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Bild von William Cho auf Pixabay

Schuld ohne Strafe

31. März 2022

Sonntagsbotschaft zum 3. April 2022, dem 5. Fastensonntag (Lesejahr C). 

Wie eine Welt mit „Schuld“ umgeht – im Kleinen wie im Großen –, das dürfte eines der mächtigsten ungelösten Probleme aller Zeiten sein.

Dabei hat Religion oft nur eine triebhaft gesteuerte Regel bestärkt, die mal „Gerechtigkeit“ genannt wird und mal „Vergelt’s Gott!“: Leistung sei zu belohnen und Regelverletzung zu bestrafen.

Wenn Menschen „Böses“ tun oder „Gutes“ nicht tun und, wie die anderen mit solcher „Schuld“ umgehen, das war schon immer eines der zentralen Themen auch in der christlichen Glaubensüberlieferung.

Und da Christen sich zu Gott als dem Herrn der Welt bekennen, galt Gott schon immer als Maß gebend, wenn dieses Problem sich wieder mal stellte und nach einer Lösung, nach einer Antwort drängte.

Auch zur Zeit von Jesus hatten viele Menschen zu dieser Frage klare Antworten bereit. Immer wenn sie überzeugt waren, dass Gott mit seiner Art zu herrschen das Problem löst, haben sie versucht, ihre Überzeugung mit der Autorität seiner Macht durchzusetzen.

Und da kommt Jesus.

Er fängt Gottes Herrschaft neu an. Er lebt sie und zeigt, wie Gottes Herrschaft sich auswirkt in der Welt der Menschen.

Einen verstehenden Blick dafür versucht er denen zu vermitteln, die ihm zuhören, sowohl dem Volk als auch seinen religiösen Führern. Zu Neugierde und Wertschätzung dafür regt er sie an. Er hofft, sie werden erkennen: Wo immer Menschen sich der Herrschaft Gottes neu aufschließen mit dem Vertrauen, dass er zu einem gelingenden Leben aller Menschen führt, da fängt er auch neu an zu herrschen.

Und wie sieht das aus, wenn Menschen sich schuldig gemacht haben, wenn sie elementare Regeln verletzen, die geboten sind als Schutz für ein gelingendes Miteinanderleben in Freiheit?

Wie Jesus zu dieser Frage Stellung nimmt, wie er diese Facette in Gottes Art zu herrschen neu verkörpert, das hat er schon am vergangenen Sonntag mit dem Gleichnis vom Vater mit den zwei Söhnen illustriert.

Und das bezeugt auch die Erzählung des Evangelisten Johannes in dem Bibelabschnitt, der an diesem 5. Sonntag auf dem Weg zum Osterfest hin ein echtes Evangelium werden kann:

In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg.
Am frühen Morgen
begab er sich wieder in den Tempel.
Alles Volk kam zu ihm.
Er setzte sich und lehrte es.

Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer
eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war.
Sie stellten sie in die Mitte
und sagten zu ihm: „Meister,
diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben,
solche Frauen zu steinigen.
Was sagst du?“

Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen,
um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen.

Sie kennen ihn schon. Sie wissen schon: Dieser Jesus möchte am liebsten, dass nicht einmal vor Gericht Schuldiggesprochene bestraft werden, und dass bei ihm Barmherzigkeit mehr zählt als das, was sie unter „Gerechtigkeit“ verstehen. Und das soll auch noch Gottes Wille sein!

Endlich haben sie diese Gelegenheit, Jesus zu zwingen, dass er sich zu seiner gottlosen Position in aller Öffentlichkeit bekennt – bei dieser Gerichtsverhandlung im Vorhof des Jerusalemer Tempels. Der Sachverhalt ist zweifelsfrei ermittelt. Und der Tatbestand eines nach „Gottes Recht und Gesetz“ mit der Todesstrafe bedrohten Vergehens steht außer Frage.

Mit ihrer hinterlistigen Frage an Jesus räumen sie ihm unbedacht die Rolle als Richter ein bei der Frage nach dem Strafmaß. Wenn er entscheidet „Hinrichtung durch Steinigung“, dann hat er selber öffentlich gemacht, dass alles, was er immer sagt, nur Humbug ist. Dann hat Jesus keinen Einfluss mehr im Volk und sie brauchen nicht weiter zu befürchten, dass er ihnen beim Volk das Wasser abgräbt. Wenn er aber entscheidet „keine Strafe“, dann hat er öffentlich gemacht, dass er das Volk gegen „Gottes Recht und Gesetz“ aufhetzt und also selber zum Tod verurteilt werden muss.

Wie verhält sich Jesus in diesem Dilemma?

Jesus aber bückte sich
und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie hartnäckig weiterfragten,
richtete er sich auf
und sagte zu ihnen:
„Wer von euch ohne Sünde ist,
werfe als Erster einen Stein auf sie.“
Und er bückte sich wieder
und schrieb auf die Erde.
Als sie das gehört hatten,
ging einer nach dem anderen fort,
zuerst die Ältesten.
Jesus blieb allein zurück
mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

Die Richterbank leert sich. Während der laufenden Verhandlung. Die Verkündung des Strafmaßes steht an. Jesus, den sie ungewollt zu einem der Richter gemacht haben, bleibt als einziger Richter übrig – gemeinsam mit der schuldiggesprochenen Angeklagten.

Er richtete sich auf und sagte zu ihr:
„Frau, wo sind sie geblieben?
Hat dich keiner verurteilt?“
Sie antwortete: „Keiner, Herr.“
Da sagte Jesus zu ihr:
„Auch ich verurteile dich nicht.
Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Jesus, der in Gottes Namen auftritt, wandelt sich vom Richter zum Lebensretter. Ihr Vergehen ist geklärt worden. Eventuelle Opfer ihrer Tat haben Anerkennung des durch sie erlittenen Unrechts gefunden. (In Südafrika haben sie so etwas „Wahrheitskommission“ genannt.) Diese Frau ist jetzt frei. Sie ist nicht mehr „die Ehebrecherin“. Als Retter richtet Jesus ihr Leben wieder her. Sie kann jetzt neu anfangen. Unbelastet durch ihre Schuld. Das ist Vergangenheit und wirkt nicht weiter.

Vom Lebensretter lässt man sich gerne sagen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Wahrscheinlich wird sie sich gerne daran halten.

Und was wird aus Jesus? Die beschämten Richter müssen jetzt noch zorniger gegen Jesus wüten. Die Fortsetzung des Johannes-Evangeliums erzählt davon.

Da folgen weitere Streitgespräche im Tempelvorhof. Jesus provoziert die Pharisäer mit seinem Wort:

„Ihr urteilt, wie Menschen urteilen,
ich urteile über niemanden.“
(Johannes 8,15)

Da Jesus mit seinem Tun und Reden bei all den Menschen, die sich mit Schuldvorwürfen konfrontiert sehen, ein Bewusstsein der Entlastung und viel Sympathie für ihn hervorruft, müssen seine Gegner ihn erst mal in Ruhe lassen. Der Evangelist erzählt:

Aber niemand nahm ihn fest;
denn seine Stunde war noch nicht gekommen.
(Johannes 8,20)

Und:

Da fragten sie ihn: „Wer bist du denn?“
Jesus antwortete: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
(Johannes 8,25)

Und ein paar Verse weiter heißt es:

Da antworteten sie ihm:
Sagen wir nicht mit Recht:
Du bist … von einem Dämon besessen?
(Johannes 8,48)

Und die Erzählung von den Streitgesprächen nach der verhinderten Steinigung der Frau endet mit dem Fazit:

Da hoben sie Steine auf,
um sie auf ihn zu werfen. …
(Johannes 8,59)

Die Strafe, die er von der Ehebrecherin abgewendet hat, hat er jetzt auf sich gezogen. Und sie werden sie bald vollstrecken. Denn seine Gegner, die meinen, Gottes Strafgericht am schuldiggewordenen Menschen vollstrecken zu müssen, sie stehen natürlich in unversöhnlichem Gegensatz zu einem, der „in Gottes Namen“ den Menschen von der Strafe für seine Sünde befreit. Dafür muss Jesus zahlen!

Er hat uns „freigekauft“, „losgekauft“, wird es dann wiederholt heißen im Neuen Testament. (Galater 3,13 und andere)

Am vergangenen Sonntag haben wir in den Gottesdiensten das Wort von Paulus gehört:

„Das Alte ist vergangen,
siehe, Neues ist geworden.
Und das alles kommt von Gott;
lasst euch mit ihm versöhnen!“
(2. Korinther 5,20)

Jesus schafft Neues. Aber dieses Neue ist in Wirklichkeit die Umkehr zu dem Gott, der schon immer dieses „Neue“ in alles unmenschliche „Alte“ gebracht hat, zu dem in allen Zeiten Menschen seine Botschaft pervertiert hatten, so dass die einen daraus ein Machtinstrument über die anderen gemacht haben.

Erfreulich hellsichtig ordnet die kirchliche Leseordnung dem heutigen Evangelium als 1. Lesung aus dem Alten Testament den Abschnitt aus dem Propheten Jesaja zu:

So spricht der HERR, der einen Weg durchs Meer bahnt, …

wie seinerzeit den Weg zur Befreiung aus der Unterdrückung durch die ägyptischen Sklavenhalter!

„Denkt nicht mehr an das, was früher war;
auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr!
Siehe, nun mache ich etwas Neues.

Dieser 2. Teil des Jesaja-Buchs, der sogenannte Deuterojesaja, bezieht die alte Botschaft, die immer wieder als neu erfahren wird, auf den Siegeszug des Perserkönigs Kyros, der sich die neu unterworfenen Völker dadurch zu Freunden machen will, dass er eine weitgehende Religionsfreiheit dekretiert. Da können endlich auch die deportierten Juden wieder in ihr Land zurückkehren – mal wieder auf einem Weg durch Wüste und Ödland. Und dann können sie in Jerusalem den Tempel wieder aufbauen und dort Gott anbeten. Neue Freiheit! Neues Leben!

Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?
Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste
und Flüsse durchs Ödland.
Die wilden Tiere werden mich preisen,
die Schakale und Strauße,
denn ich lasse in der Wüste Wasser fließen
und Flüsse im Ödland,
um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken.
Das Volk, das ich mir geformt habe,
wird meinen Ruhm verkünden.“
(Jesaja 43, 16-21)

Und jetzt wieder: Die Pharisäer bleiben blind für das alte Neue, das Jesus wiederbelebt. Sie können nur um die Ordnung bangen, die sie aus ihrer Sicht von Gottes Willen gezimmert hatten und mit der sie unversehens die Menschen in ein System von Lohn und Strafe gezwängt haben.

Aber die Opfer dieses Systems, die sich an Gott gar nicht mehr freuen konnten, weil der ihnen als „strenger Richter aller Sünder“ nahegebracht wurde, alle diese Menschen haben bei Begegnungen mit Jesus wie bei dieser aus dem Ruder gelaufenen Gerichtssitzung gegen die Ehebrecherin mit einer großen Ahnung auf neue Hoffnung aufgehorcht und sich an das Prophetenwort erinnert:

Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?

Ihre Begegnung mit Jesus wird zu einer Zeitenwende, zu einer Umkehr von einem Gott, den sie eigentlich nur noch als mächtig und erniedrigend kennengelernt hatten, hin zu dem Gott, von dem schon Jahrhunderte davor der Prophet Joël werbend ausgerufen hatte:

Kehrt um zum Herrn von ganzem Herzen;
denn er ist gnädig und barmherzig,
langmütig und reich an Huld.
(Joël 2,12.13)

Ein Vers, der auch an diesem Sonntag vorgesehen ist als Ruf vor dem Evangelium, mit dem heute Hörende den empfangen, von dem dieses Evangelium redet und von dem das Tagesgebet des Sonntags vertrauensvoll ausspricht:

Herr, unser Gott,
dein Sohn hat sich aus Liebe zur Welt
dem Tod überliefert.
Lass uns in seiner Liebe bleiben
und mit deiner Gnade aus ihr leben.

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