Blogbeitrag

Bild von Wilfried Pohnke auf Pixabay

Streit-Bar SHALOM

11. August 2022

Sonntagsbotschaft zum 14. August 2022, dem 20. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Vermutlich sehnen sich alle Menschen nach Frieden. Und vermutlich leiden alle Menschen unter Unfrieden. Warum – verdammt noch mal – Entschuldigung: Warum – in Gottes Namen – geht die Menschheit dann nicht den Weg der Veränderung aus allem leidvollen Unfrieden heraus zu dem ersehnten Frieden hin?!

Die Frage stellt sich auf allen Ebenen – von der Weltpolitik über die wirtschaftliche Zusammenarbeit und das Miteinander in Partnerschaft und Familie bis hin zu den Prozessen, die im Innern einer Person ablaufen.

Vielleicht sagen Sie ja, das sei zu pessimistisch gesehen, weil es ja auf allen Ebenen viele Wege gibt, die ausgedacht und ausprobiert werden.

Dann soll es mir recht sein, wenn es „nur“ um eine „Optimierung“ gehen sollte, die dennoch dringend angesagt ist.

Jedenfalls ist das ein Thema, das ich – gemeinsam mit vielen anderen Menschen auch – eigentlich lieber meide, weil es so voller ungelöster Probleme ist und immer wieder nur Streit auslöst.

Wenn ich mich aber – neugierig wie immer – den für diesen Sonntag vorgesehenen Bibeltexten stellen will, muss ich feststellen, dass ihnen allen dieses Thema gemeinsam ist.

Ich bin sicher, dass die Bibel nicht eine rezepthafte Lösung bereithält, die man nur nachkochen müsste. Aber wahrscheinlich gibt sie Anregungen, einen entsprechenden Weg zu finden oder zu gestalten.

Der Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium ist dabei vielleicht die am meisten ärgerliche Herausforderung. Aber gerade deshalb will ich damit anfangen:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Ich bin gekommen,
um Feuer auf die Erde zu werfen.
Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!
Ich muss mit einer Taufe getauft werden
und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.
Meint ihr, ich sei gekommen,
um Frieden auf der Erde zu bringen?
Nein, sage ich euch, sondern Spaltung.
Denn von nun an
werden fünf Menschen im gleichen Haus
in Zwietracht leben:
Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei;
der Vater wird gegen den Sohn stehen
und der Sohn gegen den Vater,
die Mutter gegen die Tochter
und die Tochter gegen die Mutter,
die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter
und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.
(Lukas 12, 49-53)

Das will ich aber nicht. Ja, ich hatte gedacht, Jesus und der Glaube an ihn – das hilft, in Eintracht miteinander zu leben. Ich staune auch kopfschüttelnd, wie viele Gemeinden diesen Evangeliums-Abschnitt quittieren mit dem unbedachten Ruf „Lob sei dir, Christus!“ Immerhin stellt doch Jesus hier alle, die auf ihn hören wollen, darauf ein, dass sie sich auf äußerst unangenehme Konflikte einstellen müssen. Nicht Frieden bringe er, sondern Feuer und Spaltung!

Ehrlich: Lieber will ich Frieden.

Da höre ich in mir eine Stimme: Ist ja gut. Und wie erreichst du den Frieden?

Ich bin versucht zu antworten: Mao Tsedong hat gesagt: „Willst du den Frieden, musst du zur Waffe greifen.“ – Das kann es ja wohl nicht sein!

Ich höre: Das habe ich auch nicht gesagt.

Und ich halte Ihn mir vor Augen, Sein Beispiel: wie Er nicht einfach mitspielt beim Unfrieden, „weil man ja angeblich eh nichts dagegen machen kann“; wie er vielmehr in allen möglichen konkreten Situationen immer wieder den Konflikt benennt zwischen dem leidvollen Unfrieden und dem ersehnten Frieden; und wie er sich damit unbeliebt macht – bis hin in die eigene Familie.

Die Nachbarn aus seinem Heimatort hatten ihn aus ihrem Gottesdienst verjagt, weil er in der Predigt sie aufmerksam gemacht hat, wie hohl ihre Frömmigkeit war und wie wenig sie einem umfassenden Frieden diente.

Ja, Jesus selber hat diesen Schmerz der Spaltung sowohl sich selbst als auch seiner Familie zugemutet, indem er ihnen nicht einfach zu Willen war. Sie wollten ihn für verrückt erklären, in Nazaret, um ihn vor der Steinigung zu schützen. (vgl. Markus 3,21) Er aber wollte nicht einfach in Frieden gelassen werden, sondern die Weichen der Welt umstellen, um den umfassenden Frieden endlich in die Wege zu leiten.

Spaltung zwischen ihm und seiner Umwelt.

Und er hat versucht, es ihnen verständlich zu machen, warum dieser Schmerz zur Heilung notwendig ist:

Sie kennen ja sicher das Gleichnis, mit dem Jesus das Problem illustriert und uns seine Art der Lösung nahebringen will: der barmherzige Vater und seine beiden Söhne. Da geschieht es: Spaltung in der Familie, unvermeidbar und äußerst sinnvoll!  Der Sohn, der ältere, stellt sich grundsätzlich gegen den Vater und gegen sein liebevolles Bemühen, den Frieden für alle Beteiligten herzustellen. (vgl. Lukas 15,25-30)

Die Alternativen, vor denen Jesus sich sieht: entweder den leidvollen Unfrieden hinnehmen und ihm ein frommes Etikett namens „Frieden“ aufkleben – oder mit dem echten Frieden anfangen, der nur über seine Leiche geht, über sein Blut, durch seinen Tod hindurch.

Ein schlimmer Friede? Nein, ein schmerzhafter Weg zum Frieden!

In seiner Nachfolge sind viele bereits diesen Weg des Friedens gegangen – im Widerstand gegen den Unfrieden – und haben dem Unfrieden bis aufs Blut widerstanden. Maximilian Kolbe fällt mir dazu ein, der sich anbot, an Stelle des Familienvaters in die Gaskammer zu gehen.

Seine Art, die Tür zum Frieden aufzustoßen, hat Jesus sehenden Auges mit seinem Leben bezahlt. Der Sohn Gottes! Um – wenn es denn schon anders nicht geht – wenigstens auf diese Weise die Menschheit abzubringen von ihren Wegen des Unfriedens und ihnen einen Zugang aufzuschließen zu einem umfassenden Frieden – in der Sprache der Bibel – „zum Shalom“!

Nein, angesichts des alles beherrschenden Unfriedens wollte und konnte er nicht stillhalten – auch wenn sie ihn umbringen, um ihn an seinem Weg zu hindern. „Für uns Menschen und zu unserem Heil!“ (vgl. Großes Glaubensbekenntnis)

Denselben Geist unter den Menschen auszubreiten, hatte Gott längst die Jahrhunderte hindurch sich schon bemüht – vor allem mit Hilfe der Propheten, die dazu bereit waren, als sein Sprachrohr zu dienen und sich dafür verteufeln und umbringen zu lassen.

Als Beispiel dafür ordnet die Leseordnung diesem herben Evangeliumstext eine nicht minder herbe Episode aus dem Buch des Propheten Jeremia zu:

Es ist das Jahr 587 vor Christus. Das kleine Israel zwischen den Mühlsteinen der Großmächte Babylonien und Ägypten. Die Stadt Jerusalem ist belagert von den Babyloniern. Die im Volk das Sagen haben, setzen auf militärischen Beistand von Ägypten. Aber in der akuten Gefahr, dass das Heer der Babylonier die Stadt total niederbrennt – in dieser Gefahr sagt Jeremia: „Ihr müsst kapitulieren; es bleibt euch keine Alternative; nur so könnt ihr überleben!“ Da heißt es: „Wehrkraftzersetzung! Weg mit ihm!“:

In jenen Tagen
sagten die Beamten zum König:
Jeremia muss getötet werden,
denn er lähmt die Hände der Krieger,
die in dieser Stadt übrig geblieben sind,
und die Hände des ganzen Volkes,
wenn er solche Worte zu ihnen redet.
Denn dieser Mann sucht nicht Heil
für dieses Volk, sondern Unheil.
Der König Zidkija erwiderte:
Siehe, er ist in eurer Hand;
denn der König vermag nichts gegen euch.
Da ergriffen sie Jeremia
und warfen ihn in die Zisterne
des Königssohns Malkija,
die sich im Wachhof befand;
man ließ ihn an Stricken hinunter.
In der Zisterne war kein Wasser, sondern nur Schlamm
und Jeremia sank in den Schlamm. …
(Jeremia 38, 4-6.7a.8b-10)

„Friede oder Unfriede“ heißt hier „Heil oder Unheil“. Immer wieder geht es darum, dass die Stärkeren sich durchsetzen und dass die Schwächeren sich ihnen unterwerfen.

Und dagegen steht immer wieder Gottes Liebe zum Menschen als vorherrschende Kraft, wie Jesus sie verkörpert und immer wieder neu anfängt. Gottes Reich will sich ausbreiten und immer mehr Menschen anstecken zu einer Einstellung, die den Schmerzen nicht ausweicht, die auf dem Weg zum Frieden unvermeidlich sind.

Die 2. Schriftlesung des Sonntags greift eine Auflistung vieler Menschen auf, die da als ermutigende Beispiele zur Nachahmung aufrufen:

Darum wollen auch wir,
die wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben,
alle Last und die Sünde abwerfen,
die uns so leicht umstrickt.
Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen,
der vor uns liegt,
und dabei auf Jesus blicken,
den Urheber und Vollender des Glaubens;
er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude
das Kreuz auf sich genommen,
ohne auf die Schande zu achten,
und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt.
Richtet also eure Aufmerksamkeit auf den,
der solche Anfeindung von Seiten der Sünder
gegen sich erduldet hat,
damit ihr nicht ermattet und mutlos werdet!
Ihr habt im Kampf gegen die Sünde
noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet.
(Hebräer 12, 1-4)

„Widerstand bis aufs Blut“. Ja, wir wissen nicht, wo wir heute stünden, wenn Jesus nicht bis aufs Blut Gottes Widerstand geleistet hätte. Und die vielen Zeugen für ihn und für Gottes Reich und für den Glauben, für den das von zentraler Wichtigkeit ist – ihnen können wir dankbar sein, dass sie wenigstens die Erinnerung daran bis heute wachhalten.

Aber wenn es um uns selber geht – ja, es stimmt natürlich, was der Hebräerbrief da sagt: „Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet.“ Aber wer will das schon – Schmerzen in Kauf nehmen, damit der ersehnte Friede Chancen bekommt gegen den leidvollen Unfrieden?

Und dazu kommt noch: So allgemein darüber reden – das mag ja noch gehen. Aber wenn es konkret wird – nehmen wir nur den Ukraine-Krieg … Was sollen wir da machen?

Gibt es da hier eine Botschaft von Gott, der wir trauen können?

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