Blogbeitrag

Collage (privat)

Kraft, die belebt

4. August 2022

Sonntagsbotschaft zum 7. August 2022, dem 19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

„Wenn’s drauf ankommt, dann hilft weder Gott noch die Gemeinde; da musst du selber die Ärmel hochkrempeln!“ So fasste in den Achtziger-Jahren die in der Gemeinde hoch geschätzte Frau S. ihre Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit zusammen.

Und heute? Obwohl die Kirchen weiterhin wertvolle Dienste leisten für Menschen, die sonst in ihrer Würde zu kurz kämen, gilt Gott nicht unbedingt als „zuhause“ in der kirchlichen Organisation der Menschen, die die Bibel „die Jünger von Jesus“ nennt. Gründe gibt es genug, dass Menschen die Kirchen heute eher als „von Gott verlassen“ sehen. Ob er überhaupt zu finden ist? Also – Ärmel hochkrempeln?

Wenn in der Bibel zu finden ist, wie Gott sich auch heute Menschen zuwendet, dürfte sich der Versuch lohnen, dem nachzuspüren, was an diesem Sonntag in den Gottesdiensten – wo immer die katholische Leseordnung befolgt wird – die Bibel ans Herz legt:

Nachdem Jesus – wie am vergangenen Sonntag zu hören war – sich geweigert hat, sich in eine Erbstreitigkeit einbinden zu lassen, sagt er in einer längeren Rede zu seinen Jüngern:

Sorgen fürs Leben macht euch nicht um Nahrung und Kleidung und dergleichen – euer Vater weiß, dass ihr das braucht!   „Vielmehr sucht sein Reich, seine Herrschaft; dann wird euch das andere dazugegeben.“ Löst euch ruhig aus der Umklammerung durch die Interessenkämpfe um alles das.

Mehr als um alles andere sollen sie dafür sorgen und sich dafür öffnen, dass Gott mit seiner väterlichen Zuwendung bei ihnen mit seinem „Reich“ anfangen kann, also dass in allem Miteinander der Menschen er mit seiner Menschenliebe zur herrschenden Kraft wird.

Und da brauchen sie auch gar keine Angst zu haben, dass sie zu wenige seien oder zu schwach und zu klein. Sie brauchen nicht zu jammern „Ach was sind wir doch eine kleine Herde! Wie soll denn da Gott seine Zusage wahr machen können!“ Sie sollen nur gewiss sein – allein darauf kommt es an: „Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“

Dass aus diesem Zusammenhang dieser nachdrücklich vergewissernde Satz zum Höhepunkt seiner Rede wird (Lukas 12,22-32), das bleibt leider an diesem Sonntag außen vor.

Denn der Evangeliums-Abschnitt beginnt mit diesen Worten (Vers 32), überlässt also alle Predigenden und die Hörenden ihrer eigenen Fantasie oder Willkür, auf welche Lebenssituation Jesus hier wohl Bezug nimmt:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Fürchte dich nicht, du kleine Herde!
Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.

Und dann gibt er Anstöße, wie sie sich schon mal für sein Reich bereit machen und von all dem lösen können, wovon sie sich bisher haben beherrschen lassen und was ihre ganze Zeit beansprucht hat:

Verkauft euren Besitz
und gebt Almosen!
Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden!
Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt,
im Himmel,
wo kein Dieb ihn findet
und keine Motte ihn frisst!
Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

Was sie haben, miteinander teilen! Ebenso wie die Risiken, die ihnen das einbringen kann, die sonst aber allein die tragen müssen, denen sie das Teilen verweigern. Schon im Voraus klar davon ausgehen und deutlich machen: Er wird seine Zusage erfüllen!

Das klingt ganz wie die 1. Lesung dieses Sonntags aus dem alttestamentlichen Buch der Weisheit. Das wendet sich an Juden, die wahrscheinlich in der Zeit um Jesus in der ägyptischen Diaspora lebten, angepasst an die griechische Kultur, als Juden gerade so gelitten. Aus ihrem Glauben, der bei ihnen wohl ebenso schwächelte wie in der wohlhabenden westlichen Welt von heute, schöpften sie wenig Freude und Lebenshilfe. Auch dort – angesichts ihrer zunehmenden Bedeutungslosigkeit – das Achselzucken, wie denn Gott unter diesen Umständen seine großartigen Verheißungen bei ihnen wahr machen sollte.

Da erinnert das Buch der Weisheit an die viel schlimmere Situation Israels – auch in Ägypten – , aus der Gott sie zu befreien versprochen hatte und wie sie sich – in ihrem Glauben – darauf eingestellt hatten – noch mitten in ihrem Elend:

Die Nacht der Befreiung
wurde unseren Vätern vorher angekündigt;
denn sie sollten sich freuen
in sicherem Wissen,
welch eidlichen Zusagen sie vertrauten.
So erwartete dein Volk
die Rettung der Gerechten …
… im Verborgenen
opferten die heiligen Kinder der Guten;

Die Einheitsübersetzung von 1980 übersetzte: Sie feierten ihr Opferfest –

sie verpflichteten sich einmütig auf das göttliche Gesetz,
dass die Heiligen
in gleicher Weise
Güter wie Gefahren teilen sollten,
und stimmten dabei schon im Voraus
die Loblieder der Väter an.
(Weisheit 18, 6-9)

Israels Pascha-Nacht – noch in Unfreiheit und Sklaverei –  gilt da als das Modell des Glaubens mitten im Elend. Erinnert euch: Hoffnungsvoll singend, in frohem Vertrauen auf Gottes Zusage feiern sie ihre bevorstehende Befreiung, die sie in sicherem Wissen erwarten, und verpflichten sich selbst zu umfassender Solidarität.

Und da sie sich daran erinnern, – werden sie es jetzt – Jahrhunderte später – genauso wieder tun? Ob das Buch der Weisheit mit der Erinnerung an das alte Muster der vorher angekündigten Befreiung den Menschen von neuem Mut machen konnte?

Und ob wohl Jesus Menschen von heute Mut machen kann mit seinem erinnernden Wort „Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben!“?

Die Loblieder der Väter singen wir heute auch im Voraus, wenn wir uns zur Feier der Eucharistie versammeln: das Gloria schon am Anfang der Feier und das Halleluja, schon bevor das Evangelium verkündet wird. In Vorfreude? Weil wir vertrauen, glauben, hoffen?

Die 2. Schriftlesung des Sonntags – aus dem Hebräerbrief – sehe ich in einem ermutigenden engen Zusammenhang zu den anspornenden Impulsen aus dem Evangelium und der 1. Lesung.

Das, worum es geht, wird dort ausdrücklich „Glaube“ genannt und kompakt beschrieben. Welcher Zusammenhang dabei zwischen der Glaubensbotschaft und glaubendem Verhalten von Menschen gemeint ist, beschreibt ausführlich das Kapitel vor dem als Lesung vorgesehenen Text:

Aufbruch zu neuem Leben ist da angesagt – in Zuversicht, mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens. Die Erinnerung an frühere Tage, in denen sie bereits Leidenskampf und Bedrängnisse diverser Art durchgestanden haben, werden ihnen zur Bestärkung: „Wir gehören … zu denen, die glauben und das Leben gewinnen!“

Als verlässliche Grundlage für eine solche Lebenseinstellung betont der Hebräerbrief immer wieder „das Blut Jesu“, also die totale Hingabe seines Lebens für die Befreiung des Menschen im neuen Bund, den Gott anbietet.

Die Feier des Glaubens in der Pascha-Nacht mit dem Blut des Lammes wird jetzt zur Feier der Befreiung durch die Lebenshingabe von Jesus! Und Glaubende feiern im Voraus, weil sie der Zusage der Befreiung trauen!

Das Wesentliche dieser so beschriebenen Haltung gegenüber der Verheißung fasst der Hebräer-Brief dann knapp zusammen als „Glauben“ und illustriert das mit vielen Beispielen aus der alttestamentlichen Bibel.

Die 2. Lesung des Sonntags beginnt mit dieser Wesensbeschreibung des Glaubens.

Glaube aber ist
Grundlage dessen, was man erhofft,
ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht.

Diese Sprache der deutschen Einheitsübersetzung von 2016 – die sich einer möglichst genauen Übersetzung verpflichtet weiß – lässt nicht ahnen, welche abenteuerliche Unklarheit und Vieldeutigkeit in der Aussage dieses Satzes steckt. Häufiger Streit hierüber hat dazu beigetragen, dass heute eine Palette verschiedener Aspekte vor unseren Augen liegt.

Die vorangegangene Version der Einheitsübersetzung von 1980 – die zwar ebenfalls genau, aber auch gut verständlich sein wollte – , in der bis vor wenigen Jahren in katholischen Gottesdiensten die Bibel verkündet wurde, hatte übersetzt:

Glaube aber ist:
Feststehen in dem, was man erhofft,
Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.

Ein Unterschied, der viele Fragen auslöst.

Das griechische Original, das allen heutigen Übersetzungen zugrunde liegt, lautet

Έστιν δέ πίστις ελπιζομένων υπόστασις, πραγμάτων έλεγχος ου βλεπομένων.

Wörtlich übersetzt:

Es ist aber der Glaube
des Erhofften Verwirklichung,
der Dinge Beweis, die nicht sichtbar sind.

Oder – ein wenig anders formuliert:

Im Glauben
wird Erhofftes zur Wirklichkeit,
zum Beweis der Dinge, die man nicht sehen kann.

Wenn ich der Logik dieser Aussage in der Sprache der Bibel nachgehe, höre ich:

Durch den Glauben wird das zur Wirklichkeit, was man erhofft.
Der Glaube bringt den Beweis für das, was man nicht sehen kann.

Kommt das nicht verblüffend dem nahe, was Jesus in den Evangelien immer wieder zu Menschen sagt, die sich ihm mit ihrer Not anvertrauen und dann in der Begegnung mit ihm geheilt oder befreit werden: „Dein Glaube hat dich gerettet.“?

Die Lesung in den Gottesdiensten dieses Sonntags – sowohl die Langfassung als auch die alternativ vorgesehene Kurzfassung – nennt aus den vielen Beispielen für solchen Glauben biblischer Personen nur die Beispiele von Abraham und Sara:

Aufgrund dieses Glaubens
haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten.
Aufgrund des Glaubens
gehorchte Abraham dem Ruf,
wegzuziehen in ein Land,
das er zum Erbe erhalten sollte;
und er zog weg,
ohne zu wissen, wohin er kommen würde.
Aufgrund des Glaubens
siedelte er im verheißenen Land wie in der Fremde
und wohnte mit Isaak und Jakob,
den Miterben derselben Verheißung,
in Zelten;
denn er erwartete die Stadt
mit den festen Grundmauern,
die Gott selbst geplant und gebaut hat.

In der Tat: So verwirklicht Abrahams Glaube, was Gott ihm verheißen hatte, was Abraham aber noch nicht sehen konnte. Vertrauensvoll tut er, was Gott sagt, und so verwirklicht sich die von ihm erhoffte Zusage Gottes.

Aufgrund des Glaubens
empfing selbst Sara, die unfruchtbar war,
die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden;
denn sie hielt den für treu,
der die Verheißung gegeben hatte.
So stammen denn auch
von einem einzigen Menschen,
dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab:
zahlreich wie die Sterne am Himmel
und der Sand am Meeresstrand,
den man nicht zählen kann.
(Hebräer 11,1-2.8-12)

Darzulegen, was das Wesen des Glaubens ist, ist dem Hebräerbrief anscheinend wichtig. In der Fortsetzung erinnert er deshalb an viele bekannte Personen, von denen die Bibel wegen ihres Glaubens erzählt. Er nennt Isaak, Jakob, Josef, die Eltern des Mose, Mose selbst und die Rettung des Volkes. Er erinnert an die Einnahme Jerichos durch das Volk, an Rahab und fasst viele weitere Beispiele zusammen:

„… sie alle, die aufgrund des Glaubens besonders anerkannt wurden, … wollen auch wir, die wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, … mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; … damit ihr nicht ermattet und mutlos werdet!“ (Hebräer 12,1-3)

Ob die Bibel mit diesen Beispielen bei uns heute die angestrebte Überzeugungskraft entfalten kann? Im Evangelium geht es ja um die Frage nach unserem Vertrauen, wieviel prägende Kraft wir Gottes Menschenliebe in unserer Lebensweise einräumen – angesichts der Schwäche, die wir nach unserer Einschätzung als Kirche aufweisen, und angesichts der Stärke der herrschenden Lebensbedingungen.

Mir fällt auf, dass im Kontrast zu einem heute eher individuellen Verständnis des Glaubens die Beispiele aus der Bibel für einen gelebten Glauben vor allem eine gemeinschaftlich gelebte Hoffnung bezeugen: „Sie verpflichteten sich gegenseitig, Güter und Gefahren zu teilen.“ „Sie sangen im Voraus die Loblieder der Väter.“

Wenn wir mehr voneinander wissen, wer alles außer mir auch eine noch so schwache Hoffnung auf das Reich Gottes aufbringt, dann hat auch Gott es leichter, seine Zusagen wahr zu machen. Wo Menschen einander solidarisch bestärken, mit hoffendem Herzen in die neue Zukunft aufzubrechen, wird solcher Glaube zur Verwirklichung der Zusage: „Euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben!“

In der Struktur der sonntäglichen Eucharistiefeier ist das eigentlich auch so vorgesehen: Da antwortet – nach der Predigt – die Gemeinde auf die ihr verkündete Botschaft.  Und wenn, was da geschieht, stimmt, dann kann ich hören, wer alles außer mir auch noch sich in Ich-Form dazu bekennt, und ich kann sehen, wer alles zu diesem Bekenntnis des Glaubens leibhaftig steht.

Eigentlich. Das reale Bewusstsein, „was wir da tun“, ist häufig ein anderes. Der Dialog zwischen Priester und Organist in der Sakristei „Beten wir heute das Glaubensbekenntnis oder singen wir es?“ zeigt das an – ebenso wie die Tatsache, dass Blickkontakt und sonstige nonverbale Kommunikation beim Sprechen des Glaubensbekenntnisses – meistens gegen Null tendieren.

Ein bestärkendes Beispiel für einen ganz anderen Vollzug eines gemeinsamen „Glaubensbekenntnisses“ – außerhalb des Gottesdienstes und ganz nonverbal – erzähle ich – mit Foto – unter dem Stichwort „Reich Gottes – Kissenschlacht“ – hier auf meiner Website

 Und wie ich das in der Predigt im Gottesdienst gesagt habe, findet sich hier.

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