Blogbeitrag

Wie können Kinder und Jugendliche in die Kirche hinein wachsen?

2. Oktober 2010

„Ursprünglich“ hatten wir jeden Sonntag Vormittag nach dem „Hochamt“ noch einen „Kindergottesdienst“. Das war eine Eucharistiefeier, zu der Kinder (mit und ohne Eltern) und Langschläfer kamen, außerdem viele, die es gern „nach Art der Kinder“ hatten. Aus verschiedenen Gründen bildete sich ein Kreis, in dem unbefriedigende Erfahrungen diskutiert und nach besseren Wegen gesucht wurde. „Familiengottesdienst“ nannten wir das neue Konzept. Damals, 1981, generell im Kommen.

“Gemeinsam geht’s besser”

Unter diesem Motto warben wir in der Gemeinde um Zustimmung und Mitmachen mit einem Handzettel, der die Gespräche darüber stützte:

Beim Essen, im Urlaub, beim Spiel … ist die Familie gern zusammen. Warum nicht auch im Gottesdienst ???

Wir wollen einen Versuch starten, in unserer Gemeinde einen familienfreundlichen Gottesdienst zu feiern.

Die Eigenart des Familiengottesdienstes besteht darin, dass in ihm die verschiedenen Lebensalter

  • angesprochen sind und
  • ihren Beitrag leisten, z.B. durch Gesänge, Fürbitten, Spielszenen, Erfahrungsberichte usw.

So sollen Kinder und Eltern denselben Gottesdienst als ihren Gottesdienst erfahren.

Ohne dass die Kinder „nichts verstehen“ – wie oft im üblichen Erwachsenen-Gottesdienst.

Und ohne dass die Erwachsenen „Zuschauer“ sind – wie oft im üblichen Kindergottesdienst.

  • Kommen Sie also gemeinsam in denselben Gottesdienst!
  • Nehmen Sie gemeinsam in derselben Bank Platz!
  • Besetzen Sie die Bänke von vorne her!

Ein paar Meinungen aus den Vorüberlegungen:

  • Da werden die Kinder nicht mehr so viel schwätzen, wie wenn sie allein da vorne sitzen.
  • Es ist doch auch unsinnig, dass die Familien, die vieles gemeinsam tun, ausgerechnet im Gottesdienst getrennt sitzen.
  • Im Kindergottesdienst, wie wir ihn bisher haben, sind die Eltern zu sehr Aufsichtspersonen und Zuschauer.
  • Nach dem Gottesdienst kann man ja im Treffpunkt darüber reden.
  • So sind Wirkungen des Gottesdienstes auf die Woche in der Familie besser möglich.
  • Der Glaube der Kinder lebt schließlich aus der Teilhabe am Glauben der Erwachsenen.
  • Kinder sollen nachmachen können und nicht nur aus sich heraus machen müssen, wozu sie aufgefordert
    werden.
  • Kinder sind angewiesen auf das Vormachen der Erwachsenen.

Jahre später werteten wir unsere Erfahrungen mit den „Familiengottesdiensten“ aus und einigten uns auf einige Aspekte, die es zu beachten gilt.

Aus unserem

„Konzept für zukünftige Familiengottesdienste und ihre Vorbereitung“ von 1990:

1. Grundsätzlich ist es nur Erwachsenen möglich, an der Eucharistie „voll, bewusst, tätig und mit geistlichem Gewinn teilzunehmen“ (2. Vat. Konzil). Kindern ist es möglich, hineinzuwachsen in eine solche Teilnahme: mit zunehmendem Alter und je öfter sie schon teilgenommen haben, wenn Eltern sie mitnehmen und ihnen zu einer positiven Grundeinstellung und zu wachsendem Verständnis verhelfen. Dabei kann durch die Art, in der die Gemeinde den Gottesdienst feiert, Kindern dieses Hineinwachsen erleichtert oder erschwert werden.

2. Mit den „Familiengottesdiensten“ wollen wir den Kindern das Hineinwachsen erleichtern, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse richten. Wir gehen dabei von folgender Annahme aus:

  • Kinder haben ein Gespür für Echtheit und unterscheiden leicht zwischen leeren Worten und Stimmigkeit.
  • Kinder finden Zugang eher mit dem Herzen als mit dem Kopf, eher durch Erleben als durch Verstehen.
  • Kinder haben das Bedürfnis nach Nähe, nach Bewegung und Aktivität. Sie wollen mit den Sinnen, mit dem Körper und miteinander erleben.

3. Unsere Familiengottesdienste, die den Kindern mit ihren Gegebenheiten gerecht werden wollen (und die dennoch im Blick behalten, dass die Eucharistiefeier im Grunde eine Angelegenheit für Erwachsene ist), sollen deshalb folgende Möglichkeiten als Chance nutzen:

a) Das, worum es in dem jeweiligen Gottesdienst geht, nicht nur durch Sprache vermitteln, sondern auch durch erlebbare Gestaltungselemente wie z.B.

  • durch Bewegung und Tun etwas vollziehen
  • mit Hilfe von Gegenständen etwas verdeutlichen, Gegenstände als Symbole benutzen
  • Strichzeichnung zum Bibeltext (auf einer vorn aufgestellten Tafel)

b) Aktive Auseinandersetzung mit einem Bibeltext ermöglichen, wie z.B.

  • Gruppengespräche in den Bänken (z.B. nach einer Kurzpredigt oder zum Entwickeln von Fürbitten)
  • ein Wort „durchbuchstabieren“
  • Einzel- oder Gruppenbeiträge aufschreiben und zusammentragen, gegebenenfalls zu einem symbolischen Gesamtbild zusammenfügen (auf einer vorne aufgestellten Tafel)
  • mündliche Einzelbeiträge mit einem Gegenstand nach vorn bringen, so dass viele Gegenstände (der gleichen Art) ein neues Ganzes ergeben.
  • fragendes Gespräch des Gottesdienstleiters mit den Kindern und Erwachsenen
  • Bibeltexte im Rollenspiel darstellen
  • sich in eine Rolle hineinversetzen und von da heraus spontan etwas sagen
  • einzelnen Personen aus dem Bibeltext Fragen stellen oder Bemerkungen sagen

c) Verständliche Gebetssprache

d) Kinder nicht unter Kindern sich selbst überlassen, sondern mit Eltern gemeinsam in einer der vorderen Bänke Platz nehmen lassen.

e) Nähe und Verbindung untereinander und zum liturgischen Geschehen herstellen, z,B.

  • bei der Wortverkündigung (besonders beim Evangelium) Kinder um den Ambo herum sich aufstellen lassen, gegebenenfalls mit Kerzen
  • die Evangelienprozession durch mehrere oder viele Kinder vollziehen lassen (mit Kerzen)
  • Familien (vor allem die aus den hinteren Bänken) schließen sich der Gabenprozession an und „bringen sich selbst“ zum Halbkreis um den Altar
  • beim Vaterunser an den Händen fassen, auch über den Mittelgang hinweg

f) Wiederholungselement für jeden Famillengottesdienst: vor dem Beginn eine Erkennungsmelodie, die das Zusammenkommen zu dieser Feier besingt, verbunden mit einer Bewegung, die einander näher bringt (durch alle vollzogener „Einzug“)

g) Musik und Gesang in einem den Kindern entsprechenden Stil, evtl. kombiniert mit Bewegung und Instrumenten

4. Grundsatz für die Vorbereitung von Familiengottesdlensten:

  • Jeweils 2 Treffen (höchstens 3) für jeden Familiengottesdienst. Wenn sich genügend Personen dafür finden, wird es dann vielleicht auch möglich, öfter als alle 2 Monate einen Familiengottesdienst zu feiern.
  • Zu Beginn der Vorbereitung soll bereits ein inhaltlicher Schwerpunkt festliegen, wenn nicht gar schon eine Gestaltungsidee. Weiterführende Fragen: Welcher Impuls ist hilfreich für die Vermittlung und Umsetzung dieses Bibeltextes im Gottesdienst? Wie lässt sich die Aussage dieses Textes in ein erlebbares Zeichen umsetzen?
  • Die Vorbereitung sollte nicht nur die biblische Verkündigung in eine Gestalt bringen, sondern Gestaltungsmöglichkelten des ganzen Gottesdienstes mit besonderem Blick auf die Kinder bedenken.

In diesem Zusammenhang interessiert auch die Erstkommunion-Ansprache von Luzia Goihl vom 4.5.2014

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Rainer Petrak