Blogbeitrag

Sünden vergeben, wie Jesus es tut

24. September 2010

Vergleichen Sie das einmal miteinander: die faszinierende Erzählung bei Lukas 7,36-50 und die verbreitet ungeliebte Vorstellung von der Beichte! Was für ein Unterschied in den Erfahrungen von Vergebung und Versöhnung!

Die Frau, von der Lukas erzählt, wird, weil als „Sünderin“ bekannt, von „Frommen“ gemieden. Darunter leidet sie. Sie erfährt, dass Jesus, von dem sie offensichtlich gehört hat, in der Stadt ist. Da geht sie hin. Und ohne um Erlaubnis zu fragen und ohne etwas von sich zu sagen, unbekümmert um Regeln von Höflichkeit und Anstand tritt sie von hinten an Jesus heran. Mit großer Sehnsucht und unbändigem Vertrauen, er wird sie nicht meiden wollen, ja er wird sie achten, liebkost sie seine Füße. Dabei weint sie, offensichtlich überwältigt durch die Erfahrung: Jesus – statt sie zurückzuweisen, zur Ordnung zu rufen oder ein Sündenbekenntnis zu erwarten – lässt sich das gefallen. Trotz der zu erwartenden verächtlichen Reaktion des Gastgebers Simon. – Um den bemüht sich Jesus, dass er, was da geschieht, verstehen kann. Danach bestätigt Jesus der Frau, dass ihre (anscheinend stadtbekannt vielen) Sünden vergeben sind. Er fügt an – deutend, geradezu offiziell-rituell, jedenfalls ganz und gar zuverlässig klingend – wie er es ansonsten nach wunderbaren Heilungen tut: „Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!“

Von Reue, Bekenntnis, aufgegebener Buße oder Vorsatz ist hier nicht die Rede, nicht einmal von einer Lossprechung im Sinne einer offiziellen Erklärung oder eines richterartigen Urteils, wodurch die Sünden vergeben würden – im Kontrast zur herkömmlichen Art der Lehre und der Praxis des Bußsakraments.

Hier wird bezeugt: Die Frau erlebt in dieser Begegnung mit Jesus die Vergebung ihrer offensichtlich vielen Sünden: Das Wissen um ihre vielen Sünden (was immer das gewesen ist) steht im Raum und wird weder beschönigt oder verharmlost noch verleugnet. Und trotzdem erfährt sie sich von ihm in ungewöhnlichem Ausmaß geachtet, ja wertgeschätzt!

Es ist dieselbe Erfahrung wie die, von der Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Vater in der Person des jüngeren Sohnes spricht: dem der Vater, als er ihn von weitem kommen sieht, entgegen rennt und zärtlich um den Hals fällt, bevor der auf die Knie fallen kann, und dessen Schuldbekenntnis er unterbricht, indem er ein Fest ausruft.

Es ist die Erfahrung, die ähnlich auch der Oberzöllner Zachäus macht, dieser gemiedene „Volksverräter und Betrüger“, den die Begegnung mit Jesus so sehr aus dem Häuschen bringt, dass er jetzt – nach der Erfahrung, dass Jesus seine Nähe sucht und aufsucht – den Vorsatz fasst, begangenen Schaden mehr als auszugleichen und sein Leben total umzukrempeln.

Vielleicht ist ja eine Ursache für den genannten Kontrast ein entgegengesetztes Verständnis von Versöhnung: Viele Formulierungen aus der herkömmlichen Beichtpraxis lassen die Perspektive erkennen, der Mensch, der mit seinen Sünden Gott beleidigt habe, müsse nun Gott wieder versöhnen. Die Erzählungen aus den Evangelien bezeugen aber die entgegengesetzte Perspektive Gottes (wie sie schon von Propheten des Alten Testaments verkündet wird): Er sehnt sich heiß danach, an den in die Sünde (= Absonderung, Entfernung, Loslösung von Gott) verirrten Menschen wieder rankommen zu können mit seiner rettenden Liebe. Wenn Menschen in eine Lage gekommen sind, in der sie für Gott und sein Tun und sein Wort keinen Sinn mehr haben, ja ihm nur noch Vorwürfe machen können, lässt er durch Paulus geradezu beschwörend werbend ausrichten: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“

Wie viele Menschen könnten von neuem zu einem elementar positiven Verhältnis zu sich selbst kommen – durch die befreiende Erfahrung uneingeschränkter Wertschätzung – trotz des Wissens um gegebenenfalls schwere Schuld! Wie viel Leiden könnte geheilt werden!

(Aus dem Buch „Den Retter-Gott ranlassen. Damit Leben gelingt“ Kapitel 5 „Schuldig – trotzdem liebenswert!“)

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Rainer Petrak