Blogbeitrag

1998 Fechenheim am Mainufer

Was mich prägt

19. Mai 2022

Sonntagsbotschaft zum 22. Mai 2022, dem 6. Ostersonntag (Lesejahr C). 

Was würden Sie sagen, was typisch ist für Ihr Leben – für Ihren ganzen bisherigen Lebensweg – oder auch, was Ihr jetziges Leben charakterisiert? Wodurch ist das geprägt? Durch äußere Umstände? Oder durch Merkmale der eigenen inneren Einstellung? Oder durch bestimmte Personen, die Einfluss haben auf Ihre Lebensweise?

Für katholische Gottesdienste an diesem Sonntag ist ein Gebet vorgesehen, das sich auf diese Frage bezieht und dabei eine bestimmte Richtung vorschlägt und nahelegt:

Allmächtiger Gott,
lass uns die österliche Zeit
in herzlicher Freude begehen
und die Auferstehung unseres Herrn preisen,
damit das Ostergeheimnis,
das wir in diesen fünfzig Tagen feiern,
unser ganzes Leben prägt und verwandelt. …
(Tagesgebet am 6. Sonntag der Osterzeit)

Diese Bitte setzt also voraus, dass die jetzige Situation noch nicht von dem geprägt ist, was wir fünfzig Tage lang als „Ostern“ feiern. Und das Gebet setzt eine Hoffnung voraus: dass sich das noch ändert; Gott möge uns doch bitte dafür beistehen.

Das entlastet alle, die sich abgehängt vorkommen, weil sie noch nicht den Eindruck haben, dass „Ostern“ ihr Leben prägt, ein froher Neuanfang aus Tod und Auferstehung von Jesus.

Da liegt die Frage nahe, wie denn eine solche glückliche „Verwandlung“ des Lebens durch Gott zustande kommen kann, damit es von „Ostern“ geprägt sei.

Die Vorstellung, die damals bei den ersten Christen jüdischer Herkunft gang und gäbe war, entspricht wahrscheinlich der Sichtweise, die mehr oder weniger zu allen Zeiten und auch in unserer Kultur üblich ist: Erfreuliche Veränderungen im Leben verstehen da Menschen als Belohnung oder Verdienst für ihr Wohlverhalten oder als Folge glücklicher Fügung einer günstigen Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Die Konsequenz: Wenn Menschen, die sich nicht „verdient“ gemacht haben oder die einfach nicht „dazugehören“, – wenn sie auch in der Begegnung mit Jesus die glücklichen Veränderungen ihres Lebens erleben wollen, die er den frommen Gliedern seines Volkes bringt, dann müssen sie sich entsprechend verhalten und erst mal den Status als Glied seines Volkes erlangen.

Diese Einstellung hatten die ersten – jüdischen – Christen in Jerusalem. Für sie war selbstverständlich, dass Gottes Begegnung in Jesus für die Menschen seines Volkes gemeint war.

Und dann ändert sich das: Etwa zehn bis fünfzehn Jahre nach Ostern. Erst gibt es Streit. Im Lauf der ausgiebigen Diskussion finden sie dann zu einem Konsens: Auch mit Menschen aus allen anderen Völkern wollen sie ihre Erfahrungen und Hoffnungen teilen in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Wie kommt es zu dieser Veränderung?

Sie selber schreiben ihre Einigung dem Heiligen Geist zu, für dessen prägende Einwirkung sie sich geöffnet haben. Die Apostelgeschichte beschreibt ausführlich, wie es zu der Verwandlung kam. Eine Zusammenfassung davon – auch als Muster für entsprechende Situationen unserer Zeit – ist als Erste Lesung dieses Sonntags zu hören.

Es fing damit an, dass einige aus Jerusalem in die Gemeinde in Antiochia kamen und daran Anstoß nahmen, dass Paulus und Barnabas die Taufe von Nichtjuden zuließen.

In jenen Tagen
kamen einige Leute von Judäa herab
und lehrten die Brüder:
„Wenn ihr euch nicht
nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst,
könnt ihr nicht gerettet werden.“
Da nun nicht geringer Zwist und Streit
zwischen ihnen und Paulus und Barnabas entstand,
beschloss man,
Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen
sollten wegen dieser Streitfrage
zu den Aposteln und den Ältesten
nach Jerusalem hinaufgehen.

Und das Ergebnis der Beratungen in Jerusalem – nach heftigen Auseinandersetzungen:

Da beschlossen die Apostel und die Ältesten
zusammen mit der ganzen Gemeinde,
Männer aus ihrer Mitte auszuwählen
und sie zusammen mit Paulus und Barnabas
nach Antiochia zu senden,
nämlich Judas, genannt Barsabbas, und Silas,
führende Männer unter den Brüdern.
Sie gaben ihnen folgendes Schreiben mit:

„Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder,
grüßen die Brüder aus dem Heidentum
in Antiochia, in Syrien und Kilikien.
Wir haben gehört,
dass einige von uns,
denen wir keinen Auftrag erteilt haben,
euch mit ihren Reden beunruhigt
und eure Gemüter erregt haben.
Deshalb haben wir einmütig beschlossen,
Männer auszuwählen
und zusammen mit unseren geliebten Brüdern
Barnabas und Paulus
zu euch zu schicken,
die beide für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn,
ihr Leben eingesetzt haben.
Wir haben Judas und Silas abgesandt,
die euch das Gleiche auch mündlich mitteilen sollen.
Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen,
euch keine weitere Last aufzuerlegen
als diese notwendigen Dinge:
Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes
und Unzucht zu meiden.
Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig.
Lebt wohl!“
(Apostelgeschichte 15, 1-2.22-29)

In ihrer Beratung haben sie sich verwandeln lassen: Nicht mehr der Geist der althergebrachten, kulturell bedingten Einstellung sollte bei einem Konflikt wie diesem ihre Einstellung prägen. Vielmehr ließen sie sich von dem Geist leiten, den sie an Jesus kennengelernt haben.

Jetzt stand die Tür offen für ihre Bereitschaft, in die ganze Welt zu gehen und die Botschaft von der befreienden Erneuerung des Lebens durch Jesus Christus allen Menschen zu bringen.

So konnten weltweit und zu allen Zeiten immer wieder Menschen die Erfahrung machen, wie Ostern das Leben prägen und verwandeln kann.

Der als Antwort auf diese Schriftlesung vorgesehene Psalm legt auch den Ostern feiernden Christen unserer Tage den entsprechenden dankbaren Jubel in den Mund:

Gott sei uns gnädig und segne uns.
Er lasse sein Angesicht über uns leuchten,
damit man auf Erden seinen Weg erkenne
deine Rettung unter allen Völkern.

Die Nationen sollen sich freuen und jubeln,
denn du richtest die Völker nach Recht
und leitest die Nationen auf Erden.
Die Völker sollen dir danken, o Gott,
danken sollen dir die Völker alle.

Die Erde gab ihren Ertrag.
Gott, unser Gott, er segne uns!
Es segne uns Gott.
Fürchten sollen ihn alle Enden der Erde.
(Psalm 67,2-3.5-6.7-8)

Die Veränderungen des Lebens hin zu einer geradezu neuen Welt, die Christen jetzt erfahren und zunehmend erhoffen, das beschreibt der Seher Johannes in seiner großen Vision im Buch der Offenbarung. Die Zweite Schriftlesung dieses Sonntags bringt einen Teil daraus.

Die wunderbare Prägung und Verwandlung des Lebens durch das Ereignis von Ostern malt er mit der Dynamik der neuen Stadt Jerusalem, die vom Himmel herabkommt. Er beschreibt das mit Bildern, die staunende und dankbare Freude atmen und Lust dazu machen, sich in dieses Geschehen einbeziehen zu lassen.

Ein Engel entrückte mich im Geist
auf einen großen, hohen Berg
und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem,
wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam,
erfüllt von der Herrlichkeit Gottes.
Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein,
wie ein kristallklarer Jaspis.
Die Stadt hat eine große und hohe Mauer
mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf.
Auf die Tore sind Namen geschrieben:
die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels.
Im Osten hat die Stadt drei Tore
und im Norden drei Tore
und im Süden drei Tore
und im Westen drei Tore.
Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine;
auf ihnen stehen
die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.
Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt.
Denn der Herr, ihr Gott,
der Herrscher über die ganze Schöpfung,
ist ihr Tempel,
er und das Lamm.
Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond,
die ihr leuchten.
Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie
und ihre Leuchte ist das Lamm.
(Offenbarung 21,10-14.22-23)

Wenn Ostern das ganze Leben prägt und verwandelt – , so betont es diese Vision – , so kommt das nicht durch besondere menschliche Leistung zustande oder durch Menschen mit einer herausragenden Stellung in der Gesellschaft, sondern das „fällt“ einfach vom Himmel, ist ganz und gar Gottes Zuwendung zu verdanken. Hauptsache: Menschen lassen sich damit beschenken.

Das setzt die Bereitschaft voraus, aufzuhören mit all dem „Wir sind besser als die anderen“ – aufzuhören mit den Wettkämpfen, die den Stärkeren mehr Rechte zubilligen und bei allen anderen nur Heulen und Zähneknirschen und Verletzungen und Tränen mit sich bringen.

Die neue Welt, die durch Jesus Christus möglich geworden ist und mit seinem Tod und seiner Auferstehung, eben mit „Ostern“ angefangen hat, – diese neue Welt setzt die Bereitschaft voraus, nicht weiterhin selber Gott sein zu wollen, sondern in Gemeinschaft nach seinem Willen und nach seinem Weg zu fragen.

Das wird nur gehen, wenn man es macht wie Er, der „nicht daran festhielt, Gott gleich zu sein, sondern sich entäußerte …“ (vgl. Philipper 2,6-8). Für eine solche Einstellung wirbt Jesus bei denen, die sich an ihn und sein Wort halten wollen. Wie die Worte eines Testaments sagt er zu ihnen das nach seinem letzten Mahl mit ihnen zum Abschied – : Evangelium dieses Sonntags:

„Wenn jemand mich liebt,
wird er mein Wort halten;
mein Vater wird ihn lieben,
und wir werden zu ihm kommen
und bei ihm Wohnung nehmen.
Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht.
Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir,
sondern vom Vater, der mich gesandt hat.
Das habe ich zu euch gesagt,
während ich noch bei euch bin.
Der Beistand aber, der Heilige Geist,
den der Vater in meinem Namen senden wird,
der wird euch alles lehren
und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Frieden hinterlasse ich euch,
meinen Frieden gebe ich euch;
nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.
Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.
Ihr habt gehört, dass ich zu euch sagte:
Ich gehe fort und komme wieder zu euch.
Wenn ihr mich liebtet,
würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe;
denn der Vater ist größer als ich.
Jetzt schon habe ich es euch gesagt,
bevor es geschieht,
damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt.“
(Johannes 14, 23-29)

1. Sei getrost und unverzagt, / freue dich an deinem Leben; /
denn Gott hat dir zugesagt, / dich mit Liebe zu umgeben. /
Blühe auf in seinem Licht – / sei getrost, fürchte dich nicht.

1. Eine große Stadt ersteht, / die vom Himmel niedergeht /
in die Erdenzeit. / Mond und Sonne braucht sie nicht; /
Jesus Christus ist ihr Licht, / ihre Herrlichkeit.

2. Hab den Mut, aufrecht zu gehn, / auch wenn andre längst sich beugen, /
gegen Lügen aufzustehn / und die Wahrheit zu bezeugen. /
Sei ein Mensch, der Frieden schafft – / dazu schenkt dir Gott die Kraft.

2. Lass uns durch dein Tor herein / und in dir geboren sein, /
dass uns Gott erkennt. / Lass herein, die draußen sind; /
Gott heißt jeden von uns Kind, / wer dich Mutter nennt.

3. Stark und zäh dein Wille sei / gegen Bosheit, Hass u. Schrecken; /
geh nicht unter, bleibe frei, / Gottes Spuren zu entdecken: /
hier in der oft kalten Welt, / birgt er dich in seinem Zelt.

3. Dank dem Vater, der uns zieht / durch den Geist, der in dir glüht; /
Dank sei Jesus Christ, / der durch seines Kreuzes Kraft /
uns zum Gottesvolk erschafft, / das unsterblich ist.

4. Gott verlässt dich sicher nicht, / Menschen werden dich verlassen. /
Gott bleibt deines Lebens Licht, / wird sich stets neu finden lassen; /
dies ist dir fest zugesagt – / sei getrost und unverzagt.

Quelle:

  • Eine große Stadt ersteht – Text: Silja Walter, Melodie: Josef Anton Saladin – Tonaufnahme aus Gottesdienst in Herz Jesu Frankfurt-Fechenheim am 1.11.2003
  • Sei getrost und unverzagt – Text: Eugen Eckert, Melodie: Fritz Baltruweit – Tonaufnahme aus Gottesdienst in Herz Jesu Frankfurt-Fechenheim am 2.9.2001

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