Blogbeitrag

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Wer bin ich wirklich?

16. Juni 2022

Sonntagsbotschaft zum 19. Juni 2022, dem 12. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Es tut immer wieder mal gut, sich zurückzuziehen mit der Frage: Wer bin ich eigentlich? Und hilfreich ist es, hinzuhören, was Freunde dazu sagen.

Jesus hat das auch getan. Und daraus entstand eine schwergewichtige Anregung für alle, die sich ihm zurechnen und sich als Christen verstehen.

Davon erzählt die Bibel an diesem Sonntag:

In jener Zeit
betete Jesus für sich allein
und die Jünger waren bei ihm.
Da fragte er sie:
Für wen halten mich die Leute?

„Wer bin ich?“ Im Gebet und im Gespräch mit den Jüngern klärt er sein Selbstverständnis.

Sie antworteten:
Einige für Johannes den Täufer,
andere für Elija;
wieder andere sagen:
Einer der alten Propheten ist auferstanden.
Da sagte er zu ihnen:
Ihr aber, für wen haltet ihr mich?
Petrus antwortete: Für den Christus Gottes.
Doch er befahl ihnen
und wies sie an,
es niemandem zu sagen.

Nein, das dürfen sie nicht öffentlich sagen! Denn das klingt ja, als ob er in Israel Anspruch auf den Königsthron erheben würde.

Zwar sah er sehr wohl als seine Lebensaufgabe, Gottes Willen zu tun: nämlich die Menschen zu befreien und aus allem Unheil zu führen; das zu verkünden und damit anzufangen. Die Sorge dafür, dass Gottes Herrschaft zur prägenden Kraft im Leben der Menschen wird, das war ihm schon klar, dass das sein Leben ist. Er hat ja auf das Volk so einzuwirken versucht, dass die von alters her ersehnte „Königsherrschaft“ Gottes endlich Gestalt annehmen kann.

Aber ihn als den „Christus“, den gesalbten König öffentlich zu proklamieren? Da hätten sie ihn ja zum Aufrührer erklärt und gleich alles kaputt gemacht! Nein, dafür war es zu früh!

Erst einmal musste er genügend Gelegenheit haben zu zeigen: Der Gott, für den er leibhaftig steht, der „herrscht“ anders: nicht als der „starke Mann“; vielmehr als der, der sich hingibt! Nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe! Erst müssen sie diese seine Art erleben und schätzen lernen! Erst muss klar werden, worum die Auseinandersetzung wirklich geht und wie wertvoll es ist, darin auf seine Weise Position zu beziehen.

Da es ans Eingemachte geht, müssen zuerst die Positionen klar gemacht werden, ihre Kräfte, die Risiken und die Chancen. Also öffnet er ihnen dafür die Augen:

Und er sagte:
Der Menschensohn muss vieles erleiden
und von den Ältesten,
den Hohepriestern und den Schriftgelehrten
verworfen werden;
er muss getötet
und am dritten Tage auferweckt werden.

Wiederholt versucht Jesus, seinen Vertrauten diese Perspektive zu vermitteln als Erfüllung seines Lebens. Immer wieder erschrecken sie und schütteln widerstrebend den Kopf. Er aber steht voll und ganz zu diesem Weg. Das ist seine andere Art der Selbstverwirklichung, sein „Ich“. Von der alten Selbstbehauptung, mit der die Menschen meinen, ihre Existenz sichern zu müssen, sagt er sich los und gibt sich einem neuen Leben hin.

Nun aber gehen sie mit ihm und verstehen sich als ihm zugehörig, als seine Anhänger; seine „Jünger“ nennt sie die Bibel; „Christen“ heißen sie sehr bald.

Für Christen entsteht so das Risiko, mit ihm in einen Topf geworfen zu werden. Vor allem wenn sie anfangen, es ihm gleich zu tun und Gottes andere Herrschaft auszubreiten. Gar wenn Menschen dann entdecken, dass diese Art von „Gottes Reich“ Frieden in die Welt bringt, so dass sie sich von den etablierten Herrschaften abzuwenden beginnen. Dass können die natürlich nicht zulassen und dann wird es riskant für seine „Christen“.

Hier setzt die Fortsetzung an im Evangelium des Lukas. Da ist von „allen“ die Rede. „Bei“ ihm, wohin er zum Beten allein gegangen war, sind aber nur die „Jünger“, wie Lukas gesagt hatte. Wenn er davon hier abhebt, dass die folgenden Worte „zu allen“ gesagt sind, ist anscheinend eine andere Situation gemeint. Ja vielleicht fasst Lukas hier das Liebeswerben zusammen, mit dem Jesus immer wieder Menschen für das neue Selbstverständnis und für die entsprechende neue Selbstverwirklichung anzuregen suchte:

Zu allen sagte er:
Wenn einer hinter mir hergehen will,
verleugne er sich selbst,
nehme täglich sein Kreuz auf sich
und folge mir nach.

„Verleugnen“? – „Kreuz“?

Das deutsche Wort „verleugnen“ ist sehr negativ besetzt. Das klingt nach „Lüge“, also nach einer Verweigerung gegenüber der Wirklichkeit und einer Verfälschung der Wahrheit. Das kann es natürlich nicht sein.

Das griechische Wort αρνησάσθω εαυτον ist eine Aufforderung, sich zu lösen, sich loszusagen von einer Art der Bindung an mich selbst, die meinem Interesse oder Begehren grundsätzlich Vorrang einräumt.

Es geht um eine Veränderung der Perspektive, der Blickrichtung, der Gewichtung von Maßstäben fürs Handeln. Mit dieser Aufforderung zielt Jesus also darauf: Hinter ihm hergehen wollen, Christ sein wollen sollte, wem ein so verändertes Selbstverständnis eigen ist, wer vom alten, Ich-bezogenen Selbst gelöst, also „selbst-los“ handeln will, sich hin-geben will.

Inhalt und Zielrichtung des Weges hinter ihm her, wer das mit ihm will als Alternative zur Selbstbezogenheit, so sagt Jesus, „nehme sein Kreuz auf sich“.

„Täglich“, es geht ihm also nicht um punktuelle Ausnahmesituationen, sondern um eine alltägliche Lebenseinstellung, um eine Haltung.

Um welche Haltung?

Das Wort „Kreuz“ steht – von seiner Vollendung her gesehen – als Inbegriff für den Rückblick auf seinen gesamten Weg: für seine Bereitschaft, Leib und Blut und Leben hinzugeben, wenn nur dadurch Menschen in Bedrängnis gerettet werden.

Schon seit seinem ersten Auftreten in Nazareth, wo sie ihn dafür einen Abhang hinabstürzen wollten, war er sich dieses Risikos bewusst und dazu bereit bis zu seinem Ende am Kreuz.

So steht das „Kreuz“ für das, was einem passieren kann, wenn man leben will wie Jesus.

Und warum sollte ich?

Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; …

Wer in der alten, überholten, ich-bezogenen Einstellung verharren will, muss halt dann selber und alleine sehen, wie er den Kopf über Wasser halten kann – angesichts Gewalt, Krieg, Tod, Hass, Egoismus, Zerstörung, …

… wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,
der wird es retten.
(Lukas 9,18-24)

Womit die Rettung konkret anfangen kann, davon spricht die 2. Lesung des Sonntags. In seinem Brief an die jungen Christengemeinden in Galatien, in der heutigen Türkei, appelliert Paulus an die gleiche Aufmerksamkeit und Wertschätzung für alle anderen wie auch für mich:

Ihr alle seid durch den Glauben
Söhne Gottes in Christus Jesus.

„Ihr“, also wenn ihr euch solchem neuen Miteinander anvertraut, dann merkt ihr, mit Gottes Augen gesehen: Ihr seid alle seinem Sohn Jesus Christus gleich!

Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid,
habt Christus angezogen.
Es gibt nicht mehr Juden und Griechen,
nicht Sklaven und Freie,
nicht männlich und weiblich; …

Da gibt es also nicht mehr Befehlende und Ausführende, Übermächtige und Ohnmächtige, Profiteure und Ausgesaugte, Privilegierte und Benachteiligte, Bestellende und Bedienende, … Alle Unterscheidungen solcher Art müssen jetzt abdanken.

… denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.

Damit kann man sich ganz schön Feinde machen! Das „Kreuz“ winkt.

Aber die Verbundenheit mit den anderen in der Gleichheit mit Jesus Christus schafft „Resilienz“ zur Auseinandersetzung und für Veränderungen.

Ich las – leider weiß ich nicht mehr, wo: Resiliente Menschen „zerbrechen“ nicht, sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie haben eine gewisse Widerstandsfähigkeit, wenn sie sich in dramatischen Situationen befinden, wenn sie Krisen auszuhalten oder Schocks zu verkraften haben. Das gelingt ihnen, weil sie auf persönliche und sozial vermittelte Kraftquellen zurückgreifen können.

Paulus benennt als Kraftquelle:

Wenn ihr aber Christus gehört,
dann seid ihr Abrahams Nachkommen,
Erben kraft der Verheißung.
(Galater 3,26-29)

Gemeint ist die Verheißung an Abraham:

Durch ihn sollen alle Völker der Erde
Segen erlangen.
(Genesis 18,18; vgl. auch 12,2; 26,4; 28,14)

 

Eine Nachbemerkung muss ich noch loswerden:

Kirchliches Brauchtum, das auch auf volkstümliche Vorstellungen eingewirkt hat, sieht das mit dem „Kreuz“ oft anders: Da gelten als „Kreuz“ Nöte aller Art, unter denen ein Mensch zu leiden hat.

Wer mit dieser Sichtweise Jesus sagen hört, wer ihm nachfolgen will, solle täglich sein Kreuz auf sich nehmen, der wird das als einen Appell verstehen, der ihn zusätzlich unter Druck setzt.

Der doch angeblich „die Mühseligen und Beladenen erquicken“ will, der lässt mich da mit meinem Leid allein, überfordert mich und macht mir auch noch Schuldgefühle, wenn ich mich gegen mein Leid zu wehren suche?!

Zugleich werden in dieser Sichtweise alle die allein gelassen, die auf dem Weg „hinter Jesus her“ gemeinsam mit ihm sich engagieren und hingeben, damit Menschen ihr Leid los werden. Die Freude an solcher Erfüllung des Lebens, selbst wenn sie dafür heute denselben riskanten Ärger bekommen wie Jesus damals, also in seinem Sinne das „Kreuz“ auf sich nehmen, – die Freude daran fällt unter den Tisch. Das Bewusstsein, mein eigenes Leben damit nicht zu verlieren, sondern im Gegenteil zu „retten“ und dass darauf die Verheißung eines großen Segens liegt, bleibt außen vor.

Der verbreiteten niederdrückenden Sichtweise vom „Kreuz-Tragen“ habe ich 2012 ausführlich in meinem Buch „Jeder muss halt sein Kreuz tragen???“ die zentrale Einladung und Zusage von Jesus entgegengestellt: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.“

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