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Von Nikodemus und Jesus zum Schutz des freien Sonntags

7. März 2024

Sonntagsbotschaft zum 10. März 2024, dem 4. Sonntag auf dem gemeinsamen Weg zum diesjährigen Osterfest (Lesejahr B).

Kennen Sie Nikodemus?

Nikodemus ist Ratsherr im alten Jerusalem, von der Partei der Pharisäer und ein gelehrter Bibelkenner.

Er sucht Jesus auf. Bei Nacht, heißt es. Anscheinend will er vermeiden, dass das öffentlich bekannt wird.

Nikodemus ist einer von denen, die Jesus nicht in Bausch und Bogen verurteilen, sondern erst mal klarer sehen möchten, inwiefern und ob überhaupt man als gläubiger Jude vielleicht sogar gut daran täte, sich auf Jesus einzulassen und auf all das Ungewöhnliche, das er sagt und tut. Staunend sagt er ja zu Jesus:

„Niemand kann die Zeichen tun, die du tust,
wenn nicht Gott mit ihm ist.
(Johannes 3,2)

Jesus öffnet sich der Begegnung mit Nikodemus. Anscheinend wird das ein ziemlich langes und intensives Nachtgespräch. Leider erzählt das Johannes-Evangelium nur zusammenfassend von diesem Gespräch. Ich wüsste ja gerne viel mehr Einzelheiten, worüber beide miteinander geredet haben. Zumal die Erzählung die Fremdheit spüren lässt zwischen den Sichtweisen, die Nikodemus mitbringt, und dem ganz anderen Gesamtbild, das Jesus vor Augen hat. Aber Jesus fühlt offensichtlich mit ihm und versucht geduldig, den Blick des Nikodemus auszuweiten. Verständnisvoll sagt er: Ja, worauf es mir ankommt, ist sehr anders als das, was euch wichtig ist. Einen Blick für das „Reich Gottes“ zu entwickeln, das ist wie eine neue Geburt – und zwar eine, die Gott möglich macht:

Wenn jemand nicht von neuem geboren wird,
kann er das Reich Gottes nicht sehen.
(Johannes 3,3)

Und hier setzt meine Neugierde an: Über welche konkreten Fragen reden die beiden so miteinander? Um einen veränderten Blick auf welche Wirklichkeiten geht es denn, für die ein so „neu geborener“ Mensch eine so ganz andere Sicht entwickelt? Worauf bezieht sich dieser Blick, der dann Gottes Reich sehen kann, dem also sich Gott als die in allem herrschende Kraft zeigt?

Die kirchliche Leseordnung bringt für die Gottesdienste an diesem Sonntag die Erzählung von dem Nachtgespräch zwischen Nikodemus und Jesus in einen Zusammenhang mit einem Abschnitt aus dem alttestamentlichen 2. Buch der Chronik.

Darin ist ein Rückblick beschrieben in die Geschichte des jüdischen Volkes. Es geht um die Achterbahn der Veränderungen und um die Frage nach Zusammenhängen zwischen dem Verhalten des Volkes und den politischen Entwicklungen im 6. Jahrhundert vor Christus und der Rolle, die Israels Gott darin spielt.

Leute wie Nikodemus sahen wahrscheinlich in einem solchen Text des Alten Testaments so etwas wie einen Spiegel für ihre eigene Zeit mit der Frage, ob sich denn da 600 Jahre später etwas wiederholt.

Und die Frage, ob auch in unserer heutigen Zeit wieder gleiche Zusammenhänge in den Blick zu nehmen sind, kann – ebenso wie das Nachtgespräch zwischen Jesus und Nikodemus – heute unsereins beschäftigen.

Die beiden Bücher der Chronik, aufgeschrieben wahrscheinlich gut 300 Jahre vor Christus, ursprünglich mit dem hebräischen Titel „Ereignisse der Tage“, bieten ein bestimmtes Verständnis der Geschichte und von den in ihr wirkenden Zusammenhängen.

Der Lesungsabschnitt dieses Sonntags schaut zurück ins 6. Jahrhundert vor Christus:

In jenen Tagen
begingen alle führenden Männer Judas
und die Priester und das Volk viel Untreue.
Sie ahmten die Gräueltaten der Völker nach
und entweihten das Haus,
das der Herr in Jerusalem
zu seinem Heiligtum gemacht hatte.

Also die Sicht auf Gott und die Welt, die dem Volk Israel bzw. den damaligen Juden ihre Identität begründete, prägte nicht mehr ihr gemeinsames Handeln. Wichtiger als die ihnen eigenen Werte wurden ihnen Verhaltensweisen und Sichtweisen, die bei den Völkern ihrer Umgebung gang und gäbe waren. Sich den Menschen anderer Völker anzugleichen und so zu leben wie bei denen üblich, das war ihnen anscheinend sympathischer weil konfliktärmer und schien ihnen interessant, weil: Die tun es ja auch so und es sind viele und das klappt anscheinend.

Aber der Rückblick darauf im Buch der Chronik wertet die Vernachlässigung dessen, was dem Volk doch eigentlich heilig war, als Gräuel.

Und der Blick auf ihren Gott, mit dem sie doch einen Bund geschlossen hatten, erkennt darin eine Untreue gegenüber ihm und gegenüber ihrem eigenen Selbstverständnis, wenn es dann in der Fortsetzung heißt:

Immer wieder hatte der Herr,
der Gott ihrer Väter,
sie durch seine Boten gewarnt;
denn er hatte Mitleid mit seinem Volk
und seiner Wohnung.
Sie aber verhöhnten die Boten Gottes,
verachteten sein Wort
und verspotteten seine Propheten,
bis der Zorn des Herrn gegen sein Volk
so groß wurde,
dass es keine Heilung mehr gab.

Die Konsequenzen zeichnen sich ab. Alles das, was ihnen heilig geworden war und was sich für ihr Zusammenleben bewährt und sie erfreulich lebendig zusammengeschweißt hatte, das wurde ihnen unwichtig. Menschenwürde und Solidarität stellten sie zurück und verschrieben sich den überholt geglaubten Machtmechanismen gewalttätiger Geltungssucht und Habgier.

Mir kommt das vor wie eine Parallele zu unserer Zeit: Nach den globalen politischen Entwicklungen der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg hätten auch wir nie gedacht, dass es einen solchen Rückfall geben könnte in rücksichtslos gewalttätige Durchsetzung nationaler und wirtschaftlicher Interessen. Auch wir können nicht sehen, auf welchen Wegen es da Heilung geben könnte.

Die Bibel spricht von Gottes Zorn und erzählt, wie es weiter ging:

Die Chaldäer verbrannten das Haus Gottes,
rissen die Mauern Jerusalems nieder,
legten Feuer an alle seine Paläste
und zerstörten alle wertvollen Geräte.
Alle, die dem Schwert entgangen waren,
führte Nebukadnezzar in die Verbannung nach Babel.
Dort mussten sie ihm und seinen Söhnen als Sklaven dienen,
bis das Reich der Perser zur Herrschaft kam.

Und dann geht der Blick der Erzählung in Richtung auf Gott: Schon hatte es ihnen so ausgesehen, als sei ihm das alles egal, als hätte er sie im Stich gelassen. Aber aus dem zeitlichen Abstand gesehen, zeichnet sich etwas Anderes ab: Wenn Gott auch – mit Rumoren seiner Eingeweide – respektvoll hinnimmt, wohin die irregeleitete Selbstbestimmung das Volk geführt hat, – er sorgt unbemerkt dafür, eine bessere Zukunft vorzubereiten:

Da ging das Wort in Erfüllung,
das der Herr durch den Mund Jeremias verkündet hatte.
Das Land bekam seine Sabbate ersetzt,
es lag brach während der ganzen Zeit der Verwüstung,
bis siebzig Jahre voll waren.

Das klingt in meinen Ohren wie: Schlimm, dass es eine Katastrophe und eine Zeit der Verwüstung braucht, um euren Raubbau an der Erde zu unterbrechen, damit sie sich erholen kann und euch auch in Zukunft gute Lebensbedingungen bietet! …

Und dann erzählt das Buch in seinem Überblick über die Geschichte – gewagt – von Gott: Mit der Fantasie der Liebe zu seinem Volk findet er natürlich einen Ausweg, der das Volk wieder einmal befreit und rettet, ohne es zugleich zu entmündigen:

Im ersten Jahr des Königs Kyrus von Persien
sollte sich erfüllen,
was der Herr durch Jeremia gesprochen hatte.
Darum erweckte der Herr
den Geist des Königs Kyrus von Persien
und Kyrus ließ in seinem ganzen Reich
mündlich und schriftlich den Befehl verkünden:
So spricht Kyrus, der König von Persien:
Der Herr, der Gott des Himmels,
hat mir alle Reiche der Erde verliehen.
Er selbst hat mir aufgetragen,
ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen.
Jeder unter euch, der zu seinem Volk gehört –
der Herr, sein Gott, sei mit ihm – ,
der soll hinaufziehen.
(2. Chronik 36, 14-16.19-23)

Heute übliche Sichtweise versteht: Die kriegerischen Machtspiele der damaligen Großmächte führen zum Sieg des persischen Königs Kyrus, der seine Herrschaft erst einmal dadurch festigt, dass er sich durch großzügige Gewährung von Religionsfreiheit bei den unterworfenen Völkern Sympathien verschafft.

Mir kommt dazu in den Sinn: Wenn die Kirche mit diesem Schriftabschnitt eine vom Glauben geprägte Sicht von Geschichte vor Augen hält, dann ist das wohl etwas von der Art, wie Jesus die Sicht des Nikodemus klären möchte.

Die Art, wie Jesus auf die Realitäten dieser Welt schaut, das ist in der Tat ein sehr anderer Blick als die auch uns heute vertraute herrschende und gewohnte Sichtweise und Sozialkultur, an die auch die Christen und die Kirche sich angeglichen haben.

Um die Fremdheit zu überwinden, die seine Art hinzuschauen auslöst, braucht es die Offenheit und Bereitschaft für eine Art Neugeburt, sagt Jesus. Dann kann sich vor den Augen des Nikodemus das Reich Gottes auftun: Gottes Herrschaft in den wichtigen Dingen des Lebens.

Nikodemus bringt die neugierige Offenheit dafür anscheinend mit. Eigentlich wie ein getaufter Christ, der – „in Christus neugeboren“, wie das Tauflied es nennt – bei ihm das neue Gesicht des Lebens sucht in den oft unübersichtlichen Zusammenhängen und verwirrenden Strömungen der Zeit.

Und so hilft Jesus durch diese Begegnung, einen „Blick“ seiner Art zu entwickeln.

Mit Hilfe einer uns heute archaisch anmutenden Erzählung aus dem Buch Numeri im 21. Kapitel (21,1-9) erinnert er daran: Unsere Entscheidung, worauf wir beim Wahrnehmen von Wirklichkeit achten, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, das kann entscheidend sein für unser Überleben. Und Jesus betont: Genau darum geht es ihm und dafür tut er alles und setzt sogar sein Leben dafür ein:

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt,
dass er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt,
nicht verloren geht,
sondern ewiges Leben hat.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt,
damit er die Welt richtet,
sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
(Johannes 3,16-17)

Das ist das Wesentliche, für das Nikodemus – der von damals und wir von heute – einen Blick entwickeln kann. Der neue Blick sieht alles im Zusammenhang mit Jesus und seiner Lebenshingabe.

Ich sehe mich da hinein einbezogen, stimme dem vertrauend zu, sehe mein Leben jetzt darin gegründet und gehalten, halte also danach Ausschau in allem, was geschieht …

Das ist aber eine weitgehende Korrektur verbreiteter – frommer wie unfrommer – Vorstellungen.

Manchmal aber erlebe ich es: Ich bin einer von vielen in einer großen Gemeinschaft von Menschen mit dieser Sicht vom Leben … Da erahne ich eine neue Zukunft für unsere Welt! Klare Blickrichtung – entschieden, woran wir uns orientieren, worauf wir achten, in welchen Hinsichten wir die Geschehnisse und die Entwicklungen betrachten. Welche Zusammenhänge wir mit Vorrang berücksichtigen.

Ich denke an ein Beispiel von Interessenkonflikten zwischen verschiedenen Teilen der Bevölkerung. Ich meine die aktuell wieder auflebende Streitfrage um den Sonntag als einem Tag der Arbeitsruhe für die Erwerbstätigen und einem Tag sozialer Freiheitskultur für alle.

Mir wichtig geworden ist ein für die Allgemeinheit ungewohnter Hinblick auf Grundrechte unterschiedlicher Rangstufe auf Grund ihrer mehr oder weniger großen Nähe zur Menschenwürde.

Auf die Idee, das so zu betrachten, hat mich das deutsche Bundesverfassungsgericht gebracht.

Und den Mut, darum zu kämpfen, bekomme ich von der Stimme, die ich höre, wenn ich mich für Bibeltexte öffne wie die vom aktuellen Sonntag.

Das Bundesverfassungsgericht hatte in seinem Urteil vom 1. Dezember 2009 (Az.: 1 BvR 2857/07, in Randnummer 153) ausgeführt, mit der Gewährleistung rhythmisch wiederkehrender Tage der Arbeitsruhe fördere und schütze das Grundgesetz (in Artikel 140 in Verbindung mit Artikel 139 Weimarer Reichsverfassung) auf konkrete Weise nicht nur die Ausübung der Religionsfreiheit (Art. 4 GG), sondern auch die physische und psychische Regeneration und damit die körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG). Die Statuierung gemeinsamer Ruhetage diene sowohl dem Schutz von Ehe und Familie (Art. 6 GG) als auch der Vereinigungs- und der Versammlungsfreiheit (Art. 8 und 9 GG). Dieser Freiheitsgarantie könne ein besonderer Bezug zur Menschenwürde beigemessen werden, weil sie dem ökonomischen Nutzendenken eine Grenze zieht und dem Menschen um seiner selbst willen dient.

So betrachtet, legt sich eine ganz andere gesetzliche Gestaltung zur Sonntagsruhe nahe, als wenn das Konfliktfeld im vorrangigen Hinblick auf wirtschaftliche Interessen und auf Konsuminteressen betrachtet wird.

Und für welchen Blick wir uns entscheiden, hängt davon ab, inwieweit uns der Mensch und seine Würde ebenso wichtig ist wie für Jesus, der dafür sein Leben voll und ganz eingesetzt hat.

Der Bund zwischen Gott und seinem Volk heißt: Gott will und soll die herrschende Kraft sein, die aus allen menschenfeindlichen herrschenden Kräften rettet! Menschen seines Volkes haben nicht nur dafür einen Blick. Sie trauen ihm auch, lassen sich darauf ein. Das verändert alles!

Wenn wir die Liebe leben,
die den Tod bezwingt,

glauben an Gottes Reich,
das neues Leben bringt,
Jesus Christ,
Feuer, das die Nacht erhellt,
Jesus Christ,
du erneuerst unsre Welt!

(4. Strophe aus: Wenn wir das Leben teilen … Jesus Christ, Feuer, das die Nacht erhellt – T: Hans Florenz, M: Michel Wackenheim, Gemeindegesang Herz Jesu Frankfurt-Fechenheim Osternachtfeier 2001 mit Kantorin Ute Schäfers)

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