundlegenden und wichtigsten Bezug im Leben und in der Welt achtet und sucht und liebt. Ausdrücklich wird hier das Wort „fürchten“ präzisiert mit „indem du immer auf all das achtest“. Schreibt es nicht nur in euren Dokumenten fest, redet nicht nur darüber, sondern lebt es, verwirklicht es, setzt es auch um in euren Realitäten!

Wenn du, Volk, nachhaltig und generationenübergreifend in solcher Einstellung diese Vorgaben und Regeln am höchsten achtest, dann „wirst du lange leben“, da kann man bei euch gut alt werden.

Und dass mit einem „langen Leben“ hier der Inbegriff gelingenden Lebens gemeint ist, wird noch klarer in den Worten, mit denen der Text seine Zielsetzung weiter entfaltet:

damit es dir gut geht
und ihr so unermesslich zahlreich werdet,
wie es der HERR, der Gott deiner Väter,
dir zugesagt hat: ein Land, wo Milch und Honig fließen!

Ein Wegweiser ins Glück!

Und was tut dieser Gott dafür, dass sie ihn als letzte Entscheidungsgrundlage anerkennen? Er weiß ja, dass die Menschen – mindestens ein Teil von ihnen – ihn zwar anerkennen – als Gott im Sinn der Definition von Martin Luther „woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“. Er weiß aber ebenso, dass die Menschen – auch in den Belangen des Gemeinwesens – ihr Herz auch an alle möglichen anderen „Götter“ hängen. Sie setzen sogar Menschenleben für sie ein – als Kriegs-„opfer“ oder als Verkehrs-„opfer“, … Sie erwarten sich von ihnen Glück und Gelingen für die ganze Gesellschaft. Hohe Güter wie Wohlstand oder Gesundheit zerstören sie, indem sie sie absolut setzen wie einen Gott – und das mit Vorrang in der grundlegenden Beziehung zu sich selbst.

Die Bibel distanziert sich von solcher Vielgötterei, und das Volk Israel – die Juden bis heute – erkennt als sein eigenes fundamentales Glaubensbekenntnis die Fortsetzung unseres Lesungstextes:

[sch’ma jisrael! = ] Höre, Israel!
Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig.
Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen,
mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft.

Einzig! Ihn lieben! Aus ganzem Herzen. Mit allem, was du bist.

Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte,
sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.
(Deuteronomium 6,2-6)

Gott ist angewiesen auf die Zustimmung durch das Volk. Mit seiner ganzen Sehnsucht, das Volk glücklich machen zu können, kann er nur um ihre Zustimmung werben.

Welche Chancen hat er da?

Die Geschichte ist sehr wechselvoll. Aber immer gab es auch das Volk, das ihm traute, das auf ihn und seine Wegweisungen und Zusagen die Orientierung gründete.

Aus den damit gemachten guten Erfahrungen und aus der Freude daran gab das Volk immer wieder auch Antwort auf Gottes Liebeswerben und streute sie aus in die ganze Welt. Aus solcher Haltung stammt der Psalm dieses Sonntags:

Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter;
mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge,
mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
Ich rufe: Der HERR sei gelobt!
und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
Es lebt der HERR! Mein Fels sei gepriesen.
Der Gott meines Heils sei hoch erhoben.
Seinem König verlieh er große Hilfe,
Huld erwies er seinem Gesalbten,
David und seinem Stamm auf ewig.
Darum will ich dir danken, HERR, inmitten der Nationen,
ich will deinem Namen singen und spielen.
(Psalm 18,2-4.47.51.50)

Das ist der Geist, der auch Jesus belebte – Grundlage seines Handelns und Orientierung in seinen Worten. Der als Evangelium dieses Sonntags vorgesehene Abschnitt betont das:

In jener Zeit ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin
und fragte ihn:
Welches Gebot ist das erste von allen?

Was ist am wichtigsten? Worauf kommt es vor allem an im Leben?

In einer Epoche, in der das Volk nichts zu sagen hatte, weil Rom die Macht übernommen hatte, lag es nahe, solche Fragen auf das Verhalten des einzelnen Menschen zu beziehen: Was muss ich? Was darf ich? Was ist mir verboten? Und was darf ich von anderen erwarten?

Jesus antwortete: …

Und die Perspektive seiner Antwort ist nicht diese individuelle Moral. Er erinnert an die zukunftsträchtige Haltung im Gemeinwesen, das sein Grundgesetz in der Verbundenheit mit Gott und seinen Vorgaben gegründet hat.

… Das erste ist:
Höre, Israel,
der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen und ganzer Seele,
mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.

Er zitiert also das alte Bekenntnis. Nichts und niemand sonst darfst du wichtiger nehmen! Unterwerft euch keinen anderen Ordnungen, mögen sie euch noch so viele kurzfristig verlockende Versprechungen machen!

Und um klar zu machen, dass es Gott ja um nichts Anderes geht als um das Wohlergehen des Menschen, der ihm eben heilig ist, der ihm am Herzen liegt, den er liebt, – fügt Jesus das alte Wort an aus dem Buch Leviticus (19,18), dem 3. Buch Moses:

Als zweites kommt hinzu:
Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm:
Sehr gut, Meister!
Ganz richtig hast du gesagt:
Er allein ist der Herr
und es gibt keinen anderen außer ihm
und ihn mit ganzem Herzen,
ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben
und den Nächsten zu lieben wie sich selbst,
ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte,
und sagte zu ihm:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.
(Markus 12,28b-34)

Gott lieben – als Volk – und sich von ihm sagen lassen: Es gibt nichts Wichtigeres, als den Menschen zu lieben. Lässt sich damit Politik machen? Etwa eine Koalitionsvereinbarung – mit oder ohne Verbote?

Wenn das Wesen der Liebe wohlwollend-wertschätzende Beziehung zum Gegenüber ist und auf Augenhöhe mit hohem Stellenwert für alle Beteiligten geschieht – was davon sollte in der Politik nicht möglich sein?

In ihrem zentralen Gebet bekennen sich Christen zu der Sehnsucht, Gott selber, sein Name möge doch in der Menschheit heiliggehalten werden, sein Reich möge doch kommen, sein Wille soll doch geschehen. Sollten Christen sich unsicher sein, worum sie da bitten, und es deshalb nur halbherzig tun? Ist das der Grund, warum der Zusammenhang zwischen der Politik und Gott und der Liebe zu ihm kein Thema zu sein scheint?

Ich denke da an ein Wort von Viktor Frankl, dem Wiener Arzt, Psychotherapeuten und Philosophen:

„Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun, weder wissend, was er muss, noch wissend, was er soll, scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er will.“

Dem Schriftgelehrten, der Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt und nach seiner Antwort kommentiert hatte, stimmt Jesus offensichtlich gerne zu: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“

Und wenn wir im Blick behalten, was der Lesungstext aus dem Alten Testament heute in die Mitte der Aufmerksamkeit stellt und was Jesus im Evangelium wiederholt, steht – wenn auch in einer Sprache und in Bildern aus alter Zeit – seine werbende Einladung an das ganze Volk auch heute im Raum:

Deshalb sollst du hören, Israel,
und sollst darauf achten, sie zu halten,
damit es dir gut geht
und ihr so unermesslich zahlreich werdet,
wie es der HERR, der Gott deiner Väter,
dir zugesagt hat: ein Land, wo Milch und Honig fließen!

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