Blogbeitrag

1985 PGR-Wochenende Unser Glaube

Wertschätzung statt Wettbewerb

25. August 2022

Sonntagsbotschaft zum 28. August 2022, dem 22. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

„Vergelt’s Gott!“ Wenn in der Zeit meiner Kinderjahre das jemand sagte, hörte ich immer „Für den Geld-Gott!“ und konnte damit nichts anfangen. Ich verstand nur, dass da jemand sich für ein Geschenk oder für eine Einladung bedanken wollte – und zwar ohne zu bezahlen. Aber was hieß dabei „Geld-Gott“? Sollte der – wer immer das auch sein mochte – an Stelle des Beschenkten oder Eingeladenen bezahlen?

Jaja, der mit „Gott“ Gemeinte sollte das vergelten, verstand ich später ganz richtig.

Muss denn immer einer bezahlen?

Ich habe Menschen sagen hören „Ich stehe in deiner Schuld“, wenn jemand ihn großzügig beschenkt hat. Dazu passt der Brauch, dass im Französischen Menschen dann um Erbarmen bitten: „Merci!“ und Spanier um Gnade: „Gracias!“ Ist es denn so schwer, sich beschenken oder einladen zu lassen – ohne Gegenleistung?

Macht denn der andere mir ein Problem, wenn er Freude daran hat oder es ihm eine Ehre ist, mich einzuladen oder mir etwas zu schenken? Muss ich denn da unbedingt Vergeltung üben oder mich „revanchieren“ – auf Deutsch „rächen“?

Was verbirgt sich dahinter?

Wer mich einlädt, – sollte ich ihn verdächtigen, dass er mich damit zu einer Gegenleistung verpflichten will? Oder, dass er sich damit irgendwie über mich stellen will – in einer sozialen Rangordnung oder sonstigen Stufenleiter der Anerkennung?

Das Gegenteil wäre ja ebenso möglich: Dass jemand seine Freude daran hat, gerade mich einzuladen. Welche Ehre für mich, dass ich ihm so wichtig bin!

Allerdings kann es dann sein, dass mir das Gefühl nicht schmeckt, dass das Maß meiner Ehre von seinem Wohlwollen abhängig ist. Lieber stelle ich meine Ehre selber her, etwa durch meine mindestens ebenbürtige Revanche. Wenn der Gastgeber dann aber merkt, dass mir seine Einladung zum Anlass wird, ein mir drohendes Schuldgefälle zu vermeiden und Revanche zu wollen oder auch sein Programmangebot mit meiner Gegeneinladung zu toppen, dann ist seine Freude natürlich im Eimer; das Ganze ist dann ja zur Wettkampf-Veranstaltung um die größere Ehre verkommen.

Auch kann die Frage aufkommen: Gibt es denn da Unterschiede, wie sehr sich der Gastgeber über Anwesenheit und Nähe der einen und der anderen Gäste freut? Wenn Plätze zugeteilt werden, könnte die Entfernung zum Gastgeber ein Maß dafür sein, wieviel Freude ihm meine Nähe bedeutet? Die Ehrenplätze schlechthin sind ja links und rechts neben dem Gastgeber!

Andere Menschen sagen, solche Erwägungen sind übertrieben oder gekünstelt oder über-sensibel.

Das Evangelium dieses Sonntags nimmt das zum Thema:

Jesus kam …
in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. …
Als er bemerkte,
wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, …
sagte er zu ihnen:
Wenn du von jemandem
zu einer Hochzeit eingeladen bist,
nimm nicht den Ehrenplatz ein!
Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein,
der vornehmer ist als du,
und dann würde der Gastgeber,
der dich und ihn eingeladen hat, kommen
und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz!
Du aber wärst beschämt
und müsstest den untersten Platz einnehmen.
Vielmehr, wenn du eingeladen bist,
geh hin und nimm den untersten Platz ein,
damit dein Gastgeber zu dir kommt
und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf!
Das wird für dich eine Ehre sein
vor allen anderen Gästen.
Denn wer sich selbst erhöht,
wird erniedrigt,
und wer sich selbst erniedrigt,
wird erhöht werden.

Worum geht es da? Das steht ja nicht im Evangelium, weil es eine Anweisung für das Verhalten bei Hochzeitsfeiern brauchte. Offensichtlich ist das hier nur ein Beispiel für ein allgemein verbreitetes Problem im menschlichen Miteinander:

Wie geht es den verschiedenen Beteiligten, wenn sie zusammenkommen, um das Leben zu leben; wenn sie hinzutreten zu einem gemeinsamen Unterfangen?

Dass es da in einer strukturierten Gesellschaft Unterschiede gibt, ist klar: Die einen haben eine Initiative ergriffen, die anderen lassen sich zusammenrufen. Die einen sind Akteure, andere sind Beteiligte oder Betroffene. Die einen sind überall bekannt, die anderen kennt kaum einer. Die einen haben schon Anerkennung gefunden, die anderen bemühen sich. Die einen kommen gerne, den anderen ist es vielleicht eher lästig.

Wie geht es all diesen Menschen? So unterschiedlich ihre Situation und ihr Platz in der Gesellschaft auch sein mag, Jesus richtet den Blick auf sie alle.

Keiner soll erniedrigt oder beschämt werden. Niemand soll sich vernachlässigt oder ungerecht behandelt sehen. Vielmehr vertritt er das Interesse, dass die Menschen Wertschätzung erfahren, Ehre erfahren, Anerkennung – oder wie man das auch immer nennen mag. Durch ihr Hinzutreten soll es ihnen nicht schlechter gehen, sondern besser. Nicht – durch irgendwelche Umstände oder Personen verursacht – nicht erniedrigt sollen sie sich erleben, sondern erhöht.

Wir reden da von Prestige, Image, Status, Geltung … Jesus warnt: Wer sich selber einbringt in einer Weise, die nach einem solchen Streben aussieht, macht sich unbeliebt und wird eher weniger Wertschätzung ernten. Wer sich aufdrängt für das, was wir eine „gehobene Position“ nennen, hat weniger Chancen auf eine ehrenvolle Aufgabe als eine andere Person, die wegen ihrer schon anerkannten Vertrauenswürdigkeit vorgeschlagen wird. Da helfen auch ersatzweise zur Bewerbung eingesetzte Statussymbole herzlich wenig – wie etwa ein beanspruchter Ehrenplatz vor der Fernsehkamera.

Schließlich wendet sich Jesus auch an die Menschen auf der anderen Seite:

Dann sagte er zu dem Gastgeber:
Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst,
so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder,
deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein;
sonst laden auch sie dich ein,
und damit ist dir wieder alles vergolten.
Nein, wenn du ein Essen gibst,
dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.
Du wirst selig sein,
denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; …
(Lukas 14, 1.7-14)

Deine Freude am Einladen oder auch am Beschenken wird dann nicht geschmälert durch Vergeltung, Revanche, Rache … Und wenn doch einer meint, um Erbarmen bitten zu müssen – „merci!“ – , wirst du ihm ehrlich lachend sagen können, dafür gibt es „keine Ursache“!

So entsteht Wertschätzung auf allen Seiten. Dein Zeichen der Verehrung für die Gäste wird als Liebe wahrgenommen werden, wird gelten und angenommen werden, ohne durch Bezahlung, durch Vergeltung abgewertet zu werden.

Das Evangelium wirbt bei uns um diese Alternative: Wo Jesus ist, wo sein Blick für den Menschen das Miteinander prägt, kann ich gewiss sein, nicht links liegen gelassen zu werden. Wo solche Wertschätzung herrscht, wird aller Wettbewerb, alle Konkurrenz um die bessere Position und um number-one-Prestige nebensächlich.

Eigentlich ist dieser Evangeliums-Abschnitt selber eine großartige Einladung.

Die 2. Lesung des Sonntags beschreibt sozusagen die Stimmungslage, besser: das Wesen der Situation von Menschen, die Gottes Einladung zum Bund mit ihm gefolgt sind und nun merken, dass sie da einem Gemeinwesen hinzugetreten sind, für das ein solches Miteinander ohne Angst und in gegenseitiger Wertschätzung typisch ist:

Schwestern und Brüder!
Ihr seid nicht
zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hinzugetreten,
zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind,
zum Klang der Posaunen
und zum Schall der Worte,
bei denen die Hörer flehten,
diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden.
Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hinzugetreten,
zur Stadt des lebendigen Gottes,
dem himmlischen Jerusalem,
zu Tausenden von Engeln,
zu einer festlichen Versammlung
und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen,
die im Himmel verzeichnet sind,
und zu Gott, dem Richter aller,
und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten,
zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus.
(Hebräer 12, 18-19.22-24a)

Es ist die gleiche Vision, wie sie das Buch der Offenbarung des Johannes malt: die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her wie direkt aus dem Himmel herunter kommend, seine Wohnung unter den Menschen: er in ihrer Mitte und sie sein Volk … (vgl. Offb 21)

Da will man gerne mittendrin dabei sein und dazugehören – zur Gemeinschaft derer, die Gottes Verheißungen trauen und deshalb gerne schon mal damit anfangen.

Da kann dann das Reich Gottes wachsen und sein Wille geschehen: dass jeder Mensch hohe Wertschätzung bekommt!

Was wir dann mal 1985 auf einem Besinnungs-Wochenende des Pfarrgemeinderats gemeinsam so in Worte gefasst haben:

Jeder Mensch bei uns und auf der ganzen Erde
soll erfahren, dass sein eigener Wert sehr, sehr groß ist –
indem seine Grundbedürfnisse erfüllt werden,
er Anerkennung erfährt,
er Interesse und Zuwendung findet,
seine Würde und Rechte geachtet werden,
er Partner und Unterstützung findet –  
für die Entfaltung seines Lebens bis hin zur Füll
und zwar durch Menschen, die entsprechend handeln –  
so wie Jesus das gemeint hat
Das ist Gottes Wille und Ziel von Christengemeinde.

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