Blogbeitrag

Was der sich hervortut! (1995)

3. Oktober 2010

So haben wahrscheinlich damals einige gesagt, die mich nicht so sehr mochten. – Was war geschehen?

Jürgen Streit und ich hatten uns kennen gelernt. Er, der kritische Gewerkschafter und stellvertretende Vorsitzende im Betriebsrat der Chemie-Firma Cassella, und ich, der katholische Pfarrer. Protest gegen Ausländerhass im Stadtteil hatte uns ursprünglich zusammengeführt.

Und jetzt – 1995 – sollte Cassella an die Hoechst AG (Mehrheitseigentümerin der Cassella) verkauft werden, „auf sie verschmolzen“ werden. Viele Arbeitsplätze in Fechenheim und darüber hinaus der Stadtteil waren in Gefahr. Jürgen und ich setzten uns zusammen: Was können wir tun – Belegschaft und Kirchengemeinde zusammen? Eigentlich war uns klar: Nichts.

Trotzdem phantasierten wir drauf los: Man müsste … Und dann entstand eine Idee: Eine (für Fechenheimer Verhältnisse) „Groß“- Veranstaltung (groß musste sie schon sein, wenn sie irgendwie wirksam sein sollte), um die Interessen der Belegschaft und des Stadtteils dem Interesse der Mehrheitsaktionäre entgegenzustellen. Fernsehmoderator? Oberbürgermeister? Und – da gerade Wahlkampf – OB-Kandidatin? … Und dann lachten wir miteinander: ganz schön größenwahnsinnig!

Aber wir blieben dabei. Schlimmstenfalls war unser Risiko, dass unser Versuch bekannt würde und erfolglos blieb und wir dafür ausgelacht würden. – Aber sie kamen alle und haben mitgemacht und sich gestellt. Und der Saal war voller Menschen. Das Fernsehen hat berichtet. Die Problematik kam mit dem ihr gebührenden Gewicht in die Öffentlichkeit. Und vor Ort entstand daraus ein „Runder Tisch“ unter Beteiligung aus Belegschaft, Firmenleitung, Kirchengemeinde und Stadtteil.

Zwar wurde dadurch weder der Verkauf von Cassella an Hoechst und damit der Abbau von Arbeitsplätzen verhindert noch die vorauszusehenden Nachteile für den Stadtteil. Aber die Alternative wäre gewesen, die Sorgen der Menschen links liegen zu lassen. Und das wollten wir nicht! In dem Bestreben, dem Gemeinwohl mehr Geltung zu verschaffen als einem Gruppeninteresse – oder mit den Worten von Jesus aus dem Evangelium: „Diener aller (zu) sein“ – , nahmen wir gerne die Unterstellung in Kauf, wir wollten uns damit nur selber „groß machen“.

(Aus dem Buch „Den Retter-Gott ranlassen. Damit Kirche wirklich Kirche ist“ Kapitel 23 „Jesus offenbart, wozu Großsein gut ist“)

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Rainer Petrak