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Umkehr zu Gottes Sichtweise

Jesus spricht mit Nikodemus. Der versteht sich als frommer Pharisäer; wir würden heute vielleicht sagen „als guter Katholik“. Er weiß Bescheid in Sachen Glauben.

Da er als Ratsherr auf sein Ansehen achten muss, ist er nur heimlich ein Sympathisant von Jesus und sucht ihn bei Nacht auf. Mit vielen Fragen. (Johannes-Evangelium, Kapitel 3, Verse 14-19c)

Jesus stellt sich ganz und gar auf die Begegnung mit ihm ein. Wichtiges will er ihm vermitteln; Nikodemus soll Licht bekommen für seinen Lebensweg. Er will ihm zu einer grundlegenden Veränderung seines Lebens verhelfen:

Denn: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ So hatte Jesus am Anfang zu ihm gesagt.

Aber – das hat dem Nikodemus nur neue Fragen ausgelöst. Wir würden heute sagen: „Jesus, sag’s doch einfacher und konkret! Was meinst du denn damit? Du redest so kompliziert. Diese Sprache ist uns fremd.“

Allerdings: Die Art, wie Jesus auf die Realitäten dieser Welt schaut, das ist ein anderer Blick als der uns vertraute, den die herrschende Gewohnheit, der „Mainstream“, dem Nikodemus und auch uns angewöhnt hat. Und um diese gewisse Fremdheit zu überwinden, die seine Art hinzuschauen bei uns auslöst, braucht es die Offenheit und Bereitschaft für eine Art Neugeburt. Damit auch wir das Reich Gottes – also Gottes Herrschaft in den Dingen des Lebens – sehen können.

Nikodemus bringt diese neugierige Offenheit mit. Eigentlich wie ein getaufter Christ, der – „in Christus neugeboren“ – im entsprechenden Glauben das Leben gestalten will.

Und so hilft Jesus durch diese Begegnung mit Nikodemus, einen „Blick“ seiner Art zu entwickeln. Das ist die Situation.

Und diese Hilfe können auch wir heute annehmen, aufgreifen, umsetzen.

(„Heute“ = am 4. Sonntag der Österlichen Bußzeit im Lesejahr B)

Verwandlung von Leid in Heil

Im Evangelium dieses 4. Fastensonntags fängt Jesus mit einem Bild an: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, …“ Eine sehr archaisch anmutende Szene aus der Ur-Zeit des Alten Testaments (Numeri 21,1-9):

Nach der rettenden Flucht aus der Sklaverei in Ägypten zieht das Volk durch die Wüste. Hunger leiden sie, Durst, vielfältige Entbehrungen. … Es geht ihnen ziemlich dreckig. Und dann kommt es noch schlimmer:

… Giftschlangen bissen die Menschen, viele Israeliten starben. Die Leute schrieen zu Mose: … Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit. … Und der Herr antwortete dem Mose: „Mach dir eine Schlange und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.“

Mose macht also eine Schlange aus Kupfer und hängt sie an einer Fahnenstange auf. Und dann heißt es im Buch Numeri – manchen besser bekannt als 4. Buch Moses: „Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, wurde er gerettet und blieb am Leben.“

Im Gespräch mit Nikodemus sagt Jesus nur: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, …“ Jesus durfte davon ausgehen, dass Nikodemus die Geschichte kennt. – Bei uns hätte er es da ein wenig schwerer, glaub ich. –

Und dann sagt er das Wesentliche: „Ebenso muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“

„Der Menschensohn erhöht“? – Jesus spricht von seiner Lebenshingabe im Tod am Kreuz; das wird in der Fortsetzung deutlich: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, …“ Und er wiederholt dieselben Worte, mit denen er die Zielrichtung seiner „Erhöhung“ benannt hat: „damit jeder, der an ihn glaubt, – nicht zugrunde geht, sondern – das ewige Leben hat.“

Das ist das Wesentliche, für das Nikodemus – der von damals und wir von heute – einen Blick entwickeln soll.

Um die Veränderung geht es Gott. Um die Veränderung ist es ihm schon immer gegangen: um die Verwandlung der Tiefe, der Niedrigkeit, Niedergeschlagenheit, ja des Todes aller Art in neues Leben. Es geht um die Verwandlung des Galgens in ein Zeichen des Sieges. Um die Verwandlung des Kreuz-Weges in den Weg zur Lebensfülle.

So will Gott die herrschende Kraft sein, die aus all den menschenfeindlichen herrschenden Kräften rettet! Dafür einen Blick haben! Dem trauen! Das verändert alles!

Und ist das wirklich das Wesentliche, das uns hier gesagt sein will? – Ein einfacher Blick auf den Text nimmt jeden Zweifel:
Der ganze Abschnitt hat ja die Struktur:
„Wie Mose …
Ebenso der Menschensohn …
Denn …
Denn …
Denn …“

Das Zentrale ist also dieses „Ebenso der Menschensohn“. Das davor ist nur das Vergleichsbild: Wie Mose …“ Und danach folgen 3 Begründungen, 3 Argumente, jeweils eingeleitet durch „Denn …“ Also der zentrale Satz, das Wichtigste in diesem Text, ist in der Tat: „Ebenso muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“

Er möchte so gerne, dass wir das auch so sehen, wenn wir uns mit Toden aller Art konfrontiert sehen!

Korrektur des Gottesbildes

Allerdings gibt’s da zu allen Zeiten Leute, die schauen von oben herab und urteilen: „Wenn es denen dreckig geht, haben sie es sich selber zuzuschreiben.“ Mancher sagt – damals wie heute: „Das ist eben Gottes Strafe! Das haben sie davon!“ Oder: „Wenn du brav bist, kommt das Christkind.“ Und – mit oder ohne Humor: „Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort.“ Und im Gegenzug: „Womit hab ich das verdient?!“

Jesus aber korrigiert diese Vorstellung von Gott, die die Menschen sich angewöhnt haben; er korrigiert das übliche Gottesbild mit den Worten im heutigen Evangelium: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“

Und Gott handelt entsprechend!

Wie?

Die Erzählung davon im Alten Testament endet: „Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, wurde er gerettet und blieb am Leben.“ Wider Erwarten! Weil eben Gott, wie Jesus sagt,
nicht im Sinn hat, die Welt zu richten, sondern um zu retten!

Gott zeigt Möglichkeiten auf. Er gibt Zeichen.

Auch wenn dieses Zeichen der gemachten Schlange an der Fahnenstange für uns magisch aussieht, – die damaligen Menschen, die von ihrer Erfahrung mit Gott so erzählen, hatten damit keine Schwierigkeiten. Ihnen kam es auf das Vertrauen an: Wer dem Retter-Gott traut und nach ihm Ausschau hält, der wird gerettet!

Und wie macht man das – auf Ihn schauen?

Und wie macht man das – auf ihn schauen?

Im 13. Jahrhundert fasst der heilige Bonaventura, anerkannter Kirchenlehrer, sehr verdichtet zusammen
(in seinem Werk „Der Weg des Geistes zu Gott“):

„Wer Christus, der am Kreuz hängt, anschaut mit Glaube, Hoffnung, Liebe, Hingabe, Bewunderung und Freude, mit Wertschätzung, Lob und Jubel …, der begeht mit ihm das Pascha, den Übergang: Er durchschreitet mit ihm das Rote Meer. Er betritt von Ägypten aus die Wüste, wo er das verborgene Manna genießt und mit Christus im Grabe ruht. Äußerlich gleichsam gestorben, erfährt er, soweit es im Pilgerstand möglich ist, was am Kreuz dem Räuber, der Christus anhing, gesagt wurde: ‚Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.’“ –

Wenn ich auf Christus am Kreuz schaue – und ich meine das ganz konkret mit dem Blick auf ein Kruzifix – , dann kann ich ihn hören: Schau! So groß ist meine Liebe zu dir, dass ich mich bis zum Tod am Kreuz hingegeben hab. Trau mir! Dann wirst du sehen: Du bist auf dem Weg zur Fülle des Lebens!

Natürlich – bis ich so weit bin, braucht es einen Weg, den ich gehe.

Und der fängt mit der Orientierung an: Wo stehe ich? Wodurch ist faktisch – bis jetzt – mein Blick bestimmt, mit dem ich der Wirklichkeit begegne und sie wahrnehme?

Eine ungewöhnliche Frage! Weil „der Blick“ etwas so Selbstverständliches zu sein scheint. Und – meine tatsächliche Sichtweise als nur eine von vielen möglichen Alternativen zu relativieren, das macht unsicher, macht Angst.

Eine andere Art, die Wirklichkeit zu sehen

Nun lädt Gott in Jesus Christus zu einem anderen Blick ein.

Ja, es geht um eine andere Art, die Wirklichkeit zu sehen! Um einen Wandel der Perspektive, des Blickwinkels, der Blickrichtung. Es geht um die Entscheidung für andere „Parameter“ – für andere Hin-Sichten, unter denen eine Situation und ihre Chancen und die zu gehenden Schritte gesehen werden.

Sie kennen das doch von Statistiken: Wie unterschiedlich können am Ende die Ergebnisse und Bewertungen aussehen!

Oder nehmen Sie die Erzählung, die wir heute in der 1. Lesung aus der Bibel gehört haben:

Es ging da zuerst um die Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezzar und die Deportation nach Babel. Und dann – zur Beendigung dieses Elends – ging es, Jahrzehnte später, um den persischen König Kyrus, der sie wieder zurückkehren und Jerusalem samt Tempel wieder aufbauen ließ. –

Was da geschehen ist, kann man sehr unterschiedlich sehen:

Historiker erzählen diese Ereignisse aus einem Blickwinkel, der den anerkannten Parametern geschichtlicher Forschung entspricht. Die biblische Erzählung schaut mit einem ganz anderen Blick auf dieselben Ereignisse: In den damaligen politischen Abläufen, die heute gut rekonstruierbar sind und plausibel dargestellt werden können, sieht sie Gott am Werk, der handelt – wie immer – in 2 Schritten:

Erst als der, der sein Volk (das doch auf ihn hören wollte!) vor unheilvollen Schritten warnt und mit seinen Weisungen in eine gute Zukunft führen will; bis es einfach „keine Heilung mehr gibt“, weil sie in ihrer Halsstarrigkeit sich lieber nicht von ihm führen lassen wollen. Was er in seinem Respekt vor der mündigen Verantwortlichkeit seiner Ebenbilder mit Bauchschmerzen geschehen lassen muss. –

Und dann in einem 2. Schritt als der, der sie aus ihrem Elend einfach wieder herausführen muss und deshalb den – heidnischen! – Perserkönig mit der Durchführung beauftragt. Und in der übermütigen Unverschämtheit, die dem Glauben der Bibelschreiber zueigen ist, wird uns erzählt, Kyrus tue dies bewusst und ausdrücklich in Gottes Auftrag.

Was für eine Zuverlässigkeit Gottes will da bezeugt werden! –

Also: Wenn es um die Frage nach Gott geht und wie unsere Stellung zu ihm aussieht, so soll von jetzt an zum Beispiel klar sein: Wo immer die Bibel – oder auch unser Glaubensbekenntnis – vom „richtenden“ Gott spricht, da gilt er als Zuflucht für alle, denen ihr Recht vorenthalten wird, und als der Verlässliche, der „es richtet“.

Den heftigen Konflikt um solchen Perspektivenwechsel und um die Korrektur des Gottesbildes durch Jesus bezeugt der Evangelist Johannes besonders deutlich:

Da ist einer von Geburt an blind. Warum?! Wessen Sünde wird denn da bestraft? So fragen seine Jünger, weil sie Kinder ihrer Zeit sind. Quatsch, sagt Jesus, es geht hier nicht um Sünde und Strafe. „Sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ Und durch sein Tun – wie er ihm begegnet – wirkt dann Gott.

Aber schon damals – nach der Devise „was nicht sein kann, das nicht sein darf“ – verschließen sie – fast! – alle die Augen davor, leugnen dieses Zeichen von Gottes Herrlichkeit und können – blind wie sie eben für Gottes Tun sind – nur sehen, dass Jesus damit wieder mal das Sabbatgebot gebrochen hat.

Menschen sehen sich mit ihrer Sicht vom Leben und von Gott immer wieder durch Jesus brüskiert, verunsichert und herausgefordert. Nein, einen, der „alles so durcheinander bringt“, den können sie nicht hinnehmen. Also muss er weg.

Jesus aber konnte einfach nicht anders:

„Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn erhöht …“

So weit „heruntergekommen“ ist er zu den Menschen. Wunderbar. – So besingt es dieser Hymnus im Brief an die Philipper (Philipper 2,5-11). „Heruntergekommen“ ist er besonders zu den Menschen, die zu leiden haben. – In der neuen Art, wie er ihnen begegnet, verkörpert er den befreienden und rettenden Gott – entgegen all diesen resignativen „Litaneien“, die bejammern, bei diesen und jenen Problemen und Schwierigkeiten – da „kann man doch nichts dagegen machen“ und „das muss man halt hinnehmen“.

Zeit zur Umkehr (Österliche Bußzeit)

Zum Schluss noch mal zu unserer Situation hier und heute in dieser Feier am 4. Sonntag der Österlichen Bußzeit:

„Umkehr“ – „kehrt um!“ – eines der häufig wiederkehrenden Stichworte in diesen Wochen vor Ostern. Wenn Sie in einem Gottesdienst solche Worte hören, vielleicht sagen Sie sich dann: Ich bin doch schon auf dem Weg des Glaubens; ich werd doch nicht wieder umkehren! – Dieses Problem hatten die Menschen in Gottes Volk schon immer. Aber: An den meisten Stellen der Bibel – seit der Zeit der Propheten im Alten Testament – richtet sich der Ruf zur Umkehr an Menschen, die sich längst als Glaubende verstehen.

Aber diese Glaubenden leben ja in dieser Welt – mit entsprechenden Einflüssen aus der Umgebung, aus Erziehung und Kultur, … wirtschaftliche Zwänge, … Alles das formt und bestimmt unsern Blick und unsere Werte und Bestrebungen; und dann geschieht es natürlich immer wieder, dass auch unsere Vorstellungen von Gott daran Maß nehmen und zurückfallen in Bilder von der Macht und dem Recht des Stärkeren. –

Was die Bibel uns von Gott sagt, das ist ja auch so unerhört voller Liebe und Erbarmen, dass man es kaum glauben kann und nur sein Leben lang da hineinwachsen kann. Ein Weg, auf dem wir eben leicht der Versuchung zur Anpassung an das in unserer Welt Übliche unterliegen können. –

Gerade uns gilt deshalb in diesen Wochen der ermutigende und anregende Ruf: „Kehrt um, der Herr ist gnädig und barmherzig!“

Denn dann wird Ostern. Ein wahres Fest der Auferstehung!

Rainer Petrak, Predigt am 4. Fastensonntag 2012

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