Blogbeitrag

Vom Butterbrot zum Wohnwagen (1986-2010)

24. September 2010

Das erste „Sommerfest mit Wohnsitzlosen“ am 14. September 1986 hatte eine Vorgeschichte:

Die Erfahrungen mit bettelnden Menschen an der Pfarrhaustür und unser Umgang mit ihnen waren nicht befriedigend. Also ließen wir uns professionell beraten. Das Ergebnis: Ein einladendes Schild am Zugang zum Pfarrhaus.

Die Zeitung berichtete: „Wer Hunger hat – hier wird er satt“.

Und das Fest hatte eine Nachgeschichte: Im September 2010 fand das „25. Sommerfest mit Wohnsitzlosen“ statt – jedes Jahr mit etwa 200 Teilnehmenden und 20 bis 40 Helfern. Immer wieder berichteten Zeitungen.

Zum Beispiel: „Die meisten kennen wir nur vom Sehen.“
Und weitere Folgen ergaben sich:
„Kirchenleute helfen Wohnsitzlosen bei der Rückkehr ins bürgerliche Leben.“

Aus: Frankfurter Neue Presse vom 13.3.2004

Herz Jesu in Fechenheim: Wer Hunger hat – hier wird er satt

„Vor allem Wohnsitzlose kehren dort ein, vereinzelt auch Arme aus Fechenheim …“, berichtet Beate Beckmann. Allen gemeinsam sei, dass sie bescheiden auftreten und dankbar für die Mahlzeit seien. … Wenn die Not bei einem Gast besonders groß sei, gebe es zum belegten Brot auch einmal einen Einkaufsgutschein … Die belegten Brote von Herz Jesu sind nicht nur in den einschlägigen Kreisen der heiße Tipp, …. Sten Nadolny beschreibt in seinem Roman „Selim oder Die Gabe der Rede“ … die Kirchen-Speisung: „Er wusste alles über Frankfurt und gab Tipps, wo man dort billig essen und schlafen konnte. … beschrieb er das Pfarrhaus einer ‚Herz-Jesu-Kirche’ in Fechenheim, wo man als mittelloser Durchreisender respektable Schmalzbrote bekomme, …“

FN-Foto: Rüffer 1996

[FN-Foto: Rüffer 1996]

Aus: Frankfurter Rundschau vom 19.9.2002

Die meisten kennen wir nur vom Sehen

Seit 17 Jahren feiert die katholische Herz-Jesu-Gemeinde mit Wohnsitzlosen ihr Sommerfest

Immer mehr Menschen, die Platte machen, kommen zum Fest in die katholische Gemeinde Herz-Jesu. Die Mitglieder bitten daher schon Monate vorher öffentlich um Kleiderspenden und rufen Freiwillige aus Fechenheim auf, ihnen beim Fest helfen. Trotz des Andrangs ging es ruhig zu.

… Die vielen Stapel gespendeter Wäsche, Schuhe, Mäntel, und Decken nahmen am vergangenen Sonntag im Nu ab … Während im Raum mit Männersachen reger Betrieb herrschte, ging es bei den Frauen eher beschaulich zu … „Leider zu klein“, bedauerte eine Besucherin, die eine Jeans mit Blümchenmuster anprobierte. „Der passt, den hätte ich gerne“, sagte eine andere, die sich einen Wintermantel ausgesucht hatte …

Mit Tüten bepackt, gingen die Gäste zum gemütlichen Teil über. Bei „Obst auf den Tischen, Apfelwein, Musik in den Ohren und Rauchwaren“ ließen sie es sich gut gehen. „Der T. ist übrigens gestorben“, sagte eine Frau zu einem allein sitzenden Bekannten am Nebentisch.

Ein anderer sagt, zum Sozialamt gehe er nicht. „Da wird man behandelt wie Husten“. Was er zum Leben brauche, verdiene er sich selbst beim „Sitzung machen“, wie er sagt. Er habe einen festen Bettelplatz.

Im Garten bildeten sich Grüppchen. Die Jüngeren hatten sich ins Gras gesetzt, der Rest verteilte sich an den Tischen. Orchestermusik klang aus den Lautsprechern, jetzt gab es auch Kaffee und Schwarzwälder Kirschtorte …

[Annette Scholz]

[FR-Foto: Monika Müller]

Aus: Frankfurter Neue Presse vom 9.3.1996

Kirchenleute helfen Wohnsitzlosen bei der Rückkehr ins bürgerliche Leben

Wer lange Zeit … auf der Straße lebte und sich irgendwie … durchgeschlagen hat, der kann sich nur schwer wieder an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. … all’ diese alltäglichen Aufgaben muss ein Obdachloser erst allmählich wieder zu bewältigen lernen, … wenn er, endlich, wieder ein Dach über dem Kopf hat. Oft aber ist es gerade seine Unangepasstheit, die ihn auf dem Wohnungsmarkt nahezu chancenlos dastehen lässt. „Ein Obdachloser hat bei Vermietern schlechte Karten“, glaubt Rainer Petrak (55), seit 20 Jahren Pfarrer in der Fechenheimer Herz-Jesu-Gemeinde.

Das „Wohnwagenprojekt“, das Petraks und zehn weitere Frankfurter Kirchengemeinden seit fünf Jahren in Zusammenarbeit mit der Caritas betreiben, verfolgt daher zwei Ziele: Wohnsitzlosen vorübergehend eine Bleibe zu geben – und sei’s eben nur ein bescheidenes „Zimmer auf Rädern“ – und sie außerdem langsam wieder daran zu gewöhnen, einen eigenen Haushalt zu führen. … Zwei Angestellte der Caritas betreuen die Wohnsitzlosen …

Dieses Hilfsangebot der Gemeinden ist kostengünstig und sinnvoll: Denn immerhin konnte bisher für etwa zwei Drittel der betreuten Obdachlosen nach ihrem Aufenthalt im Wohnwagen eine Wohnung gefunden werden. … Aber ihm und seinen Kollegen aus den anderen Gemeinden ist das nicht genug. Denn: „Es reicht nicht, ein paar Leuten eine Unterkunft zu bieten. Wir wollen nicht nur Almosen verteilen, sondern das Recht eines jeden Bürgers auf eine eigene Wohnung einfordern“, so der Fechenheimer Pfarrer. Deshalb appellieren die Kirchenleute an die Stadt, „mehr Sozialwohnungen zu bauen, …“. Pfarrer Petrak fällt dazu ein afrikanisches Sprichwort ein: „Schenk jemandem einen Fisch, und er hat am nächsten Tag schon wieder Hunger. Gib ihm eine Angel, und er kann sich stets allein ernähren.“

[Barbara Goldberg]

(Aus dem Buch „Den Retter-Gott ranlassen. Damit Leben gelingt“ Kapitel 8 „Rettende Solidarität mit denen ganz unten“)

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Rainer Petrak