Blogbeitrag

Solidarität aus biblischer Sicht

30. April 2012

Predigt von Rainer Petrak
im Ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Arbeit in Frankfurt am Main am 30.4.2012

„Hier ist die Stadt, in der wir wohnen …“, „In Ängsten die einen, und die andern leben nicht schlecht.“ So haben wir gesungen.
Den Schlecker-Frauen geht es schlecht! So haben wir gehört.
Und wo ist die Perspektive einer Lösung der Probleme?

Gehört haben wir auch – aus der Bibel (Phil 2,5-9) – in der Art einer Antwort von Gott her: „Seid untereinander so gesinnt, wie es eurer Verbindung mit Christus entspricht …“ Naja, Menschen, die sich zum christlichen Gottesdienst versammeln – damals in der mazedonischen Stadt Philippi ebenso wie heute in Frankfurt -, die lassen sich ja eigentlich gerne von Christus anregen, vielleicht sogar anstecken. Jedenfalls wenn entsprechende Erfahrungen und Einsichten sie schon in dem Vertrauen bestärkt haben, dass die Orientierung an ihm weiterhilft bei den realen Fragen, Belastungen und Problemen des Lebens.

Was wurde da also von Christus gesagt? Wie beschreibt der Text des alten Hymnus seine Einstellung, seine Gesinnung? „Er hielt nicht fest“ an seiner göttlichen Erhabenheit, an seiner Macht, seinem Vermögen. Die von allen menschlichen Problemen abgehobene Distanz, mit der Menschen ihn immer schon gesehen haben, die hat er – vielleicht nie gehabt oder jedenfalls längst drangegeben. Denn wo Menschen an den Realitäten des Lebens zu leiden haben, da konnte er noch nie „für sich“ bleiben, abseits, „privat“. Nein, wo immer Menschen litten, musste er einfach dabei sein; lateinisch „inter-esse“.  Also gab er seinen Status auf, „entäußerte sich“ und wurde einer von uns, einer besonders von denen, die sich gar nicht mehr am eigenen Schopf aus der … herausziehen können: „wurde wie ein Sklave“. Und in seiner solidarisierenden Hingabe kennt er keine Grenze: Da geht er „bis zum Tod, (ja) bis zum (Verbrecher-)Tod am Kreuz“!

Das hat Power mobilisiert – immer wieder! Menschen, die das in Gestalt der Wiederherstellung ihres Lebens und ihrer Würde erlebt haben, konnten ihn dafür nur bewundern und haben verstanden, dass Christus mit dieser seiner Art genau das realisiert, was Gott mit seinem Willen und seinem Reich in dieser Welt anstrebt: „Darum hat Gott ihn erhöht“, wie es in dem Hymnus-Text heißt, und „ihm einen Namen“ gemacht – „größer als alle Namen“ dieser Welt. Jesus Christus – wie die Bibel ihn bezeugt – ist geradezu die Personifizierung von engagierter Solidarität mit dem Menschen.

Recht haben Sie, wenn Sie jetzt sagen: Da gibt es aber eine große Kluft zwischen einer solchen wunderbaren Aussage der Bibel und den Wirklichkeiten, in denen wir leben. Und verständlich, wenn Sie sagen: Der Jesus vor 2000 Jahren – das mag ja sein. Aber wo bitte gibt es eine Verbindung zwischen ihm und der heutigen Welt?!

Bis in unsere Tage hat es immer wieder Menschen gegeben, die – entsprechend ihrer Verbindung mit Christus – in seinem Sinn, in seinem Geist zu einer Gemeinsamkeit gekommen sind, in der sie ihn selber lebendig am Werk gesehen haben; zu einer Gemeinsamkeit – als Kirche! – , in der eine neue Perspektive sie die Dinge hat neu sehen und beurteilen lassen, so dass sie zu einem neuen Verhalten und Handeln kamen.

Was es dabei zu beachten gilt, wenn das verstärkt zu einer aktuellen Wirklichkeit werden soll, beschreibt Paulus an anderer Stelle der Bibel sehr ausführlich und plastisch: in seinem ersten uns in der Bibel erhaltenen Brief an die Christen in Korinth, einer griechischen Großstadt mit vielen sozialen und wirtschaftlichen Problemen.

Er erinnert sie (1 Kor 11,17-34) an den Geist der engagierten Hingabe von Jesus Christus, von dem ihre Gemeinschaft doch geprägt sein will. Aber schon wie sie zusammenkommen in Korinth – vielleicht auch in Frankfurt? – , das stehe ganz im Widerspruch dazu; er sagt „zu eurem Schaden“. Da hungern die einen, während die andern satt und betrunken sind. Zu einem solchen Desinteresse der einen am Wohlergehen von anderen Gliedern der Gemeinschaft kann Paulus nur ausrufen: „Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben?“

Wenn den Christen ihre Verbindung mit Christus wirklich wichtig ist, werden sie darauf achten, dass alle (!) ihren notwendigen und gerechten Anteil an Chancen und am Vorhandenen nehmen können. Vielleicht ist das ja auch eine Art von Zusammengehörigkeit und Solidarität, wie sie das deutsche Grundgesetz in Artikel 74 mit den „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ meint, auf deren Herstellung alle staatlichen Organe zu achten haben. Paulus sieht darin die an Christus Maß nehmende „Gesinnung“ oder innere Einstellung, die sich im Handeln bewährt: Und wenn ich noch so viel bin, kann, habe, spende, mache, weiß, … – ohne „Liebe“ ist das alles nichts. Und das hohe Lied, das er daran anschließend auf das singt, was – nicht nur – er „Liebe“ nennt, beschreibt (1 Kor 13) ziemlich genau den Geist, den Jesus Christus in seiner Begegnung mit den Menschen verkörpert und den Menschen heute – wenn sie überhaupt so etwas Großartiges für möglich halten – „Solidarität“ nennen. Es ist die Einstellung von – mit Christus sich identifizierenden – Menschen, die sie in ihrer christlichen Gemeinschaft mit aller Kraft ihrer Sehnsucht anstreben, wenn es um das soziale Verhalten in ihrem Umfeld geht.

Paulus wirbt (1 Kor 12,1-11) deshalb um einen neuen Blick für das Miteinander zwischen den Menschen: Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Personen und ihres sozialen Status gehören sie doch zusammen! Und als plausibles Argument verweist er (1 Kor 12, 12-27) auf die allen vertraute Analogie des organischen Miteinanders von Gliedern, Zellen und Organen im menschlichen Körper: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. (Im Gegenteil,) gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Gott hat den Leib so zusammengefügt, dass alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. (Er betont:) Und ihr seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.“

Und der Stil des Miteinanders, der sich mit dieser Perspektive ergibt, will dann mit seiner faszinierenden Kraft überspringen und die Menschen der Umgebung dazu anstecken, in eben diesem Stil
ihr gesellschaftliches Miteinander menschlich zu gestalten. Synergien mit Bestrebungen in der gleichen Richtung, wenn auch anders motiviert – heute zum Beispiel mit der Gewerkschaftsbewegung – können dann ungeahnte Veränderungen zu Gunsten der Menschen bringen. Und zu Gunsten dessen, was die Bibel mit dem programmatischen Wort vom „Reich Gottes“ meint.

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Rainer Petrak