Blogbeitrag

Messeturm

Worauf es heute ankommt (2014)

19. November 2014

Die Situation

2014 in Frankfurt. Wie damals: Fünfundzwanzigstes Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Sie sind in Jerusalem angekommen. In der Höhle des Löwen. Jesus will das so. Jetzt geht’s zur Sache. Der Konflikt spitzt sich zu: Sie hatten Jesus kennen gelernt und verstanden, worum es ihm geht. Von Anfang an haben sie versucht: Nein nein, der mit seinen Ideen, der muss weg! Ich erinnere: Schon nach seiner ersten Predigt in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth haben sie versucht, ihn vom Berg zu stürzen. Was ist denn das Problem?

Der Konflikt

Jesus sieht, wie es den Menschen geht. Da gilt der Mensch nur so viel, wie er sich an einen herrschenden Willen anpasst und sich ihm unterwirft. Er ist nur so viel wert, wie er leistet. Er muss mitspielen mit den herrschenden Personen, Kräften, Ideologien, Systemen, Strukturen, …, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Er gilt nur so viel wert, wie er dem herrschenden Willen gehorsam ist – an Leistung, an Moral, Arbeit, Erfolg, Frömmigkeit, …; da muss man durch und wenn es noch so viele Schweißtropfen kostet. Natürlich macht das krank und es lähmt. Eigentlich kann man sich da nur retten, indem man taub und stumm und blind wird. Und Jesus, der das sieht, protestiert: Nein!! Er fängt an, dagegen zu wirken. Er bezieht Position: die Position Gottes, was Er für die Menschen will. Jesus verkündet, ja er verkörpert Gott ganz anders als die, die Gott zum Werkzeug ihres Willens degradiert hatten. Der Knackpunkt ist: Jesus respektiert jeden Menschen, vermittelt jedem seine Wertschätzung. Er zeigt: Jeder Mensch ist geliebt – um seiner selbst willen! Ohne dass an irgendetwas Maß genommen wird – bedingungslos, ja grenzenlos! Unabhängig von wirtschaftlicher oder moralischer oder frommer oder sonstiger Vorleistung. Und das soll immer mehr im Leben und in der Welt der Menschen zur prägenden, zur alles bestimmenden, eben zur herrschenden Kraft werden! Gottes Herrschaft, Gottes Reich, „Himmelreich“, wie es bei Matthäus immer heißt. Das ist für Jesus die stärkste, leidenschaftlich vertretene Bestrebung: Gottes Wille. Das ist das Motiv und das Ziel bei all seinem Tun und Reden. Darum ging und geht es ihm letztendlich zu allen Zeiten und in allen Situationen, in denen Menschen stehen können! Und dieser Konflikt ist so brisant und geht den in der Gesellschaft real herrschenden Kräften so sehr ans Leder, dass die ihn beseitigen wollen. Und jetzt ist es dann so weit – in Jerusalem.

Jesus am Kreuz

Die mit ihm gehen

In dieser Situation nimmt Jesus sich noch mal Zeit mit denen, die mit ihm gehen, die von ihm fasziniert sind: seine Freunde, seine Anhänger. Er will noch mal, sozusagen zusammengefasst, ihnen transparent machen, die Augen öffnen für das, worum es ihm geht. Und er stellt sie auf den Konflikt ein: Er wirbt um ihren Mut und um ihr Vertrauen, dass sie sich dem Konflikt stellen, dass sie Anteil nehmen und Anteil bekommen – nämlich an der großen Freude, die Welt zu verändern; an der großen Freude Gottes, Heil in alles Unheil der Welt zu bringen; Anteil an der großen Freude, dorthin, wo der Tod und seine Komplizen herrschen, Leben in Fülle hineinzubringen. Auch wenn es einem selbst „das Kreuz“ einbringt. Und in der Zeit, die er sich da mit seinen Freunden nimmt, versucht er, ihnen das verständlich zu machen und sie dafür zu motivieren, indem er eine Reihe von Gleichnissen erzählt, also von Bildgeschichten, durch deren Bilder er eine Wirklichkeit deutlich macht.

Probleme mit der Arbeit

Vermögen investieren

In dem Gleichnis von den „Talenten“ greift er als Bild etwas auf, was allen vertraut ist: Vermögensverwaltung. Damit malt er ein Beispiel: Alle Angestellten eines Chefs werden in die Verantwortung genommen: Ich gehe jetzt weg, aber ihr sorgt für mein Vermögen. – Sie wissen alle, was sie zu tun haben. Und dann geschieht einiges. Am Ende kommt er zurück und stellt fest: Unabhängig davon, ob er einem 5 Talente gegeben hat – ein Talent Silbergeld ist so viel, wie einer in einem ganzen Arbeitsleben an Lohn bekommt – egal also, ob er einem 5 oder 2 Talente anvertraut hat, er macht die Erfahrung: 100 % Rendite haben die für mich erwirtschaftet! Ja wo kriegt man denn so eine Rendite! Das sind ja tolle Knechte, die ich da habe! – In der Tat, sie haben so geschickt investiert, dass er – wir wissen zwar nicht, welcher Zeitraum gemeint ist, aber selbst wenn es 5 Jahre sind, macht das immer noch 20 % pro Jahr; das ist eine Rendite! – Einer von den Knechten hat Angst. Er kennt seinen Chef: Wehe, ich setze sein Vermögen aufs Spiel! Also: Um auf Nummer Sicher zu gehen, riskiere ich gar nichts und gebe ihm einfach am Ende sein Geld ungeschmälert zurück. Nur ja keine Risiken eingehen! Aber wir kennen das ja: Je weniger Risikobereitschaft, um so weniger Rendite. Er sagt seinem Chef, als der zurückkommt: Ich habe dein Geld sicher aufbewahrt; hier hast du es zurück.

Investition

Die Rolle seiner Leute

Dabei sagen die Leute, durch deren Einsatzfreude das Vermögen des Reichen so sehr gewachsen ist: Ich habe noch 2 oder noch 5 Talente dazu erwirtschaftet. Ich habe diese Rendite erreicht – durch meinen Einsatz.

Was kann da Gott schon tun?

Wozu erzählt nun Jesus dieses Gleichnis? „So ist es mit dem Himmelreich“, sagt er am Anfang zu seinen Jüngern. Also: So ist es, wenn es darum geht, dass Gott die herrschende Kraft sein soll und dass es um sein Vermögen, um seine Liebesfähigkeiten im Leben der Menschen geht. In der Tat, viele haben schon gesagt: Wo bleibt denn Gott! Schläft er? Oder ist er auf Reisen gegangen? Und was von seiner sogenannten Allmacht, von der Summe seines Vermögens, seiner angeblich so großen Möglichkeiten, gesagt wird, – wo bleibt das denn?

Herausforderung

Gemeinschaft der Teilhaber

Jesus macht mit diesem Gleichnis aufmerksam: Gott mit seinem Bestreben, dass der Mensch zur Fülle des Lebens kommt – gar bei dem Stellenwert, den das bei ihm hat – , gewährleistet wirklich enorme Möglichkeiten. Dieses „Vermögen“ hat er all denen anvertraut, die sich ihm verbunden wissen. „Seinen Dienern“ – allen – gibt er Anteil an der Verantwortung und an der Aufgabe, an Fähigkeit und Vermögen, seine Möglichkeiten zu investieren. Seine Sache hat er ihnen in die Hände gelegt. Was er tut und was sie tun, wird jetzt verwechselbar. Sie sehen aus wie er: Sein Abbild. Welche Würde!

Nochmal: Vermögen investieren

Wir wissen sehr wohl, dass wir Talente haben, Möglichkeiten haben. Wir können in unseren Fähigkeiten die Möglichkeiten erkennen, die Gott uns anvertraut hat. Dann stellt sich die Frage: Wofür investieren wir das? – Wofür investieren Sie Ihre Fähigkeiten? Was ist Ihnen „Herr“? – Worauf kommt es mir im Letzten an? Wonach strecke ich mich in meinem Leben aus?

Heulen und Zähneknirschen?

Da ist der Konflikt aktuell: Da gibt es die in der Gesellschaft herrschende Kraft, die zwingen will mitzuspielen bei all den Gesetzen der Finanzmärkte und der Wirtschaft. Mit „Wirtschaft“ sind dabei nur die Reichen gemeint, die das Sagen haben, die schlechthin so genannten „Investoren“. Sie wollen, dass alle Menschen ihre Fähigkeiten zum Wachstum von deren Rendite einsetzen. Der Mensch zählt nur so viel, wie er tüchtig mitspielt. Die Habgier derer, die durch die Höhe ihres Vermögens in der Welt herrschen, macht jeden, der nicht mitspielt, zum Opfer ihrer Habgier: Für ihn gibt es nur noch Heulen und Zähneknirschen.

wo mein Schatz ist …

Was sich lohnt

Jeder von uns steht vor der Frage: Wie schätze ich jeweils Chancen und Risiken ein, wenn ich meine Fähigkeiten einsetze – entweder nach Gottes Absicht als hoffentlich herrschender Kraft oder nach der Absicht des Wirtschaftssystems, von dem Papst Franziskus vor ein paar Monaten gesagt hat, es tötet. Wofür investiere ich mich, wofür setze ich mich ein? Was ist mein Selbst-Verständnis, in dem ich mich dann selbst verwirklichen will? – Wenn ich mich ihm zugehörig weiß, werde ich mich in seinem Frieden wissen und erfahren – gerade da, wo es stürmisch wird. Dann traue ich dem Leben, auch wo das Risiko mir das Kreuz vor Augen hält. In dieser Perspektive ist das Leben lebendig und erfüllt. Und nicht nur für mich, nein, letztendlich immer mehr für alle. Was haben wir einen tollen Gott!

Leicht redigierte Tonaufnahme der Predigt von Rainer Petrak im Sonntags-Gottesdienst der Gemeinden St. Gallus und Maria Hilf in Frankfurt am Main am 16. November 2014 (33. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A)

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Rainer Petrak