Blogbeitrag

Politisches Bewusstsein im Pfarrgemeinderat (1998/1999)

1. Oktober 2010

Die Jahre hindurch wuchs in unserem Pfarrgemeinderat (PGR) – als Frucht der ständigen Auseinandersetzung mit der biblischen Botschaft vom Reich Gottes – das Bewusstsein: Unsere individuellen Bemühungen um Nächstenliebe im Namen von Jesus Christus und im Sinn des angebrochenen Reichs Gottes mögen noch so engagiert sein, sie sind häufig von vornherein zum Scheitern verurteilt. Aus einem bestimmten Grund: Viele Belastungen von Menschen können nur durch eine Veränderung von äußeren Rahmenbedingungen in Nachbarschaft oder Politik gemindert werden. Dieser Herausforderung hat sich der PGR zunehmend gestellt.

Aus der jährlichen Klausurtagung des PGR 1998:

Welche Konsequenzen wollen wir aus unseren Erfahrungen mit den Lebensrealitäten in unserem Stadtteil und den entsprechenden Erkenntnissen aus dem Frankfurter Sozialbericht für unser Handeln als Kirchengemeinde ziehen, wenn wir dabei die Wertungen aus dem Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen anlegen wollen?

  • Die „gesellschafts-diakonischen“ (= politischen) Bezüge der Predigten sollen beibehalten werden.
  • In der gesellschaftlichen Diakonie sind wir noch ungeübt. Da sollten wir nach Förderung suchen.
  • Wir wollen in der Gemeinde die Bereitschaft fördern, auf verschiedene Weisen politisch einzuwirken, Stellung zu beziehen, und die Kompetenz, das jeweils gut begründet zu tun.
  • Dazu gehört es, Rechte für Menschen einzufordern: z.B. gegenüber Wohnungsgesellschaften, Behörden und Politikern – über Einzelfallinterventionen hinaus auch für ganze Bevölkerungsgruppen. Kirche sind wir ja für alle, nicht nur für die, die sich an uns wenden.
  • Wir streben an, mehr so Gemeinschaft zu sein, dass Solidarität verstärkt wird.
  • Es gilt, einen Blick zu entwickeln für Frieden und Versöhnung im Stadtteil.

Aus der Klausur des Pfarrgemeinderats 1999 „Was ist uns in unserer Amtsperiode wichtig geworden? Was wollen wir dem neuen PGR ans Herz legen?“:

Welche Ziele verfolgte der PGR?

  • Der PGR wollte seinen Blick und den der Aktiven in der Gemeinde dafür schärfen, Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen wahrzunehmen, damit das pastorale Handeln der Gemeinde davon ausgeht.
  • Wir wollten dafür sorgen, so Kirche zu sein, dass Menschen etwas davon haben, z.B.Heimat sein für viele oder alle und Hilfen ermöglichen für Randgruppen, für Menschen in Not.
  • Darum waren uns z.B. folgende Bemühungen wichtig: das jährliche Wohnsitzlosenfest, das Fortführen der Sozialhilfegruppe, die Mitarbeit im Wohnwagenprojekt, die Entscheidung für Kirchenasyl – und eine Weiterentwicklung im Bewusstsein des Zusammenhangs zwischen Glauben und Leben.

Und was hat der PGR erreicht?

  • Der Vorrang der Diakonie in unserer Gemeindepastoral hat sich stabilisiert. Der PGR hat sich tatsächlich vor allem mit diakonischen Themen befasst: Leben im Stadtteil, Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen, an der Lebenssituation der Menschen orientiertes Erstkommunion-Konzept, Kirchenasyl.
  • Auch in der Gemeinde hat sich weiterhin das Bewusstsein entsprechend geändert.

„Schätze“, die wir in unserer Gemeinde haben, die – auch vom neuen PGR – bewahrt und gepflegt werden sollten:

  • die positive Erfahrung im Fall Bernadette: dauerhafter Schutz für rechtlose „illegale“ „Ausländerin“ auf Grund unserer Bemühungen; sowie die erarbeitete Position zum Thema Kirchenasyl und die ausdauernde Betreuung der befristet „geduldeten“ kurdischen Familie K.
  • die begonnene und ansehnlich fortgeschrittene Erarbeitung einer Übersicht über Lebensmöglichkeiten und deren Defizite und über soziale Brennpunkte in unserem Stadtteil; diese Stadtteilarbeit gilt es auszubauen und dementsprechend Benachteiligten den Rücken zu stärken.
  • unsere Mitwirkung im Wohnwagenprojekt: Bereitstellung von 2 Wohnwagen-Standplätzen für Wohnsitzlose in Zusammenarbeit mit dem Caritasverband Frankfurt, das Frühstück für Wohnsitzlose im Pfarrhaus und das jährliche Wohnsitzlosenfest

(Aus dem Buch „Den Retter-Gott ranlassen. Damit Kirche wirklich Kirche ist.“ Kapitel 8 „Sorgt euch zuallererst um das Reich Gottes!“)

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Rainer Petrak